13.09.2004

DENKER

Das Mädchen aus der Fremde

Von Fest, Joachim

Hannah Arendts schwierige Liebe zu Deutschland und Heidegger / Von Joachim Fest

Hannah Arendt war Schriftstellerin, Politikwissenschaftlerin und Philosophin. Trotz aller Entschiedenheit im Auftreten und Meinen ging etwas schwer Bestimmbares von ihr aus. Es äußerte sich in der Breite und Vielfalt ihrer Vorlieben sowie der Erregbarkeit ihrer Interessen. Sie besaß eine leidenschaftliche Wachheit, die sich bis zum Eindruck ständig gefährdeter, unschwer erschütterbarer emotionaler Balance steigerte. Ihre enge Freundin, die Schriftstellerin Mary McCarthy, hat von Hannah Arendts großer Verletzlichkeit gesprochen, ihrem Getriebensein, dem sie den Anschein zu geben versuchte, sie sei zu ständig neuen Aufbrüchen unterwegs. Gleichwohl ist sie jeweils die ganze Wegstrecke zu Ende gegangen, die ein Gedanke verlangte, und oftmals in provokantem Mutwillen über das Ziel hinaus. "Denken muß man mit Haut und Haaren", äußerte sie in einem unserer frühen Gespräche. "Oder man läßt es bleiben" ...

Nach ihrer auffälligsten Eigenschaft befragt, hat ihr Verleger William Jovanovich gesagt, mehr als alles andere bewundere er Hannah Arendts Tapferkeit, und als ihr die Äußerung hinterbracht wurde, hat sie mit der burschikosen Ironie, die sie einmal "mein schönstes deutsches oder eigentlich berlinisches Erbteil" nannte, gesagt: "Ich raufe nun mal gern!" ...

Im "kleinen Eckladen des Denkens", den sie "querab von der Zeit" betrieb, wie sie mit Vorliebe sagte, war sie glücklich über jeden Beistand, der ihr zuteil wurde, doch mußte er aus der Freiheit des Urteilens kommen: "Wo von geistigen Lagern die Rede ist, herrscht meistens der Ungeist", versicherte sie. Sie sei weder links noch rechts, weder liberal noch prinzipienstreng und glaube nicht einmal an irgendeinen Fortschritt - sei es in der Moral, sei es im Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Selbst als Außenseiter habe sie niemals gelten wollen, sondern immer nur vertreten, was ihr das Richtige schien. Aus diesem Grund habe sie keine Theorie entwickelt und werde, zum Kummer vieler Freunde, auch keine hinterlassen. Theorien seien, ergänzte sie ein andermal, "pompöse Masken für dürre Köpfe, die auf dem intellektuellen Karneval herumspringen. Ich gehe da nicht hin. Die Aufgabe, die mich in Anspruch nimmt, lautet ganz einfach: die Welt und die Menschen zu verstehen". Es gebe da keine Verbotsschilder. Nach allem, was das Jahrhundert der Welt angetan hat, verlange gerade das Böse die ganze Erkenntniskraft. Wer da mit dem Kopf kapituliert, sei auch im Wirklichen nicht weit davon weg. Wer ihr Leben überblickt, stößt denn auch immer wieder auf abgebrochene, oft in Verstimmung endende Zugehörigkeiten, weil sie nicht bereit war, den Gedanken irgendeiner taktischen Überlegung anzupassen oder gar zu unterwerfen ... Nach unserem ersten, annähernd drei Tage währenden Zusammentreffen im Herbst 1964 notierte ich mir, daß sie bei aller "selbstentäußernden Verve" einen "seltsam ortlosen Eindruck" mache. Womöglich ging diese Überlegung nicht zuletzt darauf zurück, daß sie im Verlauf unseres ausgedehnten Gesprächs über Heimat, Emigrationsverlust und neu erworbene Heimat sagte, sie sei sich durchaus bewußt, wie tief und unverbesserlich deutsch sie sei: "In meiner Art zu denken und zu urteilen

komme ich noch immer aus Königsberg. Manchmal verheimliche ich mir das. Aber es ist so. Amerikanerin bin ich sozusagen nur und zugleich von ganzem politischem Herzen." Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: "Genaugenommen war und bin ich, wohin ich auch kam, immer das Mädchen aus der Fremde gewesen, von dem ein Gedicht Schillers spricht - in Deutschland nur ein bißchen weniger fremd als in Amerika. Und hier wie da, am wenigsten noch im geliebten Italien, hat mich die Angst begleitet, ich könnte zuletzt mir selber verlorengehen" ...

