15.06.1960

KRIEGSVERBRECHEN / EICHMANN

Der Endlöser

(siehe Titelbild)

Die Hitze des palästinensischen Sommertags, die draußen über dem Asphalt flimmerte, war selbst im klimatisierten Plenarsaal zu spüren. Auf der Tagesordnung des Parlaments zu Jerusalem stand eine routinemäßige Budgetdebatte. Die Stimmung war lustlos. Lediglich einige militärisch-straffe Herren, die sich auf der Zuhörertribüne mehr durch Blicke als durch Worte unterhielten, schienen von einer geheimen Spannung erfüllt.

Es war Punkt 15.00 Uhr, als sich Israels großer alter Mann David Ben -Gurion zu einer Erklärung erhob. Zweimal warf er den Kopf mit der wilden weißen Mähne zurück, um zur Rede anzusetzen. Als dann die Worte fielen, kamen sie stockend: "Ich habe der Knesseth mitzuteilen - daß einer der größten nazistischen Kriegsverbrecher - Adolf Eichmann - der zusammen mit den Naziführern für die sogenannte Endlösung der jüdischen Frage - das bedeutet: für die Vernichtung von sechs Millionen europäischer Juden, verantwortlich war - sich in israelischem Gewahrsam befindet und seinem Prozeß in Israel entgegensieht."

Der Ministerpräsident schien seinen eigenen Sätzen nachzulauschen. Mit einem Ächzen, das in der absoluten Stille bis zu den Türstehern hörbar war, brach ein Abgeordneter, der uralte Rabbi Nurock, ohnmächtig zusammen. Behutsam wandten sich die Herren auf der Tribüne, Offiziere des Abwehrdienstes der Armee, zum Gehen.

Das war das Ende der Stille: Der Plenarsaal glich einem brodelnden Kessel. Parlamentarier schrien, andere rannten exaltiert durch die Gänge, viele stierten murmelnd auf die Deckel ihrer Pulte.

Eine halbe Stunde später, am 23. Mai 1960, einem Montag, ruhten in der Stadt Jerusalem die Geschäfte. Nach einer Stunde gab es für das Zwei-Millionen-Volk im Streifen zwischen See Genezareth und Mittelmeerküste nur noch das Gesprächsthema Eichmann. Wieder zwei Stunden später waren schon allenthalben die Telephone der israelischen Exekutive durch Anrufer blockiert, die sich freiwillig für die Hinrichtung der "Bestie" melden wollten.

Anderntags veröffentlichte das deutschsprachige Blatt "Wort der Woche" eine doppelseitige Leserumfrage, was nun mit Eichmann geschehen solle. Schrieb der einäugige Landwirtschaftsminister Mosche Dajan, Blitzkrieg -Stratege gegen Ägypten: "So werden alle deine Feinde untergehen, Israel!" Eine Frau Jonah Kahen, die schon zur Türkenzeit nach Palästina eingewandert war, äußerte sich nicht minder alttestamentarisch: "Und selbst wenn er zu Zeiten König Davids gemordet hätte, muß man ihn heute töten."

In der Sache gleich, nur in der Terminologie verschieden, reagierten die übrigen Leser, etwa die in Aden geborene Sängerin Hawazelt Ron, die offenbar auf ihre hausfraulichen Erfahrungen zurückgriff: "Wie einen Fisch behandeln, rösten mit Pfeffer und Salz!"

Niemals seit dem Sinai-Feldzug im Spätherbst 1956 hatten sich die Kinder Israels so sehr als Kollektiv gefühlt. Zwei Gefühle dominierten:

> triumphale Genugtuung über die Schlagkraft des israelischen Geheimdienstes, dem es gelungen war, einen Mann um den halben Erdball zu jagen, und schließlich, ohne Aufsehen in dem betroffenen Lande, dingfest zu machen;

> die Pein grauenvoller Erinnerungen, die eine Grundwelle des Hasses gegen Eichmann und, ganz natürlich, gegen seine deutschen Gesinnungsgenossen hochspülte, die man überall im Israel-feindlichen Ausland vermutet.

Diese Welle, von der Regierung Ben -Gurion durchaus einkalkuliert, wurde alsbald als Begründung dafür genannt, daß der Welt derzeit prominentester Häftling absolut unsichtbar blieb. Nur so könne für sein Leben, erklärte Josef Nachmias, Generalinspekteur der israelischen Polizei, einigermaßen garantiert werden.

Niemand außer dem Bezirksrichter von Tel Aviv, Emanuel Jadid-Halewi, der vier Stunden vor Ben-Gurions sensationeller Erklärung den Haftbefehl gegen Karl Adolf Eichmann ausgestellt hatte, bekam auf israelischem Boden bislang die Figur zu Gesicht, deren Name in allen Schlagzeilen prangte. Niemand konnte mit ihm eine irgendwie geartete Verbindung herstellen.

In regelmäßigen Pressekonferenzen berichtete zwar Polizeichef Nachmias, wie es Eichmann gehe, daß Hitlers Chefhenker ebenso erstaunt über die gute Behandlung wie bereit sei, den Israelis bei der Ermittlung der historischen Wahrheit über die Verbrechen des Dritten Reiches behilflich zu sein - aber: "Eichmanns Verwahrungsort wird absolut geheim bleiben."

Nun ist es freilich nicht nur die Furcht, durch spontane Lynchjustiz ihres kostbaren Delinquenten beraubt zu werden, die den israelischen Behörden solch extreme Zurückhaltung nahelegt: Eichmann befindet sich im Vernehmungslager der israelischen Abwehr und wird dort in aller Stille für seinen großen Wiedergutmachungs-Auftritt fit gemacht.

Hauptquartier wie Methoden der Abwehr gehören zu den in Israel bestgehüteten Staatsgeheimnissen. Mit Recht, denn die Juden besitzen in diesem Dienst mittlerweile ein Instrument, dessen Effektivität nicht nur im Nahen Osten gefürchtet ist. Dazu ein ehemaliger Mitarbeiter des deutschen Abwehrchefs Canaris: "Die Russen sind Spitzenklasse, dann folgen die Amerikaner. Die Israelis liegen gegenwärtig, knapp hinter dem Vatikan, auf dem vierten Platz."

Organisatorisch zerfällt der israelische Geheimdienst in zwei in der Unter- und Mittelinstanz streng getrennte, in der Zentrale jedoch absolut koordinierte Organisationen:

> die "Abwehr", die dem Verteidigungsministerium angegliedert ist, ausschließlich in Israel arbeitet und sich mit Gegenspionage und der Bekämpfung arabischer Saboteure beschäftigt;

> den eigentlichen "Sicherheitsdienst", der dem Ministerpräsidenten direkt untersteht und - der "Central Intelligence Agency" (CIA) der Amerikaner vergleichbar - alle geheimen Aufträge im Ausland erledigt. Das Vernehmungslager, in dem Eichmann verwahrt wird, gehört dem Abwehrdienst der Armee, der dort sein "technisches" Zentrum unterhält: Es liegt genau in der Ausflugschneise des Flughafens Lydda und ist vom Flughafen selbst 30 Minuten Autofahrzeit und von Tel Aviv/

Jaffa etwa 45 Minuten entfernt (siehe Graphik Seite 23).

Die Fluggäste der internationalen Linien sehen im Wüstensand unter sich lediglich die menschenleeren Ruinen einer ehemaligen arabischen Siedlung, die im Palästinakrieg - 1948 - durch Artilleriebeschuß zerstört wurde. Aus Tarnungsgründen sind die Demolierungen geblieben. Unter den Ruinen wurden Zellen, Waschräume, Toiletten und Vernehmungsräume angelegt. Das Lager besteht aus etwa 20 solcher Häuser.

In Haus 1, das außer den beiden normalen Zellen noch ein unterirdisches Verlies aufweist, ist Eichmann untergebracht. Seine Zelle ist am Tag wie in der Nacht beleuchtet, da sie keinerlei Fenster, sondern lediglich faustgroße Öffnungen als Luftdurchlaß besitzt.

In der Zelle sitzt Tag und Nacht eine stumme Wache. Im Vorraum tun zwei Posten mit entsicherten Maschinenpistolen Dienst. Zusätzlich ist das Haus 1 noch durch zwei Außenposten abgeschirmt. Vier Hunde sind an den Hofmauern angekettet.

Eichmann darf mit seinen Wächtern nicht sprechen. Er sieht keinen Mitgefangenen. Täglich muß er sich 30 Minuten lang bewegen: auf dem Boden eines an das Haus angeschlossenen Zementbeckens, dessen hohe Mauern keinen Ausblick auf die Umgebung gestatten. Temperatur im Becken: zirka 50 Grad; in der Zelle: zirka 40 Grad.

