25.10.2004

GHETTOS

Leben als Angstpartie

Von Falksohn, Rüdiger

Bewachte Wohnanlagen mit Aufpassern, Schlagbäumen und Videokontrolle sind ein blühendes Geschäft - jetzt auch in Europa. Als Gegenmodell zu Slums und Armenvierteln prägen "Gated Communities" die Ballungsräume der Zukunft.

Als Lynne und Keith Blamires zum ersten Mal auf dem sanft abfallenden Hang der südfranzösischen Urbanisation "Terre Blanche" standen und in der Ferne jene blaugrünen Bergketten sahen, die den Ort Tourrettes so malerisch einbetten, da schien das Paradies ganz nah. Mild fächelte ein Wind vom Mittelmeer, die Bahnen zweier Golfplätze mäanderten zu ihren Füßen. Um hier sesshaft zu werden, bedurfte es nur einer Unterschrift und einer netten Stange Geldes.

Kein Thema: Die Blamires aus Mayfield in der englischen Grafschaft East Sussex sind durch das Geschäft mit Toilettentüchern zu beträchtlichem Wohlstand gekommen. Binnen zweieinhalb Stunden war der Kaufvertrag perfekt für ein 4287 Quadratmeter großes Terrain, dessen heutiger Verkehrswert bei knapp 1,2 Millionen Euro liegt.

Seit einem Jahr nun entsteht ihr Haus. 17 Subunternehmer mauern und kacheln an einer üppigen Sandsteinvilla mit vier Schlafzimmern auf zwei Ebenen und voluminösem Pool, mit sorgsam gesetzten Rundbögen und einer Doppelgarage, für deren Dachkonstruktion alte Eichenbalken zum Tragen kommen.

Original provenzalische Schindeln stapeln sich noch in Holzkisten. Die eisenbeschlagenen Fensterläden aus schwerem, nahezu astlochfreiem Holz sollen in jenem Lindgrün lackiert werden, das Olivenblätter an ihrer Unterseite aufweisen. "Ich hätte Turnschuhe anziehen sollen", sagt Lynne Blamires, während sie über den von Baggern aufgewühlten Vorhof kraxelt. Sie trägt stattdessen goldene Slipper mit zierlichen Riemen.

Mediterranes Klima, der erste Abschlag vor der Terrasse - dies waren Argumente der Blamires für den Erwerb von Grundstück Nummer 25. Vor allem aber bietet Terre Blanche, Frankreichs feudalstes Reichenrefugium, einen Sicherheitsstandard, der modernste Maßstäbe erfüllt.

Ein acht Kilometer langer und zwei Meter hoher Zaun umspannt die 266 Hektar große Anlage. Er ist mit Detektoren gespickt, deren Hochfrequenzstrahlenfelder einen unsichtbaren Vorhang erzeugen. In Abständen von 25 Metern sind Infrarotkameras installiert. Tag und Nacht wacht uniformiertes Personal. Eine eigene kleine Feuerwehr tritt an, wenn's brennt.

Besucher und Neugierige werden am imposanten Eingangsportal einer Gesichtskontrolle unterzogen. Im Keller der Wache laufen die über ein eigenes Glasfasernetz verbundenen Meldesysteme zusammen. Die zentrale Monitorüberwachung und die

Bildarchivierung befinden sich im Erdgeschoss. "Unsere Kunden sind ganz gewiss nicht die unglücklichsten", sagt Terre-Blanche-Verkaufsleiterin Christine Huss, "aber wer besonders zittrig ist, der kann sich per Video zuschalten und einen Gast persönlich prüfen."

Denn wo viel Geld diskret versammelt ist, da herrscht auch große Vorsicht. Terre Blanche, ehemals eine Länderei des James- Bond-Darstellers Sean Connery, gehört seit 1999 dem deutschen SAP-Milliardär Dietmar Hopp, 64. Der investierte etwa 250 Millionen Euro, unter anderem für eine neue Umgehungsstraße, und lässt nun nach und nach insgesamt 85 Grundstücke verkaufen.

