Von Lakotta, Beate
Für den Hypochonder ist ein Schnupfen niemals nur ein Schnupfen; jedes Räuspern kann Vorbote des Todes sein.
Charlie Chaplin geriet in Panik, wenn irgendwo ein Fenster offen stand und ließ sich jeden Morgen ein Alka-Seltzer servieren. Glenn Gould erschien im New Yorker Sommer in Handschuhen und Mantel zur Einspielung der Goldberg-Variationen. Johann Christoph Lichtenberg versetzten "Runzeln an den Fingern", "Furcht vor Ohnmacht", "starke Veränderung in meinem Zahn" oder "5 mal Stuhlgang, einigemal mit Schneiden" in Endzeitstimmung.
Vor allem Geistesarbeiter - Dichter, Philosophen, Maler, Komponisten, Schauspieler, Wissenschaftler - haben das Insich-Hineinhorchen kultiviert und ihre Symptome von Ablutophobie (Angst, sich zu waschen) bis Zehenschmerz mit gebotener Akribie beschrieben. Für all jene, die "lieber im Pschyrembel als im Ikea-Katalog blättern", haben Ulf Geyersbach und Rainer Wieland Briefe, Tagebücher und Romane durchforstet* - und dabei eine unerwartete Erkenntnis gewonnen: Der Kontinent der eingebildeten Leiden wird fast ausschließlich von Männern bevölkert.
Große Hypochonderinnen? "Wir müssen bekennen, dass wir bei unseren Recherchen nur selten fündig geworden
sind", sagen die Autoren. Einzig eine Märchenprinzessin mit blauen Flecken vermögen sie aufzubieten - die auf der Erbse.
Echte Staatsmänner dagegen liefern ganz anderen Stoff. Churchills Leibarzt notiert: "Jedes Mal wenn er Schnupfen hat und feststellt, dass seine Temperatur gestiegen ist, wird er ängstlich." Hitlers Doktor Morell verabreichte dem Führer während des Kriegs 90 verschiedene Medikamente, 28 verschiedene Pillen pro Tag. Die Symptome: "Urin bierbraun", "gelbliches Aussehen", "Katarrh d. oberen Luftwege, besonders linke Mandel", "Oedeme am Schienbein", "Kopfdruck links; Beinezittern verursacht durch Aufregung. Invasion bevorstehend wo?" Und immer wieder: "Darmgase".
Ob im Wartezimmer oder auf der Couch, am Schreibtisch oder beim Dinner - stets scheinen die Ausscheidungen Anlass zu intensiver Beschäftigung zu bieten. Michel de Montaigne fragte sich anlässlich einer Badekur in Lucca, warum sein Urin "viel Schaum und eine Menge kleiner Blasen aufwies,
die erst nach geraumer Zeit zergingen. Zuweilen fanden sich auch schwarze Fäden darin ... Als ich im Bad die Dusche auf den Unterleib gerichtet hielt, schien mir dies die Blähungen auszutreiben. Zugleich ging die Schwellung meines rechten Hodens eindeutig zurück, an der ich sehr oft leide. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass diese Schwellung von den Fürzen herrührt, die sich im Hoden verfangen".
Um das Abführmittel Regulin drehte sich das Gespräch, als Franz Kafka auf den Maler Alfred Kubin traf. "Den ganzen Abend sprach er oft und meiner Meinung nach ganz ernsthaft von meiner und seiner Verstopfung", notiert Kafka, der nach eigenem Bekenntnis die Hypochondrie "in unzählbaren Abstufungen" steigerte, bis zu "einer wirklichen Krankheit", und ihm "unter der übermenschlichen Anstrengung des Heiraten-Wollens ... das Blut aus der Lunge kam". Kafka starb mit 40 an Schwindsucht.
Nicht wenige Hypochonder allerdings, so die Autoren, haben spielend das 90. Lebensjahr erreicht, "nicht trotz, sondern wegen ihrer umsichtigen Lebensweise, die eingebildete Gesunde als ängstliche Neurose abtun".
Der psychologische "Krankheitsgewinn" bleibt indes zweifelhaft, verzichtet der Hypochonder doch prophylaktisch auf zahlreiche Vergnügungen: Das Schwimmbad beispielsweise erlebt ein Romanheld von Philip Roth als "Brutstätte der Kinderlähmung und der Meningitis, von sonstigen Krankheiten der Haut, des Kopfes und des Arschlochs einmal ganz zu schweigen". Erst recht beim Liebesakt ist Vorsicht geboten: "Fellatio und Cunnilingus konnte Zuckerman mehr oder weniger schmerzfrei ertragen, vorausgesetzt, dass er flach auf dem Rücken liegen blieb und den Kopf auf das Synonymwörterbuch stützte. Roget''s Thesaurus war gerade dick genug, um zu verhindern, dass sein Hinterkopf unter Schulterhöhe absank und die Nackenschmerzen von neuem einsetzten."
