Von Hoppe, Ralf
Das Haus des Scheichs, wie er sich jetzt nennen lässt nach seiner Rückkehr aus dem Lager der Feinde, steht am Stadtrand. Eine graue Siedlung. Eine Sackgasse, keine Klingel. Besucher müssen gegen das Blechtor treten. Im Treppenhaus ein Geruch nach Petroleum, die Hausfrauen mengen es dem Wischwasser bei, um das Ungeziefer fern zu halten.
Im ersten Stock, rechte Seite, durch zwei verschlossene Türen getrennt von den Frauen der Familie, ist eine Art Wohnzimmer oder Empfangsraum: blauer Filzteppich, dünne Sitzkissen aus Schaumstoff. Die Wände sind kahl. Mitten im Raum, wie ein Ausstellungsstück, steht ein prächtiger, mit gestreiftem Seidenstoff bezogener Sessel. Darin sitzt ein Mann: klein, schmal, barfuß.
Er streicht sich über den Bart, er wackelt mit den Zehen.
"Ich bin sehr glücklich", sagt er.
Leise Stimme, sanfte Augen.
"Guantanamo war eine schwere Prüfung, doch es war mir vergönnt, dort in die Seele Amerikas zu blicken."
Und was hat er gesehen?
"Angst", sagt Wissam al-Dimawi leise, er lächelt.
Als am 11. September 2001 die beiden Türme des World Trade Center zerfielen und eine dritte Maschine auf Amerikas Verteidigungsministerium krachte, da freute sich Wissam al-Dimawi, Verkäufer von Buntstiften und Schulbüchern aus dem Basar von Sarka. Dass ihn bald die Amerikaner gefangen nahmen, ihn 26 Monate und 29 Tage lang einsperrten, den Großteil dieser Zeit in Guantanamo - das alles findet Dimawi heute nur logisch. Denn alles ist Teil eines Plans: den Ungläubigen die Weltherrschaft zu entreißen. Es ist der Wille Allahs.
Der Krieg hat begonnen.
Es ist zehn Uhr morgens, die Sonne scheint durchs Fenster. Dimawi sitzt im Sessel und streckt die Beine. "Man stelle sich vor, die amerikanischen Soldaten haben sogar Lieder für uns gesungen."
Ahmed, Dimawis kleiner Bruder, stellt das blecherne Teetablett ab, kichernd.
Dimawi beugt sich vor. "Mehr als eine Milliarde Muslime gibt es auf der Welt. Und wir lieben das Leben, wir haben viele Kinder, unsere Zahl nimmt zu, unaufhaltsam. Was wollen sie mit uns tun, die Amerikaner? Uns alle in Guantanamo einsperren? Aber so viele Käfige haben sie dort nicht, das weiß ich zufällig genau."
Ahmed mischt sich ein: "Bitte, Wissam, mach es ihnen vor."
"Sie marschierten nachts vor unseren Käfigen auf und ab, zwar nicht jede Nacht, aber bestimmt ein-, zweimal die Woche.
Dabei sangen sie. Verschiedene Lieder. Manchmal schlugen sie auch mit einem Schlagstock an die Gitterstäbe."
Warum das?
"Ich glaube, es sollte uns am Schlafen hindern oder einschüchtern oder ..." Er zuckt die Achseln.
"Ach, bitte, mach es ihnen vor, bitte, einmal nur", sagt Ahmed.
"Also gut." Dimawi hievt sich hoch, stellt sich in Position, dann beginnt er auf- und abzustampfen, barfuß, in seiner weißen knöchellangen Dischdascha, er brummt eine Melodie.
"Love me tender, lalala, love me please, lalalala, bumm, bamm." Er drischt mit dem imaginären Schlagstock an imaginäre Zellenstäbe, Roberto Benigni als Bin Laden.
Ahmed gluckst und summt ein paar Töne mit.
Wissam al-Dimawi, geboren am 28. November 1975, jordanischer Staatsbürger: auf den ersten Blick ein netter Kerl, höflich, redegewandt, heiter; allerdings auch ein Prediger des Terrors. Und vielleicht selbst ein Terrorist - vielleicht nicht heute, aber morgen.
Dimawi bleibt stehen, er schnauft ein bisschen nach seiner Einlage.