Nach einem längeren Interview-Termin im Südwestfunk ließen wir uns hinunter nach Baden-Baden fahren. Sie wolle endlich einmal auf der Lichtenthaler Allee spazierengehen, sagte Hannah Arendt, im fernen Königsberg sei das der Inbegriff des vornehmen Müßiggangs gewesen. Sie erzählte von ihrem Elternhaus, vom frühen Tod ihres Vaters und wie sie im Alter von vierzehn Jahren Kants "Kritik der reinen Vernunft" gelesen und sozusagen "vom Fleck weg" beschlossen habe, Philosophie zu studieren. Sie lachte über das, was sie ihr "frühreifes Ungestüm" nannte, setzte aber mit einer kleinen Feierlichkeit im Ton hinzu, an diesem Entschluß habe sich niemals etwas geändert. "Das war wirklich ernst!"

Nach einem kurzen Blick zu ein paar eilig hinziehenden Wolken sagte sie: "Die Wolken da oben sind sehr deutsch. Die gibt es in Amerika nicht. So wechselnd, so umrißlos und hastig. In lyrischen Stimmungen kann man da viel hineinlesen. Ich kenne die Versuchung. Doch mehr als diesen Anblick benötige ich nicht, um ihr zu widerstehen." Und nach kurzem Nachdenken noch: "Glücklich macht mich das Bild trotzdem." Übergangslos fragte sie dann, ob ich aus frühen Jahren ähnlich bestimmende Leseerfahrungen hätte wie sie, und ich berichtete kurz über mein Elternhaus und die halbwüchsigen Unentschiedenheiten zwischen mancherlei historischen Werken und der Literatur im engeren Sinn. Von Piper oder einem der Freunde in den Staaten hatte sie offenbar dies und jenes von meinen privaten Umständen gehört und fragte nach Einzelheiten. Kaum hatte ich geendet, begann sie gleichsam im Austausch von ihrer ersten Begegnung mit Martin Heidegger zu reden. Mit noch nicht achtzehn Jahren habe sie im "akademischen Rumor" erstmals von ihm gehört und augenblicklich beschlossen, in Marburg, wo er lehrte, mit dem Studium zu beginnen.

"Es war eine Entscheidung wie keine andere", fuhr sie fort. "Heidegger hat mich die Welt sehen und begreifen gelehrt und mir bei alledem das Empfinden verschafft, er führe mich zu mir selbst. Das galt für das Denken wie für das Fühlen - und für das mir damals schon so wichtige Verstehen auch. Heidegger hat mich in jedem Sinne zum Leben erweckt."

Nach einigen anekdotischen Einschüben setzte sie hinzu, sie sei über die Jahre hin ihre "Schulmädchenbefangenheit" vor Heidegger nicht losgeworden. Sie habe das oft erzählt: wie sie bald nach Beginn des Studiums zur Vorstellung bei dem Theologen Rudolf Bultmann erschien und ihm mit dem ganzen "Hochmut meiner achtzehn Jahre" erklärte, daß sie sich jede antisemitische Äußerung von ihm wie von einem der Seminarteilnehmer aufs entschiedenste verbitte. Bultmann habe sie dann einigermaßen beschämt, sagte sie, indem er lächelnd erwiderte, gemeinsam würden sie mit allen denkbaren Rüpeleien schon fertig werden.

