27.09.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDie Entdeckung des Himmels

Warum die Welt 25 Jahre lang ein Gerhard-Richter-Bild vergaß
Das Gemälde misst 4 mal 2,5 Meter, es zeigt Wolken am tiefblauen Himmel, bestrahlt von einer Sonne, die man nicht sieht. Es ist, als wäre der Betrachter selbst die Lichtquelle. Und jeder, der vor dem Bild steht, kippt den Kopf zur Seite, kneift die Augen zusammen, tritt ganz dicht heran. Der Blick saugt sich in die verschwommenen Höhen, was man sieht, ist nichts als Weite, die einem seltsam nahe geht.
Das Gemälde hängt in Düsseldorf, in der Kunstsammlung K20, und es ist so gewaltig und so eindringlich, dass alle anderen Bilder es schwer haben neben ihm. Links vom Gemälde klebt ein Bilderschild: "Gerhard Richter. Wolken (443/A), 1978. Öl auf Leinwand. Leihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen". Darunter ein Text über die "Entdeckung des Himmels als malerisches Sujet" im 18. und 19. Jahrhundert.
Seit wenigen Wochen erst hängt es in der Kunstsammlung, 25 Jahre lang war es, man kann sagen: verschollen und vor der Welt versteckt. Im obersten Stock des Landesamts für Datenverarbeitung und Statistik hing es, dem Himmel ganz nah. Dort, wo Beamte Menschen durchleuchten, Verbrauchsstichproben und Agrarstrukturerhebungswerte in ihre Computer hacken, durften ein paar Statistiker auf Richters Wolken schauen, auf dem Weg in ihre Büros und in der Mittagspause.
Es war im März 2003, als Renate Ulrich, Referentin im Kulturministerium für Kunst und Bau, einen Anruf bekam, am Apparat der Direktor der Kunstsammlung des Landes. Statistiker hätten ihm von der Sanierung ihres Gebäudes erzählt. Sie fragten, was denn so lange aus dem Richter werde?
"Mit dem Richter?", fragte Renate Ulrich, die zu Hause moderne Kunst von Arnulf Rainer und Rebecca Horn sammelt. "Welchem Richter?"
Renate Ulrich mag Richters Wolkenbilder, er hat knapp 20 gemalt, meist zeigen sie verhangene Himmel mit grau schimmernden Regenwolken, sie erinnern sie an ihre Ferien im Rheinland, als sie Kind war. Der Maler, über 20 Jahre Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, ist einer der bedeutendsten Künstler Deutschlands, sein Bild "Ema" (Akt auf einer Treppe) weltberühmt, sein Stammheim-Zyklus, gemalt nach Fotos von RAF-Mitgliedern, kaufte das MoMA. Was würde erst sein Stück vom blauen Himmel wert sein: schätzungsweise 1,5 bis 2 Millionen Euro.
Renate Ulrich blätterte durch ihre Akten, in den öffentlichen Einrichtungen hängen Glasmalereien, Lichtskulpturen und viel Öl, einen Vermerk über den Ankauf der "Wolken" fand sie nicht.
Am nächsten Morgen fuhr sie ins Landesamt für Statistik, ein fabrikähnliches Hochhaus aus rostigem Stahl, entworfen Mitte der siebziger Jahre, als man noch nach Schlagworten baute wie Fortschritt, Transparenz und offene Gesellschaft.
Mittlerweile hatten sie drei der vier Eingänge geschlossen, der Pförtner saß hinter Glas, Renate Ulrich musste sich ausweisen. Man verwalte hier schließlich private Daten von 18 Millionen Rheinländern und Westfalen.
Im 14. Stock stockte Renate Ulrich der Atem: An einer unverputzten Betonwand, neben einer Fensterfront mit Blick über Düsseldorfs Dächer, hing Richters riesiger Himmel. Man hatte ihn in einen Plexiglasrahmen gesperrt, seit er in den achtziger Jahren Dellen und einen Riss abbekommen hatte.
Es war eine Auftragsarbeit des Landes an den Künstler, sagten die Statistiker. 1978 war das, in einer fernen Zeit, als Ämter noch Zehntausende Mark für das Werk eines Künstlers ausgeben durften. Die Beamten hatten sich ein Bild gewünscht, das klar war und präzise wie ihre Zahlen, nicht wolkig. Sie hängten es in ihre Cafeteria. Heute gibt es hier oben nur noch Schulungsräume, Toiletten, eine Sitzecke und zwei Aschenbecher.
Renate Ulrich diktierte einen Vermerk an den Kulturminister, anbei eine Empfehlung des Museums: "Angesichts der außerordentlichen Bedeutung des Malers" könne die "derzeitige Präsentation nicht überzeugen". In einen Aktenordner heftete sie Briefwechsel mit dem Innenminister, zuständig für die Statistiker. Es wurde ein dicker Ordner.
Der Bescheid kam im Sommer 2004. Als "unentgeltliche Dauerleihgabe aus Landesvermögen" dürfe das Gemälde umziehen. Fortan solle es im neuen Richter-Raum im Museum hängen. Das Innenministerium sprach von "Dornröschenschlaf", der Museumsdirektor davon, dass er überglücklich sei. Der Künstler sagte, das sei ja nun alles schon lange her, 35 000 Mark habe er erhalten, damals eine ansehnliche Summe, mit dem Umzug sei er einverstanden.
Am 23. Juni schickte das Museum vier Restauratoren, sie rollten die Leinwand aus dem Rahmen und trugen sie in den Behindertenfahrstuhl und dann in ihren Laster. Die Statistiker machten Abschiedsfotos. All die Jahre hatten sie den Himmel nicht bemerkt, jetzt fehlte er ihnen. Sie fühlten sich enteignet und hatten eine Bitte: Freikarten fürs Museum und die Kopie des Originals nebst einer Chronik der Ereignisse.
So kommt es, dass neulich ein Fotograf Richters Himmel ablichtete. Das Foto wird auf Leinwand gedruckt, die Kosten trägt das Museum. Nächstes Jahr soll die Kopie bei den Statistikern hängen. Daneben ein Bilderschild, das die seltsame Geschichte vom wiederentdeckten Himmel erzählen wird. FIONA EHLERS
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 40/2004
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Die Entdeckung des Himmels

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