"Schreiben Sie, dass ich Präsident Bush etwas fragen möchte: was es ihm oder Amerika geholfen hat, dass er mich am Schlafen hinderte? Ich habe damals auch meine Wachposten danach gefragt: Warum tut ihr das, was habt ihr davon? Sie haben nicht geantwortet."
Vielleicht durften sie nicht?
"Nein. Sie wussten es nicht. Amerikaner befolgen nur Befehle, sie sind gierig und dumm." Er gleitet zurück in den Sessel. "Allah lehrt uns, die Wahrheit zu lieben, weil die Wahrheit etwas Gutes ist. Doch wenn man einem Menschen etwas Böses zufügt, um von ihm die Wahrheit zu erfahren - wie soll das funktionieren? Es kann nicht gelingen - und die Amerikaner wissen das, sie haben Angst vor der Reinheit und Überlegenheit des Islam." Er macht eine Pause. "Und so habe ich meine Aufgabe gefunden." Dimawi zieht die Beine unter sich.
"Die Stärke des Islam zu verkünden und von der Schwäche Amerikas zu berichten, dies ist meine Mission - seit Guantanamo."
Sein kleiner Bruder strahlt ihn an.
Im August 2001 begann die lange Reise Dimawis. Zusammen mit seiner Frau und seiner acht Monate alten Tochter Jakin war er nach Pakistan gegangen, um in dem Dorf Raiwand bei Lahore eine Art Predigertraining zu absolvieren. Es war der Traum seines Lebens, den er sich in diesen vier Monaten erfüllte, der Seiteneinstieg in eine Predigerkarriere. Ein theologisches Studium hätte der Vater ihm nie finanzieren können.
Dimawis Vater war bis zur Pensionierung bei der jordanischen Armee angestellt, als Hausmeister in einer Kaserne. Dimawi, ältester von sechs Brüdern, muss nach der achten Klasse von der Schule abgehen - er muss arbeiten. Er findet einen Job auf dem Basar, als Händler und Verkäufer von Broschüren, Buntstiften, Schulbüchern - und hier, in einem traditionellen und frommen Milieu, fühlt er sich wohl, er hat Zeit, sich weiterzubilden, er verbessert sein Arabisch.
Das Haus der Dimawis, in dem auch einige seiner Brüder mit ihren Frauen und Kindern leben, zwischen 12 und 20 Personen, kostet 400 Jordanische Dinar, etwa 450 Euro. Er kann seinen Teil der Miete zahlen, er kann es sich sogar leisten zu heiraten. Aber sein Ehrgeiz reicht weiter.
Im Basar, bei den gelegentlichen theologischen Disputen, fällt Dimawi auf - sein Arabisch ist bildhaft, seine Rezitationen aus dem Koran sind beeindruckend. Man lobt seine klangvolle Stimme. Und Dimawi fühlt seine Bestimmung: ein Streiter sein im Namen Allahs.
Ein Streiter: Heißt das, er hat gekämpft?
"Nur mit Worten", sagt er.
Und er hat nie Kontakt gehabt zu anderen Glaubensbrüdern, die mit der Waffe kämpften oder kämpfen wollten?
"Nie", sagt er.
Wirklich nie?
"Die Amerikaner haben auch jede Frage mehrmals gestellt", er macht ein spöttisches Gesicht, "als ob ich beim zweiten Mal etwas anderes antworten würde. Sie haben mich an einen Lügendetektor angeschlossen, dreimal - als ob eine Maschine in mein Herz blicken könnte."
Das islamische Zentrum, zu dem er reist, "Markas al-Daawa wa al-Tabligh", Zentrum für den Ruf der Gläubigen, ist eine riesige Anlage, bestehend aus einer Moschee, drum herum primitive, aber saubere Unterkünfte für Tausende; sie kommen aus dem Sudan, Indonesien, Frankreich, Afghanistan, Jordanien. Frauen und Männer leben getrennt. Dimawi darf seine Frau und sein Kind einmal die Woche sehen. Der Aufenthalt dort kostet ihn etwas mehr als 1200 Dollar, am teuersten waren die Flugtickets bis Islamabad.
Einen Fernseher gibt es nicht in Raiwand, jedenfalls nicht für die einfachen Adepten. Aber am Abend des 11. September 2001, Dimawi ist gerade fünf Wochen dort, sickert eine sensationelle Nachricht durch.
