31.05.1961

AFFÄREN: KAPFINGERHans und Franz

Der niederbayrische Verleger Dr. Hans Kapfinger, Besitzer des CSU-Blasrohrs "Passauer Neue Presse", hofft derzeit sehnlich auf einen medizinischen Befund: Der Passauer Zeitungskönig erwartet die Wiederherstellung des rechten, beim Bobfahren geknickten Unterschenkels des Münchner Mehrzweck-Kaufmanns Schloß, damit jener nach Washington fliegen und dort endlich das größte Geschäft perfekt machen kann, das Kapfinger in seinem bewegten Leben je einfädelte.
Für Hans Kapfinger, dem der Münchner Zeitungspapst Werner Friedmann ein sittliches (SPIEGEL 21/1960), der Berliner Bürgermeister und Exnorweger Willy Brandt ein nationales Ärgernis (SPIEGEL 11/1961) ist, soll dabei, so wenigstens war geplant, im Laufe etlicher Jahre einsatz- und risikolos ein Vermögenszuwachs von einigen zehn Millionen Mark herausspringen.
Kapfinger und Schloß haben seit vielen Monaten die Quartiersorgen der US-Streitkräfte auf deutschem Boden zu den ihren gemacht und Vorbereitungen getroffen, um in 47 Orten der Bundesrepublik 5434 Komfortwohnungen zu bauen, nämlich
> 3226 Wohneinheiten in 32 Orten des US-Armeebereichs "Northern Area",
> 974 Wohneinheiten in elf Orten des Bereichs "Southern Area" und
> 1234 Wohneinheiten in vier Orten für die "Air Force".
Dieses Wohnvolumen, das fast dem einer deutschen Mittelstadt entspricht, sollte im Rahmen des von der amerikanischen Regierung initiierten "Rental Guarantee Housing Project" erstellt werden. Das "Architekturbüro Lothar Schloß" errechnete eine Bauzeit von zwei Jahren und kam in seinem Kostenvoranschlag auf rund 300 Millionen Mark, worin für den Architekten - verantwortlich Lothar Schloß - 5 453 700 Mark Honorar zuzüglich 439 814 Mark Nebenkosten enthalten sind.
Rechner Schloß ließ sich aber nicht nur die architektonische Betreuung des Großvorhabens angelegen sein. Da ein Drittel der erforderlichen Gelder im Stationierungsland aufgebracht werden sollte, beschlossen er und seine bayrischen Verbündeten, eine Finanzbau-Aktiengesellschaft zu gründen - die "Fibag". Die "Fibag" war dazu ausersehen, erste Hypotheken für etwa 100 Millionen Mark auf dem deutschen Kapitalmarkt unterzubringen.
Am 5. und 6. Mai 1960 wurden vor dem Hamburger Notar Dr. Tiedau zwei Verträge unterschrieben (Urkundenrolle Nummern 1019 und 1029), in denen sich Schloß und andere Geldgeber verpflichteten, zunächst 125 000 Mark Eigenkapital in eine Aktiengesellschaft mit dem vorgesehenen Stammkapital von 500 000 Mark einzubringen. Dem Dr. Hans Kapfinger wurde ausdrücklich der Beitritt in die zukunftsträchtige "Fibag" freigehalten.
Freilich hatte Kapfinger eine Sonderstellung inne, die offensichtlich seiner Bedeutung für das kommende Geschäft entsprach: Dem Passauer Verleger ersparten seine Kompagnons die lästige Einbringung von Kapital, dagegen sollte er das Recht haben, in der "Fibag" einen Posten "als Aufsichtsrat oder später auch als Vorstandsmitglied einzunehmen".
Die entsprechende Zusicherung ließ sich Kapfinger am 13. April letzten Jahres zu nächtlicher Stunde in seiner Schwabinger Neben-Villa geben. Schriftlich versprachen die "Fibag"-Aktionäre Lothar Schloß und Willy Braun, dem Passauer Unternehmer vom "Fibag"-Stammkapital 25 Prozent, mithin Aktien im Nominalwert von 125 000 Mark, kostenlos zu überlassen, "falls die Gesellschaft den Auftrag zur Durchführung des amerikanischen 'Housing Program' erhält".