Für den Fall, daß Eichmann sich renitent zeigen sollte, haben die Israelis vorgesorgt: Die unterirdische Zelle - etwa fünf Meter lang und drei Meter breit - wäre dann sein nächstes Quartier. Die Möbel bestehen aus einem Zementblock als Bett, einem Zementsockel als Tisch und einem Zementsockel als Stuhl. Neben Toilette und Waschbecken befindet sich die vergitterte Mündung einer elektrisch betriebenen Entlüftungsanlage, die auf Heißluft geschaltet werden kann. Gedächtnis sowie Mitteilungsbedürfnis des Zelleninsassen lassen sich auf diese Weise nach Bedarf kräftigen.

Während der Nacht ist Eichmann verpflichtet, mit dem Gesicht zur Wache zu schlafen. Bei jeder Veränderung dieser Lage wird er sofort geweckt.

Bis heute allerdings brauchte der israelische Geheimdienst bei der Befragung Eichmanns keine "harten" Methoden anzuwenden. Der Schock der plötzlichen Festnahme, die gewaltsame Verfrachtung nach Israel sowie die perfekte Isolierung in dem weißgekalkten Milieu stummer, nicht mehr zu steigernder Feindseligkeit lassen den Häftling auf alle Fragen bereitwillig, ja dankbar Antwort geben.

Hält diese Aufgeschlossenheit bis zum Prozeß an, so dürfte Eichmanns physische Integrität auch weiterhin gewährleistet sein: Gesichert ist dann auch der öffentliche Auftritt Eichmanns vor dem Tribunal, da er bis dahin so tief in seine eigenen Aussagen verstrickt und so mürbe sein wird, daß kein Ausbruch aus dem vorgesehenen Prozeßgeleise mehr zu befürchten steht. Gericht und Staatsanwalt können mit dem Versuch beginnen, aus dem umfassenden und zweifellos für viele quasi-ehrbare Bundesrepublikaner kompromittierenden Wissen Eichmanns jene Partien ins Licht zu stellen, die sie ausgeleuchtet wissen wollen. Sie können dort ebenso gnädig wie zügig weitereilen, wo ihnen Schweigen für die Reputation einzelner Israelis oder für das wohlverstandene Interesse des Staates Israel opportun erscheint.

Vielsagend meldete die in Tel Aviv erscheinende deutschsprachige Zeitung "Jedioth Chadaschoth" am 26. Mai - am gleichen Tag, an dem sie ausführlich über die erste, mit dem Auftauchen Adolf Eichmanns zusammenhängende Verhaftung in der Bundesrepublik (Eichmann-Gehilfe und Korbacher Nachkriegs-Drogist Krumey) berichtete - neue, schon recht dezidierte Hoffnungen an: "Es ist allen Einsichtigen klar, daß nach 1963 (nachdem die drei Milliarden Mark Reparationen bezahlt sein werden) die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel nicht abgebrochen werden dürfen, sondern daß deutsche Hilfeleistungen an Israel in anderer Form, zum Beispiel im Rahmen der Subventionierung unterentwickelter Länder, unbedingt fortgesetzt werden müssen."

Dazu Ben-Gurion: "Die Weltöffentlichkeit muß an die vergangenen Taten der Nazis erinnert werden."

Doch soll der Eichmann-Prozeß nicht nur einer über deutsche Sünden entsetzten internationalen Leser- und Hörerschaft die moralische Verpflichtung der Bundesrepublik zu weiteren Israel-Zahlungen plausibel machen. Der Prozeß wird auch Israels noch immer gefährdete Stellung gegenüber seinen feindlichen arabischen Nachbarn propagandistisch verstärken.

Ben-Gurion: "Es besteht kein Zweifel daran, daß Dutzende und Hunderte von Nazis - Deutsche und Araber - heute Diktatoren in benachbarten Ländern dienen."

Tatsächlich besteht kein Zweifel daran, daß der großnasige Gamal Abd el-Nasser im unfernen Kairo neben den bundesrepublikanischen Steuerzahlern zu den eigentlich Leidtragenden des Eichmann - Prozesses gehören wird. Genau jenen Begriff "Endlösung" nämlich, den Eichmann in den Jahren nach 1938 als Leitbild entwickeln half, führen heute wieder arabische Politiker im Munde, vorerst freilich nur als Phrase. Ben-Gurions Sondergericht zu Jerusalem wird nun zeigen, wie zumindest einmal in der Geschichte aus den Fieberträumen kranker Gehirne die bis dahin unvorstellbare Realität wurde.

Endlösung - das bedeutete die grausige Verwirklichung des Schlachtrufs "Juda verrecke!", mit dem Hitlers braune Anhängerschaft, ganz ähnlich wie Nassers aufgepeitschte Massen durch die Straßen von Kairo und Damaskus, vor der Machtergreifung durch München, Frankfurt und Berlin gezogen war. Daß diese Ankündigung jemals buchstäblich wahr werden sollte, konnte damals niemand wissen.

Zwar war das Programm der NSDAP betont antisemitisch, aber es entsprach im wesentlichen jenem sogenannten gemäßigten Antisemitismus, der in bürgerlichnationalen Kreisen seit dem Einsickern der Ostjuden aus Polen und Galizien üblich war: Man mochte diese Juden nicht und wünschte sie ohne Einfluß - oder besser dahin zurück, woher sie gekommen waren. Nach ihrem Leben trachtete man nicht.

Als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach in Nürnberg um eine Stellungnahme zu Hitlers antisemitischem Programm gebeten wurde, begnügte er sich mit dem vielsagenden Satz: "Wenn man ein gutes Pferd kauft, muß man ein paar Mängel hinnehmen."

Die Mängel wurden - zunächst jedenfalls - beinahe anstandslos hingenommen; freilich wurde auch nur schrittweise offenbar, wie das "gute Pferd" Hitler die Judenfrage zu lösen gedachte. Ersten, örtlich begrenzten Verfolgungen im Februar und März 1933 - Sturm auf eine Dresdner Synagoge - und einem von der Partei gelenkten, von Bischof D. Otto Dibelius ausdrücklich gutgeheißenen Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 folgten Jahre, in denen die Juden sozusagen legal - durch Gesetze und Verordnungen der Reichsregierung - bekämpft wurden: Beamte wurden vorzeitig pensioniert, später wurden auch noch die Pensionen gestrichen; Hochschullehrer mußten ihre Lehrstühle räumen, Rechtsanwälte verloren die Zulassung bei Gericht, jüdische Kassenärzte durften nur noch Juden behandeln.

Den wichtigsten Schritt auf diesem Wege markieren die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935:

> das "Reichsbürgergesetz", das zwischen Reichsbürgern deutschen oder artverwandten Blutes einerseits sowie nicht artverwandten "Staatsangehörigen" - sprich: Juden und Zigeunern - andererseits unterschied und damit praktisch zwei Klassen von Menschen schuf, außerdem das

> "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", das eheliche wie außereheliche Beziehungen zwischen den beiden neuen, durch das erste Gesetz geschaffenen Klassen von Staatsbürgern als "Rassenschande" bei Androhung schwerer Strafe verbot.

Das legal-illegale Programm zur Deklassierung deutsch-jüdischer Staatsbürger - illegal, weil Hitler 1933 geschworen hatte, die Weimarer Verfassung zu achten, in der allen Bürgern gleiche Rechte zugesichert waren - entsprach nur den Minimalforderungen der Rassen-Wahnsinnigen, die sich vornehmlich im "Stürmer" (Auflage 1935: 436 000 Exemplare) verbreiteten. In erster Linie war es als Druckmittel gedacht, die Auswanderung der Juden - das frühe, vergleichsweise humane Programm der Endlösung - zu beschleunigen.

Als der 17jährige Herschel Grynszpan am 7. November 1938 den deutschen Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath in Paris erschoß, war der Anlaß da, auf den die radikalen, von der früheren Judenpolitik Hitlers enttäuschten Antisemiten in Deutschland nur gewartet hatten: Die gesteuerten öffentlichen Pogrome begannen.

Berichtete Heydrich am 11. November 1938 an Göring: "An Synagogen wurden 191 in Brand gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert... Festgenommen wurden rund 20 000 Juden, ferner sieben Arier und drei Ausländer. An Todesfällen wurden 36, an Schwerverletzten ebenfalls 36 gemeldet."

Auf die inoffizielle Vergeltung der Schüsse Grynszpans in der "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938 folgte die offizielle vom 12. November: Göring, damals noch der zweite Mann im Staat, wurde von Hitler beauftragt, für eine "einheitliche, zusammenfassende Erledigung" der Judenfrage zu sorgen. Das Ergebnis konnte im Reichsgesetzblatt (November und Dezember 1938) von jedermann nachgelesen werden:

> Alle jüdischen Betriebe waren sofort sogenannten arischen Treuhändern zu übergeben mit der Maßgabe, sie an Nichtjuden zu verkaufen.

