04.10.2004

KLIMA„Die Kurve ist Quatsch“

Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch, 55, zum Wissenschaftlerstreit über die Temperaturkurve der letzten tausend Jahre und den Treibhauseffekt
SPIEGEL: Sie behaupten, die Rekonstruktion vergangener Temperaturen durch die US-Forscher um Michael Mann sei falsch. Wie kommen Sie darauf?
Storch: Die Mann-Kurve besagt, dass es in den letzten tausend Jahren nie wärmer war als heute. In geradezu perfektem Verlauf sinkt sie vom Mittelalter bis um 1800 ab, um dann seit Beginn der Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Höhe zu schießen. Die Berechnungen von Mann basieren unter anderem auf der Analyse von Baumringen oder Korallen. Wir konnten nun in einer Veröffentlichung in "Science" demonstrieren, dass in der Kurve unzulässige Annahmen stecken. Methodisch ist sie falsch, man könnte auch sagen: Quatsch.
SPIEGEL: Welchen Verlauf hat das Klima stattdessen genommen?
Storch: Nach unseren Computermodellen pendelten die Temperaturen wesentlich schneller und stärker. Sie waren auch vor rund 900 Jahren einmal annähernd so warm wie heute. Zwischen den Jahren 1400 und 1800 kommen wir hingegen auf wesentlich niedrigere Werte als Mann.
SPIEGEL: Wollen Sie damit behaupten, es gebe den Treibhauseffekt nicht?
Storch: Absolut nicht. Auch unsere Daten zeigen einen klaren Erwärmungstrend in den letzten 150 Jahren. Dennoch ist es für die Wissenschaft wichtig, auf die Fehlerhaftigkeit der Mann-Kurve hinzuweisen. In den letzten Jahren ist sie durch das von der Uno eingesetzte Wissenschaftsgremium IPCC zur Wahrheit hochstilisiert worden. Das behindert all jene Forschung, die realistisch trennen will zwischen dem menschlichen Einfluss auf das Klima und natürlichen Schwankungen.
SPIEGEL: Schon seit einiger Zeit gibt es neue Kurven. Warum konnten sich Manns Kritiker nicht durchsetzen?
Storch: Sein Einfluss in der Gemeinschaft der Klimaforscher ist groß. Und Mann geht sehr heftig gegen jeden Vorwurf vor. Seine Wehrhaftigkeit ist verständlich. Niemand sieht sein eigenes Kind gern sterben. Aber wir müssen auf unsere Glaubwürdigkeit als Forscher achten. Sonst spielen wir nur wieder den Skeptikern des globalen Klimawandels in die Hände, die über eine Verschwörung von Wissenschaft und Politik fabulieren.

DER SPIEGEL 41/2004
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