18.10.2004

KINODas grausame Glück der Liebe

Der Regisseur François Ozon gilt seit Filmen wie „8 Frauen“ und „Swimming Pool“ zu Recht als junger Zauberkünstler des französischen Kinos. Nun zeigt er in seinem neuen Werk „5 x 2“ auf verblüffende, bewegende Weise die Szenen einer Ehe. Von Urs Jenny
Das Tolle an diesem Film ist - das erklärt einem jeder, schon bevor man selbst ins Kino kommt -, dass er rückwärts läuft. "Verstehst du, wie ich das meine?"
Diese Szenen einer Ehe beginnen vor dem Scheidungsrichter und gehen dann Schritt um Schritt rückwärts über die Geburt des gemeinsamen Kindes und die Hochzeit bis zu dem Tag, sechs oder sieben Jahre zuvor, wo er und sie einander an einem Mittelmeerstrand im goldenen Abendlicht zum ersten Mal näher gekommen sind.
Man könnte, wenn man ihn dann gesehen hat, genauer sagen: Das Tolle an diesem Film ist, dass er seinen Rückwärtsgang vollkommen plausibel und sinnfällig macht. Seine Erzählbewegung bringt einen paradoxerweise dazu, dass man hinterher, in der Nacht draußen vor dem Kino, die Geschichte im Kopf noch einmal ablaufen lässt, nun in der Gegenrichtung, also in der realen Chronologie, und - wie bei einem Krimi, der eine Untat zu ihrem Ursprung zurückverfolgt - mit der Frage zu spielen beginnt: War diese Beziehung, diese Liebe zwischen Marion und Gilles von Anfang an zum Scheitern verurteilt?
Wo war die Sollbruchstelle? Oder ab wann ist es schief gelaufen? Keine Schuldfrage. Keine Psychologie. Nur der Normalfall
zweier Menschen, die sich selbst nicht verstehen; nur eine unüberwindbare Fremdheit, als ihr Glück sich erschöpft hat. Ist "Scheitern" nicht längst ein viel zu pathetisches Wort, wo doch dieser Scheidungsfall durchaus in der westeuropäischgroßstädtisch-bürgerlichen Norm liegt, ein Vater-Mutter-Kind-Malheur ganz und gar im statistischen Durchschnitt?
Aber nein, es steht einem ja - draußen in der Dunkelheit vor dem Kino - kein statistisches Mittelwertkonstrukt noch so nah vor Augen, sondern diese eine und einzigartige, bewegende Geschichte von Marion und Gilles, die Geschichte eines Paars mit Jauchzern und Seufzern und Tränen, wie sie in der Unmittelbarkeit ihres Pulsschlags so kein anderer als eben François Ozon hätte erzählen können.
Da ist Stéphane Freiss als Gilles, in dessen zergrübelten Zügen noch der TV-Schönling zu ahnen ist, der er einmal war: Er ist der Verlierer, von Anfang an, und er muss als Erstes das Abstoßendste hinter sich bringen, das der Film der Figur zumutet - dass er nämlich seine Frau nach der Scheidung in ein Hotelzimmer lockt und sie dort, weil ihr nach keinem zärtlichen Abschied zu Mute ist, vergewaltigt -, und Stéphane Freiss schafft es danach doch, von Szene zu Szene so viel Liebenswürdigkeit zu gewinnen, dass die riesige Hoffnung einleuchtet, die Marion in ihn setzt.
Marion: Das ist die schöne Valeria Bruni-Tedeschi, die stets einen Zug von mediterraner Melancholie um ihre Mandelaugen und ihren Mandelmund hat. Sie ist, bevor sie mit Ozon "5 x 2" zu drehen begann, als Autorin, Regisseurin und Darstellerin in ihrer autobiografischen Filmphantasie "Eher geht ein Kamel durchs Nadel-
öhr ..." höchst originell den eigenen Befangenheiten und Lebenszweifeln zu Leibe gerückt, gewissermaßen als trotziges Kind und mit gesenktem Kopf.
