Von Kaiser, Mario
Manchmal kehrt er zurück an den Ort, an dem alles begann. Dann geht er hinunter zum Meer und zurück in der Zeit, und er erreicht nicht den Strand, den er sieht, sondern den Ort, an den er sich erinnert.
Es steht jetzt ein Zaun zwischen ihm und dem Meer, und er geht durch das Tor am Ende der Bucht, als betrete er sie durch den Hintereingang. Er balanciert über die Felsen, er stoppt, dreht sich, breitet die Arme aus, als greife er Bilder aus der Galerie seines Gedächtnisses. Hier war die Lagune, in der Mister Spock, sein Affe, tauchen lernte. Dort lagen die Liebenden unter der Palme, deren Stamm so gebogen war, als kniete sie vor dem Meer. Hier vergruben die Schildkröten ihre Eier. Dort fauchte das Meer in Fontänen aus einer Felsspalte. Hier lief er nackt in die Wellen.
"Es war der schönste Strand, den ich je gesehen hatte", sagt Manfred Meinecke. Die Bucht in ihrer Unberührtheit erinnerte ihn an die Bucht im Film "Apocalypse Now". Bevor die Hubschrauber kommen.
Die Bucht ist immer noch schön wie ein Postkartenmotiv, geformt wie ein Halbmond aus Sand, den das Meer in der Farbe der Felsen marmoriert. Aber Meinecke sieht mehr: Die Palme, unter der die Liebenden lagen, wurde gefällt. Das Schildkrötennest verwüsteten Plünderer. Die Spalte, aus der das Meer fauchte, stopften Hotelbetreiber mit einem Felsbrocken. Und wo Meinecke nackt in die Wellen lief, beugen sich singhalesische Beachboys über zwei Italienerinnen.
Hier in Goyambokka, wo der Indische Ozean an Sri Lankas Südküste brandet, hat sich die Geschichte des Landes mit der Meineckes verflochten. Fern des Krieges zwischen Tamilen und Singhalesen, der den Norden versengt, wird im Süden ein anderer Kampf ausgefochten. Es geht in diesem Kampf nicht darum, wessen Gott der größere und wer größer vor Gott ist. Es geht um weltliche Dinge, um Haben und Nichthaben, um die Frage, wem dieses Land und seine Küste gehören.
Manfred Meinecke wird in diesen Konflikt verwickelt, als die sowjetische Armee im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert. Meinecke arbeitet als Zahnarzt in der Entwicklungshilfe, und er hat gerade eine Klinik in Kabul aufgebaut, die er in den nächsten zwei Jahren leiten soll. Als die Invasion beginnt, ist Meinecke in Deutschland und nun ohne Aufgabe. Er fliegt nach Sri Lanka und mietet sich ein Motorrad.
Sechs Wochen, denkt Meinecke, dann sind die Russen vielleicht wieder weg.
Als er mit seiner Lebensgefährtin Karin Burdich in Colombo landet, ist Meinecke auf dem Weg in den nächsten Konflikt. Er merkt es zunächst nicht, er ist verliebt in das Land und sieht nur seine Schönheit. Er
kauft ein Stück von Sri Lanka, und er glaubt, nun ein Stück von ihm zu besitzen.
Wie Meinecke entdecken Tausende Deutsche Anfang der achtziger Jahre die Schönheit Sri Lankas. Den meisten wird das Land zur Geliebten, sie kommen und reisen wieder ab. Meinecke bleibt. Er hat diesen Traum, er sucht diesen einen Ort auf der Welt, in der Bucht von Goyambokka findet er ihn.
Den Traum aber verliert er. In der Bucht marschieren die Fußsoldaten der Weltanschauungen auf, und die Insel wird zur Bühne der großen Konflikte der Welt: Kommunisten gegen Kapitalisten, Buddhisten gegen Hindus, Einheimische gegen Einwanderer.
Meinecke merkt, wie entflammbar das Land ist. Er wird bedroht und betrogen, und mit jeder Illusion, die er verliert, wird der Zaun zwischen ihm und dem Land höher. Am Ende fühlt er sich umgeben von Feinden, die lächelnd darauf warten, dass er geht.
