20.09.2004

ZEITGESCHICHTEDer schneidige Gerd

Der österreichische Autor Martin Pollack erzählt die Geschichte seines Vaters, eines SS-Mannes und Gestapo-Beamten, dem das Morden Spaß machte. Am Ende wurde er selbst ermordet.
Wahrscheinlich fing es 1987 an: Kurz hintereinander erschienen damals zwei Bücher unter zwei ähnlichen Titeln, die von den Taten der Väter und den Nöten der Söhne handelten: "Vati" von Peter Schneider und "Der Vater" von Niklas Frank. Schneiders Buch war eine halb fiktive Erzählung über den Sohn eines berüchtigten NS-Arztes, der sich auf die Suche nach seinem Vater macht; Frank schrieb die Erinnerungen an seinen Vater auf, der "Generalgouverneur" im besetzten Polen war und nach dem Krieg als Kriegsverbrecher angeklagt und hingerichtet wurde.
Beide Bücher lösten heftige Reaktionen aus. Schneider musste sich wegen eines Plagiatsvorwurfs verteidigen, Frank wurde von fast allen Kritikern verrissen, weil er gegen das Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" (auch wenn sie schreckliche Menschen waren) verstoßen hatte. Er verfluchte ganz ungeniert seinen Erzeuger und feierte alljährlich dessen Tod am Galgen.
Rund 17 Jahre später kann man von einem Genre der Vati-Bücher sprechen, auch wenn es nicht immer um Väter geht. Angehörige begeben sich auf Spurensuche, um Antworten auf quälende Fragen zu finden oder ihren Schmerz schreibend zu verarbeiten. Monika Göth, die Tochter des KZ-Kommandanten und praktizierenden Sadisten Amon Göth, will wissen: "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?" Martin Bormann junior, der Sohn des Hitler-Sekretärs Martin Bormann senior, beschreibt sein "Leben gegen Schatten". Uwe Timm erzählt "Am Beispiel meines Bruders" die Geschichte eines Wehrmachtsoldaten. Wibke Bruhns, deren Vater als Verschwörer gegen Hitler 1944 hingerichtet wurde, reist zurück in "Meines Vaters Land"; Thomas Medicus hofft "In den Augen meines Großvaters" Aufklärung zu finden über sich selbst.
Zu den dokumentarischen Arbeiten kommt noch eine Anzahl fiktionaler Werke, die ebenfalls Familiendramen ausbreiten. "Bald sechzig Jahre nach Kriegsende explodiert die Nazi-Geschichte wieder, diesmal im Familienroman", schrieb jüngst Ulrich Raulff in der "Süddeutschen Zeitung".
Auch Martin Pollack ist kein junger Mann mehr. 1944 in Oberösterreich geboren, hat er Slawistik und osteuropäische Geschichte studiert, er arbeitet als Übersetzer aus dem Polnischen ins Deutsche und schreibt gern über Ereignisse und Menschen, die vergessen worden sind. Nun legt Pollack einen "Bericht über meinen Vater" vor*.
"Ich hatte das Gefühl, ich musste einen Toten endgültig begraben", sagt Pollack. Er meint seinen Vater, einen Nazi der frühen Stunde, SS-Sturmbannführer und Gestapo-Mann, dessen Leiche am 6. April 1947 mit zwei Kugeln im Kopf und einer in der Brust an der österreichisch-italienischen Grenze gefunden wurde.
Pollack hatte die Nachforschungen "jahrelang hinausgezögert", aus Angst, er könne "bei der Spurensuche auf Dinge stoßen, die meine ohnehin schlimmen Erwartungen noch übertreffen würden".
Er findet Einheimische, die sich an den Krieg und die Zeit danach erinnern, er wühlt in Archiven, liest Akten und rekonstruiert seine eigene Kindheit in der österreichischen Provinz. Und tatsächlich, es kommt alles noch schlimmer, als er befürchten musste.
Dass er zwei Väter hatte - den Mann, mit dem seine Mutter verheiratet war, und den, mit dem sie eine außereheliche Beziehung führte -, wusste er bereits. Aber er wusste kaum etwas über seinen leiblichen Vater, denn über ihn wurde daheim aus verständlichen Gründen nicht gesprochen. Nur wenn der kleine Martin mit seiner Großmutter im niederösterreichischen Amstetten einkaufen ging, wurde er gern mit den Worten vorgestellt: "Das ist der Sohn vom Gerhard", worauf die Menschen in Verzückung gerieten: "Man strich mir über den Kopf, kniff mich in die Wangen, manche Frauen versuchten mich sogar zu küssen, was ich als eklig empfand." Dann tuschelten sie, "wie schneidig, ehrenhaft, anständig er gewesen und wie grausam das Schicksal mit ihm umgesprungen wäre".
Erst mit 14 wurde Martin Pollack von seiner Mutter "in vorsichtigen Worten" aufgeklärt. Sie deutete an, "was mein Vater im Krieg gemacht hatte: SS, Gestapo ... Details erzählte sie keine". Die erfuhr Mar-
tin Pollack, Sohn des Gerhard Bast, später nach und nach.
Sein Vater wurde 1911 in der deutschsprachigen Enklave Gottschee in der Krain (heute Slowenien) geboren, in einem deutschnationalen Haus, in dem Turnvater Jahn verehrt und seine Philosophie befolgt wurde: "Deutsche Rede sollst du ehren, welschem Worte sollst du wehren!" Er besuchte das humanistische Gymnasium in Wels, ging nach der Matura zum Jurastudium nach Graz, trat der Burschenschaft "Germania" bei, paukte sich durch das Studium und die Mensuren. Im Oktober 1931, noch keine 21 und lange vor dem "Anschluss" Österreichs, trat er der NSDAP bei, gleichzeitig schrieb er sich bei der SS ein. Er war Mitglied Nr. 23 064.
