25.10.2004

AUTOREN

Lüge möglichst wahrheitsnah

Barbara Honigmann erzählt in ihrem neuen Buch "Ein Kapitel aus meinem Leben" von der Liebe ihrer Mutter zum Agenten Kim Philby - ein strenges Porträt. Von Erich Hackl

Hackl, 50, lebt als Schriftsteller in Wien; seine Erzählung "Abschied von Sidonie" (1989) wurde ein Bestseller und verfilmt. Zuletzt erschien der Prosaband "Anprobieren eines Vaters". -------------------------------------------------------------------

Vor 50 Jahren veröffentlichte der Schriftsteller Albert Cohen "Das Buch meiner Mutter", eine schlichte, zugleich vor Leidenschaft lodernde Würdigung, die mit einer paradoxen Erkenntnis endet: "Gott sei Dank werden die lebenden Sünder rasch zu Toten, an denen man sich versündigt."

Als ein "Ich-Ich-Ich-Buch" hat Barbara Honigmann, 55, Cohens Liebeserklärung an die verstorbene Mutter gepriesen und damit auch das eigene Werk charakterisiert. Wie Cohens erinnerungssüchtige Erzählung zeichnen sich alle bisher erschienenen Prosastücke der Autorin, die in Ost-Berlin aufgewachsen ist und seit langem in Straßburg lebt, durch einen nüchternen Tonfall und ein sehnsuchtsvolles, ja schwärmerisches Temperament aus.

Sie schreibt meistens von sich und immer aus sich heraus, in einer direkten, kunstvoll-kunstlosen Sprache und ohne der Versuchung nachzugeben, die Leser durch Gunst und Last ihrer wechselvollen Familiengeschichte für sich einzunehmen. Aber gerade in ihrer neuen Erzählung, über die eigene Mutter, entfernt Honigmann sich von ihrem unverwechselbaren Stil - und von Cohens Buch, das sie so sehr liebt*.

"Ein Kapitel aus meinem Leben": Mit diesen Worten hatte Honigmanns Mutter Lizzy einst ihre Beziehung zu dem britischen Doppelagenten Kim Philby ange-

deutet. 1910 als Alice Kohlmann in Wien geboren und in erster Ehe mit einem Zionisten verheiratet, war sie von den frühen dreißiger Jahren an für die Kommunistische Partei Österreichs tätig gewesen. In diesem Zusammenhang hatte sie, kurz vor dem Arbeiteraufstand vom Februar 1934, Philby in Wien kennen gelernt.

Es ist ungewiss, ob sie es war, die den Cambridge-Absolventen aus der britischen Upperclass zur kommunistischen Weltbewegung brachte.

Jedenfalls heirateten die beiden nach wenigen Wochen und ließen sich in London nieder. Während des Spanischen Bürgerkriegs arbeitete Philby, als Korrespondent der "Times" getarnt, bereits für den sowjetischen Geheimdienst. Lizzy gab, von Frankreich aus, seine Informationen an Kontaktmänner weiter.

Den Zweiten Weltkrieg überlebte sie in England, irgendwann in den vierziger Jahren wurde die Ehe geschieden, nach Kriegsende folgte sie dem deutschen Journalisten Georg Honigmann nach Berlin. Dort war sie beim Sowjetischen Nachrichtenbüro, dann als Pressechefin und Synchronregisseurin bei der Defa angestellt. Die Ehe mit Honigmann zerbrach bald nach der Geburt ihres einzigen Kindes. Im Jahre 1984, kurz nach der Ausreise ihrer Tochter aus der DDR, kehrte sie in ihre Geburtsstadt zurück. In Wien ist Lizzy, im Mai 1991, auch gestorben.

Ihren zweiten Mann, der sich 1963 nach Moskau abgesetzt hatte, hat sie offenbar nie wieder gesehen. Ihrer Tochter hat sie nicht sehr viel von ihrem Vorleben verraten. Die wenigen Male "tat sie es in einer Mischung aus andeutungsvollem Erzählen und vielem Verschweigen, mit der sie mich gleichzeitig zur Mitwisserin machte und aus der Geschichte ausschloss", so schreibt Barbara Honigmann, die diese Zurückhaltung als Schamhaftigkeit deutet, "die einen befällt,

wenn man Geheimnisse offenbart, ohne dass sie eine wirkliche Erhellung bringen".

Lizzy hatte ihr schon früh eine Lebensregel eingebläut: "Erstens, du sollst nicht lügen, zweitens, aber wenn du lügst, dann lüge so nah wie möglich an der Wahrheit."

Von dieser Maxime hat sich Barbara Honigmann beim Schreiben leiten lassen. "Sie hat mich geboren, und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war."

