04.10.2004

ZEITGESCHICHTETage wie in Trance

Nicht in Berlin, sondern im fast schon freien Ungarn wurde zum letzten Mal ein Flüchtling am Eisernen Vorhang erschossen. 15 Jahre später erzählen Hinterbliebene und Grenzwächter die Geschichte des Architekten Kurt-Werner Schulz, der ein Vierteljahr vor dem Mauerfall fliehen wollte.
Sanft schwingt sich ein mit Rotbuchen und Eschen bewachsener Hügel bis an das Maisfeld herab. Ungefähr 200 Meter ist der holprige Feldweg vom Dorf Répcevis durch den Acker befahrbar, dann wachsen Gras und Gestrüpp immer höher, bis ein Durchkommen ganz von kirchturmhohen Pappeln verhindert wird.
Eine Idylle mit blutiger Geschichte: Hinter dem Pappelhain zog sich bis 1989 der Eiserne Vorhang. Und genau an dieser Stelle, zwischen dem geweißten Grenzstein B 80/3 und B 80/4, streckte eine Kugel zum letzten Mal einen Menschen nieder, der von Osteuropa in den Westen flüchten wollte.
Ausgerechnet in Ungarn, wo der Schießbefehl bereits aufgehoben war, tötete der junge Grenzsoldat Zoltán aus dem Komitat Heves am 21. August 1989 den 36-jährigen Kurt-Werner Schulz vor den Augen seiner Lebensgefährtin Gundula Schafitel und seines Sohnes Johannes - drei Wochen bevor die Grenzsperren für ganz Ungarn aufgehoben wurden.
15 Jahre verschwiegen die Bewohner des kleinen Ortes wie die Grenzwächter, verschwiegen auch die Angehörigen des Opfers eine Geschichte, die alle Betroffenen gern für immer verdrängt hätten. Vor allem deshalb galt bislang vielen der Berliner Chris Gueffroy als letzter Toter am Eisernen Vorhang. An ihn erinnert ein Mahnmal am Britzer Verbindungskanal.
Doch jetzt, 15 Jahre nach dem Fall der Mauer, sprechen erstmals die Zeitzeugen über den fast vergessenen Architekten aus Weimar, der hier starb.
László Nagy, 47, ist ein großer, bulliger Mann mit freundlichen Augen. Der Ungar aus Sopron (Ödenburg) am Neusiedler See spricht perfekt Deutsch. Ende der achtziger Jahre hatte er sich dem Demokratischen Forum angeschlossen. Das sozialistische System hielt er nicht mehr für reformierbar.
Es war die Zeit von Glasnost und Perestroika. Überall in Osteuropa gärte es.
Schon Anfang März 1989 hatte der ungarische Ministerpräsident Miklós Németh, ein entschiedener Reformer, in Moskau den sowjetischen KP-Generalsekretär Michail Gorbatschow besucht und dabei eine Grenzöffnung sowie freie Wahlen angekündigt. Németh fragte: "Wie wird sich die Sowjetunion dazu verhalten?" Ohne langes Nachdenken sagte Gorbatschow: "Solange ich hier auf diesem Stuhl sitze, werden wir das Verbrechen von 1956 nicht wiederholen."
Als der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege
Alois Mock dann am 27. Juni den Grenzzaun zwischen ihren beiden Ländern symbolisch durchtrennten, wusste die ungarische Führung längst: Die Tage des real existierenden Sozialismus sind gezählt.
Angespornt von Horns Aktion, wollten die Mitglieder des Demokratischen Forums zeigen, dass die symbolische Grenzöffnung auch praktische Folgen haben kann, sie wollten vom Eisernen Vorhang so viel wie möglich wegreißen.
Also kamen Nagy und seine Freunde auf die Idee, ein Picknick genau auf der Grenze zu veranstalten. Die Teilnehmer sollten um ein Lagerfeuer sitzen, gegrillten Speckbraten essen, Österreicher und Ungarn sollten einfach mal den Traum von einem Europa ohne Grenzen träumen dürfen - die Veranstaltung sollte "Paneuropäisches Picknick" heißen. Das war Ende Juni. Und danach überstürzten sich die Ereignisse.
"Ungarn war wie ein Paradies für mich", sagt Gundula Schafitel. Sie wuchs in Bad Sulza bei Weimar auf und hatte den Beruf Kinderkrankenschwester gelernt. Sie war groß, blond, hübsch. Seit ihrem 18. Lebensjahr fuhr sie im Sommer nach Ungarn in den Urlaub. Stets hatte sie davon geträumt, dort einen Mann kennen zu lernen, den sie heiraten könnte, am besten einen Westdeutschen. "Die DDR, das war nicht meins", sagt sie.
