Von Matussek, Matthias
Als die junge Queen Elizabeth II. 1965 ihren ersten Staatsbesuch in Deutschland absolvierte, es war Mai, standen ein paar Kinder am Stuttgarter Fernsehturm Spalier, und die Queen neigte sich leicht zu einem elfjährigen Jungen hinab und gab ihm die Hand.
Sie lächelte. Sie war primelgelb vom Hut bis zu den Schuhen. Die Gattinnen der Politiker trugen Spitzenhandschuhe und knicksten und alle dufteten, und der Junge war versteinert vor Bewunderung. Sie war die Königin seines Herzens, mindestens.
Es war ein ewiger Mai damals, der Fernsehturm war noch neu, das ganze Land war brandneu, und alles war historisch schattenlos in diesem Neuanfangszauber.
Die Queen entstammte einem Märchen. Und dann bestieg sie den neuen Mercedes; das Auto für den Gemahl Prinz Philip sprang nicht an. Ein Ersatzwagen wurde herangeschafft.
Seither ist die Queen älter geworden und der kleine Junge ebenfalls und das Land, das sie besuchte, auch. In der Folge wuchsen die Haare, die Straßen brannten, Deutschland wurde mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert und England mit dem Verlust seines Imperiums. Machtblöcke zerfielen, Staaten verschwanden, andere entstanden, Großbritannien führte Krieg im Irak und Deutschland nicht.
Doch eines blieb gleich in all den Umwälzungen: die britische Monarchie und der freundliche Stoizismus dieser Königin, seit über einem halben Jahrhundert.
Queen Elizabeth II., 78, kommt erneut auf Staatsbesuch nach Deutschland. Sie ist mittlerweile grau geworden und Großmutter. Ihr Lächeln ist nicht mehr ganz so strahlend wie in jenen Mai-Tagen, sie hat einfach zu viel erlebt. Ihr Glanz ist von einer anderen Sorte: Heute kommt sie als Ausdauerwunder, als Königin der Pflichterfüllung, lebenslang, wo sonst alles auf Tagesparolen angelegt ist.
Ihr Glanz hat mit würdiger Zurückhaltung zu tun, mit einer wahrhaft aristokratischen Verweigerung gegen den Hochglanzmüll der Kioske. Es gibt keine Interviews mit ihr, kaum verwertbare Äußerungen, kaum Fototermine. Sie ist das Gegenteil von schrill, und bereits das ist eine Wohltat, besonders, wenn es um das deutsch-britische Verhältnis geht.
Politisch könnte das Besuchsprogramm, das sie in den drei Tagen zu absolvieren hat, ausgewogener nicht sein. Gespräche mit dem Kanzler und dem Präsidenten, Teatime mit dem Parlamentsvorsitzenden, Kranzniederlegungen für Kriegsopfer, Teilnahme an einer Klimakonferenz sowie ein Benefizkonzert zu Gunsten des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche.
Zum Programmpunkt Dresden hatte das notorisch krakeelende Massenblatt "Daily Express" im Vorfeld blankgezogen. Die Deutschen hätten die Queen, so insinuierte es, bei dieser Gelegenheit zu einer Entschuldigung für die Brandbombennächte drängen wollen. "Es wäre völlig falsch", bellte es vorsorglich. Die Deutschen hätten wohl komplett vergessen, "dass sie es waren, die den Krieg angefangen haben".
Der Buckingham Palace ließ kühl dementieren. Bemerkenswert an diesem Vorgang ist allenfalls, dass der Eigentümer des "Daily Express", Richard Desmond, vor nicht allzu langer Zeit im Stechschritt vor Kollegen paradierte, "Sieg Heil" rief und behauptete, alle Deutschen seien Nazis.
Womit er durchaus unterschwelligen Ressentiments entsprach, denn immer noch bestreiten Deutsche vorwiegend als Nazis die Fernsehabende in der BBC, ob in Dokumentarserien oder Soap-Operas, und wohl deshalb mahnte Außenminister Joschka Fischer bei einem London-Besuch jüngst ein ausgewogeneres Deutschland-Bild an.
