15.11.2004

Die verlorenen Töchter

Die türkischen Mädchen in Deutschland, die sich gegen die Tradition ihrer Väter auflehnen, riskieren viel, auch ihr Leben. Sie werden in fremden Heimatdörfern verlobt, verheiratet, weggesperrt - oder sie brechen aus wie Fatma, Esma, Yasemin.
Wenn sich am Flughafen die Kofferkulis stauen, befrachtet mit Kleinkindern in weißen Söckchen, mit Reisetaschen und verschnürten Zehn-Teile-Töpfesets, und wenn dann "Turkish Airlines nach Izmir" aufgerufen wird, "Antalya" oder "Istanbul" - dann fröstelt es Fatma.
Wenn die Schulferien sich nähern und andere Schülerinnen es kaum noch abwarten können - dann graut es Yasemin.
Das Wort Ferien klingt für diese Mädchen nicht nach Freiheit. Es klingt nach dem Gemurmel der Alten in einem fremden Heimatdorf, nach Flüstern und dann, irgendwann, dem schnellen Keuchen eines Unbekannten an ihrem Ohr.
Denn für viele junge Deutschtürkinnen, 14, 15 Jahre alt, beginnt mit dem Flug in die Türkei die Zeit der Brautbeschau und der Zwangsverlobungen. Die Väter wollen es so oder auch die Mütter.
Fatma und Yasemin sind zwei deutschtürkische Mädchen, die eigentlich anders heißen. Es sind zwei sehr normale Mädchen, die nur wollen, was ihre deutschen Freundinnen dürfen: mal ins Kino gehen, mal Eis essen, mal mit Jungs reden. Nur reden.
Für diese Teenie-Träume mussten sie mit ihren Familien brechen, in den Untergrund gehen, den Namen wechseln und Pässe fälschen. Sie stehen für eine Generation von Einwandererkindern, die den Kampf der Kulturen vorm Kleiderschrank und im Wohnzimmer kämpfen. Jede Jeans ist ein Etappensieg, und siegreich ist, wer nicht gegen seinen Willen verheiratet wird, irgendwo da hinten, weit, in der Türkei.
Es ist ein Aufstand gegen die Eltern, und die Urlaubsreise in die Türkei ist nur der verzweifelte Schlusspunkt eines langen Ringens um das, was für diese Mädchen Freiheit und für die Alten Ehrlosigkeit ist.
Es ist ein leiser Aufstand. Außerhalb der Wohnungen ist nichts zu bemerken. Weil die Mädchen gelernt haben, sich zu verbergen. Oder weil sie von ihren Eltern nicht allein auf die Straße gelassen werden, kein einziges Mal. Viele fügen sich, manche schaffen den Absprung, zu viele zerbrechen.
Und wer sich wehrt, hat viel zu erzählen.
Fatma ist im Schwarzwald aufgewachsen, wo das Leben "Schaffen" hieß und wo hinter zugeputzten Fachwerkfassaden die südtürkischen Dorfstraßen wieder zusammengefunden hatten.
Sie ist 17, als die Türkei-Reise ansteht. Einen Großteil der vergangenen Jahre hat sie damit verbracht, ihrer Mutter beizubringen, dass eine Jeans nur ein Kleidungsstück ist und nicht mit Fegefeuer bestraft wird.
Ihr Vater war schon Anfang der Neunziger ausgezogen. Die Mutter ging umso häufiger in die Moschee und betete zu Gott um die Kraft, ihre älteste Tochter heil in die Hände eines ehrbaren Mannes übergeben zu können. "Es war wie eine olympische Disziplin", sagt Fatma. "Die Tochter muss durch alle Gefahren in Deutschland ins Ziel gebracht werden, ohne dabei die Ehre zu verlieren. Das Ziel ist ein guter Mann. Beim Scheitern droht die Hölle."
Fatma ist ein hübsches Mädchen, das seine Geschichte leise erzählt und die Sätze mit "weischt?" beendet. Sie sagt, sie sei heute Buddhistin.
