15.11.2004

„Augen fest verschlossen“

Alice Schwarzer über den schwierigen Umgang der Deutschen mit Musliminnen und den wachsenden Einfluss des Islam
SPIEGEL: Seit Jahrzehnten wird tatenlos zugesehen, wie ein Teil der hier lebenden Türkinnen völlig entrechtet wird. Warum regt sich in der deutschen Gesellschaft so wenig Widerstand?
Schwarzer: Weil jedes Anprangern dieses Missstands sofort als Rassismus gebrandmarkt wird. Dabei hat der gesunde Menschenverstand keineswegs immer Unrecht: Eine Frau, die unter ihren Stoffbergen dahinstolpert, während ihr Mann lässig in Jeans ausschreitet; oder ein Mädchen, das zwangsverheiratet werden soll - das ist ein Skandal, egal zu welchem Kulturkreis man gehört.
SPIEGEL: Von der politischen Rechten werden Sie wohl kaum Rassismusvorwürfe hören.
Schwarzer: Halten Sie alle Konservativen für Rassisten? Vor allem Linke plädierten bisher für eine "Toleranz der Unterschiede". Doch wer so argumentiert, hält Türkinnen für eine andere Sorte Mensch in einer anderen Kultur, deren Regeln akzeptiert werden müssen, auch wenn sie frauen- und menschenfeindlich sind.
SPIEGEL: Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen im Kampf gegen die Unterdrückung muslimischer Frauen?
Schwarzer: Einschüchterung! Das ging los nach meiner Iran-Reise 1979, zwei Wochen nach Machtergreifung Chomeinis, als ich in "Emma" über diese neue Variante des Faschismus schrieb. Die haben ja kein Geheimnis aus ihren Absichten gemacht, ganz wie die Nazis 1933. Man heftete mir damals sofort das Etikett "Rassistin" und "Schah-Freundin" an. Und bis heute will in Deutschland niemand zur Kenntnis nehmen, dass die so genannten Rebellen in Tschetschenien bereits seit 1994 die Scharia praktizieren! Dagegen habe ich noch keine Menschenrechtler protestieren gehört.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich diese Reaktionen?
Schwarzer: Das ist nackte Frauenverachtung. Aber auch Selbsthass. Und dann diese deutsche Glaubenssehnsucht. Nachdem die Nazis alles Fremde verteufelt haben, wollen die Kinder nun alles Fremde lieben, mit fest verschlossenen Augen. Nachdem ihre linken Götter untergegangen sind, wollen sie an diese neuen Götter glauben.
SPIEGEL: Hat sich nicht gerade die Linke der Ausländerfrage angenommen?
Schwarzer: Ja, aber oft im Gewand der Multikulti-Ideologie, die ich für verlogen halte. Sie verschleiert, dass wir anderen nicht mit der Grundhaltung der Gleichheit begegnen, sondern gönnerhaft. Diese ganz besondere Fremdenliebe ist nur die andere Seite der Fremdenverachtung. Und sie erinnert mich fatal an die gute alte Stellvertreterpolitik gewisser 68er, die schon immer besser wussten, was für das dumme Volk gut ist. Wir haben ja gerade in den Niederlanden gesehen, wohin so eine falsch verstandene Toleranz führen kann. Diese selbstgerechten Fanatiker glauben, sie hätten selbst mitten in unseren Demokratien das Recht, "Ungläubige" abzuschlachten - um so jede Kritik an ihrem Wahn mundtot zu machen.
SPIEGEL: In Deutschland hat erst wieder das Kopftuchverbot die Aufmerksamkeit auf die Lebensumstände muslimischer Frauen gelenkt. Marieluise Beck, die Integrationsbeauftragte der Regierung, glaubt, dass sich Kopftuch tragende Frauen leichter integrieren können - schon deshalb, weil sie das Haus verlassen dürfen.
Schwarzer: Indem sie so frenetisch zu der Minderheit der demonstrativ das islamische Kopftuch tragenden Musliminnen hält, fällt sie der Mehrheit in den Rücken, die sich bewusst nicht verschleiert. Weiß die Integrationsbeauftragte eigentlich, welchen moralischen Druck eine Kopftuch-Lehrerin auf muslimische Schülerinnen und deren Eltern ausüben kann? Schließlich gilt den Islamisten eine Unverschleierte als Hure.
SPIEGEL: Greift da nicht das Grundrecht auf Religionsfreiheit?