Aber dann kam ihre große Liebe doch aus dem Osten: An der Hochschule für Architektur in Weimar hat sie im Sommer 1979 den Studenten Kurt-Werner Schulz kennen gelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick, sie war 21, er 26 Jahre alt.
Schon zwei Monate später zogen die beiden zusammen. In seiner Freizeit fuhr der 1,85 Meter große "Kurti", wie ihn Freunde nannten, mit Vorliebe Rallyes. Sein ganzes Geld steckte er in einen schwarzen Renntrabi mit Überrollbügel und Alufelgen. Seine Partnerin verdiente genug, um die Familie zu ernähren. 1983 kam Sohn Johannes zur Welt. Es ging ihnen gut.
Nach dem Studium stieg der Architekt Schulz schnell zum stellvertretenden Stadtbaudirektor von Weimar auf. Aber bald gefiel ihm der Beruf nicht mehr. 1987 kündigte Schulz seinen Job und übernahm die Tischlerei seines Schwiegervaters. Im gleichen Jahr erhielt er die Erlaubnis für einen Verwandtenbesuch im Westen. Im Jahr darauf bekam auch seine Lebensgefährtin Gundula die Genehmigung für eine solche Kurzreise.
Für das Paar wurde 1988 zum ganz persönlichen Wendejahr. Sie sahen, wie unbeschwert ihre Freunde im Westen lebten, während sie zurückmussten in den Mief des Honecker-Sozialismus. "Da war uns klar", sagt Gundula Schafitel heute, "dass wir nicht mehr in den Grenzen dieses kleinen Staates denken und leben wollten."
Es war wohl ihr Fehler, dass sie nicht an Gorbatschow und den Wandel glaubten. Sie sahen die Veränderungen in Moskau, ihnen war aber stets bewusst, dass bislang noch alle Reformbewegungen im Osten gewaltsam beendet worden waren: in Ost-Berlin 1953, in Ungarn 1956, in Prag 1968, in Polen 1981. "Wenn wieder die Panzer rollen, wollten wir uns nicht fragen müssen, warum wir unsere Chance nicht genutzt haben", sagt Gundula Schafitel.
Am 17. August 1989 packen sie ihre Sachen. Wie fast jedes Jahr war wieder Urlaub am Plattensee geplant. Doch diesmal schreibt Gundula Schafitel einen Brief an ihre Schwester, der dieser erst Ende August in die Hände fallen sollte. "Wir kommen nicht mehr zurück", steht darin. "Wir gehen rüber in den Westen." Johannes nimmt sein Lieblingsspielzeug mit, ein knallrotes Matchbox-Auto aus dem Westen.
Im Morgengrauen des 19. August fahren sie los. Das war auch László Nagys großer Tag. Wegen seiner guten Deutsch- und Englischkenntnisse war er zum Pressechef des großen Paneuropäischen Picknicks ernannt worden. Sogar aus Neuseeland und Japan hatten sich TV-Teams angesagt.
Geplant war, dass um 15 Uhr nachmittags Politiker ein seit gut 40 Jahren nicht mehr benutztes Grenztor bei Sopron öffnen und alle Teilnehmer ungehindert die Grenze passieren könnten. Doch was ursprünglich als lokales Ereignis gedacht war, hatte längst Gäste von weit her angelockt. Zehntausende DDR-Bürger waren im Land, mehrere hundert kampierten auf dem Gelände der westdeutschen Botschaft in Budapest. Ungarn war der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten und konnte keine Asylsuchenden aus der DDR mehr ausweisen.
Irgendjemand hatte Flugblätter für das Picknick und eine Anfahrtsskizze an die DDR-Bürger verteilt. Ob es übereuphorische Aktivisten des Demokratischen Forums oder Spitzel der Abteilung III/III der ungarischen Stasi waren, "das wissen wir bis heute nicht", sagt Nagy. "Ich bin aber ziemlich sicher, dass die Regierung uns als Versuchskaninchen benutzte, um zu sehen, wie weit sie gegenüber den anderen Warschauer-Pakt-Staaten würde gehen können."
Auf jeden Fall versteckten sich vor dem Ereignis mehrere hundert DDR-Bürger in einem Maisfeld vor dem verrosteten Grenztor. Kurz vor 15 Uhr rannten sie los. Die Wachen leisteten keinen Widerstand. Schon gegen 16 Uhr meldeten Agenturen die größte Massenflucht durch den Eisernen Vorhang seit dem Bau der Mauer im Jahr 1961. Gut 750 Männer, Frauen und Kinder waren nach Österreich gerannt.