> Die "reichsfeindliche Haltung" der deutschen Juden wurde durch eine Kontribution von einer Milliarde Reichsmark gesühnt, die in die Rüstung floß.

> Von der SA angerichtete Schäden an jüdischem Besitz durften nicht von den Versicherungen ersetzt, sie mußten von den Juden selbst getragen werden.

> Juwelen, Schmuck und Kunstgegenstände mußten von Juden zu Zwangspreisen an staatliche Ankaufsstellen veräußert werden.

> Juden durften weder Kraftfahrzeug noch Führerschein besitzen.

> Der Zutritt zu Kinos, Theatern, Konzerten, Badeanstalten und öffentlichen Parks wurde Juden untersagt, ein Ausgangsverbot für alle Juden für die Zeit zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens erlassen.

> Jüdische Kinder durften öffentliche Schulen nicht mehr besuchen.

> Alle Juden wurden mit einer Sondersteuer belegt.

> Jedes Mietverhältnis zwischen Juden und Nichtjuden wurde untersagt. Kommentierte Göring: "Das wird hinhauen" und: "Ich möchte kein Jude in Deutschland sein."

Nach Erlaß dieser Verordnung trat Göring den Auftrag zur "Lösung der Judenfrage" an Reinhard Heydrich ab, der alsbald ein selbsterfundenes, besonders lukratives Auswanderungssystem an rund 45 000 Wiener Juden praktizierte.

Heydrich steckte vermögende Juden kurzerhand in seine Konzentrationslager - eine Auswanderungsgenehmigung erhielten sie nur dann, wenn sie zugleich das Löse- und Emigrationsgeld für zwei oder drei ärmere jüdische Leidensgenossen hinterlegten.

Indes: Nicht nur die eingeschworenen Antisemiten von Partei und SS, auch angesehene konservative Politiker scheuten sich nicht, ihre Kräfte in den Dienst dieser "humanen Endlösung" zu stellen. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, am 5. Januar 1939 von Hitler zum Sonderbeauftragten für die Förderung der jüdischen Auswanderung ernannt, legte nach Verhandlungen mit einem internationalen Auswanderungskomitee in London einen Plan zur Finanzierung der Zwangsemigration vor, der zunächst das Wohlwollen des großdeutschen Regierungschefs fand:

Das Vermögen der deutschen Juden, meinte Schacht, solle gesperrt werden und als Sicherheit für eine internationale Anleihe dienen, mit deren Hilfe die geordnete Aussiedlung aller Juden aus dem Deutschen Reich innerhalb von drei bis fünf Jahren zu finanzieren sei. Die kühne Idee des finanzgenialen Dialektikers scheiterte jedoch am 20. Januar 1939, als der Reichsbankpräsident sich weigerte, die Notenpresse in Gang zu setzen, sich mit Hitler überwarf und seinen Abschied nahm. Fortan lehnte es Hitler ab, das Vermögen der Juden für irgendwelche Emigrationspläne zur Verfügung zu stellen.

Vier Tage nach Schachts Abgang wurde SD-Chef Heydrich von Göring ermächtigt, eine Zentrale für jüdische Auswanderung zu bilden, um "die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer . . . Lösung zuzuführen". Mit dieser Entscheidung gab Göring den Weg für jenen unscheinbaren SS-Hauptsturmführer frei, der schließlich als Chefdirigent der Endlösung die Deportationszüge aus ganz Europa zu den Vergasungskammern von Auschwitz und Chelmno, Maidanek und Belzec lenken sollte: Adolf Eichmann.

In den Personalakten der SS wird der Chef des Amts IV B 4 (Judenfragen) der Abteilung Inneres beim Reichssicherheitshauptamt am 19. Juli 1938 von seinem Vorgesetzten als selbstbewußter, korrekter SS-Mann geschildert. Rassisches Gesamtbild: "nordisch-dinarisch"; besondere Fähigkeiten: "Verhandeln, Reden, Organisieren". SS-Mitgliedsnummer: 45 326; NSDAP-Mitgliedsnummer: 899 895.

Sein Freund Dieter Wisliceny, von Eichmann später zur Deportation der slowakischen Juden abkommandiert, nannte ihn einen "Subalternbeamten, pedantisch und ordnungsliebend. Über jedes Gespräch ... legte er sofort einen Aktenvermerk an, um immer gedeckt zu sein". Wisliceny: "Eichmann ... verkroch sich stets hinter seinem Chef."

Adolf Eichmann, Jahrgang 1906, ist zwar in Solingen im Rheinland geboren, aber die prägenden Eindrücke seiner Jugend empfing der fanatische Gefolgsmann Hitlers in jenem deutsch-österreichischen Landstrich, in dem sein Führer groß geworden war: In Linz avancierte Vater Eichmann zum Direktor der Straßenbahn- und Elektrizitäts-AG; in der Staatsoberrealschule Linz wurde Adolf Eichmann von demselben Lehrer unterrichtet, der sich Jahre zuvor bemüht hatte, dem Schüler Adolf Hitler aus Braunau am Inn die ersten Kenntnisse in deutscher Geschichte einzutrichtern.

Wie Hitler zählte auch Eichmann nicht zu jenem Typ nordischer Edlinge, die nach beider Überzeugung schon wegen ihres blondblauen Äußeren zu Herren über "jüdische und ostische Untermenschen" bestimmt waren. Und wie seinem Führer war auch dem Gefolgsmann Erfolg im bürgerlichen Leben nicht beschieden: Der krummbeinige Ingenieurschüler Adolf Eichmann verließ die österreichische Bundeslehranstalt für Elektrotechnik, Maschinenbau und Hochbau nach nur zwei Jahreskursen ohne Examen. Er wurde Reisender, zunächst für eine Elektrofirma, später für den Shell-Konzern, der ihm im Juni 1933 kündigte. Versicherte Eichmann: "Wegen Zugehörigkeit zur NSDAP ... Der deutsche Konsul in Linz/Donau, Dirk von Langen, bestätigte mir diese Tatsache in Form eines Schreibens."

Mit dieser Konsul-Referenz als Beweis für bedingungslos nationalsozialistische Gesinnung setzte sich Altkämpfer- Eichmann nach Deutschland ab, um alsbald der österreichischen Legion der SS in Dachau beizutreten. Am 1. Oktober 1934 wurde er als Hilfskraft für die Freimaurerkartei des SD in Berlink abgestellt. Wisliceny: "Er schrieb Karteikarten auf der Schreibmaschine."

Im Jahr darauf ist Eichmann im Museum beim SD-Hauptamt tätig und beginnt, angeregt durch eine Sammlung jüdischer Kunstgegenstände und Münzen, Hebräisch zu lernen. Unter dem Aktenzeichen II/112/10-1 verwendet sich seine vorgesetzte Dienststelle am 18. Juni 1937 dafür, dem SS-Hauptscharführer Eichmann die "weitere Unterrichtserteilung durch einen Rabbiner" zu genehmigen und "die hierzu notwendigen Mittel (pro Stunde ca. 3 RM) zu bewilligen".

In der Begründung dieses für SS -Männer gewiß außergewöhnlichen Begehrens wird darauf verwiesen, wie nützlich es wäre, wenn zumindest ein Angehöriger des SD hebräisch verstünde. Der Reichsführer SS Himmler, dem das Gesuch vorgelegt wurde, fand jedoch wenig Gefallen an der Idee, daß einer seiner Getreuen bei einem Juden in die Schule gehen solle. Er lehnte ab, und Eichmann lernte ohne Rabbi weiter. Die gewiß spärlichen, in kargen Freizeitstunden erworbenen Kenntnisse waren immerhin ausreichend, dem Autodidakten eine steile Karriere zu eröffnen. 1936 wird er zum Judenreferat des SD, der Abteilung II/112, versetzt. 1937 hat er sich zum Sachbearbeiter für Zionismus emporgearbeitet und reist nach Palästina und Ägypten, um Kontakte mit dem Großmufti von Jerusalem, dem Judenfeind Nummer Eins im Vorderen Orient, herzustellen.

Nach der Besetzung Österreichs Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien, schiebt er innerhalb weniger Monate so viele Juden über die Grenzen, daß Heydrich ihn nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei mit der Gründung eines ähnlichen Amts in Prag beauftragt. 1939 ernennt er ihn zum Chef des Judenreferats im neugebildeten Reichssicherheitshauptamt (RSHA).

Drei Jahre später, am 20. Januar 1942, ist Eichmann Mitglied jenes illustren Kreises hoher Ministerialbeamter und SS-Chargen in Berlin-Wannsee, die mit Heydrich einen Plan für die "Gesamtlösung der Judenfrage" in den deutschen Einflußgebieten Europas beraten. Jetzt ging es nicht mehr um die Auswanderung, in deren Rahmen seit 1933 360 000 Juden aus dem Reichsgebiet und seit 1938 rund 177 000 aus Österreich und der Tschechoslowakei abgeschoben worden waren.