Zentrum der Anlage ist ein von der kanadischen "Four Seasons"-Kette betriebenes Luxushotel, dessen Gäste ausschließlich in villenartigen Suiten logieren. Die teuerste, rund 10 000 Euro pro Nacht, wird gelegentlich von Stars wie Britney Spears gebucht. Treten technische Probleme auf, so schleichen Handwerker diskret durch unterirdische Gänge herbei und reparieren die Elektrik, ohne groß zu stören.

Unter Sicherheitsaspekten ist das Hotel inmitten von Terre Blanche jedoch ein Restrisiko; jeder kann hier Kaffee trinken. Die Wege zu den Privatparzellen innerhalb des Areals werden deshalb nochmals durch Schranken versperrt, die sich nur mit Chipkarte öffnen lassen.

Kontrollwahn? Paranoia auf dem Lande? Der Rückzug in die Binnenwelt eines solchen Ghettos ist keineswegs ein Spleen von Superreichen.

Als Reaktion auf ein soziales Klima, das als immer bedrohlicher empfunden wird, haben bewachte Wohnkomplexe entlang der ganzen Côte d'Azur Konjunktur. Terre Blanche ist lediglich das exklusivste Beispiel einer Reihe ähnlicher Anlagen, sei es die "Domaine Le Grand Duc" in Mandelieu oder die mit Maschendrahtzaun bewehrte "Domaine du Loup" in Villeneuve-Loubet bei Nizza, seien es Apartmenthäuser wie im "Parc Bruyère" in Cannes.

"Alle wollen am liebsten in eine gesicherte Anlage", sagt Alexandra Loersch von der Serviceagentur "Perfect Home" in Ste. Maxime. Alle - das sind in erster Linie gut situierte Briten, Skandinavier, Deutsche und Pariser, denn Südfrankreich ist Hochpreispflaster.

Perfect Home hilft Hausbesitzern und solchen, die es werden wollen. Bei Einzelobjekten ist besonders wichtig, dass die Security spätestens zehn Minuten nach einem Alarm erscheint. "Eine gewisse Hysterie, teilweise auch zu Recht", beobachtet Loersch in letzter Zeit. 3000 bis 6000 Euro kostet die Aufrüstung eines Hauses zur Festung. Die jährliche Kostenpauschale pendelt um die 900 Euro, ein Zehntel dessen, was in Terre Blanche erhoben wird.

Das Resultat sind, nicht nur an der Côte d'Azur, defensive Zonen voller Misstrauen und gepflegter Langeweile, in denen die Spannungen jenseits der Barrieren ausgeblendet werden - Wagenburgen von Besitzstandsbürgern, die den von immer krasserem Einkommensgefälle geprägten Metropolen den Rücken kehren.

Auch "La Zagaleta", ein paar Kilometer außerhalb des spanischen Touristenmagnets Marbella gelegen, gehört zu den luxuriösesten Refugien in Europa. Das mehrere hundert Hektar große Waldgebiet gehörte einst dem saudi-arabischen Waffenhändler Adnan Kaschoggi. Als der vor einigen Jahren Geldprobleme bekam, bauten die Banken einen Golfplatz mitten in das Gelände, umzäunten Wälder und Flüsse. Die gehobene Kundschaft kann Bauplätze nicht unter 5000 Quadratmeter erwerben. Einer der ersten Käufer war der Liechtensteiner Star-Treuhänder Herbert Batliner.

Der Trend zum Wohnen hinter Gittern, der nun auch Europa erreicht hat, ist anderswo schon längst die etablierte Antwort auf vermeintliche und tatsächliche Gefahren. "Die Globalisierung der Angst", fürchtet der amerikanische Urbanismusforscher Mike Davis, "wird diesen Prozess der Umstrukturierung beschleunigen."

Südafrikanische Eliten verschanzen sich in Siedlungen wie Midrand in der Gauteng-Provinz um Johannesburg, einem präzise organisierten Gegenentwurf zu den scheinbar anarchischen schwarzen Townships. Gut situierte Brasilianer wohnen in "condomínios fechados" oder "condomínios exclusivos". Die venezolanischen oder argentinischen Varianten heißen "barrios cerrados" und "barrios privados". Allein im Raum Buenos Aires existieren davon mehr als 300.

