08.11.2004

TV-PROGRAMMEDie Kopier-Anstalten

Vom Dschungel über Schönheits-OP-Shows bis zum Frauentausch: Im deutschen Fernsehen wird geklaut und geklont wie nie zuvor. Produzenten rufen nach neuen Gesetzen und wollen künftig die dreistesten Nachahmer zum „Goldenen Kopierer“ küren.
Wer am kommenden Sonntag auf ProSieben das Faustkampfspektakel "Der Tag der Ehre" einschaltet und unlängst in den Vereinigten Staaten war, dem dürfte so einiges bekannt vorkommen. Dort ist mit "The Next Great Champ" gerade ein Reality-Format rund um den Boxring angelaufen. Auch Freunde des "RTL-Promiboxens" dürften Ähnlichkeiten entdecken. Selbst beim Ersten gibt es derzeit einiges mit Wiedererkennungswert. Zum Beispiel das "Gutshaus", das mit viel Vorab-PR diese Woche startet. Dessen Vorläufer "Schwarzwaldhaus" war zum Ärger von Channel 4 stark vom britischen Vorbild "The 1900 House" inspiriert, nun gibt es das Gleiche noch mal - nur eben mit einem Brandenburger Gutshaus.
Und im Januar lädt ProSieben ein Häufchen Gesichtsbekannte dann auf "Die Burg". Es wird wohl allerlei erniedrigende Ritterspielchen geben, die Zuschauer dürfen die Kandidaten über die Zugbrücke hinausbefördern. Ähnlichkeiten mit Mutproben im australischen Dschungel sind nicht nur unvermeidlich, sie sind beabsichtigt - schließlich war die am Sonntag zu Ende gegangene zweite Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" für RTL ein Quotenerfolg. Und auch die erste ProSieben-Dschungelkopie namens "Die Alm" lief im Sommer ansehnlich, zumindest, was die Marktanteile angeht.
Egal, welchen Sender man dieser Tage einschaltet - immer mehr kommt dem Zuschauer seltsam bekannt vor. Klauen, kopieren, klonen: Die Programmmacher scheinen jede Scheu verloren zu haben, ganze Kanäle arbeiten wie professionelle Kopieranstalten. Mancher Zuschauer wähnt sich längst in einem Dauer-Déjà-vu - und die Sender werden immer dreister.
Da landete etwa in Großbritannien unlängst eine Produktionsfirma namens RDF Media mit ihrer Sendung "Wife Swap" einen Coup, bis zu 6,5 Millionen Zuschauer amüsierten sich bei Channel 4 über angestrengte Hausfrauen, die zehn Tage lang Heim, Herd und Familie einer Leidensgenossin übernahmen. Die Münchner Firma Tresor TV sicherte sich die Lizenz, RTL räumte einen Sendeplatz frei. Doch noch bevor die Kölner die erste Folge ausstrahlen konnten, wurden bei RTL II längst fremde Wohnzimmer gebohnert: "Frauentausch" heißt das Format der frechen kleinen Senderschwester, eine Eins-zu-eins-Kopie bis hin zum dreist übersetzten Sendungstitel. Bei dem erfolgreich laufenden RTL-Format "Super Nanny" hat sich die Geschichte gerade wiederholt. Hier ging RTL II mit seiner Adaption "Die Supermamas" indes vier Tage nach dem Original an den Start.
Der Angriff der Klon-Krieger entnervt nicht nur Zuschauer und Programmmacher, er gefährdet auch eine ganze Industrie. Geschätzt rund 500 Millionen Euro im Jahr verdienen allein europäische Fernsehproduzenten mit dem Handel von Format- und Sendelizenzen erfolgreicher Programme. Bei vielen Kanälen stellt man sich nun die Napster-Frage: Warum noch kaufen, wenn kopieren doch so viel billiger ist - und vor allem meistens folgenlos? Denn anders als bei Banknoten gibt es fürs Nachmachen von Programmen bislang keine harten Strafen: Wer Sendungen nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte sich verschafft, wird bislang gar nicht bestraft, es sei denn mit Missachtung oder Naserümpfen bei den TV-Messen in Cannes oder Los Angeles.