Schwarzer: Das hat nichts mit Religion zu tun, das ist Politik. Hinzu kommt: Eine Lehrerin hat sich in der Schule nicht selbst zu verwirklichen, sondern die Demokratie zu repräsentieren. Wenn das islamische Kopftuch erlaubt sein soll, warum nicht gleich der Tschador und die Burka? In schwedischen und englischen Schulen sind übrigens schon Schülerinnen in der Burka aufgetaucht.
SPIEGEL: Die Gerichte beschäftigen sich seit Jahren mit Klagen von Muslimen, die ihre Vorstellung auch hier zu Lande durchsetzen wollen. Wie beeinflusst das islamische Recht die deutsche Rechtsprechung?
Schwarzer: Schleichend. Die Islamisten machen in Deutschland seit Mitte der achtziger Jahre eine gezielte Propaganda. Offensive Nummer eins: die soziale Unterwanderung der eigenen Leute. Offensive Nummer zwei: die Aufweichung des demokratischen Bildungswesens. Offensive Nummer drei: die juristische Unterwanderung des Rechtsstaats. In konzertierten Aktionen wird seit einigen Jahren versucht, die Scharia in das deutsche Recht zu infiltrieren. Die Flagge dieses Kreuzzugs ist das Kopftuch. Der in diesem Bereich aktive Professor Mathias Rohe, ein in Erlangen lehrender Richter am Nürnberger Oberlandesgericht, sagte 2002 auf Nachfrage ganz offen: "In Deutschland wenden wir jeden Tag die Scharia an. Wenn Jordanier hier heiraten, dann verheiraten wir sie nach jordanischem Recht." Also inklusive des "Rechts" auf Polygamie.
SPIEGEL: Der Politikprofessor Bassam Tibi fordert in dem von Ihnen herausgegebenen Buch "Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz", dass sich Ausländer in Deutschland an der europäisch-westlichen "Leitkultur" orientieren müssen. Schließen Sie sich dem an?
Schwarzer: Ich würde es nicht so formulieren, das Vokabular ist mir fremd.
SPIEGEL: Aber Sie denken es.
Schwarzer: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Damals, im Deutschen Herbst, zu Zeiten des RAF-Terrors, sollte man jeden Morgen das Hohelied aufs Grundgesetz singen. Mir war das sehr unsympathisch. Inzwischen aber ist das Grundgesetz mir lieb und teuer geworden. Ich finde es eine wunderbare Errungenschaft, hinter die wir nicht zurückfallen sollten.
SPIEGEL: Sie wollen sich des Islamismus per Grundgesetz erwehren?
Schwarzer: Selbstverständlich! Wir haben unsere Freiheiten wie Aufklärung und Demokratie mühsam erkämpft und dürfen nicht hinter das Erreichte zurückfallen. Die Menschenrechte sind universell gültig und unteilbar, unabhängig von Kultur und Religion.
SPIEGEL: Was erwarten Sie von der Politik, um Frauenrechte zu sichern und dem Einfluss von Islamisten entgegenzuwirken?
Schwarzer: Es gibt viel zu tun, weil alles vernachlässigt wurde. Die Beherrschung der deutschen Sprache und die Akzeptanz unseres Rechtssystems müssen zum Einbürgerungskriterium werden. In den betroffenen Stadtvierteln muss offensiv Jugendarbeit betrieben werden, damit die Mädchen und Jungen nicht noch mehr voneinander entfremdet und von den demokratiefeindlichen Moscheevereinen verhetzt werden. In den Vierteln, den Schulen und an den Universitäten müssen wir der Rattenfängerpropaganda der Islamisten offensiv und konstruktiv etwas entgegensetzen. Und wir müssen den akut bedrohten Frauen und Mädchen konkret helfen.
SPIEGEL: Sollten nicht die Betroffenen selbst ihre Stimmen erheben - auch im Kampf gegen die Radikalen?
Schwarzer: Das Schweigen ist zu Ende. Die Mutigsten beginnen gerade, die Stimme zu erheben. Und sie bezahlen es teuer. Nach der Ermordung von Theo van Gogh steht Ayaan Hirsi Ali, eine niederländische Abgeordnete somalisch-muslimischer Herkunft, auf den gefundenen Todeslisten. Sie ist untergetaucht. Sollen wir jetzt alle aus Angst schweigen? Nein. Jetzt ist der Schulterschluss mit den demokratisch gesinnten Musliminnen und Muslimen gefragt.
INTERVIEW: MICHAELA SCHIEßL,
CAROLINE SCHMIDT
Von Michaela Schießl und Caroline Schmidt

DER SPIEGEL 47/2004
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