01.10.1958

Mit Hormon-Tabletten

Rund 250 Bewohnerinnen der mittelamerikanischen Insel Puerto Rico unterziehen sich gegenwärtig einem medizinisch-biologischen Großversuch, dem Wissenschaftler und Arzneimittelhersteller, aber auch Politiker und Kirchenfürsten weltweite Bedeutung zumessen: Die Bürgerinnen der zu den USA gehörenden Insel experimentieren unter ärztlicher Aufsicht mit einer neuen Methode der Geburtenkontrolle, die von der amerikanischen Arzneimittel-Industrie als "die einfachste mögliche Art der Konzeptionsverhütung" für die Zukunft propagiert wird.
Die Testpersonen - verheiratete Frauen aus der Inselhauptstadt San Juan, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben - schlucken vom fünften bis zum fünfundzwanzigsten Tag des Menstruationszyklus täglich eine Hormontablette. Wie die amerikanischen Initiatoren des Versuchs, der Physiologe Gregory Pincus und der Gynäkologe John Rock, kürzlich berichten konnten, ist bisher keine der Frauen, die gemäß der ärztlichen Anleitung die "Kontrazeptionspillen" einnahmen, schwanger geworden - "trotz regulären Ehelebens und obwohl keine anderen Empfängnisverhütungsmittel angewandt wurden".
Die Doktoren Pincus und Rock aus dem US-Bundesstaat Massachusetts haben die "einfachste aller Geburtenkontroll-Methoden" vervollkommnet, nach der ein Heer von Wissenschaftlern schon seit langem suchte. Sie haben als erste in mehrjähriger Laboratoriumsarbeit synthetische Ersatzstoffe für das natürliche Hormon Progesteron hergestellt und nachgewiesen, daß diese Substanzen in Pillenform wirkungsvolle Kontrazeptionsmittel sind.
Das Hormon Progesteron hat, wie den Biologen längst bekannt war, im weiblichen Organismus eine wichtige Regulationsaufgabe: Es wird vor allem erzeugt, wenn eine Schwangerschaft eingetreten ist und verhindert dann unter anderem weitere Ovulationen (Ausstoßungen reifer Eizellen).
Normalerweise wandern in einem (Vierwochen-) Zyklus reife Eizellen aus den beiden Eierstöcken in die Gebärmutter, wobei sie befruchtet werden können. Tritt keine Befruchtung ein, wird die Eizelle, die mittlerweile abgestorben ist, ausgestoßen. Nach einer Befruchtung dagegen setzt im Körper automatisch die Erzeugung des Hormons Progesteron ein, das neuerliche Wanderungen von Eizellen in die Gebärmutter blockiert.
Die Doktoren Pincus und Rock suchten nun nach einer Methode, die es ihnen ermöglichen würde, das Reifen der Eizellen in den Eierstöcken und das Ausstoßen der Eizellen mit künstlichen Mitteln zu verhindern. Sie fänden heraus, daß Tabletten mit dem (natürlichen) Hormon Progesteron ein geeignetes, Tabletten mit einem (synthetischen) Progesteron-Ersatz aber ein noch wirksameres Mittel zur Erzeugung einer künstlichen Ovulations-Blockade sind.
Durch Verabfolgung derartiger Tabletten soll es Frauen ermöglicht werden, über beliebige Zeiträume hinweg eine Schwangerschaft zu verhindern. Die Hormon-Tabletten erzeugen gewissermaßen eine Dauerschwangerschaft ohne Frucht. Die Ärzte glauben, aus den Resultaten ihrer Tierversuche schließen zu können, daß nach einer freiwilligen Geburtenblockade die Körperfunktionen sich automatisch wieder normalisieren - dann nämlich, wenn die Kontrazeptionspillen nicht mehr regelmäßig eingenommen werden. Die Doktoren Pincus und Rock meinen, diese Normalisierung entspreche dem natürlichen Vorgang: Nach einer Geburt geht die Progesteron-Produktion des Körpers zurück, die Ovulations-Blockade wird aufgehoben.
Neben den Forschern Pincus und Rock haben in der letzten Zeit auch zahlreiche andere amerikanische Wissenschaftler im Auftrage großer Arzneimittelkonzerne die Wirkung von Progesteron-Präparaten erforscht. Die drei größten Heilmittelfabriken haben je ein derartiges Präparat hergestellt; auch die Markennamen stehen bereits fest: "Enovid", "Norlutin" und "Delalutin".
Die amerikanischen Gesundheitsbehörden haben allerdings die Präparate noch nicht zum allgemeinen Verkauf freigegeben, da auch die Herstellerfirmen wünschen, daß die Progesteron-Mittel, die sämtlich sowohl als Anti-Konzeptionsmittel wie auch gegen organische Störungen verwendet werden können, nur gegen Rezept abgegeben werden sollen. Die Firma Parke-Davis verlautbarte sogar, sie werde ihr Progesteron-Präparat ("Norlutin") nur als Mittel gegen Störungen im weiblichen Organismus, nicht aber als Kontrazeptions-Tablette auf den Markt bringen.
