11.10.2004

IDOLE

Ballade vom großen Navigator

Von Hüetlin, Thomas

Der Sänger Bob Dylan bietet im ersten Teil seines Erinnerungsbuchs "Chronicles" keinen Klatsch, sondern Einblicke in die Künstlerseele - poetisch und voller Charme und Humor.

Der Mann ist schon ein komischer Kauz. Die erste Hälfte seines Lebens arbeitet Bob Dylan daran, die Massen zu erobern. Und die zweite Hälfte seines Lebens verbringt er damit, sich wieder von ihnen zu verabschieden - und das nicht wie die meisten Rockstars unfreiwillig, sondern mit voller Absicht.

Bob Dylan im Jahr 2004: ein bleicher Mann mit spöttischem Blick und dünnem Oberlippenbärtchen. Einer, der auf einer Tour unterwegs ist, von der behauptet wird, dass sie niemals endet, der rund hundert Konzerte pro Jahr gibt und seine Songs so entstellt, dass sie kein normaler Mensch wiedererkennt. Einer, der alte Genossen aus der Protestgeneration ärgert, indem er nicht davor zurückschreckt, in einem Werbespot für Damenunterwäsche herumzugeistern.

Was also ist zu erwarten, wenn solch ein Super-Mysteriöser seine Autobiografie schreibt? Drei Jahre lang. Getippt. In Großbuchstaben. Und wenn er dann das ganze Unternehmen alttestamentarisch breit "Chronicles - Volume One" nennt?

Natürlich keine gewissenhafte Aufarbeitung eines Lebens in Cinemascope-Format; kein biederes Abhaken einer Showbusiness-Karriere; keine Geburten, keine Hochzeiten, keine großen Todesfälle. Nur er und die Geschichte seiner Musik, dahingleitend wie eine Dylan-Ballade, 304 Seiten lang - mal mythologisch verwoben, mal surreal, mal lakonisch im Stil eines Country-und- Western-Sängers, mal einfach die Story eines Burschen namens Robert Johnson.

Johnson, der vielleicht wichtigste aller Blues-Sänger, hatte in den dreißiger Jahren an die 30 Songs aufgenommen. Leute, die ihn live gesehen hatten, waren von seiner Kunst derart beeindruckt, dass sie behaupteten, Johnson habe auf einer Straßenkreuzung im Süden seine Seele dem Teufel verkauft, um sein Publikum mit Musik verhexen zu können.

Als Dylan Anfang der sechziger Jahre nach New York kam, war Johnson lange tot, es gab kaum ein Foto von ihm, nur eine Compilation. Sie hieß: "King of the Delta Blues Singers". Der Produzent John Hammond gab sie ihm, und Dylan vergaß alles, was er bisher gehört hatte. "Der scharfe Klang der Gitarre konnte schier die Fenster zum Zersplittern bringen", schreibt er. "Als Johnson anfing zu singen,

hatte ich den Eindruck, dass er in voller Rüstung der Stirn des Zeus entsprungen war."

Dylan ist gerade einmal 20 Jahre alt, aber er fühlt sich bereits auserkoren für große Aufgaben. Sein Produzent hat Künstler wie Billie Holiday, Benny Goodman und Count Basie entdeckt oder gefördert. Als ein Assistent von Hammond Dylan fragt, mit wem er sich denn in der gegenwärtigen Musikszene identifizieren würde, antwortet dieser: "Mit niemandem." Er möchte sein wie Picasso; ein Revolutionär, der singt "wie Männer, die brennende Schiffe navigieren".

Mit Songs gegen das große Geld, gegen den Krieg, gegen das Establishment wird er zum Weltstar. Er vermengt Beat und Dada, Folk und Blues, Woody Guthrie, Allen Ginsberg und Rimbaud. Er schreibt Lieder, die bis heute auf jeder Friedensdemonstration angestimmt werden, "Blowin'' in the Wind", "Masters of War".

In den "Chronicles" verliert er kaum ein Wort über diesen rasanten Aufstieg, verweigert die Auskunft über berühmte politische Weggefährten oder künstlerische wie die Beatles oder die Rolling Stones. "Ich versuchte später klarzustellen, dass ich mich nicht für einen Protestsänger hielt", schreibt Dylan. Öffentlichkeit, das war für ihn die Boheme des New Yorker Greenwich Village, nicht die gesichtlosen Massen, die ihm in den großen Arenen zujubelten.

Mitte der sechziger Jahre beginnt er eine Flucht vor dem eigenen Image, eine Rückzugsbewegung, die bis heute andauert. "Egal, worum es bei dieser Gegenkultur ging, ich hatte genug davon. Ich hatte die Schnauze voll davon, dass ich zum Obermufti geweiht worden war, dass man alles Mögliche in meine Texte hineingeheimnisste, dass ihre ursprüngliche Bedeutung in etwas Polemisches verkehrt wurde - dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war."

Der Ausstieg in ein Landleben draußen auf den Hügeln von Woodstock - er half da nicht wirklich weiter. Der Showbusiness-Flüchtling wurde heimgesucht von Heerscharen von Aussteigern. "In allen 50 Bundesstaaten mussten Wegbeschreibungen ausgehängt worden sein, die ganze Scharen von Aussteigern und Junkies darüber informierten, wie man zu uns fand. Selbst aus Kalifornien pilgerten die Schnorrer herbei. Die ganze Nacht über brachen schräge Vögel bei uns ein."

Der Ruhm ging ihm nicht nur auf die Nerven. Er sei nicht mehr hungrig gewesen nach Kunst, schreibt Dylan. "Kreativität hat viel mit Erfahrung, Beobachtung und Vorstellungskraft zu tun ... Ich konnte jetzt nichts mehr beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden."

Als die Aufständischen fordern, er solle mit ihnen das Weiße Haus stürmen, fährt Dylan in den New Yorker Rainbow Room, eine der letzten Oasen, wo das Establishment noch ungestört von der Gegenkultur seine Cocktails trinken kann, und sieht sich ein Konzert von Frank Sinatra Junior an.

Die späten sechziger Jahre, die siebziger: Dylan, der Erzähler der Chronik, springt über sie hinweg und setzt erst wieder ein in den späten Achtzigern, als er seine alten Songs mit sich herumschleppt wie "eine schwere Last aus verrottendem Fleisch" und auf einmal verstummt auf einer Bühne in Locarno vor 30 000 Zuschauern (siehe nachfolgender Buchauszug): Die eigene Legende hat ihn offenbar endgültig erwürgt. Aber der Niedergang wird auch zu einer Art Befreiung.

Die Geschichte, die Bob Dylan von sich in den "Chronicles" erzählt, ist die eines Mannes, dem im Massenerfolg abhanden kam, was ihn groß werden ließ: seine Musik. Und der sie erst wiederfand, als er die Massen hinter sich gelassen hatte.

THOMAS HÜETLIN

* In der schottischen Universität St. Andrews im Juni.

DER SPIEGEL 42/2004
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