Bei Heidegger hingegen, sagte sie, den sie um die gleiche Zeit aufsuchte, habe sie kaum ein Wort hervorgebracht und sich schon gar nichts verbeten: "Ich habe nur zugehört, dann und wann ein paar Schritte mitzugehen versucht, verzaubert von seiner Poesie, denn er war ja auch, bei aller Erkenntnisschärfe, ein Dichter." Immer wieder habe sie sich im Verlauf der Unterredung dabei ertappt, daß sie ihn im sprachlichen Ausdruck unwillkürlich nachzuahmen versuchte, und etwas später ja auch eine "gedichtartige Reflexion" für ihn verfaßt. "Kurzum", meinte sie zusammenfassend, "wie und was ich bin, geht auf Heidegger zurück; ihm verdanke ich alles!" Und nach mehreren abgebrochenen Anläufen sagte sie: "Zugleich hat er alles verdorben!" Als ich in die entstandene Pause hinein fragte, wie das zu verstehen sei, erwiderte sie schließlich: Man könne das nicht sagen! Es klinge unendlich sentimental oder sogar kitschig wie jede erzählte Affäre, "wenn nicht gerade Shakespeare der Erzähler" ist. "Also: Nach ungefähr zwei Jahren rettete ich mich durch Flucht. Ich nahm meine Siebensachen und machte mich davon. Nur eines ließ ich in Marburg zurück und habe es mir nie zurückholen können: die Liebe." Dann lächelte sie halb verlegen, halb entschlossen: "Kitschig genug?" fragte sie.

Erst in einem weiteren Gespräch, Jahre später, hat mir Hannah Arendt Näheres über den "Liebessommer 1924" erzählt: wie Heidegger bei jenem ersten Besuch, während es draußen bereits dämmerte und sie gerade aufbrechen wollte, plötzlich vor ihr auf die Knie "gestürzt" sei und sie mit stammelnd hervorgestoßenen Worten an den Hüften umklammert habe. Ihr ohnehin schwaches Widerstreben sei unter dem "Überfall" einfach weggeschmolzen.

"Was kann man", fügte sie hinzu, "als unerfahrenes und außerdem bewunderndes Mädchen schon tun?" Sie sagte das in ihrer Wohnung am Riverside Drive, während sie mit irgendwelchen Verrichtungen zwischen Küche und Eßtisch beschäftigt war, und trug das alles in einem etwas angestrengt beiläufigen Ton vor ...

Sie kam später darauf, wie sie die Rendezvous in Heideggers Arbeitswohnung und in ihrer Dachkammer verabredeten, ein System der Geheimhaltung entwickelten mit Lichtsignalen, toten Briefkästen und anderen Verschlüsselungen; wie sie allezeit bereit war, sich seinen Wünschen zu fügen: "Wir Weiber sind nun mal Sklavinnen!" bekannte sie und erzählte von einer nächtlichen Verabredung auf einem abgelegenen Provinzbahnhof: "Er rief, ich kam - auch noch, als ich Marburg seinetwegen schon verlassen hatte. Lange Zeit war das mein Problem - immer wieder. Damals jedenfalls. Zum Glück ist die Jugend irgendwann vorbei."

Natürlich war nichts vorbei. Doch meine Notizen über Hannah Arendts frühe Affäre mit Martin Heidegger brechen an dieser Stelle ab. Weitere im folgenden vermerkte Auskünfte, vor allem über den späteren Verlauf der Liebesgeschichte, stammen überwiegend von Mary McCarthy, die wie

keine andere Freundin eingeweiht war. Auf meine Frage, warum Hannah Arendt einem einigermaßen Fernstehenden wie mir so bald nach dem Kennenlernen ihre privatesten Erfahrungen preisgegeben habe, antwortete sie: "Ach, wissen Sie - vor Jahren schon, als Hannah fünfzig wurde oder etwas später, überkam sie das Bedürfnis, von frühen Tagen zu sprechen. Das hat man doch häufig: daß einer sein altes Herz auskippen und zumindest in der Erinnerung die großen Gefühle von einst noch einmal schmecken will."

Wenn die ständige Heimlichtuerei mit Heidegger, trotz aller ungezählten Lästigkeiten, der romantischen Natur Hannah Arendts anfangs entgegenkam, wurde sie ihrer doch im Fortgang der Zeit überdrüssig. Nach rund einem Jahr begann sie, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, Marburg zu verlassen. Heidegger, so hoffte sie, würde auf diese Weise der Ernst ihrer Liebe bewußt werden. Um so überraschter und "wie betrogen" fühlte sie sich, als er ihr zuvorkam und ihr von sich aus einen Wechsel nach Freiburg zu seinem Lehrer Edmund Husserl und anschließend nach Heidelberg zu seinem Freund Jaspers vorschlug. Mary McCarthy meinte, Heidegger sei zu dieser Zeit ebenfalls der "Liebe im Versteck" müde gewesen, habe sich aber Hannahs so sicher gefühlt, daß er die räumliche Trennung in Kauf nahm; alles weitere, mochte er sich sagen, werde sich finden.