Heydrich in Wannsee: "In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese (Ost-) Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der anfällig verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist." Adolf Eichmann wird die Organisation der Transporte anvertraut.

Mit der radikalen Lösung - Ausrottung - war in der Praxis freilich schon Monate vor der Wannsee-Besprechung begonnen worden. Den Armeen, die seit Sommer 1941 in Rußland kämpften, folgten die Einsatzgruppen des SD und räumten in der Etappe zwiefach unter den Juden auf:

> Der traditionelle Antisemitismus der einheimischen Bevölkerung, vor allem der Ukrainer und Weißrussen, wurde durch gezielte Propaganda aufgeputscht, bis er sich in Pogromen (Lemberg, Kowno) entlud.

> Die Einsatzgruppen säuberten das Hinterland von Partisanen, Kommissaren und Juden durch Massenerschießungen - eine Methode der Ausrottung, die kürzlich in dem Fernsehspiel "Am grünen Strand der Spree" gezeigt wurde und auf allgemeinen Unglauben stieß, obwohl sie urkundlich bewiesen ist,

Berichtete der Leiter der Einsatzgruppe D (Südukraine), SS-Obergruppenführer Ohlendorf, 1946 in Nürnberg: "Man ließ die jüdische Bevölkerung durch ihre Judenältesten unter dem Vorwand erfassen, daß sie umgesiedelt werden sollten... Nach der Registrierung wurden die Juden an einem Ort zusammengefaßt. Von da aus wurden sie dann später an den Hinrichtungsort gefahren. Der Hinrichtungsort war in der Regel ein Panzerabwehrgraben oder eine natürliche Gruft."

Leiter der vier Einsatzgruppen waren, neben dem General der Polizei und SS -Obergruppenführer Otto Ohlendorf, der Chef der Kriminalpolizei, SS-Brigadeführer Arthur Nebe (Einsatzgruppe B), der Gestapo-Beamte und SS-Brigadeführer Franz Walter Stahlecker (Einsatzgruppe A) sowie der Polizeigeneral und SS - Brigadeführer Dr. Dr. Otto Rasch (Einsatzgruppe C). Ihre Formationen: eigens für diesen Sondereinsatz geschulte Beamte von SD und Gestapo, Polizei-Regimenter, Geheime Feldpolizei und SS-Sondereinheiten.

Zumindest für einen dieser vier Gruppenchefs, für Stahlecker, bedeutete die Übernahme des Henkerkommandos eine Degradierung. Zuvor Leiter der Abteilung Ausländische Nachrichtendienste beim SD, verstand er, daß Heydrich ihn "zur Bewährung' an die Front abkommandiert hatte, und war bereit, aus dieser Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen. Er tat sich durch besondere Härte hervor: Bereits am 15. Oktober 1941 meldete er an Himmler, 135 567 Personen seien in seinem Einsatzgebiet - den Baltischen Staaten - "im Einklang mit den grundlegenden

Befehlen" liquidiert worden. Arthur Nebe vermochte demgegenüber in den ersten fünf Monaten des Rußlandfeldzugs nur 45 476 Opfer seiner Spezialkommandos zu registrieren.

Als freilich die Massenerschießungen, die sich auf die Dauer kaum geheimhalten ließen, unerwünschtes Aufsehen erregten, führten Eichmann und seine Helfer eine neue, lautlose Methode des Liquidierens ein.

Dr. Ernst Wetzel, Leiter des Rassenpolitischen Amts der NSDAP, seit dem Rußlandfeldzug in Rosenbergs Reichsministerium für besetzte Ostgebiete tätig, konnte schon am 25. Oktober dem Reichskommissar für das Ostland, Gauleiter Hinrich Lohse, die Mitteilung machen, daß die Technik des Massenmordes in Kürze eine wesentliche Bereicherung erfahren werde. Schrieb Wetzel: "Oberdienstleiter Brack von der Kanzlei des Führers (hat) sich bereit erklärt, bei der Herstellung der erforderlichen Unterkünfte sowie der Vergasungsapparate mitzuwirken. . . Ich darf darauf hinweisen, daß Sturmbannführer Eichmann, der Sachbearbeiter für Judenfragen im Reichssicherheitshauptamt, mit diesem Verfahren einverstanden ist... Nach Sachlage bestehen keine Bedenken,wenn diejenigen Juden, die nicht arbeitsfähig sind, mit den Brackschen Hilfsmitteln beseitigt werden."

Wetzel versäumte auch nicht, die Vorzüge der neuen Methode in umständlichem Bürokratendeutsch anzupreisen: "Auf diese Weise dürften dann auch Vorgänge, wie sie sich bei den Erschießungen der Juden in Wilna ergeben haben, und die auch im Hinblick darauf, daß die Erschießungen öffentlich vorgenommen wurden, kaum gebilligt werden können, nicht mehr möglich sein."

Die Hilfsmittel des Führerkanzlisten Victor Brack, deren Einsatz Adolf Eichmann ausdrücklich gebilligthatte,waren bereits erfolgreich erprobt, ehe sie gen Osten rollten. Es handelte sich um jene Omnibusse, in denen Geisteskranke im Rahmen des Euthanasie-Programms in den Jahren 1939/41 spazierengefahren und durch Auspuffgase getötet worden waren. Die Bedienungsmannschaft dieser Aktion firmierte unter der Tarnbezeichnung "Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege".

Entgegen der Meinung Wetzels war freilich Brack nicht der Erfinder dieser Gaskammern auf Rädern, sondern nur Zeuge, als der Kriminalkommissar und SS-Sturmbannführer Christian Wirth sie in der Anstalt Brandenburg erstmals anwandte. Wirth damals: "Bei uns gibt es keine Kranken, bei uns gibt es nur Tote."

Das Wirthsche Mord-Omnibusunternehmen florierte im Raum Lublin, mit etlichen Verbesserungen, bis jener Mann auftauchte, der dann die - technische - Endlösung des Tötungsproblems einführte: 1941 erhielt der damalige SS-Hauptsturmführer Rudolf Höß von Himmler den Auftrag, das Konzentrationslager Auschwitz - Höß: "Weil es bahntechnisch am günstigsten lag" - zum Massenvernichtungslager auszubauen. Dem Höß erschien die Auspuffgas-Methode von Anfang an als antiquiert, unrationell - und zu teuer.

Auf einer Inspektionstour durch die Vernichtungslager Culenhof bei Lodz und Treblinka (am Bug) fand Höß seine Meinung bestätigt: "In Treblinka sah ich den gesamten Vorgang. Es waren dort mehrere Kammern, einige hundert Personen fassend, unmittelbar am Bahngeleise erbaut... In einem daneben erbauten Motorenraum befanden sich verschiedene Motoren größerer Lastwagen und Panzer, die angeworfen wurden. Durch Rohrleitungen wurden die Abgase der Motoren in die Kammern geführt und die darin Befindlichen getötet. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis es in den Kammern still wurde ..."

Seine Kritik: "Es wurde mir gesagt, daß die Motoren nicht immer gleichmäßig arbeiteten, daher die Abgase oft nicht so stark seien, um alle in den Kammern zu töten. Viele seien nur bewußtlos und müßten noch erschossen werden."

Versuchsweise warf Höß Zyklon B, ein Blausäurepräparat, in -die Arrestzellen seines Lagers. Höß: "Der Tod erfolgte in den vollgepfropften Zellen sofort nach Einwurf." Das ursprünglich

zur Insektenvertilgung bestimmte Blausäuregas wurde fortan einer neuen Bestimmung zugeführt - der Vernichtung "menschlichen Ungeziefers". Die Todesmühlen in Auschwitz-Birkenau konnten hochtourig laufen - Vernichtungskapazität: 16 000 Juden, Zigeuner und Kommissare pro Tag.

Adolf Eichmann, der Chefdirigent der Endlösung, kämmte unterdessen vom Schreibtisch aus Europa nach Juden durch und ließ seine Opfer nach Osten verfrachten.

Himmler vor Reichs- und Gauleitern am 6. Oktober 1943 in Posen: "Der Satz ,Die Juden müssen ausgerottet werden' mit seinen wenigen Worten, meine Herren, ist leicht ausgesprochen. Für den, der durchführen muß, was er fordert, ist es das Allerhärteste und Schwerste, was es gibt."

Männer wie Höß und Eichmann waren freilich nicht von allzuvielen Skrupeln geplagt, im Gegenteil: Der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, brüstete sich in Nürnberg, er habe zweieinhalb Millionen Juden auf dem Gewissen. Knapp ein Jahr später reduzierte er die Zahl seiner Opfer vor einem polnischen Gericht auf 1,3 Millionen - eine Vernichtungs-Bilanz, die nach den Untersuchungen des Engländers Gerald Reitlinger noch immer zu hochgegriffen ist.