Alle sprachen von der Urlaubsreise. Fatma wusste nicht, ob auch für sie ein Rückflug vorgesehen war. "Gleich nach der Ankunft in der Türkei bin ich im Haus meiner
Tanten eingesperrt worden. Sie haben mir die Jeans weggenommen und einen langen Rock gegeben." Und das Kopftuch.
Sie schrie, weinte, drohte sich umzubringen. "Ich war so verloren. Wo sollte ich hin? Offenbar hatte eine Cousine erzählt, ich würde mich mit einem Jungen treffen. Das hatte meine Mutter dazu gebracht, mich in die Türkei abzuschieben." Sie sah noch, wie den Tanten ihr Pass gegeben wurde.
Dann fuhr die Mutter zurück nach Deutschland. Zum Abschied sagte sie, Fatma könne sich ja wieder scheiden lassen. "Ihr war es egal, ob ich glücklich werde. Hauptsache, sie wäre vor Allah nicht mehr verantwortlich für meine Sünden."
Um die Zwangsheirat zu verhindern, erzählte Fatma, sie sei keine Jungfrau mehr. Die Tanten und eine Nachbarin zerrten sie zu einer Hinterhofärztin in Adana, der nächstgrößeren Stadt. Sie musste sich vor den Frauen ausziehen und breitbeinig auf einen Stuhl setzen. Alle schauten. Die Ärztin tastete ein wenig. Dann sagt sie: "Ich habe nicht die passenden Geräte, aber zu 80 Prozent bin ich mir sicher, dass sie keine Jungfrau mehr ist." Die Tanten zeterten: "Wie kannst du noch leben?", riefen sie. "Wie kannst du einfach weiteratmen?" Eine nahm Fatma zur Seite und sagte: "Anderen Mädchen ist das auch passiert. Sie haben Tabletten genommen."
Als Fatma versprach, ihren angeblichen Freund zu heiraten, durfte sie zurück in den Schwarzwald. Dort ging ihre Mutter noch einmal mit ihr zur Frauenärztin. Das Ergebnis des Tests legte Fatma neben den Abschiedsbrief, bevor sie von zu Hause fortlief. Als Jungfrau.
Sie tauchte unter in einer Hilfseinrichtung für muslimische Mädchen. Es gibt sie in vielen größeren Städten. In den Wohnzimmern hängen Poster von Yvonne Catterfeld, in den Regalen liegen Plüschtiere und kleine rote Herzen, auf denen "I love You" steht. Wer es bis hierhin geschafft hat, kann anfangen, an sich zu denken. Wenn die Kraft noch da ist.
"Viele kehren wieder um", sagt Fatma. "Ich war erst einmal gerettet. Das Problem war meine jüngere Schwester. Unsere Mutter hatte sich geschworen, alles zu tun, damit sie nicht so endete wie ich."
Alles begann von vorn. Ihre Schwester Esma war zwölf im Jahr 1996, als es wieder Sommer wurde im Schwarzwald und die Ferien anstanden. "Esma musste sofort nach der Schule ihre Sachen packen und mit zum Flughafen kommen. Als sie unseren Onkel am Flughafen sah, bekam sie einen Verdacht und rannte fort."
Der Onkel fing sie ein, sagte, es sei nur ein Türkei-Urlaub. Esma glaubte kein Wort. Aber sie stieg in den Flieger nach Adana und ahnte, sie würde Deutschland die nächsten Jahre nicht wieder sehen. Einen Satz der Mutter hatte sie im Kopf: "Ihr Fleisch gehört euch, die Knochen mir."
"Das sagt man so. Ich wusste nur", sagt Fatma, "dass meine Schwester in einer Koranschule ist. Ich habe mich so nach ihr gesehnt. Aber wenn ich unsere Mutter anrief, durfte ich nicht mal ihren Namen sagen. ,Soll sie so werden wie du?'', hieß es dann."
Esma war schon vier Jahre in der Türkei, als Fatma endlich erlaubt wurde, Geschenke zu schicken. In einem Paket versteckte sie ihre Telefonnummer.