Auf ähnliche Weise hat Heidegger die vielbegehrte junge Frau in den folgenden Jahren zu jedem Verehrer, von dem er erfuhr, beglückwünscht, so daß Hannah Arendts Bemühungen, die Eifersucht ihres Geliebten zu erregen, ein ums andere Mal ins Leere liefen. Von seinen eigenen Ansprüchen ließ Heidegger gleichwohl nicht ab, und sie kam, wenn er nach ihr verlangte. Selbst über ihre Ehe mit seinem Schüler Günther Stern, der sich als Publizist Günther Anders nannte, im September 1929, gab er sich erfreut. Sie selber deckte in zwei Briefen, annähernd fünfundzwanzig Jahre später, das verborgene Motiv ihrer Verhaltensweise auf. An Heidegger schrieb sie: "Weggegangen aus Marburg bin ich ausschließlich Deinetwegen", was zugleich hieß, daß sie stets gehofft hatte, ihn doch noch für sich zu gewinnen, und tatsächlich ließ sie ihn kurz vor ihrer Eheschließung verzweifelt wissen, sie liebe ihn "wie am ersten Tag". Ergänzend gestand sie später: Sie habe damals "geheiratet, irgendwie ganz gleich wen". Doch von Heidegger kam kein Wort. Von Marburg ging Hannah Arendt, der Empfehlung Heideggers folgend, über Freiburg nach Heidelberg und promovierte 1928 bei Karl Jaspers. "Es war noch einmal Arkadia", sagte sie in Erinnerung an diese Zeit, "so konzentriert im Denken und, trotz allen Tumults ringsum, so weit aus der Welt." Ein politisches Interesse jedenfalls habe sie damals und während der folgenden Jahre nicht aufgebracht, das "Geschäft des Denkens verzehrte alles" ...

Der Einbruch kam mit dem gewaltigen Politisierungsschub Anfang der dreißiger Jahre. Die Weltwirtschaftskrise, die Radikalisierung links und rechts mitsamt den barbarischen Auswüchsen allenthalben, von den Bürgerkriegssonntagen bis hin zum überall sichtbar werdenden Antisemitismus, zwang jeden zur Parteinahme. "In Berlin", hat Hannah Arendt dazu gesagt, "wo ich damals mit meinem Mann lebte, vor allem vor den Arbeitsämtern und rund um die Armenküchen, bildeten sich kleine primitive Laienparlamente. Unwillkürlich traten die Passanten herzu und hörten mit. Das eine oder andere Mal habe ich sogar selber das Wort ergriffen. Aber hinterher kam mir immer der Ärger hoch. Denn ich wollte das nicht. Wer seine paar Sinne beisammen hatte, konnte mit Händen greifen, wie aussichtslos alles Reden war."

Die Ernennung Hitlers zum Kanzler sei denn auch kein Schock für sie und ihre Freunde gewesen, setzte sie hinzu: "Der Weltuntergang stand doch schon lange auf allen Programmzetteln", und eigentlich habe der 30. Januar nur besiegelt, was jeder von uns ohnehin wußte. "Nun mußten wir politisch werden", sagte sie. "Ich erinnere mich, im Frühjahr 1933 zu Günther Anders gesagt zu haben: ,Aus dem schönen Paradies der luftleeren Räume, wo wir so frei atmen konnten, hat uns der Hitler schon vertrieben. Bald werden wir auch das Land verlassen müssen.''"

Da Hannah Arendt stellungslos war und keine Aussicht auf irgendeine Beschäftigung hatte, bat die Zionistische Vereinigung sie, eine Sammlung antisemitischer Äußerungen aus jüngster Zeit anzulegen. "Mit Freuden", hat sie später versichert, habe sie nicht nur deshalb zugesagt, weil sie darin ebenso wie in der Zuflucht, die sie seit dem Reichstagsbrand verfolgten Freunden bot, eine sinnvolle Aufgabe sah. Vielmehr habe jede gefährliche Tätigkeit zugleich ihre Abenteuerlust befriedigt. "Als der Ausschnittdienst nach kurzer Zeit aufflog", hat sie hinzugesetzt, "war mein erster, etwas verrückter Gedanke: großartig! Auch wenn es zu nichts geführt hat. Aber wenigstens bin ich nicht unschuldig! Denn das wäre das Schlimmste, was einer wie Hitler mir nachsagen könnte: daß ich mich mir nichts, dir nichts zur Schlachtbank führen ließ. Ich hätte mir das nie verziehen!"

