25.10.2004

STASI-AKTENSieg ohne Sieger

Am Freitag fällt das Urteil, ob der Springer Verlag Günter Wallraff als „IM“ bezeichnen darf - wohl der nächste Denkzettel für Journalisten, die Aussagen der Birthler-Behörde zu Tatsachen erklären.
Das Endspiel Wallraff gegen Springer begann mit einem Eröffnungszug von verblüffender Schlichtheit: "Klage des Herrn Günter Wallraff" stand auf der ersten Seite des Schriftsatzes, der am 14. Oktober 2003 beim Landgericht Hamburg einging, und der Anwalt des bekanntesten deutschen Enthüllungsjournalisten hatte gerade mal zwei Blatt zur Begründung angetackert. Nur zwei dürre Seiten, um dem Axel Springer Verlag für alle Zeiten die Bezeichnung "Stasi-IM Günter Wallraff" verbieten zu lassen - das ist so, als würde ein Schachgroßmeister die entscheidende Partie mit der üblichsten aller Varianten eröffnen: Königsbauer zwei vor.
Dann begann die Schlacht. Springer antwortete mit 12 Seiten, Wallraff konterte mit 19, Springer erhöhte um 86, Wallraff um 59, Anlagen nicht mitgezählt. Ein Jahr hat diese Partie nun gedauert, taktisch immer auf höchstem Niveau. An diesem Freitag aber wird das Landgericht Hamburg sie voraussichtlich beenden, und während das Publikum im zähen Hin und Her um die bessere Stellung erst den Durchblick, dann das Interesse verloren hat, steht der Sieger für die Spieler schon fest: Wallraff.
Alles was der Vorsitzende Richter Andreas Buske bisher festgestellt hat, weist darauf hin, dass er Wallraffs Klage stattgeben wird, es sei denn, Springer hätte kurzfristig noch mal nachlegen können. Konnte Springer aber nicht. Dann jedoch wird nicht nur der Verlag verlieren, ausgerechnet gegen seinen Erzgegner, der sich 1977 unter dem Decknamen Hans Esser bei "Bild" eingeschlichen hatte. Ein Sieg Wallraffs dürfte auch als weitere Schlappe für die Berliner Stasi-Unterlagenbehörde verstanden werden. Denn wenn Journalisten Wallraff schon nicht als Inoffiziellen Mitarbeiter bezeichnen dürfen, trotz aller Papiere, die die Birthler-Behörde und andere Stellen über ihn zum Verfahren beisteuerten, wen können die Stasi-Jäger dann überhaupt noch gerichtsfest als Spitzel identifizieren?
Damit aber geht es im Fall Wallraff nicht nur um ein letztes Gefecht des Kalten Krieges, sondern vielmehr um die Frage, ob es in Sachen Stasi zwei Wahrheiten gibt: eine interessante der Behörde. Und eine maßgebliche der Gerichte.
Tatsächlich bleibt Wallraff, 62, auch nach dem Prozess noch stark verdächtig, von 1968 bis 1971 nicht nur Informationen aus DDR-Archiven bekommen, sondern umgekehrt auch als IM "Wagner" die Stasi mit Informationen aus dem Westen beliefert zu haben. Gegen eine Verdachtsberichterstattung über Wallraffs ungeklärte Verstrickung in das Netz der Ostgeheimen hat das Gericht auch nichts einzuwenden, und deshalb ist der zu erwartende Prozessausgang auch ein Sieg ohne Sieger. Wallraff selbst hat nämlich, unbemerkt von der Öffentlichkeit, in einem Kernpunkt der Vorwürfe seine Version mittlerweile ergänzt - in der Frage, ob ein Ostagent 1971 in Kopenhagen Material von ihm bekommen hat.
Kopenhagen ist Wallraffs empfindlichste Stelle im Kampf um seine Ehre. Am 17. Dezember 1971 hatte er dort den stellvertretenden Chefredakteur der Rostocker "Ostsee-Zeitung", Heinz Gundlach, getroffen. Unmittelbar danach ging Gundlach, Stasi-Deckname IM "Friedhelm", Fahndern auf dem Hamburger Flughafen
ins Netz. In der Tasche hatte er, neben einem gefälschten Pass, auch jede Menge Westpapiere - darunter einen Brief, den ein Student aus Lemgo an Wallraff geschickt hatte.
Als 1993 der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs Wallraff dazu befragte, plädierte der auf Amnesie: "Ich kann mich nicht erinnern, in Kopenhagen Unterlagen an Herrn Dr. Gundlach übergeben zu haben. Das wäre für das damalige Treffen auch wesensfremd gewesen."