Ozon dann, so sagt sie selbst, habe sich von ihr für seinen Film vor allem eines gewünscht: dass sie schön sein wolle, blonder als sonst, und dass sie den Kopf auch mal zurückwerfe und strahle vor Glück. Sie tut mehr als das. Aus der Zartheit und Schutzlosigkeit, mit der sie diese Glücksbedürftige spielt, diese Marion, die sich vom Leben nicht kleinkriegen lässt, entsteht eine Frauenfigur von ganz eigenem Reichtum, eigener Intimität: Sie hat so viel Präsenz, dass sie kein Geheimnis braucht.
François Ozon, dieser verflucht gut aussehende und inzwischen auch fast schon 37-jährige Goldjunge, ist das Sonntagskind des französischen Kinos: frühe Erfolge, viel Eigensinn, doch kein Flop und kein Absturz in einer keineswegs konformistischen Karriere, acht Spielfilme in acht Jahren ("Ach", sagt er, "das ist nicht einmal halb so viel wie Fassbinder") und seit dem Kunststück, für "8 Frauen" eine gute Hand voll kapriziöser Diven mit stählernem Charme gebändigt zu haben, von Finanziers umworben.
Doch weil er selbst als Student lange in der Rue de la Fidélité gewohnt hat, bleibt er der dort residierenden kleinen Produktionsfirma "Fidélité" treu, auch mit seinem neunten, in diesem Sommer schon abgedrehten Film "Le temps qui reste", einem Melodram mit jener Diva, für die im Kreis der "8 Frauen" kein Platz mehr war, Jeanne Moreau.
Als Kind, sagt Ozon, also bevor er die Zauber- und Manipulationsmacht des Films entdeckte, habe er am liebsten mit Barbie-Puppen gespielt. Mag sein, dass ihn das zum Regisseur starker Frauen prädestiniert hat. Als Regisseur ist er ein Virtuose, der immer weniger davon hält, mit Virtuosität aufzutrumpfen. "Ich liebe die Klarheit, die Einfachheit der Klassiker."
Natürlich hat er die Pariser Filmhochschule absolviert (wo natürlich Eric Rohmer sein Lieblingslehrer war) und nennt doch als stärksten künstlerischen Einfluss die Amateurfilme seines Vaters, Super-8-Streifen von Familienfesten oder exotischen Reisen (unvergesslich für ihn, "wie unbekümmert indische Kinder im Ganges baden, während die Kadaver von Kühen oder Flusspferden an ihnen vorbeitreiben"). Daraus habe er gelernt, sagt Ozon, dass ein Minimum an technischen Mitteln genüge, wenn der Blick auf die Dinge stimmt, und habe also alsbald mit der väterlichen Super-8-Ausrüstung die eigene Produktion begonnen.
Etwa 30 Kurzspielfilme soll er mit Verwandten und Freunden gedreht haben, bevor es an der Filmhochschule zu den professionelleren Kunststücken kam, mit denen er rasch auf Festivals auffiel (ein Quartett dieser frivolen Etüden ist als DVD unter dem Titel "X 2000" erschienen).
Ozon-Filme sind von früh an Paarfilme, Vater-Mutter-Kind-Filme, Familienfilme. In zweien seiner frühen kleinen Werke ließ er einen Sohn seine Eltern umbringen (beim ersten Mal, noch im Elternhaus, haben Ozons eigene Eltern mit guter Miene zum bösen Spiel die Opfer dargestellt), und auch in den Kinofilmen "Sitcom" und "8 Frauen" steht im dramatischen Zentrum der Mord an einer tyrannischen Übervaterfigur.
In "5 x 2" sind die beiden markantesten Nebencharaktere Marions Eltern, dargestellt von den Alt-Stars Françoise Fabian und Michael Lonsdale: In einer brillanten
Kurzszene führen sie eine ausgewachsene strindbergsche Ehehölle vor, doch ein Kapitel später wiegen sie sich als zärtliches Pärchen im Tanz.