Muslimische Freiheitskämpfer! Flugzeuge auf New York! Die arroganten Amerikaner: bestraft, herausgefordert. Und nun? Worin besteht die Pflicht eines gläubigen Muslim? Und ist Bin Laden ein "Chalifa", ein Nachfolger des Propheten? Oder nur ein "Amir al-Muminin", ein Herrscher der Gläubigen - was einen großen Unterschied machen würde? "Wir hatten viele Themen zu besprechen", sagt Dimawi.
Und die Toten? Die Unschuldigen?
Wissam al-Dimawi zieht einen neutralen Ausdruck über sein Gesicht, wie ein Visier. Seine Stimme klingt sofort kalt.
"Die Toten? Fragt Präsident Bush nach den unschuldigen Toten des Irak-Krieges? Hat mich je ein Amerikaner gefragt, ob ich nach Guantanamo wollte oder ob ich eine Frau habe, eine kleine Tochter und ob ich sie vermisse? Das Mitleid der Amerikaner gilt immer nur den Amerikanern - sie demütigen, berauben, beleidigen uns."
Oktober 2001: Die Amerikaner überrollen Afghanistan, Dimawi bleibt in Raiwand, länger als anfangs geplant: Diese Zeit in seinem Leben ist die bislang aufregendste. Doch schließlich geht ihm das Geld aus. Statt zurückzufliegen, muss er den Landweg einschlagen.
Von Lahore nach Karatschi im Süden Pakistans, von dort nach Quetta, 75 Kilometer vor der afghanischen Grenze, von Quetta aus mit dem Bus durch Iran, südlich der Wüste Lut, dann durch den Irak bis Jordanien.
Dimawi ist ein Reisender der Dritten Welt: Knapp 5000 Kilometer, so weit wie von Lissabon bis zum Ural, will er zurücklegen, in Sandalen und mit ein paar hundert Dollar in der Tasche, stets anspruchslos, gleichmütig. Überfüllte Busse, stickige Eisenbahnen, neben Ziegen und Schafen, mit einem Säugling im Arm und einem Pappkarton voller Windeln, geplatzte Reifen, Skorpione, kochende Kühler. Dimawi hat ein Papier mit Telefonnummern und Adressen - fromme Muslime, die ihm unterwegs helfen werden, ohne Geld zu verlangen. "Ein Netzwerk", sagt Dimawi, er hakt die kleinen Hände ineinander.
Ein Netzwerk des Terrors?
"Ein Netzwerk des gegenseitigen Vertrauens", er schüttelt nachsichtig den Kopf.
50 Kilometer hinter der pakistanisch-iranischen Grenze, vor dem Ort Esfandak,
wird der Bus gestoppt. Die iranischen Grenzsoldaten wissen, wen sie suchen - ihn. Woher? An der Grenze, sagt er, hat er nichts ahnend auf irgendein Formular das Wort "Sarka" geschrieben.
Dimawi, seine Frau und ihr acht Monate altes Kind werden aus dem Bus geholt und nach Sahedan gebracht. Dimawi wird von seiner Familie getrennt, eingesperrt. Einer seiner iranischen Bewacher spricht etwas Arabisch, Dimawi fragt ihn jeden Tag dasselbe: Warum haltet ihr mich fest? Wann lasst ihr mich frei?
"Ich war fest überzeugt, dass es ein Irrtum war, eine Verwechslung", sagt er.
Die Verpflegung ist gut: Käse, Marmelade, Reis. Doch nach zwölf Tagen verweigert Dimawi das Essen. Man bringt ihn nach Teheran.
Ein Hotel am Stadtrand von Teheran, ein Treffen mit seiner Frau, ein Blick aufs Kind. Das Kind schläft, seine Frau weint. Was wird aus uns?
Man bringt ihn nach Afghanistan. Die Bagram-Airbase, 1976 von den Sowjets erbaut, befindet sich eine Autostunde von Kabul: ein Hochplateau unterhalb der Paghman-Bergkette, ein schwer bewachter Sicherheitszaun um die drei Hangars, Kontrollturm, flache Nebengebäude. Eines davon dient als Gefängnis. Hier landet der Terrorverdächtige Wissam al-Dimawi am 25. Februar 2002. Hier begegnet er Amerika.