Erst im vorigen Jahr hat der Bundesgerichtshof zum Entsetzen der Programmentwickler entschieden, dass "Formate für eine Fernsehshowreihe" nicht urheberrechtlich zu schützen seien. Geklagt hatte eine französische Produktionsfirma gegen den SWR wegen der Reihe "Kinderquatsch mit Michael", in der sie ihre Sendung "L'école des fans" wiedererkannte.
Nie da gewesene Brisanz hat das große Klonen in den letzten Monaten durch einen anhaltenden Trend im deutschen Fernsehen gewonnen. Spielfilme und Serien bekommen immer weniger Sendeplätze, stattdessen dominiert vergleichsweise schnell und günstig produziertes "Format"-Fernsehen: Reality-Shows wie "Mein großer dicker peinlicher Verlobter", Doku-Soaps ("Niedrig & Kuhnt"), Beratungsformate ("Einsatz in 4 Wänden"), Schönheits-OP-Shows (wie das diese Woche startende "The Swan") oder die Quiz-Klone im Gefolge von "Wer wird Millionär?".
Das Thema Formatklau habe deshalb "eine neue Dramatik und Qualität", sagt etwa WDR-Unterhaltungschef Axel Beyer. "Es gibt derzeit groteske Auswüchse, damit muss endlich Schluss sein", sekundiert Ute Biernat, Chefin von Grundy Light Entertainment. Auch Sat.1-Unterhaltungschef Matthias Alberti sieht Handlungsbedarf: "Fertige Formate mit einem einzigartigen Ansatz sind schützenswert."
Ufa-Chef Wolf Bauer fordert gar eine neue gesetzliche Regelung. "Es geht hier um ein wirtschaftlich werthaltiges Gut, das endlich entsprechend geschützt werden muss", so Bauer, dessen Unternehmen etwa die Rechte an dem amerikanischen Erfolgsformat "The Apprentice" erworben hatte. Weil die ProSiebenSat.1-Gruppe im
Wettrennen mit RTL unterlag, hatte sie vorab mit "Hire or Fire" einen Schnellschuss mit John de Mol ins Programm gehoben - noch bevor Reiner Calmund bei RTL als "Big Boss" ins Rennen ging.
Auch deshalb sieht Bauer "ein erhebliches Schutzbedürfnis", das für andere Bereiche wie Literatur selbstverständlich gelte. Eine Möglichkeit sei die Übernahme der angelsächsischen Copyright-Regelungen. In der Politik stößt die Forderung auf Resonanz. "Ich kann mir eine gesetzliche Neuregelung vorstellen", sagt NRW-Medienstaatssekretärin Miriam Meckel, "im Interesse der Branche würde ich es aber begrüßen, wenn man selbst eine Lösung finden würde". Bislang gelte aber: "Heute Kläger, morgen Opfer".
Tatsächlich kann es für Kopierer anderswo teuer werden: In Brasilien gestand ein Gericht dem "Big Brother"-Produzenten Endemol für unautorisierte lokale Container-Varianten Lizenzansprüche in Höhe von 1,5 Millionen Euro zu.
Auch bei fiktionalen Serien wird hier zu Lande fleißig abgekupfert - nicht zuletzt vom Marktführer RTL, der sich sonst gern als beklautes Opfer präsentiert. Zum Beispiel die gerade abgespielte Schönheits-OP-Serie "Beauty Queen": Zwei Brüder betreiben eine Schönheitsklinik, der eine ist Single, gut aussehend und geldgeil, der andere hat noch einen Rest von Ethos und eine Frau, die sich partout selbst eine Schönheits-OP wünscht. Alles so wie bei der preisgekrönten US-Serie "Nip/Tuck": Gut, dort sind es nur zwei Partner, keine Brüder, und das Ganze spielt statt am Bodensee in Miami.
Auffällig auch die Nähe der gerade gestarteten RTL-Serie "Verschollen" zur bereits beim US-Sender ABC laufenden Serie "Lost". Die RTL-Handlung: 20 schöne Menschen stürzen mit dem Flugzeug über einer einsamen Pazifikinsel ab und werden auf absehbare Zeit nicht gerettet. Bei ABC sind es 48 statt 20 schöne Menschen.
