04.10.2004

FILMDer Kopfstand der Dinge

Unter dem Titel „Land of Plenty“ zeigt Wim Wenders die USA als Heimat der Kapitalismusopfer und verwirrten Patrioten.
Das Mädchen sieht aus, als käme es direkt aus dem Himmel über Los Angeles, in seinen Augen ist ein tiefernstes Strahlen zu bestaunen und in seinem Gesicht die Neugier eines jungen Menschen auf die Wunder und Schrecken der großen Stadt: Lana heißt die von der Schauspielerin Michelle Williams dargestellte Heldin in Wim Wenders' neuem Film - und sie ist eine Art Fremdenführerin in der Hölle.
In Wenders' Werk "Land of Plenty" begleitet die Kamera zu Beginn das Mädchen Lana dabei, wie es nach der Ankunft am Flughafen in einem Auto hineingleitet in die verkommenen Bezirke von Downtown Los Angeles. Der Zauber dieser fast schwebenden Bewegung zwischen vergammelten Gebäuden und vom Schicksal geprügelten Menschen ist groß: Der Regisseur beschwört mit atmosphärischer Wucht das Amerika der Armen und Hungernden. Und er malt seiner Heldin Lana, die zuvor viele Jahre in Afrika und dem Nahen Osten verbracht hat, das Entsetzen über den Zustand der USA in der Ära von Terror und George W. Bush ins Gesicht.
"Land of Plenty" sei kein gewöhnlicher Spielfilm, sondern "ein politischer Essay", heißt es im Werbetext zum Film, der deutsche Untertitel des Zwei-Stunden-Werks lautet "Auf der Suche nach Wahrheit". Zunächst mal jedoch erzählt Wenders eine spröde, für ihn typische Generationengeschichte zwischen einem älteren Mann und dem jungen Mädchen. Parallel zur traumäugigen Lana lernen wir den hibbeligen, gramzerfurchten Vietnam-Veteranen Paul (John Diehl) kennen, der in einem mit allerlei Kamera- und Abhörtechnik hochgerüsteten Wohnmobil durch die Stadt braust, um - auf eigene Faust - muslimische Terroristen zu jagen.
Bald ahnt man die nicht allzu geheimnisvolle Verbindung zwischen Paul und Lana: Sie ist gläubige Christin, als Stieftochter eines Missionars aufgewachsen und kommt jetzt in einem christlichen Obdachlosenheim des Armenghettos unter; er ist gläubiger Patriot, durch den Einsatz eines Nervengifts in Indochina geschädigter Paranoiker und hat fast alle Kontakte zu Verwandten und Bekannten abgebrochen.
Als fast unmittelbar vor Lanas und Pauls Augen ein Mord geschieht, kommen sich die beiden näher, suchen zusammen nach den Tätern - und finden ihre gemeinsame Geschichte.
Geradezu schwelgerisch schön sind die Bilder eines hässlichen Amerika, die Wenders zeigt, und verschwenderisch ist die Art und Weise, wie er seine Figuren mit Zeichen und Aufklärungssprüchen überlädt: Schier ununterbrochen wird in diesem Film durch Handys, Münztelefone und Walkie-Talkies gesprochen, wird auf die Desinformation und Verlogenheit der amerikanischen Medien hingewiesen, wird die Skrupellosigkeit von Amerikas Mächtigen gegenüber den Kapitalismusverlierern beim Namen genannt, um die es dem Autor zu tun ist.
"Sehr spontan und sehr aus dem Bauch heraus" habe er diesen Film gedreht, sagt Wenders. In Wahrheit arbeitet der Regisseur hier aber vor allem mit dem Kopf - und verliert die Geschichte seiner Figuren mehr und mehr zwar nicht aus den Augen, aber aus dem Sinn.
"Land of Plenty" ist sympathisches, manchmal auch herzbewegendes Agitationskino. Aber am stärksten ist der Film doch da, wo der Polit-Prediger Wenders ausnahmsweise mal den Schnabel hält: Dann darf man den großartigen, traurigen Songs von Leonard Cohen zuhören und der engelhaften Michelle Williams beim Dösen zusehen. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 41/2004
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