Dimawi hält inne. "Noch etwas Tee? Nein? Etwas anderes?" Er winkt seinen Bruder heran, flüstert. Ahmed verschwindet gehorsam.
"In Afghanistan, bei den Amerikanern, wurde es schlagartig schlimm. Ich wurde einige Male zum Verhör geholt, dabei ausgezogen, eine Frau sah zu. Sie lachte. Ich wurde auf den Bauch gelegt, mit gespreizten Beinen. Sie bohrten mir etwas in den Anus. Kann sein, dass ich schrie. Es blutete. Der Dolmetscher fragte, ob ich al-Qaida kenne, Abu Mussab al-Sarkawi kenne, ob ich sterben wolle ... Ich sagte immer nur: nein, nein, nein."
Es ist Ende Februar, die Nächte sind eisig, die Zelle fensterlos, ungeheizt. Sie sind zu zwölft, manchmal mehr. Einige wimmern vor Schmerzen, manche brüllen stundenlang nach Wasser. Dimawi verhält sich still. Manchmal vergehen Wochen bis zum nächsten Verhör, stets dieselben Fragen. Dimawi wird einem Lügendetektor-Test unterzogen.
"Danach sagten sie, ich sei ein guter Lügner, und darum müsse ich sterben."
Nach 40 Tagen wird er nach Kabul gebracht, dort geht es so weiter; nach einem Jahr etwa schafft man ihn zurück nach Bagram, von dort nach Guantanamo.
Am 10. März 2003 wird Wissam al-Dimawi auf der Bagram-Airbase in eine amerikanische Militärmaschine verfrachtet, wahrscheinlich eine Frachtmaschine vom Typ C-5 Galaxy. Dimawi ist zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre alt und mehr tot als lebendig. Mehr als ein Jahr ist er jetzt bereits in US-Militärgefängnissen in Kabul und Bagram.
Als man ihn auf der Bagram-Airbase in die Maschine steckt, trägt er einen weißen Overall und muss zwei weiße Pillen schlucken; so tritt er den Flug an mit einem Beruhigungsmittel in der Blutbahn und als Paket: gefesselt an Händen und Füßen, die Fußschellen verkettet mit einem Bauchgurt, über seinem Kopf klebt eine schwarze Kapuze. Der Stoff riecht chemisch. In seinem Mund ein Geschmack nach Galle.
Die Kapuze lässt kein Licht durch. Oben und unten, rechts, links tauschen die Plätze, Dimawi verliert die Orientierung, um ihn nur Schwärze, Schwindel, Gerüttel. Er versucht gleichmäßig zu atmen, und er kämpft gegen den Drang zu zappeln, an
den Fesseln zu zerren, ins Dunkel hineinzukreischen.
Warum tut ihr das?
"Aber ich schrie nicht", sagt er freundlich. "Es wäre sinnlos gewesen, die Soldaten verstanden ja sowieso kein Arabisch."
Wissam al-Dimawi, Frachtgut ins Nirgendwo, betete.
In Guantanamo nimmt man ihm die Kapuze ab, er drückt den Kopf auf die Brust, hält die Augen geschlossen vor dem gleißenden Licht. Es ist eine Baracke, in die man ihn bringt. Ein Arzt oder Sanitäter, eine Frau in Soldatenkleidung, ein Übersetzer. Dimawis Fesseln werden gelöst, er muss sich ausziehen, der medizinische Check dauert keine zehn Minuten, er wird geschoren und rasiert. Anschließend bringt man ihn zu seinem Käfig, in dem er die nächsten 386 Tage und Nächte verbringen wird: neun Fußlängen lang, acht Fußlängen breit.
5.30 Uhr: Frühstücksausgabe, zwei Scheiben Weißbrot, ein Ei, Mittagessen um 11 Uhr: Reis, Linsen, manchmal Huhn oder indisches Curry. Dimawi schnüffelt misstrauisch an den Saucen, an den Fleischstücken, kein Schweinefleisch. Abendessen um 19 Uhr: Brot, Käse, fast immer ein Apfel oder eine Orange.
Dies sind die neuen Regeln.
Am dritten Tag bekommt er ein Paar Gummilatschen und einen neuen Overall, der ist steif und orangefarben statt weiß. Hat das etwas zu bedeuten? Gilt er als überführt? Wie lange muss er bleiben? Dimawi versucht, seinen Bewachern eine Antwort zu entlocken, vergebens.