Reitlinger kommt zu dem Ergebnis, daß "nicht viel weniger als eine Million Menschen in Auschwitz, seinen Gaskammern und Lagern umkamen" - davon mindestens "550 000 bis 600 000 sofort nach ihrer Ankunft". Die genaue Zahl wird sich freilich - nie ermitteln lassen, weil Höß gehalten war, nach jeder "Aktion" alle Unterlagen, "die Aufschluß über die Zahl der Vernichteten geben könnten", sofort zu verbrennen. Höß: "Ich vernichte alles persönlich."

Nicht weniger skeptisch beurteilt Reitlinger andere Erfolgsmeldungen von SD-Henkern, die sich durch übertriebene Abschußziffern bei ihren Vorgesetzten ins rechte Licht setzen wollten. Die Zahl von sechs Millionen jüdischer Opfer, mit der sich Eichmann noch im August 1944 im Budapester Hotel Majestic vor dem SS-Sturmbannführer Hoettl brüstete, erscheint ihm ebensowenig plausibel wie die Verlustliste von 5.7 Millionen, die vom Jüdischen Weltkongreß dem Nürnberger Tribunal vorgelegt wurde - zu einem Zeitpunkt allerdings, da noch kaum verläßliche Unterlagen zur Verfügung standen.

Reitlinger, der als Engländer von vornherein gegen den Verdacht der Beschönigung gefeit ist, in den deutsche Autoren bei ähnlich nüchternen Untersuchungen nahezu automatisch geraten müßten, kommt durch Vergleich der jüdischen Einwohnerzahlen innerhalb der von deutschen Armeen besetzten Gebiete mit den Auswandererziffern und den Zahlen der Überlebenden zu dem Schluß, daß mindestens 4194 200, maximal jedoch 4 581 200 Juden der Ausrottungspolitik zum Opfer fielen.

Reitlinger: "Über ein Drittel der verschwundenen Juden Europas (ist) nicht durch direkte Ermordung, sondern an Überarbeitung, Seuchen, Hunger und Elend" - an der indirekten Methode der Ausrottung in den Konzerntrationslagern - "zugrunde gegangen... Über eine Million... wurden von den Hinrichtungskommandos erschossen oder während der Razzien in den Gettos umgebracht".

"Auschwitz", meint er, "hat wahrscheinlich trotz seiner ungeheuren symbolischen Bedeutung weniger als ein Fünftel der Opfer gefordert." Trotz aller Sorgfalt kann jedoch auch diese nüchterne Bilanz keinen Anspruch darauf erheben, vollständig zu sein. Solange nicht Statistiken über die jüdischen Einwohner der Sowjet-Union und Rumäniens vorliegen - die Schätzungen schwanken heute für die Sowjet-Union zwischen 2 650 000 und 1 600 000 Überlebenden - wird sich die Summe der Opfer genau überhaupt nicht ermitteln lassen. Hier könnte Eichmann möglicherweise weiterhelfen.

Im Jahre 1945 lebten in Europa, soweit es Hitlers Armeen überflutet hatten, jedenfalls nur noch rund 1,2 Millionen Personen mosaischen Glaubens: Beschlossene Gemeinden in Teilen Ungarns und Rumäniens, Partisanengruppen in Polen, befreite Sklavenarbeiter aus den Konzentrationslagern - und diejenigen Juden, die es vermöge ihrer Verbindungen oder kraft besonderer Phantasie und Zähigkeit verstanden hatten, individuell unterzutauchen.

Diese insbesondere waren es, die sofort nach dem deutschen Zusammenbruch begannen, nach den Mördern ihrer Glaubensbrüder zu forschen. Ohne System zuerst, aber in genauester Kenntnis von Charakter und Methode ihrer Todfeinde - vor allem jedoch: befeuert von ebenso begründetem wie grenzenlosem Haß.

Sofort nach der Konstituierung Israels im Jahre 1948 wandelte sich die individuelle Suche einzelner Überlebender aus Eichmanns Mordmühlen in eine systematische, weltweite Treibjagd auf den flüchtigen Jäger: getragen jetzt von einem der besten Geheimdienste, dessen Stärke nicht in Apparat und Geldmitteln, sondern in der unübersehbaren Zahl unbeamteter, aber bereitwilliger Helfer in den fünf Erdteilen beruht; jeder Jude fühlt sich verpflichtet, das Seine dazu beizutragen, daß sich Jahwes Gesetz wenigstens an den Henkern Israels erfülle.

Die Suche mußte dort einsetzen, wo sich die Spur des SS-Obersturmbannführers Eichmann am 3. Mai 1945 verloren hatte: im Salzburgischen. An jenem Tage stoppte der Sektionschef im Reichssicherheitshauptamt Eichmann mit seinem Troß vor Alt-Aussee, um sich bei Chef Kaltenbrunner zu melden, der in dem idyllischen Fremdenort letztes Hoflager hielt.

Kaltenbrunner zeigte dem Henker die kalte Schulter: "Der Kerl kompromittiert uns bei den Amerikanern."

Der Obersturmbannführer Eichmann verschwand - und tauchte erst am Vormittag des 23. Mai 1960 wieder auf, als er, ein hagerer Mann mit Halbglatze, abstehenden Ohren und ausgelaugtem Dutzendgesicht, in einem alten Hause der israelischen Hafenstadt Jaffa vor dem Bezirksrichter Jadid-Halewi erklärte: "Jawohl, ich bin Adolf Eichmann."

Im Salzburgischen fingen die Amerikaner am 8. Mai 1945 lediglich Den Luftwaffengefreiten Hirtl. Seine Papiere, erzählte dieser Hirtl, habe er befehlsgemäß vernichtet. Später gab sich Eichmann, um nicht wegen seiner Blutgruppentätowierung aufzufallen, im Gefangenenlager als Leutnant der Waffen-SS aus und schlug sich nach Norddeutschland zu dem Bruder eines SS -Kameraden durch, der ihm - nichtsahnend - Arbeit als Holzfäller gab.

Der professionelle Menschenjäger Eichmann war klug genug, jeder Verbindung mit seiner Familie in Linz zu entsagen. Im Jahre 1950 verschaffte er sich einen Flüchtlingsausweis des Roten Kreuzes und reiste nach Argentinien, wo Evita und ihr Perón damals noch den alten Kämpfern bereitwilligst Asyl gewährten.

Alsbald ließ der Emigrant seine Frau Vera und die drei Söhne Klaus, Adolf und Dieter nachkommen. In Tucuman erhielt er einen Personalausweis auf den Namen Ricardo Clement. Frau Eichmann, geborene Liebl, mietete in Buenos Aires eine bescheidene Wohnung auf den Namen Catalina Clement. Im Frühjahr 1960 bezog die Familie ein mehr oder minder selbstgebasteltes Schreberhaus im Vorort San Fernando.

Zuerst werkelte Ricardo Clement - bis das Unternehmen Bankrott machte - für die deutsch-argentinische Firma Capri, die Gutachten für Industrie-Niederlassungen anfertigte. Die Firma, die unter Leitung eines ehemaligen SS-Offiziers namens Fuldner stand, war nach dem Grundsatz "Unsere Ehre heißt Treue" lediglich geschaffen worden, um alte SS-Kameraden zu versorgen.

Kümmerlich schlug sich Eichmann durch. Schließlich konnte er bei "Mercedes-Benz-Argentina" unterschlüpfen, wo ihn israelische Agenten im Februar 1960 ausfindig machten.

Diese erstaunliche Entdeckung kann allerdings kaum als Krönung einer planvoll bis zum Halali abrollenden Jagd gelten, wie phantasievolle Gehirne dem israelischen Geheimdienst, ihn gleichzeitig unter- und überschätzend, andichteten: Weder lagen die Israelis Jahr um Jahr in Linz auf der Lauer, bis Frau Eichmann eines Tages aus Argentinien kam, um lieben Bekannten einen Besuch abzustatten, noch folgten sie ihr auf der Rückreise bis zum Schlupfwinkel des Ehemanns.

Der Sicherheitsdienst arbeitete nicht romantisch, aber mit Methode - und unter kostensparender Verwendung seiner anonymen Armee jüdischer Amateur-Detektive. Ein brasilianischer Jude war es, der im Bekanntenkreis den ersten Hinweis auf Clements Identität erhielt und den Tip weitergab. Der Rest war für Ben-Gurions Häscher Routine.

