DER SPIEGEL



SOZIALDEMOKRATEN

Des Widerspenstigen Zähmung

Von Feldenkirchen, Markus

Nach Machtverlust und Degradierung zum Pop-Beauftragten arbeitet Sigmar Gabriel an seinem Comeback. SPD-Parteichef Franz Müntefering hilft beim Reha-Programm. Das Ziel: Der Windbeutel von früher soll einer der wichtigsten Genossen der Zukunft werden.

Sein Schiff hat angelegt, an irgendeiner Ecke des Binnenhafens Hildesheim. Der Besucher steht da, an Land, auf vertrockneten Grasfetzen und Geröll. Er blickt auf zwei Müllcontainer, zwei silberhaarige Herren, einen Notenständer und den stellvertretenden Hafenchef. Die älteren Männer führen ihre Oboen zum Mund. Es ist das Begrüßungskommando für Sigmar Gabriel.

"Wie geht''s?", fragt der Gast. Er könne nicht klagen, antwortet der Hafenchef. "Die Zusammenarbeit mit den Leuten von der Schleuse klappt einwandfrei." Die älteren Herren blasen "Die Fischer von San Juan".

"So, dann danke schön und schönen Tach noch", sagt Gabriel. Er scheint mit seinen Gedanken schon weiter zu sein. Er muss weg von hier, weg aus der Ödnis der Provinz, er eilt rasch davon. Hinter ihm ertönen die Oboen.

Aber es wartet doch nur der nächste Termin dieser Art. Er kann der Ödnis so schnell nicht entrinnen. Sigmar Gabriel ist jetzt 45 Jahre alt, und er muss Geduld haben, zum ersten Mal in seinem Leben.

Der Sozialdemokrat steckt in einem höchst ungewöhnlichen Selbstversuch. Gelingt das Experiment, hat er Chancen, in ein paar Jahren zu den mächtigsten Politikern der Republik zu zählen - vielleicht als Fraktionsvorsitzender der SPD in Berlin oder gar als Parteichef, vieles ist möglich.

Er kann auch verlieren. Denn Gabriel sitzt ein schwerer Gegner im Nacken, kraftvoll und unberechenbar. Er sieht ihn täglich im Spiegel.

Er versucht gerade, seine Energie zu bändigen und Kontrolle über sich zu gewinnen. Er möchte sich in seiner neuen Rolle selbst erfinden, so wie Gerhard Schröder es zigmal getan hat, sein Idol von früher.

Sigmar Gabriel war immer der Lauteste und der Frechste in seiner Partei. Er konnte die Menschen rhetorisch mitreißen, aber eigentlich wusste man nie, wofür er stand. Er sprang von Thema zu Thema, aber er führte nichts zu Ende. An der einzig wirklichen Hürde, die er bislang zu überwinden hatte, der Landtagswahl im Februar 2003, blieb er hängen. Irgendwann nahm man ihn, den früheren Ministerpräsidenten von Niedersachsen, nicht mehr richtig ernst.

Deshalb fährt er erst mal weiter durch seine Region zwischen Waterkant und Harz, besucht Binnenhäfen, Stahlwerke und Hinterstuben - was man eben so macht als Oppositionschef im Landtag.

Anfang Juni war Gabriel in Stadthagen. Der Aufzugbauer Otis wird dort sein Werk schließen und nach Tschechien gehen, trotz hoher Umsatzrendite. Gabriel stand da in einer Betriebshalle vor Hunderten verzweifelter Arbeiter. Er konnte eine schöne Rede halten. Aber er konnte nicht helfen.

Stattdessen schrieb er dazu ein paar Gedanken auf: dass Europa sich nicht selbst kaputtmachen und man so etwas wie bei Otis nicht zulassen dürfe. Den Brief schickte er nach Berlin, zum Parteivorsitzenden.

Franz Müntefering ernannte Gabriel daraufhin zum Chef einer neuen Kommission mit dem schönen Titel "Europäisches Sozialstaatsmodell". Vorige Woche hat Gabriel dem Vorsitzenden in Berlin sein Konzept vorgestellt, einen ersten Entwurf. Es soll eine große, eine wichtige Kommission werden.