In der Region um Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur kümmern sich professionelle Aufseher um etwa 60 000 Wohnungen. Bis zu 2000 Einheiten hat jede der mindestens 200 bewachten Wohnanlagen in Kairo und Alexandria am Nil.

Normalerweise funktioniert das Konzept der Abschottung - auch in den besseren Vierteln von Bukarest und Warschau, in den zu Privatdomänen umfunktionierten ehemaligen Parteidatschen nahe Moskau oder in der Anlage "Golden Gates" bei Kiew. Garantien kann es allerdings nicht geben, wie das Beispiel Riad zeigt, dessen Ausländersiedlungen auf Terroristen eine magische Anziehungskraft ausüben.

Am 12. Mai 2003 überfiel ein Islamistenkommando das nonstop bewachte "al-Hamra Oasis Village Compound", erschoss die Wachen und sprengte mehrere Autos in die Luft. Hunderte Meter weit flogen die Motorblöcke; die Hälfte der 400 Gebäude

kam durch die Explosionen zu Schaden. Ein halbes Jahr später, am 8. November, krachte es wieder, diesmal im Viertel "Muhadscha", wo ein Selbstmordattentäter sich und 17 weitere Personen tötete.

Lauern überall Fanatiker, Verbrecher, Attentäter? Spricht nicht die Uno von einer Verdoppelung der Slumbevölkerung bis 2030 auf voraussichtlich zwei Milliarden Menschen? Kein Wunder, dass bewachtes Wohnen weltweit expandiert und somit auch ein erstklassiges Geschäft bietet.

"Gated Communities" waren ursprünglich eine Spezialität der USA. Der amerikanische Bürgerstand überließ die gewaltschwangeren Kerne seiner Großstädte ihrem Schicksal, er zog nach Suburbia und später in weiter abgesonderte, genormte Parallelwelten, bevorzugt in Kalifornien, Florida und Texas.

Großzügige Schätzungen sprechen von mittlerweile 30 Millionen Amerikanern, andere von mindestens 8 Millionen, die hinter Schranken leben. Mal werden einzelne Gebäude mit Türsteher und Videoüberwachung zu den Gated Communities gerechnet, dann wieder nur komplette Instant-Siedlungen wie die im Wüstensand von Arizona errichtete 40 000-Einwohner-Stadt "Sun City", die ausschließlich Menschen über 55 akzeptiert. Auch Sackgassen, von Anrainern nachträglich mit Schlagbäumen bewehrt, tauchen in manchen Statistiken auf.

Die Privatisierung des öffentlichen Raumes erfolgt zunächst auf den Reißbrettern großer Immobilienkonsortien. Investoren wie der US-Marktführer "Leisure World" vermarkten ihre Produkte als neues Utopia und als Antwort auf die Turbulenzen unserer Zeit.

"Wollten Sie jemals Teil von einem großen Ganzen sein?", lockt der Prospekt für die Kunststadt "Celebration" bei Orlando, Florida, ein Objekt der Walt Disney Company.

Angeblich sympathisiert die Hälfte aller Amerikaner mit dieser sozialen Apartheid, obwohl Hausbesitzervereinigungen und Verwaltungsgesellschaften mitunter ein bizarres Regiment führen, das sogar in deutschen Schrebergartenkolonien für einiges Erstaunen sorgen würde. Harsche Regeln sollen die klare Botschaft vermitteln: Wir sind vom selben Stamm und verteidigen unsere Werte. Die oft zwangssymmetrische Architektur unterstreicht den trutzigen Willen, kein Abweichlertum zu dulden.

Mülltonnen dürfen nur zu bestimmten Stunden vors Haus gestellt werden. Autos gehören in die Garage, und die hat verschlossen zu sein. Wäsche soll nicht draußen trocknen. Art und Farbe von Zäunen sind vielerorts ebenso definiert wie die Bepflanzung der Gärten. Für Blumen existieren Vorgabelisten, für Büsche und Zierbäume Höhenbegrenzungen. In manchen Reservaten gilt sogar ein Maximalgewicht für Haustiere.