Sie verglichen das der Clement-Akte in Tucuman angeheftete Begleitphoto mit dem - einzigen - Suchbild, das sie von Eichmann besaßen. Die Ähnlichkeit war frappant: Zwar fehlte dem Ricardo Clement das zarte, fast mädchenhafte Air, das den SS-Jüngling von einst kennzeichnete. Doch der mandelförmige Augenschnitt und die leicht nach links gezerrte Oberlippe genügten, in Ricardo Clement den jahrelang vergeblich gesuchten Adolf Eichmann wiederzuerkennen.

Das Suchbild allerdings - insofern zehrte die mächtige Organisation von der frühen Initiative rachedurstiger jüdischer Einzelgänger nach dem Kriege - war schon 1946 beschafft worden: Asher Ben Nathan - Deckname: Arthur -, heute als Direktor des israelischen Sicherheitsdienstes Verbindungsmann zwischen Ben-Gurion und dem Gesamt-Geheimdienst, besorgte es aus Linz.

"Arthur" hatte von dem einsitzenden SS-Standartenführer Wisliceny den Hinweis auf eine Freundin bekommen, die Eichmann bis 1945 gelegentlich besuchte. In Urfahr an der Donau, am linken Ende der Linzer Brücke, stöberte er diese Frau auf, durchsuchte nachts das Haus und - fand Eichmanns Photo. In aberhundert Kopien wurde das Bild fortan über die Welt verbreitet und diente dem Nürnberger Gericht als einzige Bildunterlage von Hitlers erfolgreichstem Mörder.

Nachdem es gelungen war, Eichmann in Buenos Aires zu identifizieren, standen die Israelis vor der Alternative,

> entweder unter Nachweis der Identität von Ricardo Clement mit Adolf Eichmann und unter Berufung auf einen der in Nürnberg geschaffenen (weltrechtlichen) Tatbestände der Kriegsverbrechen um die Auslieferung des Nazihenkers nachzusuchen

> oder aber unter grober Verletzung des Völkerrechts sich des Adolf Eichmann mit Gewalt zu bemächtigen.

Israel entschied sich für den zweiten Weg. Zum einen deshalb, weil die Begründung des Auslieferungsantrags formaljuristisch nicht eben einfach gewesen wäre- Eichmann hatte seine Verbrechen weder auf israelischem Boden, ja nicht einmal gegen den Staat Israel als solchen begangen.

Zum anderen: Selbst wenn es gelungen wäre, das Auslieferungsbegehren durchschlagend zu begründen, so war doch mit einer langwierigen Prozedur zu rechnen. Während dieser Zeit hätte Eichmann neuerlich untertauchen können, zumindest mußte mit dieser Möglichkeit gerechnet werden.

Im übrigen wußten die Israelis, daß man sich in Buenos Aires mit der Auslieferung deutscher Kriegsverbrecher Zeit zu lassen pflegt - selbst dann, wenn die Rechtslage absolut eindeutig ist. So erließ am 5. Juni 1959 das Amtsgericht Freiburg im Breisgau Haftbefehl gegen den deutschen Staatsangehörigen Dr. phil. et med. Josef Mengele, geboren am 16. März 1911 in Günzburg (Bayern), "früher wohnhaft gewesen in Freiburg im Breisgau, Sonnenhalde Nummer 87, jetzt wohnhaft in Virrey Ortiz 970 Vicente Lopez - FCNGBM Pcia. de Buenos Aires . . . wegen dringenden Verdachts des vollendeten und versuchten Mordes". Dem Doktor Mengele warf der Freiburger Staatsanwalt vor, als SS-Hauptsturmführer in Auschwitz ungezählte Menschen durch medizinische Experimente getötet zu haben.

Die Vorwürfe waren in jeder Weise substantiiert. Dennoch reagierte die argentinische Regierung auf das wiederholte Auslieferungsersuchen der Bundesrepublik bis heute nicht. Inoffizielle Begründung: Es handele sich um ein politisches Delikt.

Ben-Gurion entschloß sich, den Eichmann holen zu lassen. Zeitpunkt und Modalitäten der Entführung setzte der Geheimdienst fest.

Daß man sich in Tel Aviv für den 10. Mai entschied, geschah im Hinblick auf das Sonderflugzeug (4 X-AGE) der israelischen Linie El Al, das am 20. Mai Israels Delegation zur argentinischen Unabhängigkeitsfeier nach Buenos Aires bringen und am folgenden Tag kurz nach Mitternacht wieder zurückfliegen sollte: Die Agenten erhielten damit volle zehn Tage, den Adolf Eichmann so zu präparieren, daß er ohne Aufsehen durch die Zoll- und Paßkontrollen auf dem Flughafen geschleust werden konnte. Für den Fall, daß der Coup am 10. Mai nicht klappen würde, blieb den Kidnappern genügend Spielraum, am nächsten oder übernächsten Tag neuerlich auszuholen.

Der Plan gelang schon beim ersten Versuch: Am 11. Mai erschien Eichmann nicht mehr an seinem Arbeitsplatz; am 24. Mai las Catalina Clement in der Morgenzeitung die Erklärung Ben-Gurions, daß Eichmann sich in israelischem Gewahrsam befinde. Sohn Klaus telephonierte eine Reihe Journalisten-Adressen ab: Adolf Eichmann sei aus Argentinien entführt worden. Daß ihm zunächst niemand Glauben schenkte, war einem geschickten Verwirrungsmanöver der Israelis zu verdanken.

In Tel Aviv nämlich erklärte der Polizeichef Nachmias, Art und Ort von Eichmanns Festnahme seien als Staatsgeheimnis zu betrachten und würden voraussichtlich niemals offenbart. Zugleich aber speisten, um von Argentinien abzulenken, israelische Dienststellen ein gutes Dutzend Nachrichtenhändler mit den widersprüchlichsten Angaben über den Eichmann-Raid und riefen praktisch selbst jene Gerüchte ins Leben, die tagelang die Spalten der Presse füllten, den SPIEGEL eingeschlossen: etwa, Eichmann sei im Scheichtum Kuweit oder in Damaskus gefaßt worden.

Der Vorsitzende der amerikanischen Liga zur Bekämpfung von Diffamierungen, Benjamin Epstein, verstieg sich in einem Anfall glaubensbrüderlicher Ekstase sogar zu der Behauptung, Adolf Eichmann habe sich erst durch eine kosmetische Operation camoufliert und sei dann nach Israel gefahren, um dort endlich eine Geliebte wiederzusehen, der er seit Jahren hörig sei. Diese edle Frau jedoch habe nicht gezögert, die zärtliche Offerte samt Ankunftsdatum den israelischen Behörden zur Verfügung zu stellen.

Auch die phantasiereichen Judith- und Holofernes-Geschichten konnten freilich nicht verhindern, daß die Wahrheit allmählich durchsickerte. Schon Anfang Juni wagte niemand mehr daran zu zweifeln, daß die Israelis den Adolf Eichmann in Argentinien gefaßt hatten.

In dem nun einsetzenden Disput über die völkerrechtlichen Aspekte der Aktion Eichmann wahrten Westdeutschlands Zeitungen den gebotenen Takt, weniger rücksichtsvoll jedoch benahmen sich die amerikanischen Blätter. Schrieb die "Washington Post": "Mit dem geplanten Verfahren (wird) weder der Herrschaft des Rechts noch der Unverletzlichkeit der Person gedient... Israel hat keine gerichtliche Befugnis, den Fall zu verhandeln . . . Laßt die Deutschen, die diese Kreatur erzeugten, die Schande auf sich nehmen, sich mit ihr zu befassen."

Die seriöse "New York Times" interpretierte die Situation des (souveränen) Staates Argentinien: "Für das Land, in dem Eichmann gefangen würde, muß die Feststellung schlimm sein, daß seine Staatsangehörigen durch israelische Agenten ganz nach Belieben herausgeschmuggelt werden können."

Und auf Gerüchte anspielend, daß Familie Clement/Eichmann wenige Tage nach Ben-Gurions Knesseth-Erklärung verschwunden sei, warnte das Blatt: "Für die Israelis würde es äußerst peinlich sein, wenn sich erweisen sollte, daß Eichmanns Frau und Söhne ermordet wurden, um jede Spur zu verwischen, die zum Ort der Festnahme Eichmanns führen könnte." In der Tat: Eichmanns Familie wurde seit dem 3. Juni nicht mehr gesehen, und das scharfe Dementi des israelischen Presseamts vermochte nicht jene düsteren Vermutungen zu widerlegen, denen die "New York Times" so unverblümt Ausdruck gegeben hatte.

Das Protestgemurre in Übersee wurde auch nicht leiser, als plötzlich die Behauptung auftauchte, eine argentinische Nazi-Organisation habe Eichmanns Frau und Kinder abtransportiert: Für einen solchen - imaginären - Kampfbund renommierter Nazis gab es schlechthin keinen plausiblen Grund, die frühgealterte, unansehnliche Deutschböhmin Vera Liebl, verehelichte Eichmann, von der argentinischen Bühne zu zaubern.

