30.10.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer Spenderskandal

Wie ein Amerikaner über das Internet eine neue Niere erhielt
Für eine neue Niere sind 295 Dollar kein zu hoher Preis, selbst dreimal 295 Dollar nicht. Bob Hickey brauchte eine, er hätte wohl auch mehr bezahlt.
Hickey, 58 Jahre alt, Frührentner aus Edwards in Colorado, eine Niere vom Krebs zerfressen und entfernt, die zweite ebenfalls krank. Er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat.
Dreimal die Woche geht Hickey zur Dialyse, seit 1999 wartet er auf ein Spenderorgan. Vielleicht findet sich 2005 eine passende Niere, wer weiß. 60 000 Amerikaner stehen auf der Warteliste, jeden Tag sterben 16, die zu lange warten mussten. Es gibt zu wenig Organspender.
Und dann, Anfang dieses Jahres, hört Hickey im Radio von diesem neuen Internet-Service, matchingdonors.com, zu Deutsch etwa: passende Spender. Er tippt die Adresse ein.
Bei matchingdonors geht es darum, Menschen zu finden, die bereit sind, ein Organ herzugeben - und zwar jetzt, nicht erst, wenn sie tot sind. Sie dürfen dafür kein Geld verlangen, denn das wäre Organhandel, und der ist verboten. Lebendspender können zum Beispiel Knochenmark geben. Das ist vergleichsweise gefahrlos, es macht nur kaum jemand. Ein gesunder Mensch kann sogar auf eine seiner Nieren verzichten, ohne dass es ihn beeinträchtigt.
295 Dollar kostet die Mitgliedschaft pro Monat. Hickey bucht für drei Monate, dann darf er sich in eine Datenbank eintragen: Name, Alter, Krankheit. Dazu E-Mail-Adresse, Wohnanschrift, Telefonnummer, Lebenslauf, Beruf, medizinische Daten. Nichts bleibt privat, das ist das Prinzip von matchingdonors. Ein potenzieller Spender soll die Empfänger kennen lernen, er soll sich rühren lassen von ihrem Schicksal. Und er soll wählen dürfen, wer am Ende das Organ erhält. Bob Hickey lädt noch ein Foto von sich hoch.
Es funktioniert besser als erwartet. Drei Monate später haben fast 500 Menschen Kontakt zu ihm aufgenommen, über die Hälfte davon Frauen. Manche wollen ihm nur Glück wünschen, manche verlangen Geld, obwohl das verboten ist.
Hickey ist ein stattlicher Mann, sein Spender müsste deshalb mindestens 1,75 Meter groß sein - damit fallen praktisch alle Frauen weg.
Auf der Dialysestation hat Hickey jetzt eine Beschäftigung. Er telefoniert, fragt nach, gibt Auskunft, er arbeitet die Liste ab: noch hundert Kandidaten, noch zwei Dutzend, noch zehn. Endlich wieder hat er das Gefühl, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.
Am Ende bleibt genau ein Spender übrig: Robert Smitty, 32 Jahre alt, ein Lkw-Fahrer aus Chattanooga, Tennessee, 2000 Kilometer entfernt. Smitty ist groß genug, er hat die richtige Blutgruppe. Und er will, sagt er, einmal im Leben etwas richtig Großes tun. Etwas, worauf er stolz sein kann und seine zehnjährige Tochter auch.
Die beiden Männer telefonieren jetzt fast täglich miteinander. Smitty erzählt, dass er zufällig auf matchingdonors gestoßen sei, eigentlich habe er sich nur über Organspenden nach dem Tod informieren wollen. Erst Hickeys Steckbrief habe ihn überzeugt, Lebendspender zu werden. Es wäre die erste per Internet vermittelte Nierenverpflanzung.
Über Geld, so beteuern beide, reden sie nicht. Hickey wird seinem Spender Flug, Unterkunft und Verdienstausfall erstatten, alles in allem rund 5000 Dollar. Das ist erlaubt.
Am Morgen des 18. Oktober liegen die Männer nebeneinander im Narkoseraum des St.-Luke's-Hospitals in Denver. Die Infusionsnadeln stecken in den Armen, es ist halb sieben, in einer Stunde soll es losgehen, der Anästhesist wartet noch auf das Okay des Ärzteteams. Um Viertel nach acht geht er nachsehen, wo die Kollegen denn bleiben.
Ein paar Minuten später tritt der Chefarzt in den Raum, er hat eine schlechte Nachricht: "Ich werde Sie nicht operieren", sagt er. Er habe gerade erst erfahren, auf welche Weise Spender und Empfänger zusammengefunden hätten. Dass jemand an der Warteliste vorbei einen fremden Spender finde, sei unfair, dass jemand übers Internet eine Niere spende, höchst verdächtig. Der Arzt glaubt nicht, dass Smitty seine Niere aus reiner Menschenliebe hergeben will, und er glaubt nicht, dass Hickey wirklich nur 5000 Dollar Spesen zahlt. Er vermutet, dass die beiden einen heimlichen Deal haben.
Eine Schwester entfernt die Infusionsnadeln, die Patienten müssen sich wieder anziehen.
In seinem Hotel hängt Hickey sich ans Telefon, er redet mit Anwälten, Journalisten und Ärzten, er gibt Radio-Interviews. Am nächsten Tag erscheinen die ersten Artikel, die Klinik gerät unter Druck. Schließlich gibt es keinen Beweis für einen heimlichen Organhandel, die ethischen Bedenken wirken auf einmal bürokratisch und kalt. Der Fall macht nationale Schlagzeilen, am Ende gibt die Klinik nach.
Einen Tag später bekommt Hickey nun doch die Niere von Smitty eingepflanzt. Aus humanitären Gründen, sagt der Arzt. Alles geht glatt.
Ob wirklich kein Geld geflossen ist, lässt sich nicht sagen.
In der vergangenen Woche stellte sich heraus, dass Hickey, der Empfänger, im Sommer einen Oldtimer angeboten hat, für 40 000 Dollar. Wofür braucht er das Geld? Und Smitty, der Nierenspender, hat eine kriminelle Drogen-Vergangenheit, Schwierigkeiten im Job und Schulden bei seiner Frau. Ein Beweis ist das natürlich alles nicht.
"Ihr werdet keinen Beweis finden", sagt Smitty. "Und niemand kann Bob meine Niere wieder wegnehmen." ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 45/2004
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