Die Kundschaft teilt sich, ähnlich wie in Europa, in Ruheständler, Angehörige der Mittelschicht sowie leitende Angestellte nebst Aufsteigern aus dem Sport- und Filmmilieu. Wenn Tom Cruise oder Kevin Spacey sich zu Dreharbeiten nach Berlin begeben, loggen sie sich wie selbstverständlich in einer der wenigen hiesigen Gated Communities ein, im vornehmen Potsdamer Ensemble "Arkadien", wo man hadert, dass auch der Plebs Zugang zum angrenzenden Havel-Ufer hat.

Deutschland ist Entwicklungsland. "Die Idee der offenen Stadt ist bei uns stark ausgeprägt", sagt der Mainzer Geograf Georg Glasze, der mehrere Arbeiten über geschlossene Wohnparks veröffentlicht hat. "Soziale Mischung gilt immer noch als Leitbild."

Die wachsende Zahl der Landsleute aber, die als fidele Ruheständler in mediterrane Anlagen ziehen oder in bewachten Zweitwohnsitzen an Europas Sonnensaum siedeln, belegt das enorme Interesse an einem Leben unter - auch gegenseitiger - Aufsicht. Bleiben, wenn sich diese Wohnform immer stärker durchsetzt, Bürger- und Gemeinschaftssinn auf der Strecke?

Jeder trage für sich und seine Familie die Verantwortung, sagt Glasze, aber die Flucht ins Private habe auch eine nicht zu unterschätzende politische Dimension: "Man sollte, an kleinen Baustellen gewissermaßen, daran mitarbeiten, dass gesellschaftliche Gegensätze entschärft werden - sonst wird es sehr bedenklich."

Manchmal sind es ausgerechnet die Enklaven, die Konflikte erst erzeugen oder anheizen, insbesondere im alten Europa. Jean-Marie Poujol, der parteilose Bürgermeister der Gemeinde Tourrettes, erinnert sich zwar nur an exakt 37 Freisinnige, die anfangs gegen Terre Blanche und den dort befürchteten ökologischen Raubbau zu Felde zogen. Unterstützt wurden sie allerdings durch auswärtige Umweltorganisationen und eine kritische Presse.

Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Die Hakenkreuze auf der Zufahrtsstraße Route de Bagnols, die das Engagement des deutschen Software-Krösus Dietmar Hopp geißeln sollten, sind entfernt. Auch anonyme Drohanrufe gehen nicht mehr ein. Hopp hat sich sogar, ohne großes Aufsehen, eine stattliche Ausbaureserve zulegen können.

Tourrettes zeigt sich versöhnt. Der Millionärspark und zwei weitere geschlossene Urbanisationen im Umkreis steigern den Wert benachbarter Immobilien, sie beleben den Einzelhandel, erhöhen das Steueraufkommen und schaffen begrenzt Arbeitsplätze. Baptiste Paoli zum Beispiel, der mit schwarzem Schlips und Epauletten vor Terre Blanche Wache schiebt, war früher Koch in Fayence. Jetzt hat der durchtrainierte 25-Jährige geregelte Arbeitszeiten, außerdem verdient er "deutlich mehr".

Nach wie vor kommt die Gemeinde mit einem einzigen Polizisten aus. "Wirklich gefährlich", sinniert Ortsvorsteher Poujol, "sind Nizza, Cannes und St. Raphaël" - Brennpunkte, durch die selbst mancher ortsansässige Geldadlige nur noch im unauffälligen, von innen verriegelten Gebrauchtwagen fährt, aus Angst vor Motorradgangstern, die an der Ampel blitzschnell Wertgegenstände vom Beifahrersitz rauben.

Zuweilen aber nützt selbst größte Umsicht nichts, wie der Fall einer deutschen Familie zeigt, die ihr Haus an der Côte d'Azur durch eine Wach- und Schließgesellschaft gesichert glaubte. Als sie wegen schlechten Wetters einen Ausflug nach Italien abbrach und vorzeitig zurückkehrte, fand sie daheim zwölf Schlafsäcke vor. Er habe, gestand der Chefaufpasser kleinlaut, "etwas Geld nebenher" verdienen wollen. RÜDIGER FALKSOHN


DER SPIEGEL 44/2004
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