Was tut ihr? Er begreift gar nichts von allem.
Fünfter Tag: eine Zahnbürste. Sie hat keinen Stiel, nur einen weichen Plastikring, den man über den Finger streift.
Einen Tag lang denkt Dimawi darüber nach, warum man ihm keine richtige Zahnbürste gegeben hat, dann findet er die Lösung. "Um zu verhindern, dass wir daraus eine Waffe schnitzen - und die Soldaten angreifen. Die starken Amerikaner fürchten sich vor Zahnbürsten!"
Ahmed, der kleine Bruder, nickt, lacht.
Vielleicht sollten auf diese Art auch Selbstmorde verhindert werden?
"Selbstmorde? Der Islam verbietet sie."
Hat er nie an Selbstmord gedacht - aus Verzweiflung?
"Gott war immer bei mir."
Irgendwann redet einer der Bewacher mit Dimawi, er sagt nicht viel, nur: "Hi, I'm Sandy." Dimawi hält dies für eine Begrüßung, er antwortet: "Hi, I'm Sandy." Der andere lacht, schüttelt den Kopf, Dimawi sieht ihn ein paar Mal, er ruft dann "Hi, I'm Sandy", aber er bekommt keine Antwort.
Vom ersten Tag an wartet Dimawi, dass man ihn verhört. "Es war ja ein Irrtum, meine Gefangennahme, ich wollte eine Möglichkeit, mich zu äußern." Heiße Tage,
kalte Nächte. Wenn es regnet, läuft sein Käfig voll Wasser.
Niemand kommt.
"So vergingen wohl an die dreieinhalb Monate", sagt Wissam al-Dimawi, er lächelt.
Zwei Monate nach dem Anschlag auf das World Trade Center, fünf Wochen nach dem Angriff auf das Taliban-Regime erließ George W. Bush eine präsidiale Order, wonach Festgenommene aus diesem Feldzug als Terroristen und nicht als Kriegsgefangene zu behandeln sind. Es war die erste Order dieser Art seit dem Zweiten Weltkrieg; der Militärstützpunkt Guantanamo wurde zum blinden Fleck im Rechtssystem der USA. Die Zahl der Häftlinge dort soll zwischen 600 und 650 liegen, wahrscheinlich aus mehr als 40 Ländern. Weshalb jemand dorthin gebracht wird, welche Verdachtsmomente gegen ihn vorliegen - das alles bleibt im Dunkeln, es genügt, am falschen Ort zu sein, den falschen Pass zu haben, das entsprechende Aussehen.
So wie Wissam Abd al-Rahman al-Dimawi, den es kurz hinter der iranischen Grenze erwischt, wahrscheinlich aus einem einzigen Grund - weil er aus Sarka stammt. Jener jordanischen Industriestadt, eine Dreiviertelstunde nordöstlich von Amman, der Stadt, aus der auch Abu Mussab al-Sarkawi kommt, ehemaliger Honighändler, Anführer einer blutrünstigen Qaida-Truppe, Drahtzieher, Kidnapper, Halsabschneider, das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld der Amerikaner liegt inzwischen bei 25 Millionen Dollar.
Wahrscheinlich erhoffen die Amerikaner sich Hinweise auf Sarkawi. "Vielleicht war alles nur eine Verwechslung? Wir Araber sehen uns doch angeblich alle gleich." Dimawi lächelt fein, kalt. "Die Amerikaner sind so dumm."
Wissam al-Dimawi wird in dem Jahr, das er in Guantanamo verbringt, viermal verhört, jeweils etwa eine Stunde lang. Immer dieselben Fragen nach al-Qaida und Sarkawi, dem Terrorchef aus Sarka.
Und er kennt ihn wirklich nicht, hat ihn nie gesehen?
"Ich kenne ja nicht alle Einwohner aus Sarka", sagt Dimawi.
Aber er weiß, dass die Amerikaner auf Sarkawi 25 Millionen Dollar ausgesetzt haben?
"So sind die Amerikaner", Dimawis Stimme klingt kühl, "sie wollen immer alles kaufen."