Die Queen steht über all diesen Gereiztheiten. Deutschenfeindliche Äußerungen sind von ihr nicht überliefert. Im Gegenteil: Sie gilt - als Nachkomme des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha - bisweilen selbst als Deutsche, und zwar immer dann, wenn es ihren Gegnern in den Kram passt. Immer mal wieder ließ Earl Spencer, der geschiedene Vater von Diana, eine brandygeschwängerte Volte gegen "diese Deutschen im Buckingham Palace" vom Stapel.
So was hat sie abtropfen lassen. Sie hat vieles abtropfen lassen in ihrem Leben. Als junge Prinzessin in den Kriegsjahren lernte sie, sich unters Bett zu rollen, wenn die Sirenen ertönten. Sie lernte, Militärfahrzeuge zu lenken und diese zu warten, und sie war hübsch und kein bisschen verzärtelt.
Mit 21 gab sie dem Marineoffizier Mountbatten das Jawort, mit 25 bestieg sie den Thron, und zum ersten Mal übertrug das Fernsehen 1952 Bilder davon - von einer Königin, die kein bisschen betrunken war von sich selbst und ihrem Image, und stattdes-
sen versprach, ihr Leben dem Wohl des Volkes und des Commonwealth zu verpflichten.
Sie ist diesem Schwur treu geblieben. Sie hat rund 250 offizielle Besuche in 128 Ländern absolviert und insgesamt 380 000 Orden und Titel verliehen. Eisern lächelnd, ohne zu flunschen, ohne Teller an die Wand zu schmeißen oder Rittmeistern parfümierte Briefe zuzustecken. Sie ist seit 57 Jahren verheiratet, und das, erst recht, ist Pflichterfüllung!
Eine Zeit lang schien es, als würde sie hinweggespült von jener scheinbar egalitären New-Labour-Millenniums-Welle, von der sich die politische Jeunesse dorée der Insel und ihre Jungmillionäre und PR-Berater in Ämter und Würden tragen ließen. In Zeiten, in denen man sich vor Fußballern und Busenwundern und Rennstallbesitzern in den Staub wirft, schien das Königshaus erledigt.
Es war bereits von innen sturmreif geschossen durch Scheidungen und Ehekrisen und öffentliche Geständnisse einer weinerlichen bulimischen Prinzessin und insgesamt verraten und verkauft an die Groschenpresse.
Als Tony Blair 1997 Premierminister wurde und die Altarstufen der Popkultur hinaufstieg, um sich und seine Cherie zum Königspaar von "Cool Britannia" salben zu lassen, galt die Monarchin erst recht als überholt. Und noch erledigter wirkte Buckingham Palace in den Tagen nach dem Tode Dianas, die mit ihrem damaligen Playboy-Freund Dodi Al-Fayed nach einem durchzechten Abend in einem Pariser Straßentunnel verunglückte.
Die Queen nämlich verweigerte durchaus protokollgerecht das Staatsbegräbnis. Daraufhin machte die Straße mobil, und Premier Blair, mit seinem unglaublichen Gespür für Populismus, prägte das Wort
von der "Volksprinzessin", der Königin der Herzen. Vor dem Buckingham Palace wurden Zigtausende von Plüschtieren abgelegt, als Zeichen stummen Protests einer zutiefst gerührten Couch-Potato-Gesellschaft.
Heute schämen sich die meisten Kommentatoren für diesen damaligen Schwächeanfall. Boris Johnson, Chefredakteur des konservativen "Spectator", datiert den intellektuellen Verfall der Insel, den Verlust seiner stoischen Tugenden und all der Charakteristika, die das Land einst groß gemacht hätten, auf diesen Moment.
Mittlerweile ist man weiter in diesem Kulturkrieg zwischen Tradition und der Abstimmungsdemokratie mit der TV-Fernbedienung. Man entdeckt plötzlich im Gleichmut der Königin ein Bollwerk zu jenem zynischen Klima aus Manipulationen und Allmachtsphantasien und Opportunismen von New Labour.
