DER SPIEGEL



FUSSBALL

Schwache Mitte

Von Wulzinger, Michael

Kaum eine Verletzung fürchten Bundesligaprofis mehr als eine Schambeinentzündung. Die Therapie erfordert viel Geduld.

Die Profis des SV Werder Bremen, die Anfang vergangener Woche vor dem Europapokalspiel gegen Inter Mailand in einem Bus zum Abschlusstraining rollten, waren verblüfft. Vor dem Giuseppe-Meazza-Stadion parkte ein roter Ferrari, und am Steuer erkannten sie einen Mannschaftskollegen: den Verteidiger Ümit Davala, 31.

Der türkische Nationalspieler war als Champions-League-Tourist in die Lombardei nachgereist, denn das Fußballspielen hat ihm der Arzt bis auf weiteres strikt verboten. Davala leidet seit mehr als einem halben Jahr an einer Schambeinentzündung - einer Berufskrankheit, die bei Fußballern in jüngster Zeit auffallend häufig diagnostiziert wird und die für die Profis fast noch bedrohlicher ist als ein Kreuzbandriss oder ein Knochenbruch.

Anders als bei Frakturen, Sehnen- oder Bänderrissen, die sich operieren lassen und die eine klar eingrenzbare Regenerationszeit nach sich ziehen, ist die Schambeinentzündung (Ostitis pubis) eine Überbelastungsreaktion, die die Kicker bisweilen länger als ein Jahr außer Gefecht setzt. Selbst Chirurgenkunst kann in der Regel keine Abhilfe schaffen. "Die besten Heilungschancen", sagt Götz Dimanski, der Mannschaftsarzt von Werder Bremen, "bieten Ruhe, Ruhe und noch mal Ruhe."

Die delikate Stelle liegt ziemlich genau in der Mitte des Körpers - eine etwa 5 mal 15 Zentimeter große Knochenpartie, die sich sowohl nach rechts als auch nach links an das knorpelige Mittelstück des Beckenrings, die so genannte Symphyse, anschließt und die nach hinten in das Darmbein übergeht.

An dem Knochen zerren Kräfte, was das Zeug hält: Sowohl das Leistenband als auch zahlreiche Muskeln - von der Innenseite des Oberschenkels, vom Bauch und vom Rücken kommend - setzen am Schambein an. Einige dieser Muskeln sind wie ein Lappen an dem Knochen festgewachsen. Andere wie der Adductor longus, der bis zur Mitte des Oberschenkelknochens hinabreicht und der beim Kicken extrem beansprucht wird, haften nur mit einer strammen Sehne am Schambein, die in etwa den Durchmesser einer Makkaroni hat.

Vor allem dieser dürre Muskelansatz steht durch abrupte Seitwärtsbewegungen und das Treten gegen den Ball im Dauerstress. Die Folge: ständige Mikroverletzungen, "die von den Spielern nicht als plötzliches Ereignis wahrgenommen werden", wie Gerold Schwartz, Mannschaftsarzt beim Hamburger SV, sagt - und die im schlimmsten Fall in einer äußerst schmerzhaften Entzündung der Knochenhaut am Schambein münden können.

Indes: Die Verletzung zu orten erfordert Erfahrung. Für den Befund durch Abtasten, sagt Werder-Doktor Dimanski, sei ärztliches Können notwendig, "das heute kaum noch beherrscht, geschweige denn gelehrt wird". So ähneln die Symptome, die bei einer Schambeinentzündung auftreten, frappierend denen bei Leistenbeschwerden.

Dass nun bei Bundesligakickern - wie etwa bei dem Freiburger Richard Golz, dem Hannoveraner Altin Lala, den Bremern Viktor Skripnik und Davala oder den heute in Kaiserslautern spielenden Carsten Jancker und Timo Wenzel - in jüngster Zeit vermehrt eine Schambeinentzündung diagnostiziert wurde, ist wohl auch auf den medizinisch-technischen Fortschritt zurückzuführen. Der Einsatz der in den letzten Jahren noch einmal rasant verbesserten Kernspintomografie erleichtert den Ärzten dabei die Arbeit.

Das Tückische an der Verletzung: Die Behandlung erfordert Geduld, die Fußballprofis wegen ihrer stark leistungsorientierten Verträge kaum haben. Weil die akuten Schmerzen im Alltag relativ schnell nachlassen, sobald die Kicker pausieren und sich ausgiebig von Physiotherapeuten betreuen lassen, steigen sie häufig bereits nach wenigen Wochen wieder ins Mannschaftstraining ein. Doch schon bei den ersten ernsthaften Sprint- oder Schussübungen verspüren sie die alten Beschwerden - und provozieren mit ihrem Ehrgeiz einen noch längeren Heilungsprozess.

"Fehlende Therapiekonzepte" beklagt deshalb der Berliner Mediziner Jens Krüger, den geplagte Profis häufig konsultieren. Nun versucht er sich als Netzwerker. Auf seine Initiative tauschen sich die Mannschaftsärzte von Werder Bremen, Hannover 96, Hertha BSC und Arminia Bielefeld künftig über ihre Diagnose- und Behandlungsmethoden aus.

Wie die Fußballer an der hartnäckigen Verletzung zuweilen fast verzweifeln, zeigt das Beispiel des Kapitäns von Hannover 96, Altin Lala. Im August vergangenen Jahres wurde bei dem albanischen Nationalspieler eine Schambeinentzündung diagnostiziert, er pausierte wochenlang. Als er wieder ins Training einstieg, weil er sich fit wähnte, erlitt er prompt einen Rückschlag.

In seiner Not fahndete Lala nach einer Art Wunderheiler: Er ließ sich von einem Osteopathen in Gelsenkirchen behandeln, er probierte es mit Akupunktur bei einem Heilpraktiker in der niedersächsischen Provinz, er vertraute sich einem Handauf- leger in der Schweiz an, "der voll in den Schmerz rein behandelte". Alles ohne Erfolg. "Ich bin fast wahnsinnig geworden", sagt Lala.

Dann entschied er sich zu einem "radikalen Schritt". Der Profi ließ sich in einer Operation die hoch sensiblen Schmerzrezeptoren an seiner Problemstelle ausschalten - ähnlich der Entfernung des Nervs bei einem Zahn.

"Ein Volltreffer", wie Lala sagt. Sein Schambein sei zwar "weiterhin entzündet", aber das sei ihm jetzt egal: "Ich spüre ja nichts mehr davon." MICHAEL WULZINGER


DER SPIEGEL 39/2004
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