Die Möglichkeit, den Spuren ihrer Mutter zu folgen und Dokumente und Auskünfte zusammenzutragen, hat die Autorin verworfen. Solche Nachforschungen, schreibt sie, "gleichen mir viel zu sehr dem Nachspionieren, einem Aneignen und Spiel mit dem fremden Leben".

Also vertraut sie ganz der eigenen Erinnerung an diese Frau, und mit dieser Erinnerung knüpft sie ein Netz, in dem mancherlei Schwächen und Versäumnisse hängen bleiben. Da ist das hartnäckige Schweigen der Mutter über ihre Tätigkeit an der Seite Kim Philbys, das Schweigen auch über ihre Eltern und die Tatsache, dass sie an deren letzte Ruhestätte nicht einmal einen Grabstein setzen ließ; der politische Verrat am Exilland England; das absolute Desinteresse am jüdischen Glauben ihrer Vorfahren; die Unlust, sich in Berlin einzuleben, und die freundliche Überheblichkeit gegenüber den allzu forschen "Piefkes"; der wiederholte Entschluss, alles hinter sich abzubrechen; das an die Tochter weitergegebene Gebot, unter allen Umständen Haltung zu bewahren; die Weigerung, die im Namen des Kommunismus begangenen Verbrechen als eigenes schuldhaftes Scheitern einzugestehen.

Während diese Wesenszüge immer wieder zur Sprache kommen, bleibt als Leerstelle bestehen, was vielleicht der einzige wirkliche Fehler der Mutter gewesen ist: dass sie nicht zärtlich war oder es nicht verstand, ihre Zärtlichkeit zu offenbaren. Anscheinend hat es in der Familie Honigmann, trotz Lizzys österreichisch-ungarischer Abstammung, kein Schmusen und Abbusseln gegeben. Keine einzige Umarmung, kein An-sich-Drücken, Auf-den-Schoß-Nehmen des Kindes ist der Autorin in Erinnerung geblieben oder mitteilenswert erschienen.

So ersteht Lizzy Honigmann vor den Augen der Leser: gepflegt im Aussehen, ein klein wenig hochmütig und unnahbar, dabei durchaus gesellig, entschlussfreudig, vorausplanend, ohne erkennbare Trauer

darüber, zu viel oder zu wenig geliebt worden zu sein.

Schon 1999, in der Erzählung "Der Untergang von Wien", hatte Barbara Honigmann über ihre Mutter geschrieben. Die Fahrt zum Wiener Zentralfriedhof, die Andacht am Grab im jüdischen Sektor, die Erinnerung an ihr letztes Zusammensein in einem Altersheim und an andere Begegnungen in Wien, Barbara mit Mann und Kindern oder noch früher, als sie selbst ein Kind oder ein Backfisch war und einmal jährlich mit ihrer Mutter von Berlin nach Österreich fuhr, um deren Freunde zu besuchen, allesamt kommunistische Remigranten oder Überlebende deutscher Konzentrationslager.

Die Erzählung damals war durchdrungen von Empathie und Wehmut, die Tochter brachte für ihre Mutter Geduld und Verständnis auf. Das alles ist jetzt größerer Sachlichkeit gewichen. Die Distanz zwischen Barbara und der Toten scheint unüberbrückbar. Es entsteht der Eindruck, dass Lizzy keine dankbare Tochter, keine ideale Mutter und keine konsequente Rebellin war. "Vielleicht gehörte meine Mutter zu den Menschen, die, was sie lieben, verraten müssen und gerade in diesem Verrat ihre Bindung und enge Zugehörigkeit ausdrücken."

So wird das ein trauriges und, wie mir scheint, ein Stück weit auch ein mitleidloses Porträt. Die Autorin ist streng, auch wenn sie das Leben dieser Lizzy Honigmann, geborene Kohlmann, geschiedene Philby, an deren eigenen Ansprüchen misst. Sie versündigt sich nicht an der Mutter, aber sie sieht ihr nicht nach, dass sie mit ihrer Verschwiegenheitssucht die Familiengeschichte fast ausgelöscht hat. Unausgesprochen erscheint, als Gegenentwurf zur realen Mutter, das Bild jener Frau, die Albert Cohen besungen hatte: bescheiden, einfach, manchmal sogar einfältig, eine gläubige Jüdin, die nicht die Welt verändern wollte, nur das Glück ihres Kindes im Auge hatte.

Gnade für Lizzy Honigmann!, möchte ich da rufen. Und gleichzeitig eine Lanze für Barbara Honigmann brechen, weil ihr Buch meinen Einspruch zulässt.

* Barbara Honigmann: "Ein Kapitel aus meinem Leben". Carl Hanser Verlag, München; 144 Seiten; 15,90 Euro. * Bei einem Pressetermin 1955 in London.

DER SPIEGEL 44/2004
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