Als Kurt-Werner Schulz und Gundula Schafitel abends in Budapest ankommen, berichtet ein Freund über die Ereignisse von Sopron. Ohne Umschweife erklärt das Paar, dass es auch flüchten wolle. Der Freund rät zur Geduld, sagt: "Das geht nicht mehr lange gut." Aber das junge Paar aus Weimar will nicht mehr warten.
Am nächsten Mittag, einem Sonntag, fahren die beiden Richtung Sopron, so dicht wie möglich an die Grenze. "Wir dachten", sagt Gundula Schafitel,
"dass es dort bald wieder einen großen Grenzdurchbruch geben werde."
Das kleine Dorf Und liegt südlich von Sopron in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Österreich. Am Abend des 20. August fällt Oberstleutnant Istvan Diczházi, einem Kommandeur der Grenzwache, kurz vor Sonnenuntergang ein ungewöhnlich aufgemotzter schwarzer Trabi auf, der durch das Dorf fährt. Und liegt im Bereich eines acht Kilometer breiten Streifens, in dem sich nur Anwohner oder Besitzer einer Sondergenehmigung aufhalten dürfen.
Diczházi hält den Wagen an. "Sie dürfen hier nicht rumfahren", sagt er. Der Grenzer nimmt die Familie mit zu seiner Kaserne, wo die Personalien aufgenommen werden. Die DDR-Bürger, die so offensichtlich in den Westen fliehen wollten, erhalten etwas zu essen.
"Wir waren jetzt wie in Trance, gleichzeitig aufgewühlt vor Angst", sagt Schafitel. War der Traum vom Westen schon zu Ende? Würde das ungarische Militär die DDR-Botschaft verständigen? Dann wäre ihnen nach der Heimkehr eine Gefängnisstrafe sicher. Nach dem Verhör sagte Oberstleutnant Diczházi: "Sie müssen jetzt wieder nach Hause fahren." Die Nacht verbringen sie im Auto unweit der Kaserne.
Im Budapester ZK war es als Reaktion auf die Ereignisse von Sopron am Sonntagabend zu einem heftigem Streit zwischen den gemäßigten Sozialisten und den Falken gekommen. Die Konservativen forderten die sofortige Schließung der Grenzen. Der liberale Staatsminister Imre Pozsgay, der die Schirmherrschaft für das Paneuropa-Picknick übernommen hatte, stürmte am Montagmorgen in das Büro des konservativen KP-Generalsekretärs Károly Grósz und brüllte: "Das Einzige, was du noch für das Land tun kannst, ist, sofort abzutreten und zu verschwinden."
Aber Regierungschef Németh hatte bereits mehrere Tage vergebens versucht, Gorbatschow anzurufen. Sicherheitshalber wurde die Region Sopron, das Stück Ungarn, das sich südwestlich des Neusiedler Sees ins Burgenland wölbt, am Sonntag, dem 20. August, wieder abgeriegelt. Alle 50 Meter stand nun erneut ein Wehrpflichtiger als Wachtposten an der Grenze, ausgerüstet mit Kalaschnikow und Signalpistole.
Als Schulz und seine Lebensgefährtin am frühen Morgen des 21. August 1989 aufwachen, regnet es. Dass die Grenze wieder dicht ist, wissen sie nicht. Auf der Karte, die ihnen ihr Freund in Budapest mitgegeben hatte, sehen sie, dass es bis zum Grenzdorf Répcevis nur noch acht Kilometer sind. Sie fahren los. Am Ortsrand der kleinen Gemeinde können sie die ersten Häuser in Österreich sehen.
Ein Bauer spricht sie an. "Hier nix gut stehen, Kommunisten", radebrecht er, legt seine Hände wie gefesselt übereinander und winkt dann das Auto in die nahe Einfahrt eines windschiefen Gehöfts.
Bei der Familie verstecken sie sich, bis es dunkel ist. Johannes spielt mit den beiden kleinen Kindern, das Paar aus Weimar kann sich im Schlafzimmer der Eltern ausruhen. Bislang hatten sie ihrem Jungen verschwiegen, dass sie flüchten wollen. Sie befürchten, er könne sich verplappern, sollte die Flucht misslingen und sie erfolglos in die DDR heimkehren.
An diesem Nachmittag reden auch Kurt und Gundula kaum noch miteinander. Sie haben Angst, der andere könne sagen: Es ist zu gefährlich, lassen wir's doch, das Risiko ist zu groß.