Meinecke hat sich zurückgezogen auf den Hügel seines Paradieses. Hier sitzt er an einem feuchtwarmen Abend in der Mitte seines Restaurants, umgeben von Gästen, die nicht ahnen, welche Szenen sich an diesen Tischen abgespielt haben: Revolutionäre, die ihn zum Marxisten umerziehen wollten, Soldaten, die ihn in ihren Krieg ziehen wollten.
Tschaikowskys Serenade für Streichorchester in C-Dur umweht die Gäste, und Meinecke trinkt Soave aus einem Glas, das er aus Deutschland eingeflogen hat.
Die Revolutionäre haben den Kampf verloren. Aufgegeben haben sie ihn nicht. Sie haben nur die Uniformen gewechselt und die Waffen. Sie tragen jetzt weiße Hemden und silberne Telefone, und seit April dieses Jahres regieren sie mit in dem Staat, den sie bekämpften.
Mit einer Mischung aus Marxismus und Nationalismus polarisiert die Partei der ehemaligen Revolutionäre das Land. Die Janatha Vimukthi Peramuna (JVP) nennt sich "Volksbefreiungsfront", doch die Freiheit der anders Denkenden zählt nicht zu ihren Zielen. Die Partei ist der kleinere Partner der Regierungskoalition, doch mit radikalen Positionen und Gespür für die Stimmung der Straße hat sie das Kräftespiel im Land verändert. Im Norden torpediert sie die Friedensverhandlungen mit den tamilischen Rebellen. Im Süden hetzt sie gegen den Ausverkauf der Küste an Ausländer.
Das Land steht am Scheideweg, und Meinecke spürt, dass der Regierungswechsel seine Gegner gestärkt hat. Der Süden ist die Machtbasis der alten Revolutionäre, und sie führen den Kampf gegen das Kapital jetzt mit anderen Mitteln. "Wir hatten immer Zäune", sagt Meinecke, "aber sie mussten nicht so hoch sein."
Als Meinecke die Bucht entdeckt, denkt er nicht an Zäune. Er liegt mit Karin Burdich nackt im Sand und fängt an, Afghanistan zu vergessen. Vergebens sucht er nach einem Haus in der Nähe der Bucht. Dann hört er von einer Dame, die ein Grundstück verkaufen will. Als Meinecke sie besucht, führt die Frau ihn in den Dschungel. Er kann das Meer hören, aber nicht sehen. Meinecke nimmt eine Machete und schlägt eine Schneise zum Strand - und kann nicht glauben, was er sieht: Es ist die Bucht von Goyambokka.
Doch Meinecke ist nicht der einzige Interessent. Es seien Herren von einem Hotelkonzern gekommen, sagt die Dame, sie hätten große Pläne. Das verhindere ich, denkt Meinecke, hier kommt Neckermann nicht hin. Er erhöht sein Angebot, und die Frau willigt ein.
Am 16. September 1980 bringt Meinecke der Dame vier Plastiktüten, gefüllt mit 100-Rupie-Scheinen, und unterzeichnet Übertragungsurkunde Nummer 234. Zum ersten Mal in seinem Leben besitzt er etwas, und es ist das Grundstück zur Bucht seiner Träume. "Ich dachte: So gut kann der liebe Gott es mit dem Meinecke doch nicht meinen."
Es dauert eine Weile, bis sich seine Zweifel an einer göttlichen Bestimmung bestätigen. Er und Karin Burdich wollen in der Bucht ein Haus bauen und heuern einen einheimischen Architekten an. Als der ihnen die Pläne vorlegt, sind alle Fenster dem Meer abgewandt. Karin Burdichs Bitte um Änderung stößt bei dem Architekten auf Unverständnis. "Aber Madame", sagt er, "es gibt dort nichts zu sehen außer dem Meer und der Sonne."
Meinecke genießt, wie anders die Einheimischen die Welt betrachten, deshalb
hat er die Welt schließlich bereist. Karin Burdich ist irritiert. Sie bekommen ihren Meeresblick. Sie bauen eine achteckige Hütte aus Palmenholz und stellen sie auf Stelzen. Sie haben keinen Strom und kein fließendes Wasser, aber einen Brunnen und eine Bucht ohne Strömung. Mehr brauchen sie nicht. Manchmal kommen die Beachboys vorbei und schenken ihnen Kokosnüsse, die sie von ihren Palmen gestohlen haben. Meinecke amüsiert das.