Vera Eichmann hatte ihren Platz stets abseits der garstigen politischen Geschäfte gehabt, denen der ihr angetraute SS-Obersturmbannführer nachging. Aufschluß über Werdegang und Spezialtätigkeit des steckbrieflich gesuchten Mörders war von ihr deshalb kaum zu erhoffen.

Den Streit um das Kommando-Unternehmen Eichmann zu schlichten, schlug der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, schließlich vor, den Prozeß gegen Eichmann einem internationalen Gerichtshof in Jerusalem zu übertragen. Die Regierung Ben -Gurion, meinte der prominente amerikanische Zionist, "soll alle Länder, die unter der NS-Besetzung gelitten haben, auffordern, Richter für diesen Gerichtshof zu bestellen".

Ben-Gurion jedoch, der im Eichmann-Prozeß so etwas wie die mystische Überhöhung des eigenen Lebenswerks sieht, blieb unzugänglich. "Es bedeutet vielleicht den ersten Akt historischer Gerechtigkeit in der Geschichte der Menschheit", so beschied er den Goldmann, "daß eine von vielen Feinden eingeschlossene kleine Nation in der Lage ist, auf ihrem Hoheitsgebiet einen ihrer Hauptfeinde abzuurteilen."

Mag nun diese unbeugsame Haltung politisch klug oder unklug sein: So sicher es ist, daß die Entführung Eichmanns eine grobe Verletzung der argentinischen Souveränität darstellt, so fest steht andererseits das Recht Israels, gegen den Eichmann zu prozessieren, nachdem er nun einmal in israelische Hand gefallen ist.

Das Paradoxe am israelischen Vorgehen im Falle Eichmann liegt darin, daß die Voraussetzung für diesen Prozeß, die Festnahme, nur mittels eines klaren Rechtsbruchs (Entführung) geschaffen werden konnte; der Prozeß selbst dagegen, soll er den beabsichtigten moralischen Effekt haben, muß extrem rechtsstaatlich aufgezogen werden. Nach den Regeln der Logik schließt das eine das andere aus. In den Augen des Patriarchen Ben-Gurion aber steht das Gesetz des Volkes Israel in diesem Einzelfall turmhoch über allen völkerrechtlichen Kautelen.

Das israelische Gesetz erlaubt nicht nur, sondern gebietet geradezu die Aburteilung des in israelischer Hand befindlichen Judenmörders. Zwar hat Eichmann keine seiner Straftaten auf israelischem Hoheitsgebiet begangen. Es wäre dies schon deshalb unmöglich gewesen, weil der Staat Israel erst im Mai 1948 aus der Taufe gehoben wurde. Der israelische Strafanspruch gegen Eichmann stützt sich aber auf ein Sondergesetz, das die Knesseth im Jahre 1950 eigens für die Bestrafung von nationalsozialistischen Kriegsverbrechen - die natürlich im Ausland begangen wurden - in Kraft setzte.

Dabei handelt es sich durchweg um Verbrechen gegen allgemein anerkannte Grundlagen der menschlichen Gesellschaft. Eine Parallele hierzu bildet in Deutschland der Begriff "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", der sich auf die Verletzung naturrechtlicher, das heißt über dem positiven Gesetzesrecht stehender Normen bezieht.

So erblicken denn auch die Israelis in ihrem Sondergesetz vom Jahre 1950 keine Ausnahme vom Verbot der rückwirkenden Kraft von Strafgesetzen, sondern argumentieren, daß dort,wo die Grundlagen des Rechts in Frage gestellt werden, auch die "Magna Charta" des Rechtsbrechers - keine Strafe ohne vorher statuiertes Gesetz - nicht anwendbar sei.

Das Gesetz vom Jahre 1950, das ordnungsgemäß erlassen und auch nach internationalen Maßstäben als einwandfreie Rechtsgrundlage angesehen werden muß, ist aber nicht nur in seinem zeitlichen Anwendungsbereich (Rückwirkung) praktisch unbegrenzt, sondern sprengt auch die normalerweise gültigen territorialen Grenzen für die Anwendbarkeit israelischen Rechts.

An sich bestraft Israel nur solche Taten, die auf israelischem Territorium begangen worden sind. Das Gesetz gegen NS-Verbrechen wäre jedoch als rechtspolitische Maßnahme sinnlos, wenn es unter diese Beschränkung fiele; tatsächlich angewandt wurde es bislang freilich nur auf einige jüdische KZ-Kapos, die im Lande selbst entdeckt und festgenommen worden waren.

Allerdings könnte der Mörder der europäischen Juden - theoretisch - auch an einen dritten Staat, der ihn zur Aburteilung reklamieren würde, ausgeliefert werden: nicht jedoch an die Bundesrepublik Deutschland.

Voraussetzung für die Übergabe einer der israelischen Jurisdiktion einmal unterworfenen Person ist nämlich "ein Übereinkommen ..., welches die Gegenseitigkeit bei der Auslieferung von Rechtsbrechern vorsieht".

Hierunter ist ein völkerrechtlicher Vertrag zu verstehen, wie er bislang zwischen Deutschland und Israel nicht abgeschlossen worden ist. Allenfalls könnte Eichmann an Argentinien überstellt werden, mit dem Israel jüngst ein Auslieferungsabkommen schloß - sofern Buenos Aires Eichmanns argentinische Nationalität nachweisen und sodann die Auslieferung begehren würde. Beides ist unwahrscheinlich. Denn die Argentinier müßten in diesem Fall den weltbekannten Massenmörder als einen der Ihren reklamieren.

Entschlossen profitiert Ben-Gurion von der Tatsache, daß es schlechthin keiner demokratischen Regierung möglich ist, ausgerechnet um die Person eines Karl Adolf Eichmann eine Rechtsschutz-Kontroverse zu entfachen.

So wird Eichmann zielstrebig vernommen, ohne daß diese Arbeit durch Gestellung eines Rechtsanwalts vorzeitig kompliziert würde. Und in der Tat, Abwehrchef Herzogs Leute sind beachtlich vorangekommen.

Ihr letzter und bisher größter Erfolg: In dem oft geweckten Einzelhäftling Eichmann scheint sich die Überzeugung zu festigen, daß er den Israelis bei der Vervollständigung ihrer Geschichtsbücher helfen müsse - und daß er diesen privaten- Wiedergutmachungsbeitrag im Grunde schon als Ricardo Clement in Argentinien habe leisten wollen.

Anders nämlich läßt sich, Ben-Gurions erstaunliche Erklärung nicht verstehen, mit der er am Dienstag vergangener Woche die ob der Entführung vorstellig gewordene argentinische Regierung provozierte: Eichmann, heißt es in dem israelischen Schriftsatz, sei freiwillig ins Militär-Camp zu Lydda gekommen; die Aktivität der Israelis sei praktisch darauf beschränkt gewesen, dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer den Flug kostenlos und risikofrei zu ermöglichen.

Die israelische Regierung rühmt sich in dieser Note, eine entsprechende Erklärung von Eichmann zu besitzen. Der hochmoralische Wortlaut: "Ich, der unterzeichnete Adolf Eichmann, erkläre aus meinem eigenen Willen: Seitdem meine wahre Identität bekannt geworden ist, habe ich erkannt, daß es keinen Sinn hat, länger zu versuchen, mich der Gerechtigkeit zu entziehen. Ich erkläre daher, daß ich gewillt bin, nach Israel zu reisen, um mich dort einem zuständigen Gericht zu stellen."

Das war den Argentiniern entschieden zuviel. In einer äußerst scharfen Note verlangten sie jetzt, daß der ehemalige SS-Obersturmbannführer innerhalb einer Woche nach Argentinien zurückgebracht werde. Sie stützten ihr Verlangen nicht etwa auf den Auslieferungsvertrag, sondern auf die durch-Israel begangene Souveränitätsverletzung: Falls Eichmann nicht überstellt werde, wolle Argentinien vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen Israel Klage erheben.

Überdies forderte Buenos Aires die Bestrafung jener israelischen Agenten, die sich durch Menschenraub einer Verletzung der argentinischen Gesetze schuldig gemacht hätten.

Diesem Verlangen kann nun freilich die israelische Regierung aus verschiedenen Gründen nicht nachkommen - unter anderem deshalb, weil eben auf dem Geheimdienst nunmehr die einzige Hoffnung beruht, den Adolf Eichmann ohne Krach für Ben-Gurions Jerusalemer Monster-Prozeß und für Israels Prestige zu retten.

