07.03.1962

KATASTROPHEN / RETTUNGS-EINSATZ Herr der Flut

Die Hansestadt Hamburg war führerlos und unfähig, einen Führer zu berufen, als die Sturmflut über sie kam. Der Führer berief sich selbst.
Im bisher größten Katastropheneinsatz der Bundesrepublik übernahm der Innensenator und Bundeswehr-Reservehauptmann Helmut Schmidt, 43, das Oberkommando über eine - erst noch herbeizuzaubernde - Heerschar ziviler und militärischer Hilfskräfte.
Wie in den acht Jahren auf den Oppositionsbänken des Bonner Parlaments, erwies sich SPD-Schmidt ("Schmidt-Schnauze") auch in Hamburg als forsch, frech und furchtlos. Der Innensenator schickte in den Einsatz
▷ 8000 Bundeswehrsoldaten aus Heer, Luftwaffe und Marine mit 82 Hubschraubern,
▷ 4000 britische, amerikanische und holländische Nato-Soldaten mit 19 Hubschraubern,
▷ 400 Mann Bundesgrenzschutz,
▷ 1700 Feuerwehrleute,
▷ 2000 Mann vom Technischen Hilfswerk,
▷ 1000 DRK-Helfer einschließlich 350 Mann vom Hilfszug Hessen,
▷ 640 Helfer anderer karitativer Organisationen
▷ 2000 Mann vom Bundesluftschutzverband,
▷ 400 Bereitschaftspolizisten aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie
▷ die gesamte Hamburger Polizei mit rund 5000 Beamten.
Schmidt: "Sie sind mir nicht unterstellt worden, ich habe sie mir genommen."
Niemand, selbst der Erste Bürgermeister Dr. Paul Nevermann nicht, machte dem griffsicheren Neuling im Hamburger Senat die selbstgezimmerte Befehlshaberstellung streitig. Unter den altgedienten Senatoren der SPD/FDP-Koalition hatte keiner das gleiche Selbstbewußtsein und den gleichen Machtinstinkt aufzuweisen wie er. Der gewesene Artillerist in der großdeutschen Wehrmacht klärte die nach der Flutnacht vom 16. Februar völlig verwirrte Situation und schickte die Hilfstruppen an die Wasserfront.
In der hochgespannten Atmosphäre der Einsatzbesprechungen fühlten sich die Offiziere dank der militärisch-zackigen Sprache des ehemaligen SPD-Militärexperten Schmidt ("Ich erwarte Vollzugsmeldung!") sogleich heimisch, den zivilen Beamten fuhr der - lang vermißte - Kommißton in die Knochen und trieb sie an.
Die Leistungen der Schmidt-Truppen waren beachtlich: Sie konnten
▷ rund 1130 Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr befreien,
▷ rund 17 300 Menschen aus den überschwemmten Gebieten evakuieren und unterbringen, sowie
▷ etwa 6000 vom Wasser eingeschlossene Menschen aus der Luft mit Lebensmitteln versorgen.
Seit seiner Vereidigung im Dezember vorigen Jahres war der neue Innensenator - diese Funktion gab es bis dahin in der Hansestadt nicht - aus dem Gesichtsfeld der Öffentlichkeit verschwunden. Helmut Schmidt, der auf den Titel Senator bei der Anrede keinen Wert legt - "sonst sage ich Euer Merkwürden zu Ihnen" -, bosselte in dieser Zeit seine Behörde für Inneres zusammen.
Als die Flut nach Hamburg rollte, spielte ihm der Zufall gleich mehrfach in die Hand: Stadtoberhaupt Nevermann befand sich in Bad Hofgastein zur Kur, und im Gegensatz zu den meisten seiner Senatskollegen, die den längsten Teil der Katastrophennacht im Bett verbrachten, war Schmidt wach, wenn auch ebenfalls ahnungslos. Nach Abschluß einer Länder-Innenministerkonferenz in Berlin ließ er sich in seinem Dienstwagen nachts durch die Sowjetzone in Richtung Hamburg chauffieren. Niemand konnte ihm vorwerfen, er habe die Sintflut von Wilhelmsburg verschlafen.
Als Schmidt frühmorgens seine Wohnung erreicht hatte, fand er die Alarmnachrichten vor. Sofort fuhr er ins Polizeipräsidium und ergriff die Macht.
Um die inzwischen im Rathaus eintreffenden Senatoren und Beamten kümmerte er sich nicht: "Die hätten bei uns ja nur gestört." Auf der Tastatur der Polizeibehörde spielte Helmut Schmidt den Auftakt zur größten Hamburger Hilfsaktion seit dem Kriege.
Um 6.40 Uhr am Sonnabend, 17. Februar, rief er zur ersten Einsatzbesprechung. Der Ia beim Kommando der Schutzpolizei, Oberrat Leddin, hatte bereits in der Nacht bei der Hamburger Standortkommandantur Hubschrauber und Schlauchboote von der Bundeswehr angefordert. Die Flugmaschinen waren jedoch bis dahin wegen des Sturms ausgeblieben.
Nun jagte Jung-Stratege Schmidt über Fernschreiber Hilferufe an Verteidigungsminister Strauß und die Befehlshaber der Wehrbereiche I (Hamburg, Schleswig-Holstein) und II (Niedersachsen), Konteradmiral Rogge und Generalmajor Christian Müller. Tausende befänden sich "in unmittelbarer Lebensgefahr". Schmidt forderte mehr Sturm- und Schlauchboote an.
In der ersten Sondersitzung des Senats um elf Uhr trat der elegant gekleidete Flut-Bekämpfer Schmidt bereits unangefochten als Oberkommandierender auf. Fünf Stunden später ließ er sich im offenen Hubschrauber vom Sturm beuteln und rekognoszierte das Überschwemmungsgebiet.