Auf der Fahrt nach Holzminden erklärt er mit gewohnter Eloquenz, warum die Menschen nicht mehr SPD wählen. Er redet über Otis, die Aufzüge und den Wettbewerb. Auf die Frage, wie sich verhindern lasse, dass die Unternehmen einfach wegzögen, habe die SPD keine Antwort gefunden. Die wird er demnächst geben.

Er ritzt mit dem Fingernagel die Struktur für seine Kommission ins beigefarbene Leder der Armlehne. Er will viele kluge Leute treffen, etwa den früheren französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, Peter Mandelson, den Denker von Tony Blair, oder den Dänen Anders Fogh Rasmussen. Es gärt in ihm, er wälzt Gedanken über das künftige Zuammenleben in Europa.

"Schaffen wir es, das Freiheits- und Sicherheitsversprechen Europas einzulösen? Das ist eine sozialdemokratische Jahrhundertaufgabe", sagt Gabriel. Drunter würde

er es auch nicht machen. Er braucht die Superlative wie Luft zum Atmen.

Natürlich müsse dieses Europa, holt er mächtig aus, anderen Ländern ein Angebot für eine gerechte Welt machen und natürlich auch die Brücke zum Islam bauen - aber dann hält er inne. Sigmar Gabriel muss den Gegner in sich bremsen. Er darf nicht größenwahnsinnig werden. "Jetzt bin ich wieder zwei Schritte zu weit."

In der tristen Wirklichkeit ist er jetzt in Holzminden, im Altendorfer Hof, geblümte Gardinen, 70 ältere Menschen, volle Bärte und graue Dauerwellen; man trinkt Allersheimer Urpils. "Hipp, hipp, hurra", brüllt der Kegelclub im Nachbarzimmer.

"Wir hatten gedacht, dass du hier den Alleinunterhalter machst", flüstert ihm der Veranstalter beim Reingehen zu. "Kein Problem", sagt Gabriel. Er ist laut und leidenschaftlich, er verausgabt sich. Er ist jetzt bei seinem neuen Thema angelangt. "Wir müssen endlich eine europäische sozialdemokratische Politik entwickeln", ruft er. "Wir müssen verhindern, dass hier bei uns einer seine Bude zumacht, in Tschechien wieder aufmacht und dafür auch noch Fördergelder aus Brüssel bekommt."

Seine Zuhörer klopfen und klatschen - und der Redner strahlt. Er ist froh, dass er endlich ein Thema und eine Aufgabe hat.

Aber er steht auch unter Beobachtung. Als SPD-Chef Franz Müntefering kürzlich vor Vertrauten über seine Partei nach 2006 grübelte - "Ich möchte einen geordneten Übergang hinbekommen" -, fielen als Zukunftshoffnungen zwei Namen: Andrea Nahles und Sigmar Gabriel. Der Vorsitzende möchte, dass der Niedersachse für den Bundestag kandidiert, um später vielleicht die Fraktion zu übernehmen.

"Der Junge", sprach Münte, müsse aber noch an seiner Selbstdisziplin arbeiten: "Er muss zeigen, dass er Substanz hat und den Laden zusammenhalten kann." Kurz darauf berief er ihn zum Kommissionschef.

Für Gabriel ist es eine große, vielleicht seine letzte Chance. Gewinnt er endlich Profil, könnte, wenn die Generation Schröder abgewählt wird oder in den Ruhestand geht, vieles auf ihn zulaufen. Gerade in seiner, der Altersklasse der 40- bis 55-Jährigen mangelt es der SPD an Talenten.

Als es noch gut lief bei Gabriel, als er Niedersachsen regierte und man ihn den kleinen Schröder nannte, da trat er als entschlossener Reformer auf. Er wollte als Erster den Kündigungsschutz lockern. Er hielt wenig von Nestwärme, Stallgeruch und Sozialromantik. Er klang modern. Gabriel redete darüber, dass er das Dosenpfand für Quatsch halte - und stimmte später im Bundesrat trotzdem zu. Jürgen Trittin nannte ihn "sprunghaft, ohne Substanz, botschaftslos".