Im Januar, im Hamburger Verfahren, wusste es sein Anwalt Helmuth Jipp sogar ganz genau: Wallraff "hat dem Redakteur Gundlach keine Materialien übergeben, auch nicht den Brief eines Studenten". Und noch mal: "Material wurde nicht ausgetauscht." Es sei bei dem Treffen allein um ein geplantes Interview für die "Ostsee-Zeitung" gegangen und um ein Wallraff-Stück für eine ostdeutsche Theatertruppe. Wie sonst aber soll der Studentenbrief, adressiert an Wallraff, in Gundlachs Tasche geraten sein?
Irgendwann im laufenden Verfahren dämmerte Wallraff dann doch noch eine andere Variante: Erinnern könne sich sein Mandant immer noch nicht, behauptete sein Anwalt, aber: "Es ist davon auszugehen, dass er (der Brief -Red.) sich damals in seinen Unterlagen befand." Möglich, dass Wallraff daraus auch zitiert habe. Sehr hilfreich war es da, dass ihm Gundlach just im Frühjahr dieses Jahres zur Seite sprang: "Wahrscheinlich habe ich ihn in Kopenhagen versehentlich mitgegriffen."
Merkwürdig nur, dass - höchst konspirativ - Wallraffs Adresse aus dem Schreiben herausgerissen war, als die Fahnder es 1971 entdeckten. Warum macht man das? Wenn das Schreiben doch nur versehentlich eingesteckt worden sein soll? Und auch die Gesprächsthemen in Kopenhagen möchte Wallraff nun nicht mehr ganz so strikt auf die schönen Künste begrenzt wissen wie noch im Januar. Gundlach habe damals über Rechtsradikale im Westen recherchiert. "Möglich ist, dass der Kläger (Wallraff -Red.) zu diesem Thema Unterlagen bei sich hatte und diese dem Gesprächspartner Gundlach zeigte", schreibt Wallraffs Anwalt nun erstmals.
Waren das die anderen Papiere, die Gundlach bei der Festnahme bei sich hatte? Nein, die kenne er nicht, sagt Wallraff. Und was ist mit Gundlachs Gesprächsnotizen, etwa über Klaus Rainer Röhl, den Chef der Zeitschrift "Konkret" (für die Wallraff schrieb): "Wall Konkret: Eigene Stellung gut. Röhl geht die Puste aus. Geld immer später ... würde verkaufen"? Über Röhl hätten sie nicht gesprochen, behauptet Wallraff, über andere Themen auf Gundlachs Zettel aber vielleicht doch.
So unstet Wallraffs Gedächtnis die Vergangenheit nachformt, dem Gericht reicht die Kopenhagen-Episode nicht aus, um Springer und seinem Blatt "Die Welt" Recht zu geben. Auch nicht, dass Wagner alias Wallraff in der sagenumwobenen Rosenholz-Datei verzeichnet ist. Die Amerikaner hatten diese Kartei der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) mit den Klarnamen der DDR-Auslandsspionage nach der Wende erbeutet und im vergangenen Jahr für die Birthler-Behörde freigegeben. Dank "Rosenholz" ließen sich Ende 2003 sogar sechs Liefervermerke in der Datenbank Sira, dem Posteingangsbuch der Stasi, dem Vorgang "Wagner" zuordnen - Auslöser der Springer-Artikel. Doch auch das ist dem Gericht nicht genug.
Denn andererseits gibt es in "Rosenholz" auch noch einen Statistikbogen von 1988, der den Eindruck erweckt, dass Wallraff bis kurz vor der Wende IM gewesen sein soll - was aber nach einem Stasi-Bericht von 1976 eindeutig falsch ist. Darin heißt es, Wallraff sei zwar "geworben", die Zusammenarbeit aber bereits wieder eingestellt worden. Auch dieser Bericht, von der Birthler-Behörde heute als belastend eingestuft, enthält wiederum nachweisbar Fehler, und deshalb kam das Gericht vorläufig zu dem für Springer und die Behörde ernüchternden Schluss, dass eine IM-Tätigkeit nicht zuverlässig belegt sei.
Der Fall zeigt damit erneut das ganze Dilemma der Stasi-Fahnder, das schon in den Fällen Gregor Gysi und Manfred Stolpe deutlich wurde: Was ist Wahrheit?
Natürlich gibt es immer noch ein paar eindeutige Fälle - Fälle, in denen eine persönliche Verpflichtungserklärung auftaucht, ein Geständnis vorliegt oder ein ganzer Packen abgelieferter IM-Berichte samt Belastungszeugen. Aber weil die DDR-Auslandsspionage fast ihr ganzes Archiv nach der Wende durch den Schredder jagte, sind solche Westfälle eher die Ausnahme. In den meisten anderen beweisen Stasi-Akten der Birthler-Behörde vor Gericht zwar, dass die Stasi jemanden als IM geführt hat, in diesem Fall Günter Wallraff als "IM Wagner". Ob einer deshalb aber auch wirklich ein IM war, oder ob er nur von sammelwütigen Ostgeheimen ohne sein Wissen, vielleicht sogar ohne jeden Grund zum IM erklärt wurde, wie Wallraff behauptet, dazu hat die Behörde nach Ansicht des Gerichts nicht viel zu melden.
