15.11.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTESibirisches Dschungelbuch

Wie ein russisches Kind zum Mowgli wurde
Er krabbelt auf allen vieren und streckt seinen Kopf nach vorn, wenn er bellt. Er beschnüffelt sein Essen und beißt die anderen Kinder im Heim, viele haben Angst vor ihm. Er ist in der Wildnis aufgewachsen, draußen, zusammen mit den Tieren. Die Leute nennen ihn den Hundejungen.
Andrej wurde vor sieben Jahren geboren. Seine Eltern sollen ihn verlassen haben, als er drei Monate alt war, so stand es in den Zeitungen. Andrej blieb zurück, irgendwo in Sibirien, in einem heruntergekommenen Holzhäuschen mit Veranda und vergammelten Kartoffelpflanzen im Vorgarten.
Seine Geschichte klingt wie die russische Version vom "Dschungelbuch". Sie handelt vom treuen Hofhund, der den hilflosen Säugling großzog und ihn wärmte während der harten Winter. Von einem kleinen Jungen, der in einer Hundehütte schlief und mit seinem einzigen Gefährten auf der Suche nach etwas zu essen durch die Taiga streifte. Andrej, der Hundejunge.
Eines Tages fand ihn eine Sozialarbeiterin auf der Straße, zusammen mit einem Rudel streunender Hunde, verdreckt, nackt, hungrig. Sie soll den Hundejungen in ein Heim gebracht haben, zurück zu den Menschen.
Sie bringt ihm bei, aufrecht zu gehen, er isst mit dem Löffel und mag Bettwäsche, die ist so schön weich. Andrej hat sogar ein Mädchen kennen gelernt, sie verständigen sich mit Handzeichen. Der Hundejunge und seine Freundin.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Das russische Dschungelbuch spielt in der südsibirischen Altai-Region, nahe der Ortschaft Bespalowski. Etwa tausend Menschen leben hier, früher arbeiteten sie in einer Limonadenfabrik, die gibt es nicht mehr. Jetzt halten sie Schweine und Kühe, weit weg von der Bezirkshauptstadt Barnaul - und eine Ewigkeit von Moskau entfernt. In der Ferne versperren die schneebedeckten Gipfel des Altai-Gebirges die Sicht. Die Geschichte war zuerst in den Zeitungen zu lesen, in den Lokalblättern der Altai-Region, dann im überregionalen Familienblatt "Moja Semja", das titelte: "Im Altai wurde ein Mowgli erzogen." Danach stand sie überall, die rührende Geschichte von Andrej, dem sibirischen Hundejungen, und von der Sozialarbeiterin Olga Reider, die seine Retterin war.
Olga Reider ist eine schlanke Frau um die vierzig, mit grünen Augen und dunkelblondem Haar. Spezialistin für den Schutz von Kindern, so nennt sie sich selbst. Olga Reider betreut die besonders schweren Fälle der Region, wenn die Behörden vor Ort nicht mehr weiterwissen. Sie soll Andrej gefunden haben, in diesem Juni, am Rande von Bespalowski. Andrej, den Hundejungen.
Olga Reider spricht nicht von Hundejungen, sie kennt keinen, sie kennt einen anderen Andrej. Andrej T., einen kräftigen Burschen, sieben Jahre alt, mit blonden Haaren und Zahnlücke, seit der Geburt ist er schwerhörig. Andrej ist einer von Olga Reiders 150 schweren Fällen. Alles Geschichten von zerrütteten Familien, von Alkoholmissbrauch, von Verwahrlosung. Wahre Geschichten.
Olga Reider war oft in Bespalowski, einmal die Woche fuhr sie zu einem schäbigen Holzhäuschen am äußersten Rand der Ortschaft. Im Winter lag der Schnee auf dem kleinen Pfad so hoch, dass sie die letzten Meter zu Fuß gehen musste. Dort hauste Andrej T. zusammen mit seinem Vater, Wladimir P. Seit einem Schlaganfall konnte der Vater Arme und Beine kaum noch bewegen. Er saß in der Küche, trank Wodka, und Olga Reider ermahnte ihn, besser für seinen Sohn zu sorgen, erfolglos.
Andrejs Mutter Julija T. hatte das Sorgerecht. Sie tauchte nur im Dorf auf, wenn Wladimir P. seine Invalidenrente ausbezahlt bekam, die konnte sie versaufen. Dann lallte sie: "Nehmt den Jungen doch, ich brauche ihn nicht."
Julija T. hat noch ein anderes Kind, von einem anderen Mann, das lebt bei ihrer Mutter, einige Dörfer weiter. Noch eine wahre Geschichte.
Andrej lernte nie sprechen. Er tobte den ganzen Tag durch den Garten, allein oder mit Dick, einer Mischung aus Kaukasischem Schäferhund und irgendeiner Hof-Töle.
Der Hund war der einzige Freund, den Andrej hatte.
Im Mai strahlte ein russischer Fernsehsender einen Beitrag über Problemfamilien in der Altai-Region aus. Der Reporter filmte Andrej, filmte Dick und sagte: "Der Junge wird von einem Hund großgezogen." Er wollte sagen: Der Junge ist verwahrlost.
Kurze Zeit später druckten die Zeitungen das russische Dschungelbuch.
Als Andrej von den Medien zum Mowgli gemacht wurde, hatte Olga Reider seine Mutter seit über einem Monat nicht mehr in Bespalowski gesehen. Sie schaltete das Familiengericht ein, die Mutter verlor das Sorgerecht.
So enden wahre Geschichten aus dem Altai.
Andrej wohnt seit August in einem Internat für schwerhörige Kinder, 400 Kilometer von dem verlotterten Holzhäuschen in Bespalowski entfernt. Er lernt sprechen, vier Stunden Unterricht hat er jeden Tag. Andrej kann jetzt zwei Buchstaben erkennen.
Irgendwann soll er auf eine richtige Schule gehen. GREGOR WASCHINSKI
Von Gregor Waschinski

DER SPIEGEL 47/2004
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Sibirisches Dschungelbuch

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