Wissam al-Dimawi überlebt die physischen Strapazen, weil er klein ist und verhältnismäßig schmächtig, wahrscheinlich kann er seinen Organismus leichter herunterfahren. "Manche tranken Urin und wurden krank, manche wurden wild vor Durst oder Hunger. Ich nie. Wenn es schlimm wurde, stellte ich mir das Gesicht meiner Tochter vor."
Wissam al-Dimawi überlebt, indem er sich abkapselt, in eine Welt schlüpft - in der es nur Gott gibt und ihn. Und wo alles einen Sinn hat, seine Wut, seine Verzweiflung.
Er sitzt in seinem Sessel, streicht mit der Hand über den kühlen, gestreiften Seidenstoff und erzählt, dass er früher Mitleid hatte mit den Amerikanern und allen Menschen, die den falschen Gott anbeten und deshalb nie ins Paradies gelangen würden, "aber jetzt weiß ich, dass sie meine Feinde sind, ja, es ist seltsam, aber wir Muslime müssen Bush dankbar sein - dafür, dass er uns vereint hat, ein schlafender Riese, der jetzt aufgewacht ist". Er steht auf, streckt sich ein bisschen.
Wer sind Sie wirklich, Scheich Wissam?
"Nur ein normaler Muslim mit einer allerdings wichtigen Aufgabe."
Am 31. März 2004, einem Mittwoch, sehr früh am Morgen und gegen alle Routine in Guantanamo, wird Wissam al-Dimawi auf die Krankenstation gebracht. Die Untersuchung ist gründlicher als bei seiner Einlieferung - und irgendwie freundlicher. Danach keine Fesseln. Stattdessen schiebt man ihn in einen Nebenraum, dort liegen auf einem Hocker eine Jeans, ein blaues Sweatshirt sowie ein Paar cremefarbene Turnschuhe, Größe 39. Er soll sich umziehen. Die Maschine steht bereits auf der Startbahn. Schnell.
Er versteht nicht. Umziehen?
Ja, rasch, er ist frei, er darf nach Hause.
Er glaubt es nicht. Es ist ein Trick.
Aber der Doktor nickt, ungeduldig, er will ihm helfen beim Umziehen, aber das ist nicht nötig, Dimawi beeilt sich.
"Ich musste die Jeans umkrempeln, aber die Turnschuhe passten."
24 Stunden später, in Amman, nimmt ihn der jordanische Geheimdienst in Empfang, abermals Verhöre, zwei Wochen lang geht das, aber die Haftbedingungen sind erträglich.
Dann bringt ihn ein Wagen nach Sarka.
An die ersten Tage, sagt er, könne er sich kaum noch erinnern. Als Erstes begrüßt er seine Eltern, seine Frau, und dann küsst er seine Tochter, und dann zieht er sich um, die Turnschuhe behält er.
Er hat sein altes Leben zurück.
"Die Wut der arabischen Welt" heißt ein Buch des Orientalisten Bernhard Lewis, es beschreibt das Gefühl einer historischen Degradierung. Dimawi trägt sie in sich, diese Wut, doch er gehört einer neuen Generation an. Er hat die Wut transformiert in lässige Verachtung. Die Verlockungen und Bestrafungen des Westens, die Dollar und Wissenschaften und Gefängnisse, sind allesamt bedeutungslos: letzte Zuckungen eines dekadenten Systems. Dimawi fühlt sich wie erleuchtet seit seiner Rückkehr, Allah hat ihn behütet.
In den ersten Wochen, als Besucher, Nachbarn ihre Aufwartung machten, bestaunten sie ehrfürchtig die cremefarbenen Turnschuhe: die Reliquien des Märtyrers.
Wissam al-Dimawi ist erst 28 Jahre alt und hat schon die Rolle seines Lebens gefunden: Er wird seinen Glaubensbrüdern Amerika erklären und, auf seine elegante Art, jenen Hass predigen, den er inhaliert hat, der vollendete Terrorist.
Sein Bruder Ahmed kommt zurück. Mit einem Tablett, darauf stehen Gläser und eine Eineinhalb-Liter-Flasche Coca-Cola. Sie ist eiskalt, er hat sie schnell im Supermarkt gekauft, auf Geheiß von Dimawi. Weil Besucher aus dem Westen doch lieber Cola trinken als Tee, Dimawi kennt den Westen. Ausgerechnet Coca-Cola.
"Ist sie auch kalt genug?", fragt Dimawi freundlich.
DER SPIEGEL 45/2004
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