Gemäß Ziffer 6 erklärte sich dagegen Kapfinger bereit, "für dieses Projekt all seine Beziehungen einzusetzen und das Projekt ideell zu fördern".
Tatsächlich waren die Chancen der "Fibag"-Leute, ohne den Hans Kapfinger je den Zuschlag für das Monstre-Projekt der amerikanischen Militärs zu bekommen, gleich Null: Mit Kapfingers Bonner Beziehungen*, die zum Nutzen der Gesellschaft spielen sollten, war unter anderem - wie "Fibag"-Herren bekannten - des Zeitungsmannes Duzfreundschaft zu einem potenten Militär deutscher Nation gemeint, zu dem Bayern Franz-Josef Strauß.
Der Fürsprache des Bundesverteidigungsministers wollte sich das Architekturbüro Lothar Schloß für das Pentagon ebenso wie für das amerikanische Hauptquartier in Heidelberg versichern.
Außer einem stattlichen Briefkopf und einem einsemestrigen Studium hatte Lothar Schloß, der die Berufsbezeichnung Architekt kraft eigenen Entschlusses führt, nämlich nichts auszuweisen, was ihn für die Behebung der amerikanischen Wohnungssorgen besonders qualifiziert hätte - es sei denn seine internationale Kontakthascherei, die ihn im Laufe der letzten Jahre für einige immense, bislang freilich nicht verwirklichte Projekte tätig werden ließ:
> den Bau einer 1400 Kilometer langen Eisenbahn quer durch Saudiarabien nebst Ausbau des Hafens Janbu (Schloß: "Die Idee ist nicht weniger als 190 Millionen Dollar wert").
> den Bau einer Ölleitung von Venedig nach Bayern und den Bau einer Raffinerie in Bayern,
> die Ausstattung dieser Ölleitung mit Spezial-Plastikrohren, die von Lothar Schloß zu liefern wären.
Bundes- und CSU-Marschall Strauß sollte den einsemestrigen Architekten Schloß aber nicht nur bei den Amerikanern protegieren, sondern ihm auch noch bei der Finanzierung des Objekts zu Hilfe kommen.
Die 66 2/3 Prozent der vorgesehenen Bausumme, die von amerikanischen Unternehmen, unter anderem von der New Yorker "Metropolitan Life Insurance Company" vorgeschossen werden sollten, galten zwar nach dem Finanzierungsplan durch eine fünfjährige Mietgarantie der US-Streitkräfte (pro Quadratmeter bis zu 1,50 Dollar) als amortisiert. Ungedeckt waren aber nach diesem Plan die etwa 90 Millionen Mark Zinsen und Zinseszinsen aus dem US-Kapital, die während der fünf Amortisierungsjahre anfallen würden.
Nach der Idee von Schloß sollten nun diese 90 Millionen von dem Ministerium des Kapfinger-Spezi Franz-Josef "per Umfinanzierung" übernommen werden.
Gleichzeitig enthüllte der findige Architekt, wie die gesamte Grundstücks-Masse schlicht zu vereinnahmen sei. Die Tilgung der vom Ministerium Strauß beigebrachten 90 Millionen müsse eine deutsche "Bauträgergesellschaft" besorgen, die das Objekt nach Ablauf der fünf amerikanischen Jahre zu übernehmen hätte. Diese "Bauträgergesellschaft", offensichtlich als im wesentlichen personenidentisch mit der "Fibag" gedacht, sollte sich verpflichten, die zinslos zu gewährenden 90 Millionen dem Verteidigungsministerium mit zwei Prozent jährlich zu amortisieren - aus Mitteln des Bundesverteidigungsministeriums. Die Wohnungen selbst sollten nämlich alsdann nach Bundeswehr-Richtsätzen (1,60 bis 1,80 Mark pro Quadratmeter Wohnfläche) an Bundeswehr-Angehörige vermietet werden.
Die "Bauträgergesellschaft" hätte dann nur noch die Ersten Hypotheken aus den Mieteinnahmen abzudecken brauchen, um - praktisch ohne eigenen Kapitalaufwand - das Gesamtprojekt grundbuchmäßig in die Hand zu bekommen.
