25.10.2004

ASTRONOMIEWald der Feuermurmeln

Ging über Bayern vor 2200 Jahren ein riesenhafter Komet nieder? Geophysiker haben im Chiemgau Krater und exotische Metallverbindungen entdeckt - Hinweise auf ein Geschoss aus dem All.
Laut heulend, mit einem gleißenden Schweif aus brennendem Methan, erschien das Objekt am Himmel, eine ungeheure Druckwelle vor sich her schiebend. Verdutzt müssen die keltischen Druiden zum Firmament hinaufgeblickt haben.
Dort nahm das Unheil seinen Lauf: In 70 Kilometer Höhe zerbrach der Komet. Eis, Methan und Ammoniak des schmutzigen Riesen-Schneeballs verdampften. Ein Gesteinsregen prasselte zwischen Altötting und dem Chiemsee nieder. Wälder entflammten, eine Wolke aus Staub und Asche verdunkelte die Sonne.
Was für ein Szenario wird da auf der Website des US-Blattes "Astronomy" ausgebreitet! Ein "Chiemgau Impact Research Team", angeführt von dem Würzburger Geophysiker Kord Ernstson, berichtet dort von einem rund 1,1 Kilometer großen Projektil, das einst das Gebiet des lieblichen Freistaats verunstaltete: "Die ganze Gegend", meinen die Autoren, "muss über Jahrzehnte verwüstet gewesen sein."
Der Brocken aus den Planetenräumen rauschte angeblich in historischen Zeiten heran. Im Katastrophengebiet standen Festungen des keltischen Adels. Auch Hannibal, der 218 vor Christus die Alpen überquerte und mordend in Italien einfiel, könnte den Einschlag gehört haben.
Im Eiltempo ging vorige Woche die Nachricht vom Big Bang in Bavaria um den Globus. Auch der Rundfunksender Iran Broadcasting berichtete. "Bild" sprach stolz vom "größten Kometen der Welt".
Doch in Wahrheit steckt hinter der Meldung eine noch undurchsichtige wissenschaftliche Befundlage. Gleich drei Forschergruppen sind derzeit damit beschäftigt, ein astrophysikalisches Phänomen zu untersuchen, das nur wenige Parallelen hat. Im Zentrum steht das waldige Gebiet nördlich des Chiemsees.
Dass die Gegend eine magnetische Anomalie aufweist, ist seit langem bekannt. Bienenforscher fanden heraus, dass der dort eingesammelte Honig eine unerklärlich hohe Konzentration an Mangan, Nickel und Silizium aufweist. Zudem ist das Gelände von kraterartigen Strukturen übersät. Die Geologen stuften die Gebilde bislang als "Toteislöcher" aus der letzten Eiszeit ein.
Vor vier Jahren schwärmte ein Team von Hobby-Archäologen aus. Mit Suchsonden bewehrt, eine offizielle Lizenz in der Tasche, listeten sie nahe Burghausen und dem Chiemsee 81 Krater auf. Viele messen kaum zehn Meter im Durchmesser und liegen überwuchert im Wald. Andere sind mit Wasser zugelaufen und groß wie Fußballstadien.
Was die Männer weiter stutzig machte: Während der Feldbegehung fiepsten ständig ihre Sonden. Das Gebiet ist metallisch verseucht. Dicht bei dicht und im Schnitt 50 Zentimeter tief liegen winzige Metallkugeln im Boden. Sie enthalten so exotische Mineralien wie Xifengit und Gupeiit. Diese Stoffe sind weltweit nur aus China, der Antarktis sowie einem Tafelberg im Pazifik bekannt.
Was war da los? Hilfe suchend wandte sich das Team an den Akademiker Ernstson. Der Geophysiker nahm Lupe und Hammer und schaute sich Anfang September einige der Krater persönlich an.
Der Experte wusste schnell Bescheid: "Hier ist ein kosmischer Körper eingeschlagen." Als Indiz nennt er "aufgerissenes und brekziiertes Gestein". Auch fand er Stücke, die Zeichen eines thermischen Schocks aufweisen. Sie wurden im über 1500 Grad Celsius heißen Kometenfeuer geschmolzen und glasiert wie Murmeln.
Ernstson zufolge flog der Trumm von Nordosten heran und hinterließ ein Streufeld von 27 mal 58 Kilometer Größe. Als größten Einzelkrater wertet er
den 370 Meter großen Tüttensee bei Marwang.
Weltuntergang in Bavaria? Schlug im Alpenland eine Splitterbombe aus dem All ein? Die Streu-Ellipse von Altötting, wie sie jetzt von "Astronomy" vorgestellt wurde, wäre das größte Meteoritenfeld der Welt.
Auch der Tübinger Geowissenschaftler Viktor Hoffmann bestätigt die These und legt sogar noch eins drauf: Er geht davon aus, dass im Chiemgau kein Meteorit aus erdähnlichem Material herabfiel, sondern ein Komet, der "präsolare Materie" enthielt, geformt in den Anfängen des Sonnensystems. Darauf weise der Staub aus Gupeiit und Xifengit, der sich damals wie giftiger Nebel auf das Land legte.
Spannend ist auch das zeitliche Auftreten des Flugkörpers. Die Sedimente, in die er sich hineinbohrte, bildeten sich erst am Ende der letzten Eiszeit vor rund 9000 Jahren. C-14-Daten wiederum zeigen, dass die Krater mindestens 1000 Jahre alt sind. Irgendwann dazwischen muss das Desaster passiert sein.