Nachdem die Umfragewerte sanken, verlor der selbstgewisse Pragmatiker die Übersicht und inszenierte von Stund an einen Wahlkampf gegen sein einstiges Idol Gerhard Schröder. Er kämpfte mit Hingabe für Themen, die ihn eine Woche später nicht mehr interessierten. Er zeigte sich am liebsten mit Udo Lindenberg und gefiel sich plötzlich in der Rolle des Linkspopulisten; am Ende scheiterte er fast zwangsläufig an seinem Herausforderer Christian Wulff.

Nun kommt der zweite Anlauf. Lindenberg scheint sich erledigt zu haben - jetzt empfängt er den Gesundheitsexperten Professor Karl Lauterbach in der niedersächsischen SPD-Fraktion, um sich von ihm die Bürgerversicherung erklären zu lassen. Eine Veranstaltung, die vor allem durch Seriosität besticht.

Aber dann bricht doch der alte Gabriel durch. In einer Pause eilt er nach draußen ins Foyer des Landtags von Hannover. Ein Kamerateam des NDR bittet um ein kurzes Interview, das einer Studie der OECD gewidmet ist und nach der die Bildung in der Bundesrepublik weiter schwer im Argen liegt. Gabriel hat dazu am Morgen eine Pressemeldung verschickt.

"Herr Gabriel, Sie haben nun einen Vorschlag gemacht. Wie sieht der aus?"

"Wir fordern die Union auf, der Abschaffung der Eigenheimzulage zuzustimmen. Dadurch würden jährlich sechs Milliarden Euro für die Bildung frei."

"Aber früher waren Sie persönlich doch noch gegen die Streichung dieser Zulage."

Die Vergangenheit hat ihn wieder eingeholt, das Spontane und Unstete. Gabriel spricht nun von einer Studie über die Eigenheimzulage, die er seitdem gelesen und die seine Meinung verändert habe.

"Superschön", sagt der Reporter und senkt das Mikrofon. "Jetzt würden wir Sie nur noch um einen sinnfreien Antexter bitten." Er meint damit jene Fernsehbilder, bei denen Politiker über Flure laufen oder

sich an ihren Schreibtisch setzen, ehe das Statement kommt.

"Sinnfreie Antexter? Das ist doch das, was ich am besten kann", sagt Gabriel. Dann lacht er. Es sollte ein Witz sein.

Seit Sigmar Gabriel im Februar vergangenen Jahres seine erste Landtagswahl als Spitzenkandidat verloren hatte, stand er häufig neben sich. Es gelang ihm nicht, die neue Situation, den tiefen Fall zu akzeptieren. Einige Wochen zuvor war er noch der größte Hoffnungsträger seiner Partei und auf Einladung Sabine Christiansens SPD-Repräsentant beim "Duell der Kronprinzen" gegen den Christdemokraten Roland Koch gewesen. Doch danach folgte der Sturz in die Einsamkeit, ohne Amt, ohne Christiansen.

Zum ersten Mal in seinem Leben lag Gabriel morgens im Bett und wollte nicht mehr zur Arbeit gehen. Dann wurde er krank. Viermal in wenigen Monaten ließ er sich in die Klinik einliefern, er litt unter Lungenentzündung und an Diabetes. Er litt auch unter seinem Bild in der Öffentlichkeit. Er war jetzt ein Gescheiterter, und sein Herausforderer, den er im Wahlkampf noch hochmütig als "Warmduscher" verspottet hatte, saß nun auf seinem Stuhl.

Bevor er ganz in Vergessenheit geriet, ernannte ihn das Parteipräsidium zum Pop-Beauftragten. Man konnte sich jetzt noch besser lustig machen über ihn - und der gefallene Genosse half sogar dabei, indem er lächerlich ernst gemeinte Interviews zu sei-

nem neuen Themenkreis gab. Ein Hauch von Dieter Bohlen haftete an ihm.

