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Alle Macht den Wortequirlen!

Von Matussek, Matthias

Als die österreichische Autorin Elfriede Jelinek erfuhr, dass sie den diesjährigen Literaturnobelpreis erhält, zeigte sie sich sympathisch schockiert. Die Intellektuellen des deutschsprachigen Kulturbetriebs aber bejubeln einträchtig eine ziemlich kuriose Entscheidung. Von Matthias Matussek

Hallo Stockholm, hallo Erde? Natürlich strahlten die Leute vom Verlag um die Wette und waren ganz außer sich auf der Frankfurter Buchmesse, dass ihre Kandidatin gewonnen hatte bei dieser schwedischen Sonderausgabe von "Wer wird Millionär?"

Elfriede Jelinek ist Nobelpreisträgerin, wer hätte das gedacht! Die sympathische Steiermärkerin, 57, zart, graublond, wird für ihre eher schwer verdaulichen Sadomaso-Schinken und den umso geläufigeren Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus mit dem güldensten und ehrwürdigsten Preis behängt, den der Weltliteraturbetrieb zu vergeben hat!

Ist das wahr?

Und wer ärgert sich jetzt mehr: die, die ihn auch schon gekriegt haben und jetzt schwer ins Grübeln kommen?

Oder die, die wieder mal in die Röhre geguckt haben und sich zunächst fragen: Who is this Jelinek?

Dass das Echo der internationalen Kritiker eher verhalten ausfällt, ist verständlich. Die blättern verdutzt in nicht endenden austriakischen Sentenzen, in denen Alpinisten, Faschisten und Geschlechtsorgane durcheinander purzeln und ausrollen in Ausrufen wie diesem: "Der Schwanz

steht dem Mann, den Sie hier sehen, immer noch, das tut er fast immer, super."

Das ist noch einfach. Das ist das Schwein, der Mann. Das Übrige ist komplizierter. Die Bilder ihrer Prosawerke, so raunt die Kritik, schlagen sich gegenseitig tot. Man könnte auch sagen: Alles verquirlt sich mit allem, Ressentiments, Psychogurren, surreale Arie, hassendes Lodern, Vulgarität.

Eines ist sicher: Mit Jelineks Krönung ist der Skandal ihrer Schriftstellerei abgeschafft, endgültig, falls er je einer war. Er ist in der gemütvollen Mitte angekommen und nun eine Zeit lang alpenländischer Exportschlager.

Schon spricht Österreichs rechtskonservativer Kultusminister von "der Anerkennung für den kreativen Standort", was wiederum Jelinek maßlos ärgert, aber das ist die dialektische Falle der Avantgarde seit Anfang des letzten Jahrhunderts. Ist es überhaupt Avantgarde?

Zunächst ist die Preisvergabe, keiner bestreitet das, ein Quotenurteil, stürmisch gefeiert von Alice Schwarzer und natürlich allen, die Jelinek unter Vertrag haben. Die erste Frau seit acht Jahren, und so weiter.

Keine Avantgarde also, sondern eine ziemlich abgelatschte Feminismus-Front, die da noch mal abgelaufen wird in diesem Oktober, "mutig" murmelnd und "kritisch" und "oho" , aber man hat gelernt, damit zu leben. "Wenn man diesen Preis als Frau bekommt", sagt Jelinek, "kann man sich nicht uneingeschränkt freuen."

Es ist nun mal ein Elend mit der Quote. Sie ist kunstfeindlich, und Jelinek selbst ist selbstkritisch-verzagt darüber. Sie weiß, der letzte deutsche Nobelpreis galt einem Weltroman, der "Blechtrommel", sie dagegen hat in erster Linie nervöse Aufgeregtheiten zu bieten. Auf der anderen Seite, auch nicht zu verachten, versprechen die 1,1 Millionen Euro einen "sorgenfreien Lebensabend".