Sie telefonierten heimlich. Esma lebte in einer Koranschule, wo man auch beim Schlafen das Kopftuch aufbehalten und morgens um drei Uhr aufstehen musste zum Gebet. "Es war wie in einem schlechten Märchen. Ich fuhr in die Türkei und rief Esma an. Aber plötzlich sagte sie, sie wolle mich nicht sehen, weil ich kein Kopftuch trüge. So groß war der Einfluss, unter dem sie stand."
Fatma brachte Geschenke und überredete die Hodschas, ihre Schwester kurz sehen zu dürfen: "Sie saß völlig eingeschüchtert vor mir und redete kaum etwas." Es blieb nur ein Weg.
Es war das Jahr 2002, und in einer schwäbischen Kleinstadt plante eine junge Frau, ihre Schwester zurück nach Hause zu entführen. Damit sie ihr Haar offen tragen kann und mal ins Kino gehen und sich mal aussuchen, mit wem sie leben möchte oder auch nicht.
Zurück in Deutschland, lieh Fatma sich einen Pass für ihre Schwester aus. Das ist nicht unüblich. Für deutsche Grenzer sehen türkische Mädchen alle ziemlich ähnlich aus. Dann rief Esma an, aufgelöst: Sie solle mit einem älteren Mann aus dem Nachbardorf verlobt werden. "Er wollte Esma, weil sie Kontakte nach Deutschland hatte, klar. Und meine Tanten wollten Esma so schnell wie möglich loswerden - bevor sie etwas macht." Bis zur geplanten
Hochzeit waren es noch vier Monate. Fatma redete mit ihrer Mutter, bekam tatsächlich die Erlaubnis, in die Türkei zu ihrer Schwester zu fliegen, um, wie sie sagte, den Tanten bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen. Von ihrem Ersparten kaufte sie bei Woolworth Schnellkochtöpfe und Kaffeesets für die Tanten. Sie besorgte zwei Flugtickets und bestellte einen Mietwagen.
Aus Angst, dass ihre Familie den nächstgelegenen Flughafen absuchen könnte, hatte sie den Rückflug von Antalya gebucht, rund 500 Kilometer entfernt. Sie hatte eine dunkelblonde Perücke besorgt. Es war jetzt kein Märchen mehr, es war wie im Film.
Die Tanten schöpften keinen Verdacht. Bei der ersten Gelegenheit verließen die Mädchen das Haus. Zwei Straßen entfernt fanden sie ein Taxi, das sie zum Mietwagen bringen sollte. Esma hatte das Kopftuch ab-und die Perücke aufgesetzt. Im Taxi schwiegen sie. "Der Fahrer sollte nicht merken, dass wir aus Deutschland kommen. Das wäre sofort aufgefallen."
Fatma steuerte den Mietwagen. Auf dem Weg nach Antalya kam ihnen ein Bus entgegen und drängte sie in einen Graben. Es dauerte Stunden, bis sie weiterfahren konnten. Dann klingelte das Handy von Fatma.
Es war die Tante. Sie würde jemanden finden, der sie aufspürte, auch in Deutschland. Der Bräutigam sei schon unterwegs. "Niemand hatte eine solche Flucht erwartet. Esma hatte vorher zu allem Ja und Amen gesagt. Unsere Tanten hatten immer gesagt, dass noch nie jemand aus ihrem Dorf entführt worden sei. Und jetzt noch von einer Frau."
Im Flughafenhotel fragten sie sich die Daten in den falschen Papieren ab und übten die deutschen Sätze wieder ein. Esma zog sich die Kleider an, die ihre Schwester aus Deutschland mitgebracht hatte. Ihre Lippen schminkten sie sich mit Konturenstift passend zum Passfoto. Die Beamten am Flughafen in Antalya schöpften kaum Verdacht. Esma sagte, es sei ein altes Foto: "Ich werde es ändern lassen, sobald ich in Deutschland bin."
"Sie haben sich aber verändert", sagte der Beamte in Frankfurt. Esma antwortete auf Deutsch, wie sie es geübt hat. Ja, sie habe schon einen Termin beim türkischen Konsulat, um einen neuen Pass zu beantragen. Sie war nicht nervös. Sie sagt später, sie habe das noch gehabt, "dieses Gefühl von Deutschsein".
