15.11.2004

SCHARLATANEVermarktung bis in den Tod

Monatelang nutzte ein Vitaminhändler den krebskranken Dominik zu Propagandazwecken. Nun ist der Junge tot - welche Schuld trägt der Pillenverkäufer?
Im Mittelalter führten die Quacksalber ihre Patienten auf Jahrmärkten vor. Heute tun sie es im Internet. Dort präsentiert der Unternehmer und Mediziner Matthias Rath, 49, seit Monaten einen kleinen Jungen namens Dominik - als wundersames Beispiel dafür, wie er Krebs heilen könne.
"Seitdem ich die Vitamine von Dr. Rath nehme, geht es mir viel besser", sagte Dominik im Februar auf einer Veranstaltung in der Mainzer Phönix-Halle. Rath versprach dem Publikum: "Dominik wird leben."
Seit voriger Woche ist Dominik wieder in Mainz - sein Körper wird im Institut für Rechtsmedizin obduziert, um herauszufinden, woran das neun Jahre alte Kind am 1. November verstorben ist.
Die Staatsanwaltschaft Koblenz und die Kriminalinspektion in Betzdorf (Rheinland-Pfalz) ermitteln in einer Affäre, die davon erzählt, wie ein publicitysüchtiger Vitaminpillen-Händler das Schicksal eines
schwer kranken Kindes bis in dessen Tod vermarktet. Die Beamten prüfen, ob Rath das Ableben seines kleinen Patienten sogar befördert hat: indem er ihm die medizinische Hilfe verweigern und ihn stattdessen mit jenen Verfahren traktieren ließ, für die er das Phantasiewort "Zell-Vitalstofftherapie" erfunden hat.
In der deutschen Ärzteschaft macht sich über den dubiosen Doktor blankes Entsetzen breit. "Ich finde es ganz schlimm, dass man solchen Scharlatanen das Handwerk nicht legen kann", sagte Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes. "Dem muss durch Gesetze und durch die Gerichte endlich ein Riegel vorgeschoben werden", forderte Michael Bamberg von der Deutschen Krebsgesellschaft in der "Bild".
Die tragische Geschichte des Dominik aus dem rheinland-pfälzischen Steinebach begann im Herbst 2002 beim Fußballspielen. Den Jungen plagten starke Schmerzen im Bein. Die Ärzte diagnostizierten einen bösartigen Knochentumor (Osteosarkom) oberhalb des rechten Knies; zudem fanden sich in seiner Lunge Absiedlungen (Metastasen).
Die behandelnden Ärzte in der Universitätsklinik Münster konnten den Eltern nur bedingt Hoffnung machen: Bei chirurgischer Entfernung des Tumors und der Metastasen sowie Chemotherapie sterben statistisch gesehen 55 Prozent der Patienten innerhalb von fünf Jahren - doch die anderen 45 Prozent leben. Unbehandelt sterben indes 99 Prozent aller Betroffenen.
Dominiks Eltern folgten zunächst dem Rat der Ärzte und ließen ihrem Kind den Haupttumor entfernen. Dann begann eine Serie von etwa einem Dutzend Chemotherapien. Vor der anberaumten operativen Entfernung der Lungenmetastasen jedoch wurde es den Eltern zu viel: Sie stoppten den Heilversuch, weil ihnen die Nebenwirkungen zu gravierend erschienen.
Auch als ein Gericht den Eltern das medizinische Sorgerecht aberkannte, nahmen die Ärzte die Therapie nicht wieder auf - sie wollten Dominik nicht gegen den Willen der Eltern behandeln.
Dass das Ehepaar Anke und Josef Feld in dieser Situation ins Netz des Matthias Rath gerät, ist kein Zufall. Denn der Unternehmer verspricht nicht weniger als die Heilung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Zudem greift er regelmäßig tatsächliche Pannen in der Pharmabranche auf - nur um seinen eigenen Pillen den Anstrich der Seriosität zu geben.
Rath schert es wenig, dass bereits 1998 Magdeburger Forscher im "British Medical Journal" berichteten, dass sie vergebens die Wirksamkeit seines früheren Produkts Vitacor 20/90 zu belegen suchten. Raths Mixturen enthalten gewöhnliche Vitamine und Aminosäuren und kosten in der Monatsration "knapp über 40 Euro" (so der Rath-Sprecher Jens Kellersmann).
Die Pillen sind allerdings so hoch dosiert, dass sie in Deutschland als Arzneimittel geprüft werden müssten. Da Rath die dafür nötigen Nachweise über Wirksamkeit und Ungefährlichkeit schuldig blieb, darf er sie hier zu Lande nicht vertreiben - und wich 1998 ins niederländische Almelo aus. Von dort aus bedient er mit 200 Mitarbeitern den Markt (Jahresumsatz schätzungsweise 60 Millionen Euro). Hinzu kommen "Berater", die in ganz Deutschland unterwegs sind.
Doch jetzt ist ihnen der größte Werbeträger abhanden gekommen. Der angeblich schon geheilte Dominik starb unter dubiosen Umständen in einer Klinik im mexikanischen Tijuana, wohin ihn Rath oder seine Helfer hatten bringen lassen.
Seine Eltern, noch immer unter dem Einfluss des Gurus, wollten ihren Sohn stillschweigend ins heimische Steinebach überführen lassen. Doch bekam die Kriminalinspektion Betzdorf aus der Bevölkerung einen Wink; noch am Frankfurter Flughafen wurde die Leiche, an Bord einer Lufthansa-Maschine aus Mexiko City kommend, beschlagnahmt.
Längst bastelt Matthias Rath - ohne jede Kenntnis des Obduktionsergebnisses - schon an der nächsten Verschwörungstheorie: Der Junge sei nicht etwa an seinem Krebsleiden, sondern nach einem "Trauma im Schädelbereich (Fußball)" an nachfolgenden Kunstfehlern gestorben, lässt er einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Salzgitter auf seiner Internet-Seite vermelden.
Allerdings zeugt eine Anzeige, die Rath vorigen Donnerstag in der in Betzdorf erscheinenden "Rhein-Zeitung" schaltete, von einem Rest Realitätssinn. Neben allerlei Phantastereien enthält die Anzeige das Eingeständnis, dass er seinen kleinen Patienten wohl doch nicht vom bösen Tumor befreit hat: "Nicht ausgeschlossen ist, dass in Dominiks Körper noch Krebszellen vorhanden waren." JÖRG BLECH
* Foto von Raths Internet-Seite.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 47/2004
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