Um diese Zeit, etwa zwölf Stunden nach Eintritt des höchsten Wasserstands in der Flutnacht, hatte Schmidt den Riesenapparat der Hilfsmaßnahmen auf volle Touren gebracht.
Die ersten Nachrichtenverbindungen in die überschwemmten Gebiete waren mit Hilfe von Funkbrücken der Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr und des Luftschutzhilfsdienstes (LSHD) hergestellt worden.
Vordringliche Aufgabe für Boote und Hubschrauber, die im Laufe des Vormittags eintrafen, war die Rettung von Menschen aus Wassersnot. Zugleich wurden 50 Sammelstellen für die Geborgenen eingerichtet und Vorkehrungen für deren Verpflegung und Bekleidung getroffen. Der überwiegende Teil der auswärtigen Hilfskräfte hatte bis zum Abend die Einsatzorte erreicht.
Um 21.00 Uhr begann die erste große Lagebesprechung eines neugeschaffenen Einsatzstabes, in dem nun alle Organisationen vertreten waren. Schmidt schnauzte und brillierte.
Als gröbster Mangel hatte sich das Fehlen fester Boote herausgestellt; die Schlauchboote wurden von Stacheldrähten und anderen Unterwasserhindernissen aufgerissen. Schmidt setzte Sturmboote ein.
Weiter fehlten Luftmatratzen als Notbetten. Die "große Improvisation der Versorgung" (Schmidt) begann: Das Bundesinnenministerium und das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen hatten eigene Einsatzstäbe gebildet, die den Materialnachschub organisierten.
In der Nacht zum Sonntag wurden 90 000 Wolldecken beschafft und nach Hamburg geflogen. Allein 50 000 Decken stellten die US-Streitkräfte zur Verfügung, die sie teilweise aus Paris geholt hatten.
Außerdem wurden 40 000 Luft- und Schaumgummimatratzen eingeflogen, und am Sonntag früh arbeiteten bereits 14 Trinkwasseraufbereitungsanlagen, die Nordrhein-Westfalen gestellt hatte.
Lagebesprechung Sonntag, 9.00 Uhr: Die Bergung gefährdeter Überlebender war im wesentlichen abgeschlossen. Der Schwerpunkt der Hilfsmaßnahmen verlagerte sich auf die Evakuierung und Versorgung der Eingeschlossenen von Wilhelmsburg.
Ein neuer Engpaß wurde offenbar: Zwar gab es ausreichend Fahrzeuge und Boote mit großen Trinkwasserbehältern; kleine Gummibeutel, mit denen jede einzelne Wohnung versorgt werden konnte, fehlten jedoch. Sie wurden von einem Camping-Ausrüster beschafft.
Auf Drängen Schmidts wurde Sozialsenator Ernst Weiß zum Kommissar mit unbeschränkten Vollmachten für den am schwersten mitgenommenen Stadtteil Wilhelmsburg ernannt und nach Wilhelmsburg eingeflogen. Weiß organisierte an Ort und Stelle die Hilfsaktion und kehrte am Abend per Hubschrauber zurück, um Flut-Kommandeur Schmidt zu berichten.
Lagebesprechung Sonntagabend, 21.00 Uhr: Helmut Schmidt, Kette rauchend, war Herr der Flut. Noch immer gab es Menschen, denen es am Nötigsten fehlte, aber ihre Zahl war gering.
Am Montagmorgen, rund 55 Stunden nach der Katastrophe, hatte die Lage sich beruhigt. Die unmittelbare Not war beseitigt. Das Aufräumen und die Bergung der Toten begann. Sporttaucher aus Köln, zu denen später Froschmänner vom dänischen "Falcks Rettungsdienst" stießen, suchten in den überfluteten Gebäuden nach Leichen.
Katastrophen-Wehrer Schmidt ging daran, seinen Einsatzstab neu zu gliedern. Am Dienstag war das Schema ausgearbeitet, das die Aufgaben auf drei Leitungsstäbe verteilte, auf:
▷ "Bau und Technik", Leiter Bausenator Büch;
▷ "Versorgung und Verwaltung", Leiter Senatssyndicus Birckholtz;
▷ "Öffentliche Sicherheit und Verkehr", Leiter Polizeipräsident Buhl.
Hinzu kamen von der Bundeswehr die "Einsatzleitung Hubschrauber" sowie die Einsatzstäbe "Nord" und "Süd".
Außerdem hatte Schmidt, der nach US-Vorbild die Fahne des Vaterlandes in der Ecke seines Arbeitszimmers stehen hat, den Bundeswehr-Feldjägern kurzerhand "Polizeicharakter" verliehen und sie dem Polizeipräsidenten zugeordnet.
Dann schickte der tatendurstige Senator Verwaltungsbeamte ("Handfeste Männer, denen ich je einen Polizeibeamten beigab") in die Schlamm- und Trümmerwüsten, die dort provisorische Dienststellen etablierten. Aufräumung und Versorgung wurden zur Routine. Die Einsatzbesprechungen im Generalstabsstil wurden aufgehoben. Katastrophen-Generalstabschef Schmidt, durch die grausamste Heimsuchung Deutschlands seit Kriegsende vom weithin unbekannten Politiker zum populärsten Senator der Hansestadt geworden, schlief zum erstenmal seit fünf Tagen wieder acht Stunden durch. Reserve-"Schnauze" hatte Ruh'.

DER SPIEGEL 10/1962
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