Das Absonderliche geschah: Der Bundesverteidigungsminister wagte sich bei der Förderung dieses Privatgeschäfts so weit vor, wie es selbst die "Fibag"-Herren nicht zu hoffen gewagt hatten. Wenige Wochen nachdem der Strauß-Intimus Kapfinger versprochen hatte, "das Projekt ideell zu fördern", unterzeichnete Franz-Josef Strauß - am 1. Juni 1960 - in der Ermekeil-Kaserne zu Bonn ein Passepartout, wie es bislang noch kein deutscher Architekt von ihm erhielt.
Das Empfehlungsschreiben wurde im Straußschen Vorzimmer von dem "Fibag"-Mann Suske, einem Nürnberger Jungarchitekten, aufgesetzt und von Strauß unterzeichnet. Der Minister ersetzte lediglich den Namen des Adressaten, des damaligen US-Verteidigungsministers Gates, durch die Floskel "To whom it may concern". Strauß zu Suske: "So ist es besser, was nützt es, wenn Gates das in die Schublade tut."
Schrieb Strauß auf amtlichem Briefpapier unter Bezugnahme auf das "Rental Guarantee Housing Project": "Um das vorgenannte Projekt zu realisieren, wurde von Herrn Schloß eine Aktiengesellschaft gegründet und von ihm heute den Ministerien die Planungsunterlagen, Kostenberechnungen und Finanzierungsvorschläge eingereicht."
"Ich begrüße und befürworte die Ausarbeitung dieser Vorlagen, weil sie der Durchführung eines im gemeinsamen Interesse liegenden Planes dienen. Ich bitte, Herrn Schloß bei seiner weiteren Arbeit jede Unterstützung zu gewähren."
Von diesem Sondereinsatz will Strauß heute nichts mehr wissen. Tatsachenwidrig ließ er dem SPIEGEL erklären, das Passepartout stamme nicht von ihm, sondern "von der zuständigen Abteilung des Bundesverteidigungsministeriums".
Mit jenem Freundschaftsdienst begnügte sich Strauß jedoch nicht. Am 20. Juli 1960 griff er abermals zur Feder und teilte seinem "Sehr geehrten Herrn Kollegen" Thomas S. Gates im Pentagon mit, die "Planung des Architekten Schloß zum Housing-Project" sei vom Verteidigungsministerium "geprüft und als brauchbar bezeichnet worden". Strauß: "... bitte ich, diese Ihren Experten bekannte Planung ... zu verfolgen." Der Briefwechsel zwischen Bonn und Washington ging im Abdruck alsbald an den Kapfinger Hans im niederbayrischen Passau. "Mit freundlichen Grüßen" schrieb Strauß im Begleitbrief nach Passau seinem "lieben Hans": "... Bundesrechnungshof und Finanzministerium (haben) es abgelehnt, dieses Projekt aus dem deutschen Haushalt zu finanzieren. Das Parlament hat dafür auch keine Mittel bewilligt. Ich muß mich deshalb auf den befürwortenden Einfluß eines nicht zuständigen Ministeriums beschränken."
Und: "Ich glaube, wir sollten auch bei den Amerikanern nicht allzu stark drängen, weil das erfahrungsgemäß zu falschen Rückschlüssen und negativen Reaktionen führt."
Für das CSU-Mitglied Lothar Schloß, das sich bisweilen auch "International Consulting Engineer" nennt, ersetzten solche Briefe das fehlende Hochschuldiplom. Mitte Februar 1961 erhielt er vom "Director Real Property Management", Thomas H. Hefferan, des "Office of the Assistant Seeretary of Defense; Washington 25, D. C. - Installations and Logistics" einen ausführlichen Brief.
Washington erläuterte unter dem Datum vom 9. Februar, daß Eisenhowers Order vom November 1960 über "certain restrictions" (gewisse Einschränkungen) in bezug auf die US-Army-Familien in Übersee durch Kennedy am 1. Februar 1961 aufgehoben worden sei. Begreiflicherweise sei man im Augenblick - neun Tage danach - noch nicht in der Lage anzugeben, welche neuen Projekte in Angriff genommen werden sollen.