Hannah Arendt wurde festgesetzt, verblieb aber nur acht Tage in Haft. Zu ihrem Glück gelang es ihr, den Gestapo-Beamten, der sie über Stunden verhörte, mit ihrem Charme gewissermaßen zu verführen. "Ich beflirtete ihn nach allen Regeln der Kunst", hat sie erzählt, "und tischte ihm die aberwitzigsten Geschichten auf. Natürlich hat er alles durchschaut, er war ja nicht ,plemplem'', wie man das nannte. Aber er machte scheinheilige Miene zu meinem verlogenen Spiel - und plötzlich, auch nicht ganz ohne eigenes Risiko, ließ er mich laufen. Er erteilte mir sogar ein paar gute Ratschläge: So was gab''s damals noch. Kaum war ich frei, geriet ich aufs neue in Auseinandersetzungen mit meinen jüdischen Freunden. Sie warfen mir ,Leichtsinn'', ,Unverstand'' und ,Hasardeurlaune'' vor, während ich ihre generationenalte Unterwürfigkeit anklagte: den schrecklichen jüdischen Gehorsam oder, was fast das gleiche ist, die Wichtigtuerei. Wir kamen nicht zueinander. Im August 1933 hatte ich vom einen wie vom anderen genug und ging aus Deutschland weg."

Denn spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sie eine Anzahl bestürzender Erfahrungen gemacht. Nicht, daß "der Nazi-Pöbel" Ernst machte und jedermann wissen ließ, wohin die Reise ging. "Ich hatte", sagte Hannah Arendt, "weiß Gott nichts anderes erwartet von unseren geschworenen Feinden. Was mir aber die Welt zum Einsturz brachte, war das Verhalten meiner Freunde. Sie liefen kolonnenweise über. Oder fielen einfach um. Gestern hatten wir noch Anrufe, Briefe, Besuche von überall her. Jetzt wurde es mit einem Mal ganz still, und wir standen wie die traurigen Kegel zwischen lauter umgestürzten Figuren. Sogar ein paar jüdische Bekannte waren eingenommen von dem, was in Deutschland passierte. Ein befreundeter Arzt sagte mir, die Deutschen hätten jetzt ihren Weißen Ritter. ,Und wir stehen wieder mal abseits und haben nichts als unseren Neid auf ihr Glück.''" Erregt habe sie erwidert, manchmal verberge sich unter der weißen Rüstung auch ein Raubritter, und was ihm folge, seien bewaffnete

Mordbrenner. "Da gehören wir nicht hin!"

Am fassungslosesten aber habe Heideggers Verhalten sie gemacht, so daß sie "nur verstummen" konnte. Schon vor Beginn der Hitlerjahre habe sie gerüchteweise gehört, daß auf seiner Hütte in Todtnauberg tiefsinnige Gespräche über Hitlers historischen Auftrag geführt würden, über eine deutsche Ordnungsdiktatur, die dem drohenden Einbruch des Kommunismus die Stirn bieten werde. Doch habe sie gedacht, alle Sorge sei übertrieben, solange Heideggers Philosophie von dergleichen unberührt bleibe. Verwehrt geblieben sei ihr damals die Einsicht, sagte sie jetzt, daß Heidegger lebenslang "der Famulus seines Denkens" blieb und "als Person weit schwächer war als sein Gehirn". Das aber war alsbald von Aufbruch, Größe und einer Art metaphysischem Rausch so erfaßt, daß er sich beugte. Als Jaspers im Mai 1933 die Professorenfrage stellte, auf welche Weise wohl "ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren" solle, bekam er von Heidegger die Antwort: "Bildung ist ganz gleichgültig ... Sehen Sie nur seine wunderbaren Hände an!" ...

Im späten Herbst 1949 kam sie erstmals wieder nach Deutschland: "Unbeschreiblichstes, herrlichstes! Wiedersehen", schrieb sie in einem Brief, das "große Heulen" sei ihr gekommen, als sie auf den Straßen und in den Cafés Deutsch sprechen hörte ...