Erst nach der Passkontrolle meldeten sie sich bei ihrer Mutter. "Verreckt auf dem Weg", antwortete die.
"Sie war eben völlig verzweifelt", sagt Fatma. "Ich glaube, unsere Mutter hatte einfach Höllenvisionen. Sie hatte Allah gegenüber versagt."
Fatma versteckte ihre Schwester bei sich, schrieb Esma später in der Volkshochschule ein, um sie den Hauptschulabschluss machen zu lassen. Nach etlichen Behördengängen hat Esma jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung, Fatma arbeitet bei einem Rechtsanwalt und macht das Abitur nach.
Die Schwestern leben in einer kleinen Wohnung in Süddeutschland, schlafen in einem Bett. Fatma hat ein Bild des Dalai Lama darüber aufgehängt, Esma den Kalender mit Gebetszeiten. Die Ältere trägt den Bauch frei, die andere das Kopftuch zu engen Jeans. Beide sind völlig verschieden. Aber frei, sich zu entscheiden.
Yasemin lebt im Untergrund. Keiner, der sie kennt, weiß, wo sie sich aufhält, und wer es weiß, der kennt sie nicht. Der Untergrund ist eine Einzimmerwohnung am Rande der schwäbischen Stadt, ein Zimmer, wie ausgeschnitten aus dem Möbelkatalog, so penibel aufgeräumt und ohne Eigenschaften, wie bisweilen bei Menschen, die ihr Leben zurück auf null stellen mussten.
Das Mädchen Yasemin ist keine Heldin. Sie ist nicht ausgebrochen um der Emanzipation des Menschengeschlechts willen. Sie wollte einfache Dinge tun. Allein in die Stadt, einkaufen gehen. "Bravo" lesen. Nicht immer die Taschen durchsucht bekommen. Einmal allein sein.
Jetzt ist sie allein, und der Fernseher läuft, damit es nicht so still ist. Yasemin ist etwas zu stark geschminkt, wirkt wie ein Kind, das erwachsen spielt.
Sie sagt, mit 16 sei sie einmal 8000 Euro wert gewesen. Das war der Brautpreis, den sie ausgehandelt hatten, bei Tee und Börek am Couchtisch. Heute, sagt sie, ist sie ihrem Vater noch die paar Euro fürs Benzin wert, das er über ihr ausschütten würde. Wenn er könnte.
Aber Yasemins Vater sitzt im Gefängnis, und seine Tochter sitzt in einer anonymen Wohnung und schreibt Gedichte: "Freiheit sollte ich nicht kennen / Brav und gehorsam sollte ich werden / Du hast mir nie zugehört / Hast meine Träume zerstört / Glaub ja nicht, dass ich dich mag / Bist nicht mein Vater, der längst starb."
Vor 22 Jahren wurde sie in Süddeutschland geboren, ein Jahr gestillt und dann nach Anatolien zu den Großeltern geschickt: "Meine Eltern waren der Meinung, dass ich dort bessere Disziplin bekomme."
Mit zehn kam sie zurück, in die zweite Klasse einer Grundschule bei Stuttgart. Die Erziehung ihres Vaters bestand im Wesentlichen aus zwei Sätzen: "Spiel nicht mit deutschen Mädchen, denn das sind Huren. Und wenn ich dich mit einem Jungen erwische, übergieße ich dich mit Benzin und zünde dich an."
Für ihren Vater war jeder Geburtstag seiner Tochter ein Etappensieg: Gott sei
dank ist dieses Jahr wieder nichts passiert. Es sei, sagt Yasemin, immer nur darum gegangen, was andere über die Familie denken könnten: "Das war das oberste Gesetz."
Sie trägt einen engen Jeansrock und ein weißes, viel zu enges ärmelloses T-Shirt. Sie hat eingeschweißten Kuchen gekauft und Cola light.
Kurz nach ihrem 15. Geburtstag hörte sie ihren Vater telefonieren. Es ging um Geld, Grundstücke, Häuser. Sie hörte ihn sagen: "Sie ist im richtigen Alter." Es war nicht mehr lange bis zu den großen Ferien.