Die amerikanische Zeitschrift "Life" schrieb: "Trotz dieser prüden Zurückhaltung in Sachen Tabletten-Verkauf steht fest, daß die Möglichkeit einer physiologischen Geburtenkontrolle im Prinzip hinreichend bewiesen ist. In der einen oder anderen Form wird sich die Methode allgemein durchsetzen. Diese Aussicht wird diejenigen begeistern, die in einer Geburtenkontrolle den Weg zu einer gesünderen Gesellschaft sehen; sie wird auch die Neo-Malthusianer* begeistern, die darin eine Lösung der Übervölkerungsprobleme erblicken."
Tatsächlich können die Befürworter einer Geburtenkontrolle beeindruckende Statistiken über den bedrohlichen Zuwachs der Erdbevölkerung zitieren:
▷ Innerhalb der letzten hundert Jahre hat sich die Erdbevölkerung mehr als verdoppelt.
▷ Bei gleichbleibender Zuwachsrate wird sich die Menschheit von gegenwärtig 2,7 Milliarden auf 6 Milliarden im Jahre 2000 und auf 13 Milliarden Menschen im Jahre 2050 vermehrt haben.
▷ Besonders stark ist der Bevölkerungszuwachs in den sogenannten unterentwickelten Ländern; in Ostasien verdoppelt sich die Bevölkerungszahl beispielsweise dreimal schneller als in Mitteleuropa.
Die Anti-Konzeptionsforscher, die aus solchen Zahlen die ethische Rechtfertigung für ihre Arbeit beziehen, sind überzeugt, daß der unkontrollierte Bevölkerungszuwachs eines Tages die Weltwirtschaft und die soziale Ordnung sprengen wird, wodurch neue Kriege ausgelöst werden könnten.
Wissenschaftler wie die amerikanischen Doktoren Pincus und Rock glauben deshalb, daß besonders den primitiveren Völkern Asiens "unschädliche, zuverlässige, einfache und billige" Kontrazeptionsmittel zur Verfügung gestellt werden sollten. Die Regierung Indiens beispielsweise würde wahrscheinlich jedwede amerikanische Hilfe auf diesem Gebiet akzeptieren: Sie gibt jährlich etwa zwei Millionen Dollar im Rahmen eines Fünfjahresplanes aus, der mit dem Ziel beschlossen wurde, den Bevölkerungszuwachs zu stoppen.
Noch ist es allerdings fraglich, ob die von Pincus und Rock entwickelten Hormon-Tabletten tatsächlich als das perfekte Kontrazeptionsmittel gelten können. Für den Test von Puerto Rico hat die Arzneimittelfirma Searle & Co. die Kontrazeptionspillen kostenlos geliefert. Im Handel würde aber jede Tablette 55 Cent, die Monatsdosis mithin rund 11 Dollar (fast 50 Mark) kosten.
Zudem haben sich einige Puertoricanerinnen, die an dem ersten Tabletten-Großversuch beteiligt sind, bei den Ärzten über unangenehme Begleiterscheinungen - Benommenheit, Brechreiz, Kopfschmerzen - beklagt, die möglicherweise durch den regelmäßigen Tabletten-Konsum verursacht worden sind. Bis jetzt steht auch noch nicht mit Sicherheit fest, ob ständiges Einnehmen der Kontrazeptionspillen für den menschlichen Organismus wirklich ungefährlich ist.
"Es muß mit Nachdruck darauf hingewiesen werden", schrieb die amerikanische Zeitschrift "Fortune", "daß beim gegenwärtigen Stand der Forschung niemand weiß, welche Rückschläge noch zu erwarten sind. Daß die Progesteron-Präparate schwangerschafts-hindernd wirken, war für die Wissenschaftler keine große Überraschung. Aber: Welche Nebenwirkungen und bleibenden Effekte wird die Droge verursachen?... Ist ihre Wirkung zeitlich begrenzt, oder bringt sie das empfindliche endokrine (hormonale) System unwiderruflich aus dem Gleichgewicht? Wie lange kann die Ovulations-Blockade aufrechterhalten werden, ohne daß die Frauen steril werden?"
Aus Tierversuchen glauben die Kontrazeptionsforscher die Hoffnung ableiten zu können, daß der Tabletten-Gebrauch beim Menschen keine gefährlichen Nebenerscheinungen hervorruft. Amerikanische Ärzte vertreten jedoch die Auffassung, eine Entscheidung über die Zweckmäßigkeit der Geburtenkontrolle mit Hormon-Tabletten könne erst gefällt werden, wenn die Resultate eines streng überwachten Fünf-Jahres-Versuchs mit mindestens 500 Frauen und die Ergebnisse zusätzlicher umfassender Tierexperimente vorliegen.
* Seit Ende des 19. Jahrhunderts treten die sogenannten Neo-Malthusianer dafür ein, die Probleme der Übervölkerung durch Anwendung von Empfängnisverhütungsmitteln und Legalisierung der Abtreibung zu lösen.

DER SPIEGEL 40/1958
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