Die Stadt Freiburg mied Hannah Arendt zunächst, und als eine Freundin sie fragte, ob sie sich auf ein Wiedersehen mit Heidegger freue, erwiderte sie: "Um sich auf Freiburg zu ''freuen'', dazu gehört ein bestialischer Mut - über den ich aber nicht verfüge." Und ihren Mann in New York ließ sie wissen, sie wolle alles dem Zufall überlassen. Aber dann teilte sie ihm plötzlich mit, sie werde an einem der folgenden Tage in Freiburg "sein müssen" (!), fügte aber im Hinblick auf Heidegger hinzu, sie habe nicht "die allergeringste Lust, den Herrn wiederzusehen". Doch die fast schulmädchenhafte Verlegenheit, mit der sie mir über das emotionale Durcheinander jener Tage Auskunft gab, deutete darauf hin, daß sie wieder, diesmal vor allem mit sich selber, das Versteckspiel vergangener Zeiten trieb. Jedenfalls ließ sie sich von einem Freund aus Studententagen, dem Romanisten Hugo Friedrich, die Adresse Heideggers geben. Am 7. Februar 1950 war sie in Freiburg.

Zu ihrem Versteckspiel gehörte vermutlich auch die Behauptung, Heidegger habe sich am frühen Abend dieses Tages einigermaßen überraschend im Hotel "Zum Ochsen" eingefunden und nach ihr verlangt. Bezeichnenderweise weicht fast jede Schilderung des Wiedersehens partienweise von der anderen ab. Die folgende Version geht überwiegend auf Mary McCarthy zurück ...

Gleich nach ihrer Ankunft im Hotel rief Hannah Arendt Mary McCarthy in Paris an: Ob sie Heidegger ihre Ankunft melden solle, wollte sie wissen, und die Antwort war, warum sie überhaupt in Freiburg Station gemacht habe, wenn sie darüber unsicher sei. Aus Hannah Arendt brach es plötzlich heraus, fuhr Mary McCarthy fort, daß Heidegger unausstehlich sei mit seiner pathologischen Unaufrichtigkeit, seiner Kälte und Schwarzwälder Schlaumeierei. "Aber jedem ihrer Worte war anzumerken, daß sie an

ihm litt, wie nur eine Liebende leidet." Sie solle die Nachricht schicken, unterbrach die Freundin sie schließlich, um der Tirade ein Ende zu machen. Denn sie werde es sich nie verzeihen, wenn sie unverrichteter Dinge wieder abreise.

Hannah schrieb daraufhin, ging der Bericht weiter, eine kurze Notiz und ließ den Hoteljungen kommen. Sie gab ihm fünf Dollar und schärfte ihm ein, das Kuvert am Rötebuckweg 47 dem Professor persönlich zu übergeben. Nicht seiner Frau, nicht einem Hausmädchen oder einem der Söhne. Sollte er ihren Auftrag, wie verlangt, ausführen, werde sie ihm weitere fünf Dollar geben. Eine gute Stunde später war der Junge zurück und meldete, er habe alles, wie von der Frau Professor gewünscht, erledigt.

Einige Zeit lang tat sich nichts, und bei Mary McCarthy schrillte ungefähr alle dreißig Minuten das Telefon. Hannah Arendt war einmal empört, dann ratlos, auch geknickt oder voller Hohn, bis alles von neuem begann. Es war eine höchst verwirrende, ratlos machende Geschichte. Gegen Abend endeten die Anrufe.

Wie Mary McCarthy später erfuhr, hatte Heidegger sich bald nach dem Besuch des Botenjungen auf den Weg zum Hotel gemacht und dort seinerseits einige Zeilen hinterlassen. Darin ließ er sie in dürren, nach Hannah Arendts eigener Bekundung "unendlich fern klingenden Worten" wissen, daß er für diesen Abend allein sei und sie gern wiedersehen wolle. Im Nebenhinein ließ er die Bemerkung einfließen, daß seine Frau inzwischen über ihre einstige Affäre unterrichtet sei, und Hannah Arendt wird ihm dieses Bekenntnis hoch anrechnen, weil es ihrem uneingestandenen Wunsch entgegenkam, Rechtfertigungsgründe für Heidegger zu finden oder notfalls auch zu erfinden. Er, "der doch notorisch immer und überall lügt", schrieb sie an Heinrich Blücher, habe wenigstens seine Passion für sie eingestanden, und daß er damit seine Frau, die Rivalin vieler Jahre, gedemütigt hatte, verstärkte ihr Gefühl der Genugtuung. Kaum hatte Heidegger dem Portier seinen Brief ausgehändigt, machte er sich auf den Heimweg, weil ihm die Dinge einen allzu überstürzten Lauf nahmen. Aber nach einigen Schritten kehrte er um und ließ sich bei Frau Arendt melden.