Dann wiederum macht ihr, der wirklich sympathischen Jelinek, der Preis "Angst". Sie empfinde ihn als Bedrohung. Ach: Es gibt, ganz klar, ein Unbehagen nicht nur an der Kultur, sondern auch an ihrem Betrieb.

Hellsichtig springt der Kritiker-Kavalier vom "Tagesspiegel" zur Seite, der findet, dass ihr der revolutionäre Büchner-Preis viel besser stehe als der des Dynamitfabrikanten Nobel.

Dann sinniert er weiter, der Kritiker: "Wie Sartre den Preis aber abzulehnen käme ihr vermutlich zu undankbar, zu sehr männlich gespreizt und ein bisschen größenwahnsinnig vor." Jelinek, so die Schlussfolgerung, nimmt die Million aus purer Demut mit, und deshalb, weil sie nicht so größenwahnsinnig männlich ist.

Und wegen des Lebensabends natürlich.

Und da ist immer noch weit und breit kein Einziger auf dieser Frankfurter Party, der "Skandal" ruft oder sich "Bruhahahaha" auf die Schenkel klopft. Gut, der "Daily Telegraph" zitiert einen führenden britischen Literaturagenten mit den Worten: "Die Schweden sind so pervers, dass ihr Preis nichts mehr wert ist." Und ein Londoner Verleger sagt höhnisch im gleichen Blatt: "Ich habe auf einen Albaner gewettet - da lag ich nur ganz knapp daneben!"

Wenn das bitter klingt, dann aus gutem Grunde: Dieser Tage feierten die Feuilletons auf der Insel Graham Greenes 100. Geburtstag - ein weiterer Gigant, den die guten Menschen aus Stockholm übersehen haben, und Greene wurde 86 Jahre alt.

In der deutschsprachigen Geisteswelt aber kuschelt sich der "kritische" und "intellektuelle" Mainstream zusammen. Es ist ein Heimspiel. Man trinkt Wein aus Pappbechern und ist sich mit den Schweden und allen anderen halbwegs normal tickenden Menschen einig darüber, dass man gegen die Ausbeutung der Frauen ist und gegen den Faschismus.

Ach, und überraschenderweise gegen Österreich.

Ja: Jelinek, sagt die Akademie in ihrer Urteilsbegründung, "hat Österreich mit leidenschaftlicher Wut gegeißelt". Das muss offenbar reichen für den Preis, denn: Wer hasst Österreich nicht?!

Nun gibt es gerade aus schwedischer Sicht (eher Fjorde, keine Kuckucksuhren, keine Abfahrts-Goldmedaillen) sicher jede Menge Gründe, Österreich nicht zu mögen - aber muss es gleich auf solche Übertreibungen hinauslaufen?

Diese Stockholmer Preisbegründung hat es verdient, in ihrer ganzen Grauenhaftigkeit genauer unter die Lupe genommen zu werden. Jelinek zeige, wie der Widerstand gegen "klassenbedingte Ungerechtigkeit und geschlechtliche Unterdrückung" gelähmt werde.

Haben die Pfeifen rauchenden schwedischen Breitcordhosen je Girlies wie Beyoncé Knowles gesehen, die auf MTV den ganzen Tag nichts anderes tut, als

gegen die Unterdrückung zu singen. Die richtige Gesinnung allein reicht also nicht.

Kommen wir also zur Kunst, zu den ästhetischen Schocks. Alle Betriebsnudeln wissen es: Der Preis geht dieses Jahr an eine thematisch ziemlich eingeengte Lieferantin von Theaterskandalen, wie sie mittlerweile routinierter nicht sein könnten und eigentlich nur noch Theatergreise wie Claus Peymann zappelig machen.

Wie etwa: "Raststätte oder sie machen''s alle". Da warten zwei Frauen auf Autobahn-Klos darauf, mal so richtig rangenommen zu werden. Sie werden dann doch nur, hihi, wieder von den eigenen Ehemännern überrascht und fauchen, hoho: "Kein Saft schießt ihnen in die Legebatterie, wo ihre Eier gelagert sind."