Es kommen jetzt immer mehr Freunde zu Besuch. Meinecke baut eine zweite und dritte Cabana. Daraus wächst die Idee, ein kleines Urlaubsparadies für Individualisten zu bauen, die den Weg nach Goyambokka finden. Meinecke und Karin Burdich verbünden sich mit einem einheimischen Partner, und bald stehen in der Bucht zehn Cabanas. Die Anlage hat nun ein Schild und einen Namen: "Palm Paradise Cabanas".
Meinecke will seinen Traum teilen, doch die Ursprünglichkeit der Bucht will er bewahren. Sein Partner hat andere Pläne. Er kommt von der Tourismusbehörde mit der Auflage zurück, 200 Gästebetten einzurichten. Er lügt, in Wahrheit fordert die Behörde 50 Betten. Aber auch das ist Meinecke zu viel. In zähen Verhandlungen erringt er eine Erlaubnis für 25 Betten.
Doch der Partner versteht Meineckes Philosophie nicht. Er führt drei füllige deutsche Damen in das Paradies, und in der Bucht von Goyambokka geraten die Dinge aus dem Gleichgewicht. Die Frauen benehmen sich wie die Neckermann-Touristen, die Meinecke nie haben wollte, und sie machen die Beachboys sehr glücklich. Einer erzählt ihnen, er würde gern Fischer werden und seine Fänge auf dem Markt verkaufen, doch der Weg sei so weit. Die Damen kaufen ihm ein Fahrrad.
Dem wollen einige Französinnen nicht nachstehen. Sie kaufen den Beachboys Auslegerboote, damit sie endlich aufs Meer hinausfahren und fischen können. Dass die Beachboys seekrank werden und die Geschenke wieder verkaufen, wollen die Damen nicht hören. Es ist eine Verbindung, die beide Seiten glücklich macht. Die Damen schenken den Beachboys Dinge, und die schenken ihnen das Gefühl, begehrt zu werden und dürfen in mondhellen Nächten die Haut junger Körper spüren.
Die jungen Männer haben von den Früchten des Paradieses gekostet, und sie werden sehr hungrig.
Wenn Paare kommen, machen sie die Männer betrunken und die Frauen willig. Es funktioniert nicht immer, dann nehmen sie die Frauen gegen ihren Willen. Doch die Beachboys entdecken bald eine Zielgruppe, die gefügiger ist. Burdich bemerkt, dass sich allein reisende Herren in den Cabanas am Rand einmieten. Sie denkt, es gehe sie nichts an, mit wem ihre Gäste schlafen. Bis die Herren Hand in Hand mit kleinen Jungen flanieren. Die Herren sagen, sie würden nur spielen. Burdich weiß, dass sie lügen, und überrascht einen in der Nacht. Auf seinem Bett sitzt ein sechsjähriger Junge, nackt.
Die Kinderschänder meiden das Paradies fortan. Die Herren, die ältere Beachboys begehren, zementieren hingegen ihre Liebe. Auf dem Hügel über der benachbarten Bucht kaufen sie Grundstücke, die zu 51 Prozent ihren Liebhabern gehören, und bauen Häuser, in denen sie die Herren sind. Am Strand legen die Beachboys die Köpfe in den Nacken und träumen vom Aufstieg auf den Hügel. "Da haben sich viele hochgeschlafen", sagt Burdich.
Und dann wird es still im Paradies. In der Nacht des 23. Juli 1983 schlachten die Tamil Tigers in Jaffna, am anderen Ende der Insel, 13 Soldaten der Regierung ab. Als die verstümmelten Leichen am nächsten Abend in Colombo eintreffen, erwartet sie eine nach Rache rufende Menschenmenge. In dieser Nacht entzündet sich die Wut der Singhalesen auf die Tamilen, die unter den britischen Kolonialherren viele Privilegien genossen hatten.
Am nächsten Morgen ziehen singhalesische Banden mit Äxten, Brecheisen, Schwertern und Benzinkanistern durch Colombos Straßen. Sie setzen Häuser von Tamilen in Brand, dann zünden sie die Bewohner an. Als die Mörder müde sind, liegen Hunderte Leichen in den Straßen der Hauptstadt. 80 000 Tamilen sind auf der Flucht, manche stürzen sich in Boote und segeln nach Indien. Die Pogrome sind für die Tamilen der letzte Beweis, dass sie ausgelöscht werden sollen. Für die Tamil Tigers sind sie die Lizenz zum Töten. Der "Schwarze Juli" reißt eine Wunde, aus der das Land zwei Jahrzehnte lang bluten wird.