"Ich hatte mich immer gefreut, in die Türkei zu reisen, aber diesmal hatte ich Angst. Ich zitterte, o Gott, nein, du wirst das nicht überleben. Die werden dich jetzt verheiraten."
Es war ein Cousin, zwölf Jahre älter. Er hatte ihr schon Liebesbriefe nach Deutschland geschrieben, und von ihrem Vater war sie so lange geprügelt worden, bis sie zurückschrieb. In der Türkei kam der Cousin mit dem ganzen Clan vorbei. Yasemin sagte, sie sei zu jung: "Ich kann keine Ehe führen."
Der Vater schlug sie fast bewusstlos. Dann sagte er: "Geh ins Bad, wasch dein Gesicht, und setz dich wieder zu uns."
Ein Grundstück müsse reichen, meinte der Vater des Cousins. Ihr Vater: "Meine Tochter geht in eine Schule, sie ist in Deutschland, sie ist sehr hübsch, ein Grundstück reicht nicht."
Es wurde über den Preis geredet, den Zeitpunkt der Hochzeit, die Zahl der Kinder und den Zeitpunkt der Geburt. Yasemin saß daneben. Sie versuchte nicht hinzuhören und redete sich ein, ihr Cousin könne nicht gewalttätig sein, er lächle ja. Aber dann brach Streit aus. Die Verhandlungen waren gescheitert.
Zurück in Deutschland, wurde die erweiterte Liste durchgegangen: "Wie wäre es mit Mehmet oder mit Ahmet oder mit dem oder dem? So wurde ich abgefragt. Es waren alles Verwandte, alle in der Türkei, alle älter als ich. Um nicht Nein zu sagen, habe ich mit den Schultern gezuckt. Ein Nein hätte Schläge bedeutet."
Einer war auf der Liste, der in Deutschland aufgewachsen war: "Der würde nicht so streng sein wie einer aus der Türkei. Mit dem könnte ich in Deutschland bleiben, wenn ich ihn heirate." Dachte sie sich. Dann nickte sie und hatte ihre Ruhe.
Der fremde Verlobte nahm sie zum ersten Mal mit ins Kino und fragte, was sie bei McDonald''s essen wolle. "Ich war hin und weg. Ich habe mich in ihn verliebt. Den wollte ich heiraten. Er war zehn Jahre älter, ein Märchenprinz. Ich betete, dass es mit dem Brautgeld zwischen unseren Vätern klappt." Sie war 17 Jahre alt. In Deutschland redeten alle über das neue Millennium, und die Familie ihres Verlobten versprach, zur Hochzeit 8000 Euro Brautgeld für das Mädchen Yasemin zu zahlen.
Doch es kam nicht dazu. Dem Vater erschien sein künftiger Schwiegersohn plötzlich als zu deutsch. Nicht wie jemand aus der Türkei, der ihm ewig dankbar sein würde. Er sagte die Hochzeit ab, nahm seiner Tochter das Handy weg und fuhr in sein Heimatdorf, um einen Ersatzschwiegersohn zu suchen: "Er konnte es einfach nicht ertragen, dass seine Tochter glücklich mit ihrem Verlobten sein könnte."
Yasemin packte Kleider, Puppen, Bücher zusammen und wartete, bis die Mutter zur Arbeit war: "Dann sind wir weggefahren, ich und mein Verlobter. Ganz weit weg, in den Norden. Mein Vater schrie am Telefon, er würde uns umbringen. Dann beruhigte er sich und bot an, uns am Leben zu lassen, wenn wir heirateten, bevor die Verwandten von der Flucht erfahren." Sie lehnte ab.
Ihr Vater sagte: "Ihr spielt mit meiner Ehre. Ich werde euch umbringen." Am nächsten Tag schnitt sie sich die Haare ab, an denen er sie immer herumgezerrt hatte.