In der Stockholmer Begründung liest sich das so: Der Preis gehe an Jelinek "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen".

Solche Betriebsnudel-Sätze bestehen ja immer aus den gleichen genormten Fertigteilen und ergeben immer das gleiche hässliche Kiefernregal. Hatten wir das nicht längst abholen lassen vor 20 Jahren?

Und kommt immer noch keiner auf die Idee, PHILIP ROTH zu brüllen, der erzählen und zaubern kann und in seinem letzten Roman "Der menschliche Makel" nicht nur den amerikanischen Rassismus bloßlegte, sondern gleich auch das politisch korrekte Campus-Milieu und dessen feministische Ausschusstriumphe?

Womöglich ist es das, was die Akademie nicht mag: Verstörungen im linken juste milieu, einen Gedanken, der noch nicht gedacht worden ist, eine Provokation, die noch nicht 20 Jahre abgehangen ist.

Dabei begann Elfriede Jelinek, bevor sie Thomas Bernhards frei gewordene Österreich-Hass-Planstelle besetzte und mit Peymann den Faschismus besiegte, durchaus spannend. Sie erschrieb sich 1983 ihren ersten Erfolg mit einem schmalen Prosastück, der "Klavierspielerin". Düster funkelnd schilderte sie die Beziehungshölle zwischen zwei Frauen in einem kalten, übrigens durchaus antifeministischen Wutanfall. Ein Hassgesang: Die Mutter, die den störenden Mann aus dem Hause getrieben hat, prügelt ihre Tochter zur Pianistin. Buchstäblich. Sie reißt ihr die Haare in Büscheln aus. Sie ist "Inquisitor und Erschießungskommando in einer Person".

Ihre Tochter, der der Virtuosenruhm versagt bleibt, sucht Entlastung, indem sie Pornokinos aufsucht und heimlich Liebespaare beobachtet. Im Klavierschüler Klemmer sieht die Lehrerin ein interessantes Opfer, mit dem sie ihre sadomasochistischen Imaginationen inszenieren kann. Der wendet sich angeekelt von ihr ab. "Er fürchtet sich

vor den so lang ungelüfteten Innenwelten dieser Klavierlehrerin".

Schmal, aber immerhin: Wie ein irritierender Blitz fuhr der kleine Text in die gesicherte feministische Opfer-Täter-Liturgie der achtziger Jahre. Er führte Frauen als Voyeure, Täterinnen, Pornografinnen vor. Als Mächtige. Er war Avantgarde.

Jelinek war interessant. Sie zeigte unter der züchtigen Bürgerfassade die Wildheit eines unberechenbaren inneren Lebens. Sie operierte unter der feministischen Zensur wie Heiner Müller unter der stalinistischen - ihr Standort war schwer auszumachen.

Doch spätestens mit ihrem Bestseller "Lust" (1989), der gekonnt zwischen Pornografie und deren Verteufelung tändelt, hat sie sich eingeklinkt in den "Emma"-Diskurs, in dem alle Altlinken darüber nicken, dass Kapitalisten Schweine sind und Männer erst recht - und dass meistens beides zusammenkommt.

In ihrer "Klavierspielerin" noch zeichnet sie die Tochter als Objekt der Mutter, das "möglichst unbeweglich an einem Ort zu fixieren ist, damit es nicht davonläuft". Ein paar Jahre später, als "Lust" erscheint, sind alle Unklarheiten beseitigt.

Da sitzt sie der naturgemäß völlig einverständigen Sigrid Löffler gegenüber und dekretiert: "Ich zeige, dass die Sexualität, wie sie sich im konventionellen Rahmen eines ehelichen Besitzverhältnisses abspielt, selbst Gewaltausübung ist, und zwar Gewalt des Mannes gegen die Frau." So klingt eine Dichterin, die ihre Gewissheiten gefunden hat und aufgehört hat, zu dichten. So klingt der Deutschunterricht Sekundarstufe II, der wasserdichte linke Kanon. Und seit neustem eine Nobelpreisträgerin.

