11.10.2004

FILM

Sucht nach Idylle

Von Wellershoff, Marianne

Oskar Roehlers Kinofilm "Agnes und seine Brüder" schildert ein skurriles, bewegendes Familiendrama.

Werner hat eine sehr hübsche blonde Frau, eine Mittvierzigerin, die er nach all den langen Ehejahren sexuell immer noch attraktiv findet. Doch sie entzieht sich ihm und paktiert mit ihrem älteren Sohn. Dieser ältere Sohn hat ein seltsames Hobby: Er filmt seinen Vater dauernd und installiert die Kamera schließlich in der Küche - und hält so fest, wie Werner heimlich Alkohol trinkt. Werner versucht seine zerfallende Familie mit gemeinsamen Grillabenden zusammenzuhalten. Als er sich wieder mal mit seiner Frau streitet, greift er wütend zur Elektroschere, um die Hecke zu schneiden.

Gary hat gleichfalls eine sehr hübsche blonde Frau Mitte vierzig, die ihn sexuell immer noch reizt, die sich aber spröde zeigt. Auch sie paktiert mit dem Sohn, der einen Überwachungstick hat. Heimlich bringt er eine Kamera in der Küche an und filmt, wie der Vater unbeobachtet Alkohol trinken will. Die Fassade einer Familienidylle will Gary mit Grillabenden aufrechterhalten. Nach einem Streit mit seiner Frau holt er die elektrische Schere, um wutentbrannt die Hecke zu schneiden.

Werner ist ein Protagonist aus Oskar Roehlers neuem Film "Agnes und seine Brüder", der diese Woche anläuft. Gary ist eine Hauptfigur aus Jonathan Franzens Bestseller "Die Korrekturen", der vor drei Jahren auf den Markt kam und von amerikanischen wie deutschen Feuilletons als Sensation gefeiert wurde.

Die Übereinstimmung zwischen Werner und Gary ist kaum bloß Zufall. Doch woher auch immer der Drehbuchautor und Regisseur Roehler, 45, seine Motive nimmt: Mit "Agnes und seine Brüder" ist ihm ein groteskes, lustiges und anrührendes Familiendrama gelungen, "eine deutsche Tragikomödie über eine Vorstadtsiedlung", wie Roehler den Film selbst nennt.

Im Mittelpunkt stehen drei ausgesprochen ungleiche Brüder: Werner (Herbert Knaup) wirkt wie ein Manager, ist aber Politiker bei den Grünen. Er kämpft für das Dosenpfand (und ähnelt optisch verblüffend dem Grünen-Minister Jürgen Trittin), trennt aber selbst nicht den Hausmüll, wie seine Frau (Katja Riemann) ihm vorwirft.

Hans-Jörg (Moritz Bleibtreu) arbeitet in der Universitätsbibliothek. Weil die langbeinigen, kurzberockten Studentinnen für den verklemmten Bibliothekar unerreichbar sind, schleicht er sich ins Damenklo und beobachtet sie auf der Toilette. Der jüngste Bruder ist Agnes (Martin Weiß), eine transsexuelle Tänzerin, die lieb und sanft ist, aber gemein ausgenutzt wird. Der Vater (Vadim Glowna) ist ein durchgeknallter Waffennarr mit Militärhose und wirren Haaren, der auf seine alten Tage homosexuell geworden ist.

Werner, Hans-Jörg und Agnes suchen verzweifelt nach dem kleinen Glück in der Liebe, nach der Geborgenheit in Beziehung und Familie - was ernst, komisch und traurig zugleich ist.

Obwohl Roehler jede Figur ins Groteske zieht - Werner hat einen riesigen Bilderrahmen aus Dosen an der Wand; Hans-Jörg gesteht seinen Voyeurismus in einer Selbsthilfegruppe aus sexsüchtigen Jammergestalten -, hat sein Film etwas Bewegendes, weil er zeigt, wie das Bedürfnis nach der Familienidylle sich die widerborstige Realität unterwerfen will.

Mit seinem Film "Die Unberührbare" (2000) hatte Roehler das Lebensdrama seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, eindrucksvoll verfilmt. Und in dem Beziehungsdrama "Der alte Affe Angst" (2003) widmet er sich dem Vater, von dem er sich als Kind vernachlässigt gefühlt habe.

Für "Agnes und seine Brüder" habe er sich von seinem Onkel inspirieren lassen: "Da macht die Familie Front gegen seine Körperlichkeit, weil er am Tisch furzt und bei offener Tür auf die Toilette geht."

Die von Glowna gespielte Vaterfigur erinnert übrigens stark an den durchgedrehten homosexuellen Ex-Marinesoldaten aus dem US-Film "American Beauty", durch den sich Roehler erkennbar auch in anderen Szenen hat inspirieren lassen.

Zum Glücksfall aber wird sein Film nicht durch den Mut zum frechen Zitat, sondern durch den Mut zum Exzess.

MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 42/2004
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