Die Freiheit dauerte ein Jahr. Yasemin war dann keine Jungfrau mehr: "Es war keine Vergewaltigung, aber mein Verlobter hat mich sehr unter Druck gesetzt, hat tagelang nicht mit mir geredet, wenn ich Nein sagte." Dann tauchte die Familie ihres Verlobten auf. "Wir hatten bisher alles gemeinsam entschieden. Nun mischte sich seine Mutter ein und fragte, wann die Hochzeit sei. Wann das Kind komme."
Sie entschied sich zu gehen. "Ich renne keiner Frau nach", sagte ihr Verlobter. "Mach, was du willst."
Sie ging noch einmal zurück, um ihre Sachen zu holen: "Seine Mutter war da, schrie, ich sei undankbar und hätte ihren Sohn gedemütigt. Sie würde ihre anderen Söhne holen, und ich würde das Haus nicht lebend verlassen."
Yasemin gab nach und tat so, als wollte sie sich wieder versöhnen. Nach einer Weile ließ man sie wieder in die Schule.
Mitten im Unterricht stand sie auf, ging zur Lehrerin und sagte, sie brauche jetzt Hilfe.
Von nun an hatte sie zwei Familien auf den Fersen. Auf dem Schulhof lief sie zwischen ihren Schulfreundinnen, aus Angst, verschleppt zu werden. Sie zog in eine anonyme Wohngemeinschaft für türkische Mädchen, wechselte die Schule, gab sich einen neuen Namen.
Neuer Wohnort, neuer Name, neue Identität - es war wie im Zeugenschutzprogramm eines Mafia-Prozesses. Dabei ging es nur um Jeans, McDonald''s und das Recht, die Haare offen zu tragen.
Yasemin sitzt auf ihrer Sofagarnitur und zupft an der Tischdecke. Ihre Eltern haben sie bis heute nicht gefunden. Nur einmal traf sie ihre Mutter. "Sie warnte mich. Mein Vater würde immer davon sprechen, uns umzubringen, ich hätte mit seiner Ehre gespielt."
Eines Tages begegnet der Vater seinem ehemaligen Schwiegersohn auf der Straße. Sie hatten noch nie miteinander gesprochen. Der Vater zückt ein Messer und sticht auf den jungen Mann ein. Das war die erste Begegnung der beiden Männer nach dem Brautgespräch.
"Mein ehemaliger Verlobter", sagt sie, "sollte nicht sterben, weil er mich entführt hätte. Viel schlimmer war, dass er nicht in der Lage gewesen sei, auf mich aufzupassen, so dass der Vater nicht mehr weiß, wo seine Tochter ist und was sie treibt. Das war das Schlimmste."
Die Stiche sind tief. Als der Verlobte wieder aus dem Koma erwacht, ist der Vater schon wegen versuchten Mordes verurteilt. Als der Verlobte wieder sprechen kann, gibt er Yasemin die Schuld an der Tat.
Ihre Mutter sagt: "Das hat er für dich gemacht. Um deine Ehre zu säubern."
Vergangenes Frühjahr beschloss Yasemin, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen. Sie zog ihre engsten Jeans an. Der Beamte im Besuchszimmer fragte, ob sie Angst habe. Ja, sehr große Angst. Sie sagte sich, bloß nicht weinen vor ihm. Wenn ich weine, wird er gewinnen, er wird sich stark fühlen.
Er kam rein, setzte sich zwei Meter von ihr entfernt und schwieg. Dann sagte er: "Siehst du, das ist alles wegen dir passiert" - und fing an zu weinen.
Dann sagte er auf Türkisch: "Ich werde die Sache klären, ich werde meine Ehre wiederherstellen." Sie weiß nicht, wie er das gemeint hat.
Der Beamte ermahnt ihn, Deutsch zu reden. 30 Minuten bleibt sie. Sie weint nicht. "Ich wollte ihm zeigen, dass er mich nicht gebrochen hat." Dann will sie gehen. Der Vater sagt: "Bleib sitzen." Sie sagt, ich gehe jetzt. Er antwortet, bleib sitzen, sag ich dir. "Du kannst mir nichts mehr sagen."
Dann geht sie.
HATICE AKYÜN, ALEXANDER SMOLTCZYK
* Mit einem Brief an ihren Vater.
Von Hatice Akyün und Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 47/2004
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