Ende 1935 promovierte er zum Doktor der Rechte und bekam eine Stelle beim Kreisgericht St. Pölten, die ihm bald darauf entzogen wurde - wegen Verdachts auf nationalsozialistische Betätigung. Bast - Mitglied der NSDAP und der SS - nannte den Vorwurf eine "böswillige Verleumdung" und trat in die Kanzlei seines Vaters ein, eines angesehenen Anwalts, der gleichfalls seit Jahren in der NSDAP aktiv war.
Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 wurden die konspirativen Anstrengungen belohnt. Gerhard Bast, 27 Jahre alt, stellte sich in den Dienst der Geheimen Staatspolizei, gleichzeitig wurde er in den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS aufgenommen, eine braune Bilderbuchkarriere nahm ihren Lauf.
"Als Angehöriger der Gestapo war mein Vater faktisch vom ersten Tag an ein Teil des Terrorregimes, er erstellte Verhaftungslisten und verhörte Menschen, die willkürlich zu Gegnern erklärt wurden."
Doch das war erst der Anfang. Bast wurde in kurzen Abständen zum SS-Hauptsturmführer und SS-Sturmbannführer befördert und zum Regierungsrat ernannt. Nach Einsätzen in Graz, Linz und Koblenz kam er nach Münster, die Hauptstadt des Gaues Westfalen-Nord, als Stellvertreter des Gestapo-Chefs. Dort organisierte und überwachte er die Transporte der Juden in den Osten. Zwischendurch erholte er sich im Riesengebirge, führte dabei Tagebuch ("Wetter meist schön, sehr kalt ... SS-Hütte prima, Essen gut"), besuchte seine Eltern in Amstetten und nahm an Schießübungen der SS teil. Er musste geistig und körperlich fit bleiben, denn der Dienst in Münster verlangte ihm viel ab.
Wenn er nicht gerade Juden in den Osten verschickte, ließ er polnische Zwangsarbeiter vom Leben zum Tod befördern, mit Hilfe eines Galgens über einem zusammenklappbaren Falltisch, der vom Institut für Anatomie der Universität Münster zur Verfügung gestellt und nach der Hinrichtung wieder abgeholt wurde. Bast habe, berichtete nach dem Krieg ein Zeuge vor einem Untersuchungsrichter, "Freude bei
den Hinrichtungen" empfunden und "mit Wohlgefallen an diesen teilgenommen".
Von Ende 1942 wirkte Bast bei den Einsatzgruppen von Sonderkommandos in Russland, in Polen, in der Slowakei, deren Aufgabe es war, "die eroberten Gebiete von Juden, kommunistischen Funktionären und Agenten zu reinigen".
Irgendwann lernte Gerhard Bast Frau Pollack kennen, die mit einem viel älteren Mann, einem Bankbeamten und Kunstmaler, verheiratet war. Der fesche SS-Mann muss der jungen Frau, die schon zwei Kinder hatte, gut gefallen haben, es entwickelte sich eine Romanze, von der alle wussten und über die niemand sprach. "Haben die Bekannten getuschelt und Bemerkungen gemacht? Linz war keine Großstadt, und es war kaum möglich, eine Affäre lang geheim zu halten, noch dazu mit dem Chef der Gestapo, den viele kannten."
Auch Johann Pollack wollte Aufsehen vermeiden. Als er beschloss, sich scheiden zu lassen und im März 1945 beim Landgericht Linz Klage wegen Ehebruchs einreichte, ließ er sich durch den Anwalt Rudolf Bast vertreten, den Vater des Mannes, mit dem seine Frau die Ehe gebrochen hatte.
Mit dem Krieg war auch die Karriere von Gerhard Bast zu Ende. Er, dem die Nazis versprochen hatten, ihn nach dem Endsieg als Statthalter nach Afrika zu schicken, wurde nun als Kriegsverbrecher gesucht und musste untertauchen.
Er besorgte sich einen Ausweis auf einen falschen Namen, gab sich als Knecht und Holzfäller aus, fand Arbeit und Obdach bei einem Bauern in Südtirol und wollte im März 1947 zurück nach Österreich, um in Innsbruck seine Frau zu treffen. Er heuerte als Führer einen Hilfsarbeiter aus Brennerbad an, der ihn über die damals gut bewachte Grenze bringen sollte. Kurz vor dem Brennerpass zog der Mann eine Pistole und gab drei Schüsse ab. Seine Beute waren 3000 Lire, 20 Schilling, eine Uhr und ein goldener Ring. Der Täter wurde vier Wochen später gefasst, angeklagt und 1949 wegen Mordes und Raubes zu 30 Jahren verurteilt.
War damit die Causa Bast erledigt? Nicht ganz. Die Witwe des ehemaligen Gestapo-Mannes zog wieder mit ihrem ersten Mann zusammen, dem Maler Johann Pollack, der sie zum zweiten Mal heiratete. Er war kein Übelnehmer, und es waren schwere Zeiten.
Martin Pollack, inzwischen 60, erzählt diese an absurden Details reiche Geschichte seiner zwei Väter als kühle Familiensaga. Pollack entschuldigt nichts, er klagt nicht an. Doch sein Abscheu ist überdeutlich - auch darüber, dass nach dem Krieg einfach weitergemacht wurde, in einer Mischung aus Schweigen, Rechthaberei und gutem Gewissen.
Für die meisten seiner Mitmenschen hatte sich Gerhard Bast nur dem falschen Führer anvertraut. HENRYK M. BRODER
* Martin Pollack: "Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater". Zsolnay Verlag, Wien; 256 Seiten; 19,90 Euro.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 39/2004
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