DER SPIEGEL



KENIA

Archaische Schlacht

Von Thielke, Thilo

Seit sich die Elefantenpopulation erholt, eskaliert die blutige Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tier.

Der Farmer John Githinji Kangi aus Nyeri hatte keine Chance. Zuerst war ihm der Koloss gefolgt, dann hatte er ihn mit seinem Rüssel gegriffen, in die Luft geschleudert - und schließlich zertrampelt. Am 11. Juli um 11.30 Uhr sei Kangi seinen Verletzungen erlegen, notierte der örtliche Polizeichef George Wafula: gestorben auf dem Weg ins "Nyeri Provincial General Hospital".

Kangi, 49, fand den Tod, als er versuchte, eine Herde Elefanten zu vertreiben, weil die über seine Felder hergefallen war. Alarmierte Ranger vom Kenya Wildlife Service und herbeigeeilte Polizisten konnten die Tiere nur noch zurück in den "Mount Kenya Forest" treiben, einen nahe gelegenen Nationalpark.

30 000 Kenia-Schilling wird die Regierung an Kangis Familie zahlen. Das ist die staatlich festgelegte Entschädigung für einen Kenianer, der Opfer eines Elefanten wurde - rund 300 Euro.

Die Tragödie von Nyeri ist keineswegs ein Einzelfall; überall in Kenia, insbesondere an den Rändern der Nationalparks, tobt seit längerem eine archaische Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tier. Kaum eine Woche vergehe, ohne dass ein Mensch von einem Elefanten getötet werde, klagt der "East African Standard".

Da werden, ebenfalls im Nyeri-Bezirk, ein 20-jähriger Farmer und ein Wildhüter von einem "Osama" genannten Elefantenbullen getötet; drei Männer überleben weitere Attacken schwer verletzt. Auf der Moyale-Isiolo-Road rasen drei Soldaten mit ihrem Lastwagen in ein ausgewachsenes Exemplar der Spezies "Loxodonta africana" - die Männer müssen ins Hospital eingeliefert werden. Und im Nyandarua-Bezirk verwüsten zehn Dickhäuter eine Polizeistation, sie jagen die bewaffneten Ordnungskräfte in die Flucht.

In der Nähe des berühmten Massai-Mara-Schutzgebiets kam es sogar zu einer regelrechten Schlacht: 500 Krieger, mit Speeren, Äxten, Pfeil und Bogen bewaffnet, zogen gegen eine Elefantenherde zu Felde, die am Tag zuvor Maisfelder verwüstet hatte. Acht Stunden wogte das Kampfgeschehen hin und her - drei Elefanten blieben auf der Strecke.

Eine andere Herde suchte jüngst den Limuru-Bezirk heim. Ganze Häuser wurden von den "Terror-Elefanten" (die kenianische Zeitung "Daily Nation") dem Erdboden gleichgemacht, "Badezimmer, Küchen, Tore und Kornspeicher". Verzweifelt knallten Wildhüter die Tiere ab. Bilanz des Gemetzels: vier tote Elefanten, jeder rund sechs Tonnen schwer. Die Stoßzähne wurden abtransportiert, dann schlachteten Dorfbewohner die Kadaver aus: Elefantenfleisch ernährt seit Jahrhunderten die Menschen in Ostafrika.

Überall in Kenia demonstrieren mittlerweile von Elefantenherden heimgesuchte Bauern - sie fordern Kompensationen für verwüstete Baumwoll-, Bohnen- oder Erdnussfelder, dazu rigorose Einzäunungen, ja sogar den Tod jener Tiere, denen in afrikanischen Fabeln eigentlich Weisheit und Güte zugeschrieben werden. Ndovu, wie das größte Landsäugetier der Erde auf Kisuaheli genannt wird, sei zur Gefahr für Leib und Seele geworden.

Dabei ist die zunehmende Spannung zwischen Mensch und Elefant eigentlich Folge einer Entwicklung, die man jahrelang herbeigesehnt hat. 170 000 Elefanten bevölkerten in den sechziger Jahren Kenias endlose Savannen, doch nach Jahrzehnten grässlicher Massaker an den Rüsseltieren lebten 1989 nur noch 19 000 von ihnen. Damals, erinnert sich der langjährige Chef des "Kenya Wildlife Service", Richard Leakey, sei die "Elefantenwilderei fast zu einer Seuche des gesamten Kontinents geworden": "Auf der Jagd nach Elfenbein schlachteten die Wilderer, viele von ihnen mit Kalaschnikow-Sturmgewehren ausgerüstet, die Elefanten in Kenia und Tansania ab und jagten Herden bis in die Zentralafrikanische Republik und selbst in Angola."