Der Norddeutsche Rundfunk machte sich einen Jux daraus, Tag für Tag seinen Platz im niedersächsischen Landtag zu filmen, der meist verwaist war. Gabriel ließ sich stattdessen im Land herumkutschieren, wahllos, in fast jeden Ortsverein. Er war auf der Flucht.

Dann kamen der SPD-Parteitag in Bochum und die Wahl von Olaf Scholz zum Generalsekretär - mit desaströsem Ergebnis. Schröder verdächtigte Sigmar Gabriel, eine entsprechende Stimmung geschürt zu haben, und nannte ihn fortan einen Brandstifter. Gabriel bestreitet bis heute, dass er selbst Generalsekretär werden wollte.

Aber Schröder, der Gabriels Aufstieg zum jüngsten Ministerpräsidenten förderte, wo er konnte, zeigt sich nach wie vor abweisend. "Schade, dass das Verhältnis so im Arsch ist", sagt Gabriel. Seit dem Parteitag haben die beiden kein Gespräch mehr miteinander geführt.

Denn so wie der Kanzler in ihm eine Art früheres Ebenbild sah, war Gerhard Schröder Gabriels Held. Er wollte unkonventionell sein und regieren wie Schröder. Er konnte poltern wie Schröder - und reden sogar noch ein bisschen besser. Im Kern verfolgten die beiden, etwa wenn sie die eigene Parteiführung kritisierten oder zu populistischen Ausfällen neigten, das gleiche Prinzip, Politik zu machen.

Doch jetzt, da Schröder glaubt, endlich seine Rolle als eiserner Reformkanzler gefunden zu haben, hat er für Gabriels Stil kein Verständnis mehr. Vertraute lässt er sagen, dass Gabriel ein schlechter Verlierer sei, ihm die Reife fehle und dass alle großen Politiker einmal die Erfahrung der bitteren Niederlage machen müssten.

Als Sigmar Gabriel ganz unten war, drückte man ihm eine Broschüre in die Hand, deren Cover eine Eisenbahnschiene und eine Weiche zeigte. Es war die Broschüre einer Beraterin. Sie hilft Menschen in Lebens- und Karrierekrisen. Das Bild gefiel ihm. Er hatte das Gefühl, selbst an einer Weiche zu stehen. Und er öffnete sich.

In regelmäßigen Abständen trifft er sich seither mit ihr; er nennt sie "meinen Coach". Es sind stundenlange Sitzungen, in denen sie über Gott und die Welt und vor allem natürlich über Sigmar Gabriel reden. Etwa darüber, dass er andere Menschen stärker einbinden müsse und nicht alles gleich selbst machen dürfe. Und dass er jetzt lieber weniger, aber dafür vieles gründlicher machen will. Und dass er Zweifel zulassen müsse. Ein Widerspenstiger lässt sich zähmen. "Die Frau verlangt mir einiges ab", sagt Gabriel. Das Coaching sei eine richtige Entscheidung gewesen. Vor kurzem war er wieder bei Christiansen. Müntefering gefiel das Konzept für die Kommission.

Er habe neulich eine Theorie entwickelt, sagt er bei seinem Lieblingsitaliener in Goslar, dem "Rigoletto", und beugt sich über die Speisekarte. "Ich glaube, dass übergewichtige Menschen mehr für die Reinigung ihrer Krawatten bezahlen als andere für den Kauf ihrer Krawatten. Weil sie so oft darauf kleckern." Er lacht jetzt sehr herzlich.

Im Kanzleramt machen sie Witze über seine ausladende Figur. Sie sagen, mit diesem Gewicht sei ein junger Politiker nicht mehrheitsfähig. Es sei ein Beleg für mangelnde Disziplin. Gabriel bestellt ein großes Carpaccio, später Gnocchi mit Meeresfrüchten.

Er könne jetzt, hat er anfangs gesagt, "ein ganzes Rind reißen".

MARKUS FELDENKIRCHEN

* Oben: mit Lebensgefährtin Ines Krüger 2002 in der Ägäis; unten: mit den Musikern Udo Lindenberg, Rolf Stahlhofen und Peter Maffay im Landtagswahlkampf 2003 in Braunschweig.

DER SPIEGEL 43/2004
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