Damit fällt der Knall in eine Phase der Menschheit, in der die glühenden Kugeln noch als Omen und Zeichen der Offenbarung galten. Griechen, Chinesen - sie alle verfolgten gebannt die mit lautem Grollen herabfallenden Materieklumpen. Die assyrischen Könige unterhielten ein Heer an Magiern, die aus Kometen meist drohendes Unheil herauslasen.
Die Gottkönige aus dem Pharaonenreich hatten womöglich sogar Fachleute, die in der Wüste gezielt nach Erzen außerirdischen Ursprungs suchten. Im Grab des Tutanchamun, direkt neben dem Oberschenkel der Mumie, lag Tuts wertvollste Waffe: Es ist ein Dolch mit einer Klinge aus meteoritischem Eisen.
Aber stimmt die Sache mit dem Astrokracher in Weiß-Blau wirklich? Aufgeschreckt durch die Untersuchungen der Teams aus Würzburg und Tübingen, rückten vor einigen Wochen auch die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege in München aus. Griesgrämig und skeptisch stocherten sie im Boden. Ihnen schmeckte die ganze Richtung nicht.
Unterstützt vom Mineralogen Thomas Fehr, wurden 20 kleinere Trichter untersucht, die dicht bei dicht nahe Altötting liegen. Dann änderten sie ihre Meinung: "Vieles spricht dafür, dass hier wirklich ein kosmischer Körper einschlug", staunt Fehr. Gleichwohl mahnt er zur Vorsicht. Die 100 Meter und mehr messenden Großkrater, die weiter im Süden liegen, hält er nach wie vor für Toteislöcher.
Auch die Theorie vom "präsolaren" Ur-Kometen weist der Zweifler zurück. Er glaubt, dass die Exotenstoffe durch Stahlverhüttung in den Boden gelangten; Isotopenuntersuchungen würden ihren irdischen Ursprung beweisen. Dazu Ernstson: "Völliger Unsinn, wir haben das Material auch unter 500 Jahre alten Eichen entdeckt."
Solche Widerworte sind typisch. Unter den Erforschern des Bayern-Kometen herrscht ein rauer Tonfall. Die drei Gruppen sind sich spinnefeind. Jede will als erste wissenschaftlich glänzen. Der Tübinger Hoffmann hat einen Bericht bei "Science" eingereicht, Fehrs Arbeit erscheint in den nächsten Wochen im Fachblatt "Meteoritics & Planetary Science".
Aber noch sind viele Fragen offen. Vor allem die Sondengänger, die als erste die Krater ausmachten, gelten als Bremser des wissenschaftlichen Fortschritts. "Die Leute horten eimerweise exotische Metallklümpchen im Keller", erzählt ein Beteiligter, "die wollen Millionäre werden." Meteoriten bringen es bei Börsen auf bis zu 50 000 Euro pro Gramm.
Eine genaue Prüfung des Areals um Altötting ist jedoch dringend geboten, manch ein Forscher vermutet, dass dort eine Sensation schlummert, die neue Erkenntnisse über das Universum bringen könnte.
Die Leute um den Geophysiker Ernstson jedenfalls heizen die Stimmung an. Sie fanden in dem Gebiet Nägel aus der Keltenzeit - angeblich schockerhitzt. Zudem habe auf einem der Kraterränder römischer Krimskrams gelegen. Wegen dieser Indizien verlegen sie den Kometeneinschlag in die Zeit um 200 vor Christus.
Damals durchliefen die Kelten gerade ihre triumphale Schlussphase. Sie lebten von Böhmen bis nach England in großen Siedlungen, den Oppida. Auch im Chiemgau erhoben sich zwei Städte, bewehrt mit Palisaden. Deren Bewohner, das ist sicher, wären durch die Explosionswolke weggepustet worden.
Aber auch die Römer müssen das herandonnernde Geschoss bis weit nach Umbrien hinein bemerkt haben. Ist das der Grund, warum der Dichter Vergil in seinem Lehrgedicht "Georgica" eindringlich von "Leuchtungen" spricht? "Ungewohnte Erschütterungen", schreibt er, hätten einst die Alpen zum Beben gebracht.
Der Archäoastronom Michael Rappenglück nennt noch einen anderen historischen Vorfall. Die Annalen berichten, dass im Jahr 205 vor Christus gehäuft Steine vom Himmel fielen. Um das grollende Firmament zu besänftigen, so die antiken Quellen, schickten die besorgten Priester Roms eine Expedition nach Kleinasien, um das Standbild der Kybele zu holen. Es war ein Kultsymbol aus schwarzem Meteoritgestein.
Solche historischen Berichte als Nachhall auf den Alpen-Kometen zu deuten ist vorerst nur geistreiche Spekulation. Harte Beweise fehlen. "Wir haben viele ungewöhnliche Indizien, aber sie passen alle nicht zusammen", meint etwa Günter Lugmair vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.
Doch die Vorstellung vom feurigen Drachen aus Eisen, Eis und Methan, der einst aus den Tiefen des Universums heranschnellte, um den schönen Chiemgau einzudellen, gewinnt an Plausibilität.
Die Wallfahrer-Stadt Altötting, Zentrum des Wunderglaubens und der bayerischen Marienverehrung, voll gestellt mit Klöstern und Heiligenkapellen, sieht die Analysen der Astroforscher jedenfalls mit Wohlgefallen.
Womöglich hat sie bald noch mehr Außerirdisches zu bieten. MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 44/2004
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