Genauso bescheiden wollte das Hans Altendorf, Direktor der Behörde, schon immer verstanden wissen: "Der Streit Springer/Wallraff ist ein rein presserechtlicher, bei dem es nicht um die Aussagefähigkeit der Akten geht. Man kann uns nicht für die Arbeit von Journalisten in Mithaftung nehmen." Zwar stehe für sein Haus fest, dass Wallraff nach den üblichen Maßstäben der Stasi ein IM gewesen sei. Nur deshalb habe man - dem Stasi-Unterlagen-Gesetz entsprechend - überhaupt Aktenauskunft erteilt. Das entbinde Journalisten aber nicht von der Pflicht zur differenzierten Darstellung. Spitz gesagt: "Von der Stasi als IM geführt" darf man über Wallraff schreiben; "Stasi-IM Wallraff" nicht.
Für Springer eine Erkenntnis, die gerade in diesem Fall besonders schwer erträglich sein muss. Zu gern hätten die "Welt"-Reporter Wallraff mit dem Stasi-Vorwurf moralisch erledigt, sein ganzes Lebenswerk gleich mit. Im Fieber der Hatz hatten die Wallraff-Jäger deshalb auch einen Zeugen in Stellung bringen wollen, der schon drei Varianten in der Sache zum Besten gegeben hatte: Günter Bohnsack, Ex-Oberstleutnant jener HVA-Abteilung X, die Wallraff - den Akten zufolge - als IM führte.
1992 sagte Bohnsack beim Verfassungsschutz aus, 1993 beim Bundesgerichtshof, danach gegenüber diversen Journalisten - mal belastend, mal entlastend, und dann wieder irgendwo dazwischen. Glaubt man Springer-Anwalt Jan Hegemann, hatte Bohnsack nun den "Welt"-Rechercheuren
angekündigt, umfassend gegen Wallraff auszupacken. Inzwischen aber liefert Bohnsack der Wallraff-Seite Munition und sagt, die Reporter hätten ihm eine falsche eidesstattliche Versicherung zu Wallraff unterjubeln wollen - was diese bestreiten.
Welche Bohnsack-Version über Wallraff stimmt also? Bohnsack, bei der HVA auch für Desinformation zuständig, antwortet dem SPIEGEL mit breitem Grinsen: "Keine, es war alles ein wenig anders."
Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, so Version Nummer vier, sei er in Ost-Berlin mit Heinz Dornberger - nach Aktenlage Wallraffs Führungsoffizier - im Auto Richtung Friedrichstraße gefahren; beide hätten in der Gegend konspirative Treffs gehabt. Nachdem er seinen Kollegen abgesetzt habe, habe er im Café Lindencorso Wallraff sitzen sehen. Er habe sich gleich gedacht, dass der mit Dornberger verabredet gewesen sei. Am nächsten Tag habe er Dornberger gefragt: "Na, hast du deinen Schnurrbart abgefrühstückt?" - Schnurrbart, so Bohnsack, sei Stasi-Slang für "IM" gewesen. Darauf Dornberger: "Du Arschloch siehst aber auch alles."
Dann, 1974, als Wallraff sich aus Protest gegen die Militärjunta in Athen auf einem Platz angekettet hatte, habe er Dornberger im Scherz gefragt, ob er "hinter dieser Weltaktion" stecke. "Um Himmels willen", habe der geantwortet, "aber da siehst du, was sich Chaoten so alles einfallen lassen, der Kerl ist nicht kalkulierbar."
Ob Bohnsack-Version Nummer vier nun die Wahrheit ist, steht dahin, ob sie Wallraff be- oder entlastet auch. Dornberger, Deckname "Gebhard", ist tot. Wallraff behauptete mal, er habe Treffpartner immer für Mitarbeiter des staatlichen Pressezentrums gehalten, die ihm Papiere aus DDR-Archiven besorgen sollten. Der Stasi habe er, Wallraff, dagegen niemals wissentlich oder willentlich etwas geliefert; er sei auch nie geworben worden.
Immerhin: Bohnsack war gegenüber dem SPIEGEL erstmals bereit, eine Einlassung in Sachen Wallraff an Eides statt zu versichern. Stoff genug für eine Verlängerung der unendlichen Geschichte. Denn wenn Springer verliert, wird der Verlag wahrscheinlich in die Berufung gehen.
JÜRGEN DAHLKAMP, GUNTHER LATSCH
Von Jürgen Dahlkamp und Gunther Latsch

DER SPIEGEL 44/2004
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