Aber: "Die Bemühungen Ihrer Gruppe, einen Plan für dieses Vorhaben fertigzustellen, wurden sehr anerkannt, und Sie dürfen versichert sein, daß . . . Ihr Angebot der Mitarbeit Berücksichtigung finden wird."
Der von Franz-Josef Strauß empfohlene Unternehmer, mit dem die Militärverwaltung einer Weltmacht zusammenarbeiten wollte, empfing die schmeichelhafte Zusage im dürftig eingerichteten Logis einer Münchner Mietskaserne. Sein Architekturbüro hatte er längst aufgelöst. Die Eintragung der in Hamburg beschlossenen Finanzbau-Aktiengesellschaft, aus deren Geldern er seine laufenden Rechnungen bestreiten wollte, war nämlich unterblieben.
Ein Grund der plötzlichen Schwierigkeiten: Die Ansichten der "Fibag"-Uraktionäre gehen heute darüber auseinander, weshalb die weitaus meisten Aktien, nämlich 25 Prozent des Stammkapitals, Kapfinger unentgeltlich zugesprochen wurden, obschon sich die eigentlichen Geldgeber mit jeweils zwölf oder höchstens mit 17 Prozent begnügen mußten. Mit anderen Worten: Dem einzigen Kompagnon, der kein Geld, sondern Bonner Beziehungen einbringen sollte, waren weit mehr Aktien zugedacht als jedem der anderen Aktionäre. Naturgemäß nährte das den Verdacht, es seien auch noch andere hochgestellte Persönlichkeiten an dem Geschäft beteiligt.
Die merkwürdige Aufschlüsselung der Aktienanteile wird möglicherweise in einem Gerichtsverfahren behandelt werden, das "Fibag"-Kompagnon Braun anstrengt. Braun, ein oberfränkischer Bauunternehmer aus Schney bei Lichtenfels, der in das Housing-Projekt bereits einige zehntausend Mark investierte, ist in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, für die er seine Geschäftsfreunde verantwortlich macht.
Dazu Strauß in einer Erklärung für den SPIEGEL: "Bis zu diesem Zeitpunkt (als Schloß dem Ministerium Pläne vorlegte) wußte Minister Strauß weder von der Gründung oder bevorstehenden Gründung einer ,Fibag' noch kannte er Herrn Schloß persönlich. Dann bat Dr. Kapfinger Minister Strauß, das Projekt zu prüfen, ohne ihm von der Gründung einer ,Fibag' oder gar einer Beteiligung von Dr. Kapfinger selbst etwas zu sagen. Minister Strauß hat bis heute davon nichts gewußt. Die Frage einer Beteiligung von ihm selbst hat ihm nie jemand zu stellen gewagt."
Schloß ist - vor Vertrauten - trotz solcher Querelen zuversichtlich: "Franz -Josef hat drüben so fest Zusagen über mich gemacht, der kann nicht mehr zurück. Pentagon denkt von mir große Stücke. Strauß kann nicht hinterher sagen, das ist alles Scheiße." Sobald er wieder auf beiden Beinen stehen kann, will Schloß nach Washington fliegen.
Bis dahin hofft er auch eine Privatadresse zu haben, die sowohl seiner Unternehmer-Position als auch seinen besonderen Verbindungen zu hohen Staatsstellen angemessen ist: Den Lothar Schloß erreichte inzwischen das Angebot, in eine ehemalige Unteroffizierswohnung im Münchner Kasernenviertel in der Infanteriestraße umzuziehen - für eine monatliche Miete von 54 Mark, einschließlich Licht, Gas und Wasser. Gemeinhin sind solche Vorzugswohnungen Bediensteten des Staates vorbehalten.
* Gerüchte, Kapfinger wolle anstelle des Bundesjustizministers Schaffer im Wahlkreis Passau für den Bundestag kandidieren, sind wieder verstummt, seit die Staatsanwaltschaft Passau gegen den Verleger ein Ermittlungsverfahren wegen Kuppelei eingeleitet hat. Kapfingers Plan, Anfang Juni ein "Deutsches Wochen-Magazin" unter dem Titel "aktuell" herauszubringen, soll jedoch nach wie vor verwirklicht werden.

DER SPIEGEL 23/1961
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