Unten im Süden spürt Meinecke den Hass des Nordens nicht. Nur wenige Tamilen leben in diesem Teil der Insel, und die Touristen kommen bald wieder. Doch Meinecke merkt, wie die Wut wächst auf eine Regierung, von der sich der Süden vergessen fühlt. Es dauert nicht lange, bis sie sich entlädt.
Im Sommer 1986 bekommt Meinecke in seinem Paradies Besuch von Männern ohne Gesicht. Sie tragen Masken und kommen in der Nacht. Sie sitzen breitbeinig auf der Veranda seiner Cabana, aus ihren Schößen ragen die Läufe von Gewehren. Sie reden von Marx, Ho Tschi-minh und Ché Guevara, stundenlang, in einer gestanzten Sprache, die Meinecke zuwider ist. Was ihre Helden wirklich wollten, wissen die JVP-Revolutionäre nicht so genau. Das muss er ihnen erklären.
Meinecke ist entsetzt über die Ahnungslosigkeit der Revolutionäre. Aber er
weiß um die Armut der Menschen - einer seiner Nachbarn besitzt nichts außer einem Löffel. Und Meineckes Wut auf die Regierung ist so groß wie die der Revolutionäre. Die leeren Versprechungen von der Wasserleitung, der Stromleitung, der Straße, der Eisenbahn. Die Genehmigungen, die Beamte nicht erteilen, damit er sie für ihr Wegsehen bezahlen muss.
Die Revolutionäre spüren Meineckes Zuneigung. Irgendwann nehmen sie ihre Masken ab. "Alles junge Burschen", sagt er, "die meisten waren unter zwanzig."
Doch hinter der Maske der Revolution sieht Meinecke bald nur noch den Terror. Hinrichtungen häufen sich, und Opfer sind nicht nur jene, von denen alle wissen, dass sie Schweine waren. Private Rechnungen werden beglichen.
In der Nacht regieren die Revolutionäre, am Tag herrscht die Armee. Dazwischen zittert das Volk. Revolutionäre und Soldaten unterscheiden sich nur noch durch ihre Uniformen, und sie richten jeden, den sie der Kollaboration mit dem Feind verdächtigen. Die Leichen legen sie auf die Straße, damit die Hunde an ihnen fressen.
Es ist die schlimmste Zeit, die Meinecke in Sri Lanka erlebt. Aber wenn er jetzt geht, ist das Paradies für immer verloren. Gäste hat er schon lange nicht mehr, sie sitzen beim Frühstück nicht gern neben Männern mit Gewehren. Sein Personal behält Meinecke und bezahlt es von Erspartem. Als die Revolutionäre an seinen Einnahmen beteiligt werden wollen, lacht er und zeigt ihnen die Bücher. Da verlangen sie die Kokosnussernte.
Drei Jahre lang geht das so. Am 12. November 1989 ist es vorbei. Die Armee fängt den Anführer der Revolution, am nächsten Tag ist Rohana Wijeweera tot. In Kottagoda, einem Fischerdorf nahe der Bucht von Goyambokka, ist der berühmte Sohn bis heute ein Held. Bis heute glauben die Bewohner, dass der Verteidigungsminister persönlich den Finger am Abzug hatte. Wijeweera ist einer der letzten von 30 000 Toten im Kampf zwischen Regierung und Revolutionären.
15 Sommer später sitzen Meinecke und Burdich allein auf ihrer Veranda. Sie sind gerade von der Ayurveda-Massage gekommen, ihre Haut glänzt. Sie trinken Gin Tonic und blicken aufs Meer, Eis klirrt in ihren Gläsern. Sie mögen diesen Moment, wenn der Tag langsam sein Licht verliert. Sie sehen entspannt aus, als lägen die Kämpfe hinter ihnen. Aber sie sehen den nächsten schon vor sich.