Bei Einbruch der Nacht essen sie mit der Familie zu Abend. Schulz schenkt seinem Gastgeber den Schlüssel für den Trabi. Und Gundula Schafitel packt das Nötigste in eine blaue Plastiktasche: die Karten, Wechselwäsche, Pässe, etwas Geld und die Telefonnummer von Freunden im bayerischen Hohenpeißenberg. Johannes kann gar nicht verstehen, dass er sein Lieblingsspielzeug, das rote Matchbox-Auto, bei den Kindern zurücklassen muss.
Der Bauer nimmt die Familie mit hinaus und zeigt ihnen das Maisfeld. Daneben zieht sich ein Weg Richtung Westen. Es hat aufgehört zu regnen, die Sicht ist klar, am Himmel leuchtet der Vollmond. Hinter den Pappeln liegt Österreich. "Johannes, wir machen jetzt eine Nachtwanderung. Dazu musst du ganz still sein, Kind", sagt der Vater. Der Sohn gehorcht.
Was dann passiert, kann Gundula Schafitel erst 15 Jahre später schildern:
"Wir gingen auf den Pappelwald zu. Da war der Stacheldrahtzaun. Kurt drückte den Zaun runter, dann knallte ein Schuss. Kurt rief: 'Rennt.' Wir liefen ein paar Meter und warteten im Wald. Ich hörte, dass ein Kampf ausbrach. Dann noch ein Schuss. Mehrmals rief ich meinen Mann. Als er nicht antwortete, lief ich mit Johannes zurück. Dann sah ich, dass Kurt auf dem Boden lag und ein Soldat daneben stand."
Sie beugt sich nieder, nimmt den Kopf ihres Mannes in den Arm und fühlt, dass alles nass ist. Was dann passierte, weiß sie nicht mehr.
Um 23 Uhr klingelt bei Major Tomás Varga zu Hause das Telefon. Er ist der Kommandant der Grenzwache für den Abschnitt Szira und hat seinen freien Tag genommen. Nun hört er, eine der neuen Grenzwachen habe einen Flüchtling gestellt, es gebe einen Verletzten. Varga nimmt einen Arzt mit zur Grenze.
Etwa 30 Minuten später trifft er am Tatort ein. Am Boden sieht er einen kräftigen jungen Mann, der aus dem Mund und aus einer großen Wunde am Hinterkopf blutet. Der Arzt kann nur noch den Tod feststellen. Einer von Vargas Soldaten kauert geschockt am Boden. Er heißt Zoltán, an seinen Nachnamen will oder kann der Major sich heute nicht mehr erinnern.
Zoltán, ein kleiner, schüchterner Kerl aus der Stadt Herves in Nordungarn,
heult. Neben ihm steht eine große blonde Frau, die ebenfalls hemmungslos schluchzt. Ihre Rechte umklammert die Hand eines Kindes. Die beiden werden von einem weiteren Soldaten bewacht.
Es dauert ungefähr eine Stunde, bis ein Militärlastwagen kommt. Der kleine Johannes und seine Mutter müssen aufsteigen. Noch immer hält die Mutter seine Hand so fest, dass es ihm wehtut. Johannes weiß nicht, was los ist.
Erst in der Kaserne bekommt er von einem Uniformierten eine Tasse Kakao. Das Kind fragt: "Wann kommt mein Papa?" Der Mann kann Deutsch, er sagt: "Dein Vater kommt nicht mehr, er ist tot." Inzwischen ist der 22. August 1989 angebrochen, es ist kurz nach ein Uhr morgens.
Der Todesschütze äußert sich erst am nächsten Morgen in der Kreisstadt Köszeg (Güns), wo im Gebäude des Militärstaatsanwalts die Beweisaufnahme stattfindet. Auf dem Flur kann der Sopron-Korrespondent der regierungsnahen Zeitung "Magyar Hirlap" kurz mit ihm sprechen. Zoltán schildert den Tathergang so:
"Ich stand in der Nacht bei Répcevis auf Posten. Plötzlich hörte ich jemanden im Wald. Eine Menschengruppe bewegte sich auf die Grenze zu. Ich forderte sie auf, stehen zu bleiben, schoss eine Leuchtrakete nach oben, damit das Gebiet beleuchtet wird, gab einen Warnschuss ab und lief ihnen nach. Als ich die Gruppe erreicht hatte, waren eine Frau und ein Kind schon durch den Grenzzaun gestiegen."