Erst als es schon fast zu spät war, begann der Kampf um den Erhalt der Tiere. Kenias Staatspräsident Daniel arap Moi setzte auf Vorschlag Leakeys im Juli 1989 eine sechs Meter hohe Pyramide aus mehr als 2000 beschlagnahmten Stoßzähnen in Brand, um gegen den massenhaften Elefantenmord zu demonstrieren. Im Washingtoner Artenschutzabkommen wurde 1989 der Handel mit Elfenbein weltweit geächtet, bewaffnete Anti-Wilderer-Brigaden wurden aufgestellt.

Die Kampagne hatte Erfolg: Die kenianische Elefantenpopulation stieg schnell wieder auf bis zu 29 000 Tiere an. Aber im Gegensatz zu Nationalparks in Südafrika oder Namibia sind die kenianischen Reservate nicht eingezäunt; 60 bis 70 Prozent der Wildtiere leben laut Umweltministerium außerhalb geschützter Gebiete.

Die Konflikte, so erwarten Experten, werden noch zunehmen. Denn nicht nur die Zahl der Elefanten ist in den letzten Jahren gestiegen, auch die der Menschen. Mehr als 30 Millionen Einwohner hat Kenia inzwischen, 1970 waren es gerade einmal 11 Millionen.

Noch ist unklar, welchen Ausgang das Ringen des Menschen mit dem Elefanten in Kenia nehmen wird. Die Nationalparks einzuzäunen, wie manche fordern, würde Migrationsbewegungen verhindern und die einzigartigen Gebiete in riesige Zoos oder Safariparks verwandeln.

Gegen die Zerstörungswut der Riesen hilft einstweilen nur eine Methode, die vor über zehn Jahren in Simbabwe entwickelt worden ist. Die geplagten Landwirte legen um die Bananen- oder Getreidefelder Gürtel aus Chilipflanzen an. Zwar fürchten Elefanten offenbar weder Tod noch Teufel - doch wenn sie die scharfen Schoten wittern, nehmen sie Reißaus. THILO THIELKE

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Ausgabe 44 Seite 17 vom 25.10.2004

Sachen KW/94zt/Ele#Wissenschaft/Tiere/Elefanten - Ke#Kenia --------------------------------------------------------------------------------

Rubrik: Leserbriefe

Leserbriefe

Menschenverachtende Tierliebe

Nr. 42/2004, Kenia: Krieg der Elefanten

Elefanten sind keine mordlustigen und zerstörungswütigen Riesen. Vielmehr sind vor allem amerikanische und europäische Tierschutzorganisationen und die von diesen finanziell abhängigen Nationalparkdirektoren verantwortlich für den fast täglichen Tod afrikanischer Bauern, die in einem grausamen Überlebenskampf ihre Maisfelder vor Elefanten zu schützen versuchen. So menschenverachtend kann Tierliebe sein! Die "Zerstörungswut der Riesen" ist schlicht die Folge von Hunger. Hunger von Elefantenüberbevölkerungen, die in vielen Nationalparks schon Tausende Quadratkilometer der artenreichsten Lebensräume der Erde unwiederbringlich beschädigt oder zerstört haben. Solange emotionsgesteuerte Tierschützer über die Naturschutzpolitik in den afrikanischen Nationalparks bestimmen, können wir einen wissenschaftlich fundierten und nachhaltig wirkungsvollen Natur- und Artenschutz - der ohne Regulierung von Wildtierbeständen allerdings nicht möglich ist - getrost vergessen. Die "Archaische Schlacht" wird dann zu Gunsten artenverarmter Elefantensteppen, isoliert hinter Zäunen, bald zu Ende sein. Übrigens, selbst Bernhard Grzimek schrieb schon: "Elefanten müssen sterben, damit Elefanten leben können"!!

TÜBINGEN KARL HEINRICH EBERT EHEMALIGER PROJEKTLEITER AM COLLEGE OF AFRICAN WILDLIFE MANAGEMENT, TANSANIA

Bildunterschrift S. 17 Elefantenherde in Kenia Zerstörungswut als Folge von Hunger RUPPENTHAL / DPA

ID 32565394


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