Viele Hypochonder, so die Autoren, scheuten die geschlechtliche Form der Liebe aus Furcht vor Infektion mit einer Geschlechtskrankheit - und verlegten sich stattdessen aufs hygienischere Onanieren. Auch das "hypochondrisch beobachtete Organ", etwa ein gichtiger Finger, mutmaßte Sigmund Freud, könne "an die Stelle des Genitale treten".
Gleich an seinem ganzen, kränklich aussehenden Körper litt Andy Warhol:
Donnerstag, den 10. April 1980: Ich wiege immer noch 63,5 Kilo. Ich verstehe das nicht. Ich esse nicht viel. Mein Stoffwechsel muss sich verändert haben. Ich sollte 62 Kilo wiegen. - Freitag, den 29. Oktober 1982: Hongkong. Schwül ... Das Fitness-Center war offen, drinnen wurde trainiert. Sie setzten mich auf ein Gerät und kippten es so, dass ich mit dem Kopf nach unten hing. Alle Pillen fielen mir aus den Taschen, und fast hätte ich auch meine Haare verloren. - Dienstag, den 15. Dezember 1983: Gymnastik mit Lidija; hole mir eine Zerrung. Aber vielleicht habe ich auch Krebs in der Leistengegend, ich weiß es nicht.
Den Schriftsteller Peter Rühmkorf zieht es zum vorweihnachtlichen Sanitätshaus ("Im Schaufenster dann die Bescherung: Gummistrümpfe, Gesundheitslatschen, Waagen, Prickelschuhe, Blutdruckmesser, Schnürwesten"). Zuvor Versuche der Selbstheilung: "Beim Chinesen gebackenes Hühnerfleisch in Ananas, Esberitox zum Bier". Wie leicht übersieht man da eine ernste Erkrankung! "Wenn ich in der Zeitung lese ZAHNFLEISCHBLUTEN KANN MEHR BEDEUTEN, dann bin ich am nächsten Tag beim Arzt", bekennt Harald Schmidt.
Enttäuschungen beim Doktor-Hopping sind unausweichlich: "10 Uhr zu Dr. Wolf zur Untersuchung", notiert Thomas Mann. "Natürlich liegt organisch nichts vor. Für Mittwoch Erprobung des Verdauungstrakts angesetzt - notorisch lästig und bestimmt überflüssig, da alles nervös und psychisch. Früher stimmte die Bestätigung meiner körperlichen Tüchtigkeit mich heiter, ich glaube, sie tut das nicht mehr ..."
Mann litt nicht nur, während er am "Zauberberg" arbeitete. Im Tagebuch verbinden sich Betrachtungen über Korea-Krieg und Reformation bruchlos mit Zeugnissen penibelster Selbstinspektion: "14. 2. 1952: Beim Frühstück beängstigendes Steckenbleiben eines nicht genug gekauten Stückes gebr. Specks in der oberen Speiseröhre, im Schlund. Widerwärtige Nervosität meines Schluckapparats, quälend."
Nichts ist demütigender, als wenn die Pein keine angemessene Beachtung findet: "Hören Sie, ich bin schon wieder erkältet. If fpreffe durch die Nafe ... Chchchch ... röööötl ... Schneuz, pfft, pfft! Hören Sie''s?", ruft Axel Hacke - wehe, da lacht einer! Schon Molière machte sich nicht ungestraft lustig: Er starb 1673 auf offener Bühne an einem Schwächeanfall - in der Rolle seines eingebildeten Kranken.
Nach welcher Heilung sehnen sich die empfindsamen Seelen wirklich? Leo Tolstoi, altersweise, ahnte es: "Den ganzen Tag ein stumpfer müder Zustand. Gegen Abend wandelte sich dieser Zustand in Rührung, in das Verlangen nach Zärtlichkeit, Liebe. Ich wollte, wie die Kinder, mich an ein liebendes mitfühlendes Wesen schmiegen und gerührt weinen und getröstet werden. Wer aber ist das Wesen, an das ich mich so schmiegen könnte? Ich musterte alle Menschen, die ich liebe - keiner taugt dazu ... Du Mutter, du sollst mich liebkosen." BEATE LAKOTTA
DER SPIEGEL 45/2004
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