Unten am Strand tragen die Beachboys Bretter für ein neues Restaurant heran. Es ist das fünfte, das sie dort illegal bauen. Meinecke hat von den Behörden nie eine Lizenz für ein Strandrestaurant bekommen, aber gegen die Beachboys unternehmen die nichts. Er hat Verständnis dafür, dass sie an seinen Gästen verdienen wollen. Aber sie sind zu viele, es reicht nicht für alle. Jetzt zünden die Beachboys sich gegenseitig die Hütten an. "Da unten ist Krieg", sagt Meinecke.
Und diesmal wird er nicht zusehen.
An einem Morgen im August betreten Meinecke und Burdich eine kahle, klimatisierte Anwaltskanzlei in Colombo. Sie sind vor wenigen Stunden aus München gekommen und haben nach der Landung nur schnell geduscht. Jetzt besprechen sie mit ihrem Anwalt die Strategie, mit der sie gegen die Restaurants vorgehen wollen. Illegal sind sie alle, aber eines steht auf seinem Grundstück. Sie wollen ein Exempel statuieren. Und auch gegen die Behörden, die seit Jahren nichts unternehmen, wollen sie klagen. Vor Meinecke liegen eine Liste mit 14 Punkten und ein Englisch-Wörterbuch. Er setzt seine Lesebrille auf und sagt: "I want some kind of action."
Der Anwalt sieht aus wie ein Student, er trägt ein weißes, bis zum Hals zugeknöpftes Hemd, in der Brusttasche stecken zwei silberne Kugelschreiber. Auf seinem Schreibtisch liegen nur ein Zettel und ein weißes Handy, das er benutzt, wenn er auf Meineckes Fragen keine Antwort weiß. Meinecke hatte ihm seine Liste schon aus Deutschland gefaxt, doch der Anwalt scheint die Fragen zum ersten Mal zu hören. "Keiner ist richtig vorbereitet", seufzt Meinecke, "nichts kann man richtig abschließen."
In den Ministerien melden sich Meinecke und Burdich schon lange nicht mehr an. Meinecke nimmt immer die Treppe und Burdich den Aufzug, bevor die Beamten entwischen können. Oder sie fahren zu ihnen nach Hause, mit Anwalt und Zeugen. Erreicht haben sie nichts.
Auf die Gerichte allein will sich Meinecke nicht verlassen. Er bearbeitet jetzt auch die politische Ebene. Den neuen Premierminister kennt er noch aus dessen Zeit als Abgeordneter für Tangalle. Doch der hat ihm schon damals gesagt, dass er nichts für ihn tun kann, dass die Beachboys ein Teil seiner Basis sind. Jetzt baut Meinecke eine Verbindung zum Staatssekretär im Verteidigungsministerium auf. "Das muss man sich mal vorstellen", sagt er. "Der Verteidigungsstaatssekretär. Wegen fünf Hütten am Strand." Am anderen Ende der Welt sehnt sich der ehemalige Hippie Meinecke nach dem deutschen Behördenstaat.
Als er das Anwaltsbüro verlässt, hört Meinecke im Nebenzimmer Musik. "Ist das 'Baker Street'?", fragt er. Seine Augen leuchten, und er sieht aus, als würde er jetzt gern tanzen.
Es sind unruhige Tage, die Meinecke in Colombo erlebt. Die neue Regierung hat
eine Kommission zur Bekämpfung von Bestechung und Korruption eingesetzt. Der Reihe nach zerren Sonderkommandos Minister der alten Regierung aus ihren Häusern. Manchmal geht es um Millionen, manchmal um ein paar Säcke Reis.
Der im Februar 2002 unterzeichnete Waffenstillstand zwischen der Regierung und den tamilischen Rebellen ist brüchiger als je zuvor. Im Juli sprengte sich in Colombo erstmals wieder eine Selbstmordattentäterin der Tamil Tigers in die Luft. Sie wollte einen Minister ermorden und riss vier Polizisten mit in den Tod.
Am Morgen nach der Besprechung bei ihrem Anwalt fahren Meinecke und Burdich nach Goyambokka. Es ist eine Reise in die Erinnerung. Sie sitzen in einem alten Mercedes, der über die Straße entlang der Küste schaukelt, und blicken auf eine Landschaft, in die sich der Pauschaltourismus gefressen hat. Er hat die Riffe verschlungen und dem Meer eine Kraft gegeben, mit der es die Strände fortspült.