Der Wind hat sich gründlich gedreht auf der Insel. Plötzlich bilden sich wieder Wagenburgen um die Institution der Monarchie. Zwei Drittel der Bevölkerung wollen sie und ihren konstitutionellen Zauber erhalten. Soeben hat eine BBC-Serie über die englische Monarchie begonnen, die über zwei Jahre laufen soll. Mit einem Wort: Elizabeth II. ist cool, und der vulgäre Blairismus ist es kein bisschen mehr.
Komiker wie Rory Bremner lassen die Queen in Ruhe und schießen sich auf die Blairs ein, zum Beispiel darauf, dass sie sich gerade einen kostenlosen Sizilien-Urlaub beim sinistren Polit-Paten Berlusconi erschnorrten.
Man lässt Milde walten mit den Eskapaden des royalistischen Nachwuchses, etwa mit Prinz Harry, Aspirant der Offiziershochschule Sandurst und Lieblingsenkel der Queen, der sich kürzlich vor dem Nachtclub Pangaea mit Paparazzi prügelte. Da gab es Absolutionen wie die durch Lord Deedes, den ehemaligen Chefkolumnisten des "Daily Telegraph", der befand, dass "Nachtclubs ein gutes Training für junge Offiziere" seien: Man lerne, mit wenig Schlaf auszukommen, er selbst habe das bereits in den dreißiger Jahren praktiziert.
Die Diskussion um Vergünstigungen für die Familie des Premiers indes kocht bei jeder sich bietenden Gelegenheit hoch. Etwa wenn ein städtisches Hospital, das Blair wegen einer Herzuntersuchung aufsucht, in der Nacht zuvor mehrere hundert defekte Lampen auswechseln, die Böden schrubben lässt und anschließend eine anständige Erhöhung der Subventionen erhält.
Oder wenn ruchbar wird, dass Blair-Unterstützer des Kriegskurses auf den öffentlichen Beförderungslisten ganz nach oben wandern oder zur Ordensverleihung empfohlen werden - Nepotismus am Hofe Blair.
Wie alle früheren Premiers hat auch Tony Blair wöchentlich zum Rapport bei der Queen zu erscheinen. Es ist anzunehmen, dass Tony "Trust me" Blair, der das Land in den desaströsen Irak-Krieg hineingetrickst hat, eine Menge zu erklären hat.
Ein prominenter Parlamentsreporter meint über das Verhältnis der beiden: "Womöglich hält sie ihn für einen charmanten, gut aussehenden Burschen, vielleicht auch für einen leichten Trottel - ihre Ansicht über seine Frau wird ein wenig schärfer ausfallen."
Während die britische Presse mittlerweile über Blair vorwiegend abschätzig als Bushs Butler schreibt, gilt die Queen nun als Bollwerk, als unbeugsam und viel zu stolz, um vor amerikanischen Emporkömmlingen in die Knie zu gehen.
Schon als US-Präsident Reagan 1983 das britische Dominion Grenada besetzen ließ, war sie, die sich öffentlich politisch nicht äußern darf, dem Vernehmen nach weißglühend vor Zorn.
Und als jüngst Bushs Neo-Con-Clique zum Staatsbesuch in den Buckingham-Palast einfiel und die Sicherheitsleute den jahrhundertealten Garten auf das "Niveau einer texanischen Viehweide" ("Sunday Mirror") heruntergetrampelt hatten, soll die Queen erbost wie selten gewesen sein. Der Dinner-Empfang verlief frostig. Sie würdigte, den veröffentlichten Fernsehbildern zufolge, Blairs amerikanischen Buddy keines Blickes.
Dabei kann Queen Elizabeth II. durchaus reizend sein und von umwerfender Bescheidenheit, und das nicht nur elfjährigen deutschen Jungen gegenüber.
Als das Handy einer jungen Frau, mit der sie sich jüngst auf einer ihrer Gartenpartys unterhielt, klingelte und diese nervös danach fingerte, um es auszuschalten, meinte die Königin lächelnd: "Nehmen Sie das Gespräch nur an, es könnte jemand Wichtiges sein."
DER SPIEGEL 45/2004
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