Unter den TV-Produzenten herrscht zunehmend Einigkeit, dass es so nicht weitergehen kann. "Das schadet den Zuschauern, den Sendern und den Produzenten", schimpft UFA-Mann Bauer. Eigentlich soll bereits seit dem Jahr 2000 die "Format Recognition and Protection Association" (Frapa) als neutrale Instanz bei Formatstreitigkeiten vermitteln - doch in Deutschland wird die Organisation mit Sitz in Köln kaum genutzt, da "der rechtliche Druck, sich zu einigen, fehlt", so Frapa-Anwalt Christoph Fey. 30 Formatstreitigkeiten hat
Fey dieses Jahr weltweit verhandelt - aber nur eine in Deutschland. "Obwohl die Kopierwut in Deutschland inzwischen so groß ist, dass ausländische Produzenten auf ihre deutschen Kollegen inzwischen schlecht zu sprechen sind", so Fey.
Auch aus Imagegründen will daher im Dezember eine Gruppe von Produzenten um Tresor TV und die Dschungelshow-Erfinder von Granada nun "eine Arbeitsgemeinschaft der Unterhaltungsproduzenten gegen den Formatklau" gründen", kündigt Tresor-Mann Axel Kühn an. Damit wolle man eine Art "elitären Club von sauberen Produzenten" schaffen, der vor allem "den ausländischen Produzenten anzeigt, mit wem man hier zu Lande noch zusammenarbeiten kann". Eines der Hauptziele der neuen Lobbygruppe: Formatklauer öffentlich an den Pranger zu stellen. So soll jährlich immer vor dem Deutschen Fernsehpreis der "Goldene Kopierer" für das "am dreistesten geklaute Format" verliehen werden, kündigt Kühn an. Auch sollen kopierte Formate auf einer Internet-Seite veröffentlicht werden. "Es darf einfach nicht noch einmal passieren, dass eine abgeguckte Serie wie das 'Schwarzwaldhaus' auch noch einen Grimme-Preis erhält", so Tresor-Mann Kühn.
Stellt sich die Frage, warum trotz des grassierenden Kopierwahns überhaupt noch Formate gekauft werden. Für WDR-Mann Axel Beyer ist klar, dass "schon mehr als eine Idee" da sein muss, um den Kauf einer Formatlizenz im eigenen Sender zu rechtfertigen. "Ich erwarte eine geldwerte Leistung, also ein ganzes Paket aus einer Produktionsbibel, Beratung und vielleicht sogar der geeigneten Software."
Produzenten wie FremantleMedia oder Endemol liefern bei einem Lizenzgeschäft über hundert Seiten starke Handbücher (Produktions-"Bibeln") mit: So legt etwa die Endemol-Bibel für "Wer wird Millionär?" nicht nur die Spielregeln fest, sondern liefert auch detaillierte Anweisungen für Licht-, Kamera- und Tondramaturgie sowie die einheitliche Quiz-Computersoftware. Man bekomme so "einfach eine ganze Menge Erfahrung mit dem Format und schließt damit auch viele Fehler von vornherein aus", sagt Sat.1-Mann Alberti.
Tatsächlich ist vielen Programmklonen anzusehen, wie schnell und schlampig sie entstanden. Das nervt auch Medienexpertin Meckel: "Das Ärgerliche ist nicht nur die Flut der Kopien, sondern vor allem deren häufig miserable Qualität." Doch die wird in diesem Herbst gnadenlos abgestraft. Die "Nip/Tuck"-Kopie "Beauty Queen" - mangels Quoten nicht fortgesetzt. "Hire or Fire" - nach der ersten Sendung eingestellt.
Das wirkungsvollste Instrument gegen die Klonstrategie und die Wiederkehr des ewig Gleichen, scheint es, sind weder Gesetze noch Branchenabsprachen. Es ist die gute alte Fernbedienung. Endlich mal eine gute Nachricht. MARCEL ROSENBACH,
THOMAS SCHULZ
Von Marcel Rosenbach und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 46/2004
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Die Kopier-Anstalten

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