Viele Träume sind an dieser Straße gestorben. In den achtziger Jahren, als die Touristen Sri Lanka entdeckten, haben viele denselben Traum wie Meinecke. Sie verlieben sich und wollen bleiben. Doch als Ausländer dürfen sie Grundstücke nur zu 49 Prozent besitzen. Sie suchen sich einheimische Partner und bauen Hotels, in die sie viel Geld investieren, manchmal ihr gesamtes Vermögen. Irgendwann merken sie, dass Geld verschwindet, und bevor sie begreifen, sind sie bankrott. Und wenn sie sich wehren, hetzen ihre Partner Polizei und Behörden auf sie.
Nicht alle überleben es. Als der Mercedes in Unawatuna ein Hotel passiert, blickt Meinecke schweigend aus dem Fenster. Er kennt den Mann, der dem Hotel seinen Namen gab, er weiß, wie der zwei Deutsche überredete, dieses Hotel mit ihm zu bauen. Die beiden Männer nehmen hohe Kredite auf, legen das Geld in die Hände des Hoteliers. Das Hotel wird immer teurer, und als die Deutschen bankrott sind, drängt der Besitzer sie aus dem Projekt. Beide verlassen das Land, einer begeht Selbstmord.
Auch Karin Burdich und Meinecke müssen sich aus dem Griff einheimischer Partner lösen, und beim zweiten Mal ist es ein besonders schmutziger Kampf. Als der Partner merkt, dass die beiden Deutschen ihm auf die Schliche kommen, räumt er das Geschäftskonto leer. Er zeigt Meinecke und Burdich wegen Drogenhandels und Devisenschmuggels an. Und eines Nachts steht ein Mann in Burdichs Cabana. Er drückt ihr eine Pistole an die Schläfe und sagt, sie verlasse besser das Land.
Es wird dunkel, während Meinecke und Burdich diese Geschichten erzählen. Sie erreichen Goyambokka am späten Abend. Am nächsten Morgen erzittert zwei Buchten weiter die Erde. Ein Bagger zertrümmert Granitbrocken, um ihn herum hocken sehnige Männer, schlagen die Granitklumpen zu Steinen, die bald die Füße von Hotelgästen kühlen werden. Die Bucht ist eine riesige Baustelle, ein Hotelkonzern errichtet hier 20 Luxusbungalows. Die Gäste werden in Hubschraubern einschweben.
Den Fischer Lalith wird es dann nicht mehr geben. Er steht unten am Meer, an einem Strand, den sie Silent Beach nennen. Er ist 29, er hat vier Kinder, seine Zähne fallen aus. Wenn das Hotel eröffnet, will er hier als Wächter arbeiten. "More money", ruft er, der Lärm des Baggers übertönt das Rauschen des Meeres. Laliths Englisch ist gebrochen, aber die Zukunft des Silent Beach beschreibt er in der Klarheit eines Satzes. "Many people", sagt er, "no more silent."
Es wird dann das passieren, was Meinecke in seiner Bucht verhindern wollte. Doch er weiß nicht, ob er es bedauern soll. Manchmal glaubt er, es könnte seine Rettung sein. Am Silent Beach wird alles schöner sein und vornehmer als in Meineckes Bucht. Irgendwann werden das auch die Beachboys merken und der Polizeichef, der bei Meinecke seine Gelage feiert und nie bezahlt.
In der Bucht, in der alles begann, blickt Meinecke aufs Meer und sagt, er möchte bleiben. Er hat noch so viele Ideen, er träumt von Mülltrennung und Solarenergie und den Schildkröten, die er zurückbringen will. Aber er spürt, dass der Kampf mit den Beachboys sein letzter sein könnte, und manchmal erzählt er vom Paradies jetzt in der Vergangenheit. Wenn das richtige Angebot käme, würde er verkaufen. "Ich will hier kein Michael Kohlhaas werden", sagt Meinecke.
Er geht über den Strand, ein Sarong umweht seine Beine. Einen Moment lang blickt Meinecke hinüber zu den Restaurants, wo seine Gäste von den Tellern seiner Feinde essen. Dann öffnet er das Tor am Ende der Bucht und geht zurück hinter den Zaun.
Die Beachboys sehen ihm nach und lächeln.
DER SPIEGEL 46/2004
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