Da man im Übrigen immer eine Heimat braucht und jemanden, der Gut und Böse vorsortiert, war sie schon früh der KPÖ beigetreten. Und bekämpfte die Faschisten. Und wenn keine zur Hand waren, die Abonnenten der Wiener Burg.

Ihrer Masche bleibt sie seither treu, mit wachsendem Erfolg besonders auf dem Theater, wo ihre pornografischen Edelschocker die Türen knallen lassen und man stolz darauf ist, wenn wieder mal drei zornrote Skilehrer das Haus verlassen.

Handlungen? Als ihr aus Tiraden und Chören bestehendes "Sportstück" in einem Sieben-Stunden-Marathon zur Aufführung kam, hatte sie überhaupt keine Angst, dass die Zuschauer den Faden verlören. "Handlung", sagte sie, "gibt''s eh keine." Muss es auch nicht, im modernen Regietheater, wo Texte nur "Material" sind für wild gewordene Regisseurs-Egomanen.

Ihre Stücke sind bisweilen Schocker, weil sie schockierend schlecht sind. "In den Alpen" heißt ein jüngerer Theatertext, der sich das Bergbahnunglück von Kaprun und viele tote Kinder zum Anlass nimmt, um über "Snowboardlehrer" und die "Vollkasko-Gesellschaft" zu plappern und darüber, dass bei "Stadtkindern die Selbstaussperrung aus irrationaler ökologischer Rücksichtnahme, verbunden mit einer Zunahme der Naturentfremdung, wohl zutrifft".

Wer kann denn solchen Sätzen Leben einhauchen?

Quer durch alle Feuilletons wird Jelineks Quoten-Nobelpreis nun augenzwinkernd damit geadelt, dass er wenigstens die Österreicher zu einer Art Selbstbeschäftigung, zu einer zweiten Entnazifizierung führen werde. Als hätte die Welt keine anderen Sorgen, als den abgewirtschafteten Krakeeler Haider zu bekämpfen! Im Übrigen: Warum sollten diese paar antisemitischen Idioten Beschimpfungen über sich selbst nachlesen wollen?

Nein, dieser Preis wird lediglich dazu führen, dass landauf, landab wieder die Kloschüsseln auf die Bühnen geschraubt werden, um Jelineks Toiletten-Drama zu spielen. Statt die Schaufenster vollzuräumen mit dem unbeugsamen Humanismus der Doris Lessing, den Gesellschaftspanoramen der Joyce Carol Oates, den großen Satiren und Seelenlandschaften der Romane von Philip Roth, wird es nun also Jelinek dort geben. Lust, Gier und Co.

Es ist, als hätte sich der alte Satiriker Philip Roth, der allererste Anwärter auf diesen Literatur-Weltmeister-Titel, einen Witz gemacht, vielleicht als Fortsetzung seines Romans über Political Correctness.

In Wahrheit hatte er Besseres zu tun. Dieser Tage kommt sein neuer, gewaltiger Romanbrocken auf den Markt, in dem er die düstere Vision einer Supermacht entwirft, die ihre Gesellschaft gleichschaltet und faschistisch ausrichtet. Sicher, das geht jetzt nicht gerade um den Weltenbrand, der von einem österreichischen Bundesland-Regenten ausgehen könnte, aber auf seine Art hat es doch auch Relevanz.

Preisgeld übrigens braucht Roth wahrscheinlich nicht für seinen sorgenfreien Lebensabend. Er kann erzählen, und sein Publikum hört zu - gebannt.

* Oben: König Carl Gustaf übergibt den Nobelpreis Dario Fo; unten: am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

DER SPIEGEL 42/2004
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