Gelänge es nämlich den Vernehmern in Haus 1 des Geheimpolizei-Quartiers, dem Juden-Vernichter seine Selbstgestellungs-Theorie kurzfristig so in Fleisch und Blut eingehen zu lassen, daß er sie auf einer internationalen Pressekonferenz bestätigen würde, so wäre Israel aller diplomatischen Peinlichkeit enthoben: Argentiniens Souveränitäts-Protest wäre hinfällig.

Es ist indes unwahrscheinlich, daß die Israelis den Eichmann, selbst wenn die Vernehmungskünstler von Abwehrchef Herzog versagen würden, auf argentinischen Druck hin rücküberstellen. Justizminister Rosen hat bereits wissen lassen, daß der Prozeß voraussichtlich Anfang 1961 stattfinde: Der Prozeßstoff werde auf Eichmanns letzten und rabiatesten Auftritt - auf sein Erscheinen in Ungarn - beschränkt.

Daß die Israelis beabsichtigen, die Anklage gegen Eichmann vorwiegend auf den Fall Ungarn zu stützen, hat prozessuale wie politische Gründe.

Hatte es Eichmann bis 1944 vorgezogen, als anonymer Drahtzieher im Hintergrund zu bleiben, die Massenliquidation vom Schreibtisch in Berlin aus zu lenken und alle wichtigen Anordnungen von Gestapochef Müller unterzeichnen zu lassen, so trat er bei der Deportation der ungarischen Juden erstmals als Hauptverantwortlicher ins Rampenlicht. Das Beweismaterial ist daher erdrückend.

Werden die Taten, die Eichmann in diesem Zusammenhang vorgeworfen werden, in Jerusalem aber erst gerichtsnotorisch, dann dürfte es den Israelis kaum schwerfallen, ihren moralischen Druck auf die Bundesrepublik aufrechtzuerhalten und sich damit weiterer Wirtschaftshilfe zu versichern. Im Gegensatz zu den besetzten und eroberten Gebieten nämlich, in denen Eichmanns Liquidations - Kommandos während des Krieges ungestört die Massengräber füllen konnten, vermochten sie auf dem Terri torium des Bündnispartners Ungarn ohne Zustimmung der ungarischen Regierung wenig zu erreichen. In Tel Aviv dürfte deshalb der Nachweis geführt werden, daß die Pläne Eichmanns ohne die tatkräftige Unterstützung durch da Auswärtige Amt niemals hätten verwirklicht werden können - eine Tatsache, die dem Staatssekretär von Steengracht und seinem Budapester Gesandten Veesenmayer bereits im Wilhelmstraßen - Prozeß in Nürnberg halbwegs nachgewiesen werden konnte, ohne daß der Hauptbelastungszeuge der Anklage - Adolf Eichmann - im Zeugenstand erschien.

Vor diesem Hintergrund ist die Drohung Eichmanns zu lesen, er werde führende Politiker und hohe Beamte der Bundesrepublik belasten.

Bis zum März 1944, als Eichmann in Budapest erschien und sein Hauptquartier im Hotel Majestic aufschlug, war Ungarn ein Land innerhalb des deutschen Machtbereichs, das die Deportation seiner jüdischen Bürger hatte verhindern können. Das einzige Zugeständnis, zu dem sich Admiral Horthy bereit fand, war die Abschiebung einiger Zehntausend jüdischer Einwohner jener Teile der Slowakei, der Karpato-Ukraine und Jugoslawiens, die er durch das Bündnis mit Hitler eingehandelt hatte und die er nicht als seines Schutzes bedürftige ungarische Juden betrachtete.

Als sich aber die sowjetischen Truppen der ungarischen Grenze näherten und die ungarische Regierung Friedensfühler zu den westlichen Alliierten auszustrecken begann, sah Hitler keine Veranlassung mehr, die Wünsche Horthys noch länger zu respektieren: Er zwang dem Reichsverweser eine Regierung auf, die praktisch nach den Anweisungen des Bevollmächtigten Veesenmayer handelte.

Schon wenige Wochen nach Dienstantritt - am 24. April 1944 - konnte Edmund Veesenmayer dem Reichsaußenminister von Ribbentrop melden, daß seine Mission erfolgreich verlaufe: Ab 15. Mai, drahtete der Reichsbevollmächtigte für Ungarn nach Berlin, würden täglich 10 000 Juden nach Auschwitz geschafft.

In der Tat: Es gelang Eichmann - der jetzt zusammen mit seinen Gehilfen Dieter Wisliceny und Hermann Krumey von Budapest aus das Juden-Treiben leitete -, bis zum 30. Juni rund 380 000 Juden zu deportieren, von denen die Masse in den Gaskammern von Auschwitz den Tod fand.

Noch rollten die Züge mit Nachschub für die Todesmühlen des Zyklon-B -Höß, als sich der Vorhang für den nun endgültig letzten Akt im Drama der europäischen Juden hob: Eichmann schlug Joel Brand, einem Beauftragten der Budapester Juden, einen makabren Handel vor: "Ich verkaufe Ihnen eine Million Juden für 10 000 Lastkraftwagen, tausend Tonnen Kaffee und etwas Seife."

Wie kaum anders zu erwarten, kam das Schachergeschäft nicht zustande. Zwar empfing Lord Moyne, Großbritanniens Staatsminister für den Mittleren Osten, den Juden aus Budapest; aber er war weder in der Lage noch willens, den Rückzug der geschlagenen deutschen Armeen mitten im fünften Kriegsjahr durch Überstellung von 10 000 Lastkraftwagen flüssiger zu gestalten.

Moyne zu Brand: "Wo soll ich mit einer Million Juden hin?" Wenige Monate später, im November 1944, war der Lord ein toter Mann.

Die Schüsse, denen er zum Opfer fiel, wurden von extremen Zionisten abgefeuert, die England seit Jahren vorwarfen, es habe mit den Einwanderungsvisa für Palästina unbarmherzig sparsam gewirtschaftet und damit den Tod Tausender von Juden mitverschuldet.

Der Prozeß gegen Eichmann wird jedoch nicht nur Licht auf die Haltung der westlichen Alliierten in diesen kritischen Jahren werfen, er wird zugleich eine intern-jüdische Debatte neu entfachen, die seit der Mission Joel Brands die Israelis nie zur Ruhe kommen ließ: die Debatte nämlich, wie unter 250 000 Menschen rund 1600, für die der Kopfpreis und damit das Leben gesichert ist, so hätten ausgewählt werden sollen, daß die 248 400 übrigen - todgeweihten - sich gerecht behandelt fühlten. Genau vor diese Zirkel-Quadratur sahen sich Doktor Rezsö Kastner und Andreas Biss im Juni 1944 nach dem Scheitern der Mission Joel Brands gestellt. Gegen eine Kopfquote von 1000 Dollar handelten sie vom Tauschpartner Eichmann in Budapest für 1600 ungarische Juden die Freiheit ein. Kastner wurde später in Israel bezichtigt, er habe vorzugsweise Verwandten und Freunden die Fahrkarte in die Freiheit zugeschanzt. Am 3. März 1952 wurde er in Jerusalem auf offener Straße erschossen. Täter: extreme Zionisten.

Die Wunde, die jener Mord dem sich eben erst formierenden israelischen Staatsbewußtsein schlug, ist bis heute nicht vernarbt. Die geringste Berührung wird sie schmerzhaft aufreißen.

In der Tat liegt hier der Preis, den die Regierung in Tel Aviv für diesen "einmaligen Prozeß in der Geschichte der Menschheit" (Ben-Gurion) zu zahlen bereit, sein muß. Zusammen mit der blutigen Wäsche von Hitlers Henkern wird zwangsläufig auch die schmutzige Wäsche israelischer Rivalitäten und Gehässigkeiten gewaschen werden müssen.

In diesem Sinne warnte die "New York Times" schon am 29. Mai: "Israelis mit manniglacher persönlicher Erfahrung mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg befürchten, daß ein langer, ins einzelne gehender öffentlicher Prozeß gegen Adolf Eichmann mehr schaden denn nützen wird . . . Sie befürchten die Rückwirkungen auf Israel, wenn Punkt für Punkt herausgearbeitet wird, wie manchmal hätte Sicherheit für Juden erkauft werden können und nicht gekauft wurde. Sie scheuen den Effekt, den ein so entsetzlicher Tatsachenbericht auf ihre Kinder haben muß."

Schon heute, noch ehe der Enthüllungs-Prozeß begann, traten erste unerwartete Reaktionen auf, die geeignet sind, nicht nur die Moral der jüdischen Kinder in Mitleidenschaft zu ziehen:

Unbekannte Täter pinselten in der Nacht zum Mittwoch, dem 1. Juni, Hakenkreuze an die Wände von Londoner Synagogen. Die Symbole dienten zur Verbrämung eines klotzig geschriebenen, bislang in England unbekannten Slogans: "I like Eichmann".


DER SPIEGEL 25/1960
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