Was man sich am allerwenigsten vorstellen kann, wenn man sich draußen in der Kälte nach dem Kino die fünf in sich gerundeten (und auch stilistisch differenzierten) Kapitel von "5 x 2" noch einmal rückwärts und also vorwärts zu vergegenwärtigen versucht, das ist Ozons Überzeugung, dass er sie nicht anders als in dieser Reihenfolge hätte realisieren können.
Im Gespräch setzt er sein entwaffnendstes Strahlen auf, um plausibel zu machen, dass es für ihn selbst beim Schreiben des Drehbuchs wie für die Schauspieler zum Beginn ihrer Arbeit zwingend war, mit dem Schluss anzufangen und sich also der intimen Grausamkeit und dem Horror der Trennungsszene auszuliefern, ohne vorher schauspielerisch die Liebe durchlebt zu haben. "Ich konnte ihnen nicht sagen, wie ihre Geschichte begonnen hat, weil es mir selbst noch nicht klar war. Ich glaube aber auch nicht, dass es Schauspielern hilft, wenn sie immer die ganze Biografie einer Figur spielen wollen. Vor der Kamera gilt nur die Gegenwart, nur der Augenblick."
Auf die Idee einer rückläufigen Erzählung, sagt Ozon, habe ihn ein früher Fernsehfilm von Jane Campion gebracht ("Two Friends"), und Harold Pinters Theaterstück "Betrogen" habe ihn in seinem Vorhaben bestätigt. Doch er hatte, genau genommen, nur die halbe Geschichte geschrieben, als er zu drehen begann, und von den Darstellern erwartete er, dass sie sich auf ein Vabanquespiel mit offenem Anfang einließen.
Valeria Bruni-Tedeschi war dazu bereit; prominentere männliche Stars nicht, weil ihnen (wie Ozon meint) schon das halbe Drehbuch verriet, dass sie als Verlierer durchs Ziel gehen würden.
Als die ersten drei Teilstücke gedreht waren, unterbrach er die Arbeit für fünf Monate, um sich über den Fortgang klar zu werden. Und als die Arbeit dann weiterging, wurde kurz auch an einer sechsten Episode herumexperimentiert, die einen Moment sexueller Euphorie darstellen sollte, was aber ins Pornografische missriet und verworfen wurde.
Es braucht alles in allem wohl Ozons Selbstgewissheit und Nervenstärke, um bei einer so bewusst offenen, suchenden und dem Augenblicksglück vertrauenden Produktionsweise das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Am Ende, nach einer rigorosen Verknappungs- und Vereinfachungsprozedur am Schneidetisch, steht "5 x 2" als ein Kunstprodukt von bestechender Geradlinigkeit, Lakonik und Eleganz da.
Ozon versteht sich als Geschichtenerzähler; irgendwelche Grundsätzlichkeiten zum aktuellen Stand der Geschlechterkonfrontation hat er nicht mitzuteilen. "Wir neigen dazu, Paare, die glücklich sind, einfach für blind zu halten", sagt er; dass aber der Mann der Verlierer ist, gesellschaftsgeschichtlich gesehen, hält er für längst entschieden.
Zur schönen Paradoxie von "5 x 2" gehört, dass der Film von Szene zu Szene heiterer, bunter, lebendiger wird. "Finden Sie nicht, dass es eigentlich ein optimistischer Film ist?", fragt der Regisseur.
Eigentlich schon, nur hat Ozon ihn mit Zwischenaktmusiken garniert, lauter Liebesschnulzen aus der ewigen italienischen Hitparade, die seine Glücksverheißung inbrünstig verhöhnen.
* Links: Ludivine Sagnier, Virginie Ledoyen, Catherine Deneuve, Danielle Darrieux, Isabelle Huppert, Firmine Richard, Emmanuelle Béart; rechts: Ludivine Sagnier.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 43/2004
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