Er stand, als er ihr Zimmer betrat, wie ein "begossener Pudel" da, hat Hannah Arendt die Szene beschrieben, und viele ihrer Freunde haben von dem "heimlichen Triumph" gesprochen, den sie darüber empfand, dem Geliebten erstmals ohne die "alte Kinderangst" gegenüberzutreten. Schon bald nach der Begrüßung fand Heidegger über seine Befangenheit hinweg, er schien, den Worten Hannah Arendts zufolge, "absolut keine Vorstellung davon (zu haben, daß) alles fünfundzwanzig Jahre zurücklag" - was immer sie damit andeuten wollte.

Jedenfalls stellte sich bald wieder der vertraute Ton von einst zwischen ihnen her, und Hannah Arendt, so hat Mary McCarthy erzählt, habe daraufhin den einen und anderen Anlauf unternommen, ihn zu ein paar Worten über sein Verhalten 1933 und später zu veranlassen. Doch Heidegger schwieg, und Mary McCarthy gewann den Eindruck, er habe die Aufforderungen kurzerhand überhört und statt dessen von den Verleumdungen gesprochen, denen er seit Jahren ausgesetzt sei, den Entwürdigungen mitsamt dem Lehrverbot und den tausend quälenden Zumutungen einzig aufgrund eines politischen Irrtums. Die Bereitwilligkeit, mit der sie sich "abfertigen" ließ, meinte Mary McCarthy, beweise, daß der einstige Zauber schon zu dieser Stunde wieder zu wirken begann. Sie werde gleichwohl nicht preisgeben, setzte sie unaufgefordert hinzu, wie nahe die beiden sich in der "evening-night" ihrer Wiederbegegnung gekommen seien. Aber Hannah schrieb: "Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens." Hätte sie die Gelegenheit zu diesem Treffen ausgeschlagen, wäre das etwa das gleiche gewesen, wie "mein Leben zu verwirken", und ihrem Mann bekannte sie: Es sei von ihr ganz gewiß richtig gewesen, Heidegger "nie zu vergessen" ...

Totale Herrschaft

im 20. Jahrhundert hat beide immer wieder beschäftigt: den Historiker Joachim Fest, 77, und die jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906 bis 1975). Als Fest Hannah Arendt 1964 kennen lernte, hatte er gerade seine Studie "Das Gesicht des Dritten Reiches" (1963) veröffentlicht, den Vorlauf zu seinem späteren Bestseller "Hitler. Eine Biografie" (1973). Hannah Arendts Hauptwerk über "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (1951) war für Fest nicht nur Quelle zahlreicher Einsichten, sondern auch eine frühe Ermutigung, strukturell zu vergleichen, was aus deutscher Sicht unvergleichlich erscheint: die Terrorsysteme unter Hitler und Stalin. Noch in den achtziger Jahren kam es über diesen Vergleich zum so genannten Historikerstreit, an dem Fest beteiligt war. Vergleiche der Art "wie Hitler, so Stalin" wagte Arendt schon 1951 - gewiss einer der Gründe dafür, dass Fest in seinem Erinnerungsbuch "Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde", das nächste Woche im Rowohlt-Verlag erscheint, der Philosophin ein großes Porträt-Kapitel gewidmet hat. Der SPIEGEL druckt daraus Auszüge, die vor allem Arendts Beziehung zu dem Philosophen Martin Heidegger in neuem Licht zeigen - als einzig wahre Liebe "eines ganzen Lebens".

* Mit seinem Schüler Hans-Georg Gadamer beim Holzsägen in Todtnauberg.

DER SPIEGEL 38/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 38/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DENKER:
Das Mädchen aus der Fremde