27.09.2004

VERLAGEJung, deutsch? Nein danke!

Nach den Boomjahren ist es stiller geworden um junge deutsche Autoren. Notwendiger Kahlschlag im Dampfplauderer-Dschungel oder literarische Verarmung?
Jede Party hat am Ende ihre Spielverderber. Anfang 2001, als der deutsche Jungliteraten-Stadl noch in Hauptstadthotels Hof hielt und seine Honorare in Champagner anlegte, unkte der damalige Rowohlt-Lektor Werner Irro im Branchenmagazin "Börsenblatt": "Das Risiko der derzeitigen Überhitzung ist hoch. Wenn erst die Scheinwerfer ausgeschaltet sein werden, wird manch einer frieren."
Mittlerweile ist es tatsächlich kalt geworden - verdammt kalt. Um die Jahrtausendwende schickte mancher Verlag pro Büchersaison noch zwei neue Nachwuchsautoren ins Rennen, doch viele davon haben sich als literarische Eintagsfliegen entpuppt. Popschreiber-Guru Benjamin von Stuckrad-Barre bewirbt sein neues Werk mit Seelenstriptease-Interviews, manche Nachwuchshoffnungen der Neunziger setzen erst einmal selbst auf Nachwuchs. Als literarische Inspirationsquelle taugt das nur bedingt: Elke Naters ("Königinnen") und Sven Lager ("Phosphor") errichten den gemeinsamen Kindern in ihrem Gemeinschaftswerk "Durst Hunger Müde" ein banales Denkmal, Joachim Bessing ("Wir-Maschine"), Gatte der Popprinzessin Alexa Hennig von Lange, veröffentlichte im Frühjahr statt eines neuen Romans ein Sachbuch, Titel: "Rettet die Familie!"
Post- und ostpubertäre Befindlichkeitsgeschichten will kaum jemand mehr lesen. Hinzu kommt, dass etliche Verlage wirtschaftlich klamm geworden sind. Seit 2001 verzeichnet der Verlagsbuchhandel jährliche Minusraten. Die Zeiten, in denen Autoren mit horrenden Vorschüssen geködert wurden, nur weil sie gelegentlich bei einer Berliner Lesebühne auftraten oder Zeitungskolumnen schrieben, sind vorbei - statt bis zu 100 000 gibt es für Anfänger eher 5000 bis 10 000 Euro Garantiehonorar.
Und pro Saison veröffentlichen die Verlage im Schnitt nun bis zu 20 Prozent weniger Belletristiktitel - das bekommen natürlich auch einheimische Autoren zu spüren. "Während des Booms der jungen deutschen Literatur wurden auch Bücher veröffentlicht, die man niemals hätte machen sollen", sagt der Literaturagent Werner Löcher-Lawrence, "jetzt leidet die Branche unter postkoitaler Depression."
Matthias Landwehr, der als Mitinhaber der Agentur Eggers & Landwehr unter anderem Benjamin Lebert ("Crazy") und Wladimir Kaminer vertritt, sieht die Entwicklung weniger negativ: "Eine Zeit lang wurden Autoren nach Potenzial bewertet wie Dotcom-Unternehmen Ende der Neunziger - heute herrscht wieder die Old Economy, und das ist auch richtig so."
Auf den ersten Blick schon: Jungautoren mit Substanz wie Judith Hermann haben sich gehalten, um literarische Dampfplauderer ist es nicht weiter schade. Die Krise betrifft allerdings auch Neu-Talente, die es gar nicht erst zu einer Veröffentlichung bringen. Zunehmend heißt die Devise: jung, deutsch, nein danke.
"Die Verlage mauern", sagt Löcher- Lawrence, und Werner Irro, mittlerweile als Freiberufler tätig, weiß auch warum: "Der Druck auf Lektoren hat sich verschärft." Denn schafft ein Schriftsteller schließlich doch den Sprung in ein Programm, dann ist das ein Berufsrisiko für seinen Entdecker. War die Beziehung zwischen Verlag und Autor früher tendenziell "was fürs Leben", neigen die Buchmacher heute eher zum unverbindlichen Tête-àtête. Wenn ein, zwei Romane eines Debütanten nicht so laufen wie erwartet, dann kann gleich zwei Personen ein höflicher Rausschmiss drohen: dem Autor - und seinem Lektor.
"Verlage interessieren sich eher noch für Debütanten als für Autoren, deren letztes Buch sich nicht gut verkauft hat", weiß Löcher-Lawrence. Denn an denen zeigt auch der Handel kein Interesse mehr. Wer schreibt, der bleibt? Von wegen.
Dass der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld einst ein sensibles Autorengenie wie Uwe Johnson über Jahre alimentierte, bis der endlich ein wichtiges Werk ablieferte, klingt heute wie ein nostalgisches Märchen. Mit der Loyalität ist es rasch zu Ende, wenn die Kasse nicht mehr stimmt.
Diesen Verdacht hat beispielsweise die 41-jährige Schriftstellerin Katrin Dorn, noch beim "Premium"-Label des Deutschen Taschenbuch-Verlages unter Vertrag: Diplomatisch hat ihr Lektor ihr geraten, für ihr neuestes Manuskript einen anderen Verlag zu suchen. Dabei ist die Thüringerin seit Jahren im Geschäft, hat bereits Romane und Erzählungen veröffentlicht. Schuld an der Ablehnung, glaubt Dorn, seien eher die mittelprächtigen Verkaufszahlen (der Erzählband ging rund 4000mal über den Ladentisch) als mangelnde literarische Qualität. Noch hat sich kein neuer Interessent gefunden - die Geschichte sei zu düster, so die einhellige Begründung. "Bei solchen Kriterien hätten ja nicht einmal Kafka oder Beckett eine Chance gehabt", meint sie.
Auch wenn die Ansprechpartner im Verlag ausgetauscht werden, ist das häufig das Ende einer wunderbaren Freundschaft: Immer wieder gibt es Fälle, in denen junge Schriftsteller mit großartigen Versprechen eingekauft werden, man werde sie fördern und aufbauen - aber kaum wechseln Programmleiter oder Verleger, lässt man sie am ausgestreckten Arm verhungern.
Selbst Autoren, die nicht direkt von der Krise betroffen sind, beklagen, dass Verlage zunehmend stromlinienförmige Texte wünschen. Antje Rávic Strubel, deren komplexer Roman "Tupolew 134" gerade erschienen ist, glaubt, nur noch wenige Verleger seien bereit, ein Wagnis einzugehen. "Bücher, die heute erfolgreich sind, müssen in die Medienlandschaft passen", bestätigt Werner Löcher-Lawrence. Solide Qualität ist erwünscht, aber bitte nicht experimentell.
Ausnahmeautoren wie der diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträger Uwe Tellkamp, der die Jury mit einem außergewöhnlich intensiven Text von barocker Wortfülle überzeugte, sind das beste Beispiel: Von dessen Romanerstling, erschienen beim Kleinverlag Faber & Faber, verkauften sich gerade einmal 163 Exemplare.
Der Autor Andreas Münzner, der 2002 mit "Die Höhe der Alpen" bei Rowohlt debütierte, sieht den Trend zum Mainstream eher mit buddhistischer Gelassenheit: "Wenn denn die Kunst, also auch die Literatur, ein Spiegel der Gesellschaft ist, ist die Entwicklung nicht weiter beunruhigend. Denn auch diese Gesellschaft wird ihren Spiegel finden."
Das heißt: Deutschland hat die Autoren, die es verdient. VERENA CARL
Von Verena Carl

DER SPIEGEL 40/2004
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