"Der Mann schlug mich mit einer Tasche nieder. Ich hielt sein Bein fest. Er ging auch zu Boden, und wir rollten unter dem Grenzzaun hindurch auf österreichisches Gelände. Plötzlich versuchte er, mir die Kalaschnikow zu entreißen, die nicht mehr gesichert war. Ein Schuss löste sich, der ihn direkt in den Mund traf."
Ist das die Wahrheit oder nur die Version des Tathergangs, auf die sich die Offiziere mit den beiden Wehrpflichtigen in der Nacht geeinigt hatten? Zu klären ist das nicht mehr. Schulz ist tot, und die Identität von Zoltán gibt das ungarische Militär nicht preis, aus "Datenschutzgründen". Eine gemischte österreichisch-ungarische Grenzkommission, die in Köszeg wenig später den tödlichen Zwischenfall untersucht, kommt zu dem Schluss, dass Kurt-Werner Schulz zu Tode kam, als er schon etwa 15 Meter auf österreichischem Gebiet war. Am Ende des gemeinsam verfassten Dokuments heißt es: "Übereinstimmend stellen die beiden Delegationen fest, dass dieses äußerst bedauerliche Einzelereignis die gutnachbarlichen Beziehungen der beiden Länder und die bestehenden Kontakte zwischen den Grenzorganen nicht beeinflussen soll."
Der Leiter der Militärstaatsanwaltschaft entschuldigt sich noch in der Tatnacht bei Gundula Schafitel für "den Unfall" und verspricht ihr, dass sie sofort die Grenze passieren könne. Da sagt die Frau erstmals Nein in diesen drei Tagen. "Nein, nicht nachts. Ich will gehen, wenn es hell ist."
Am nächsten Tag um 18 Uhr fährt ein Militärlaster die Frau und ihren Sohn an die Grenze. Nur drei Kilometer nördlich von der Stelle, an der ihr Mann gestorben ist, wird ihr ein Tor geöffnet. "Gehen Sie immer geradeaus, dann kommen Sie nach Lutzmannsburg. Am Ende der Straße ist ein Gendarmerieposten, dort wartet man auf Sie", sagt ein Soldat.
Gundula Schafitel läuft wie in Trance, immer geradeaus. Und dann sitzt sie in der österreichischen Amtsstube. Neben ihr andere ehemalige DDR-Bürger, die sich freuen, dass ihnen die Flucht gelungen ist. Am nächsten Tag ruft sie ihre Schwester in Weimar an und sagt: "Johannes und ich sind im Westen, aber Kurt ist erschossen worden."
Der Leichnam von Kurt-Werner Schulz wird eine Woche später in die DDR überführt, wo er in seiner Heimatgemeinde Falkenberg im Vogtland beerdigt wird.
Am 25. August reisen der ungarische Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn nach Bonn und treffen Bundeskanzler Helmut Kohl auf Schloss Gymnich. In der Nacht zuvor hatte Németh mit Gorbatschow telefoniert, der ihn in seinem Reformkurs bestärkte. Mit Kohl werden nun die Möglichkeiten erörtert, wie die inzwischen fast 45 000 DDR-Flüchtlinge das Land verlassen können. Die Politiker einigen sich darauf, dass alle über Österreich ausreisen dürfen.
Außenminister Horn fliegt am 31. August nach Ost-Berlin und teilt seinem Amtskollegen Oskar Fischer diese Entscheidung mit. Die Stimmung ist so gereizt, dass es bei dem Treffen fast zu Handgreiflichkeiten kommt. Am 10. September verkündet Horn, dass alle DDR-Bürger, die sich auf dem Boden Ungarns befinden, nach Österreich ausreisen dürfen.
Gundula Schafitel lässt sich bei Freunden in Aachen nieder und findet bald einen Job als Krankenschwester. Als sie am 9. November 1989 den Fall der Mauer im Fernsehen verfolgt, wünscht sie, dass alles nicht wahr ist, "damit Kurts Tod nicht so sinnlos war".
Johannes malt jahrelang immer wieder Bilder von einer Urlaubsfahrt. Darauf ist ein umgestürzter Trabi zu sehen. Darüber schreibt er in ungelenker Kinderschrift: "Papa". Als Gundula Schafitel 1992 ihren heutigen Ehemann kennen lernt, bittet dieser sie, mit dem Jungen zum Kinderpsychologen zu gehen. Doch der Arzt erkennt keine Verhaltensauffälligkeit. Mutter und Sohn haben eine stille Übereinkunft getroffen, über die Nacht vom 21. August 1989 nie mehr zu reden.
JÜRGEN KREMB, PETER WENSIERSKI
Von Jürgen Kremb und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 41/2004
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