DER SPIEGEL



SPEKTAKEL

Der Krimi im Kopf

Von Matussek, Matthias

Die Stadt, die Perversion, die Falle: Der deutsche Künstler Gregor Schneider hält mit einer Gruselaktion die Londoner Kunstwelt in Atem. Von Matthias Matussek

Die Walden Street in Londons Osten ist trostlos. Identische Reihenhäuschen, eine Haustür wie die nächste, gelber Klinker, an der Ecke ein Copy- Shop. Auf dem Weg hierher tobt das Leben. Ein Trödelmarkt mit seinem Gewühle, Taschenlampen aus Plastik und islamische Gebetsketten und pakistanische Kassetten, Gemüse, alles billig.

Doch hier? Gar nichts. Ach ja, vor über hundert Jahren hat Jack the Ripper hier gemordet.

Irgendwo an der Ecke vor einer Ladenwohnung holt dich dieses Mädchen ab. Es ist schön, ziemlich hip, ziemlich Chelsea. Das heißt, es passt absolut nicht hierher. Vor einer der stillen Reihenhaustüren drückt es dir den Schlüssel in die Hand.

"Zehn Minuten", sagt es. "Und danach gibt es den zur Nachbarwohnung." Und das ist nun das Ticket zur heißesten Performance, die Londons Kunstmarkt derzeit hergibt. Ein Sicherheitsschlüssel mit grünem Plastiketikett. Zwei Monate Wartezeit, und das für zehn Minuten. "Die Familie Schneider", von Gregor Schneider.

Ach, da wären noch ein paar Verhaltensregeln, sagt das Mädchen und lächelt kühl. Keine Berührungen, kein Kontakt, was immer da drinnen passiert. Schauspieler wurden engagiert, hörte man vorweg, und zwar nur eineiige Zwillinge. Hm. Was wird da drinnen verhandelt?

Schneider hatte bereits auf der Biennale in Venedig im Jahr 2001 mit labyrinthischen Räumen für Furore gesorgt. Damals hat man geschaut. Doch die, die hier rauskommen, schauern.

Die Tür schnappt auf, und fahles Novemberlicht fällt in einen Flur, der mit braunen Läufern ausgelegt ist. Eng ist es, muffig. Du bist allein, du könntest ein wiedergekehrter Toter sein. Am Abwaschbecken in der Küche steht eine Frau, vielleicht 50, herabgezogene Mundwinkel, braune Strickjacke. Sie fischt mit der Spülbürste in der Lauge nach dreckigen Plastiktellern. Sie wäscht, Teller um Teller, monoton, und sie blickt geradeaus auf eine Spitzengardine. Dahinter kann man Mauerwerk vermuten, auf jeden Fall irgendeine Lebenssackgasse.

Hinter ihr, abgetrennt von Perlenschnüren, liegt ein muffiges Wohnzimmer mit durchgesessenem Sofa und nicht identifizierbarer Relieftapete, einem Fernseher, der TV-Illustrierten.

Spätestens hier schleicht sich eine Art übernatürliche Wachsamkeit ein. Die Nackenhaare richten sich auf. Plötzlich ist alles von Bedeutung. Der Besucher wird zum Detektiv. "Abgegriffenes Paperback", notierst du dir. Shaws "Three Plays for Puritans". Daneben eine blaue Plastiktüte, eine Packung Schokowaffeln, eingeschweißt. "Vier Kippen im Aschenbecher."

Mit einem gewissen Zögern wendest du dich der Kellertreppe zu, von der Modergeruch aufsteigt. Auf halbem Weg eine weitere Tür, die in ein kleines Kabuff führt. Die Wand mit einem Teppich vernagelt, ein umgestürzter Plastikeimer mit Lollis, Süßzeug, ein Heizungskörper, um dessen Rohr ein Vorhängeschloss hängt.

Spätestens jetzt stellt sich Gänsehaut ein, ein unbestimmtes Würgen, wie im "Schweigen der Lämmer": Da unten sitzt einer und vernäht Menschenhaut, mindestens, du gehst trotzdem weiter, wie Jodie Foster, immer tiefer hinunter in diesen Spießerkeller, in dem man längst auf alles gefasst ist.

Richtig, hinter einer weiteren Tür der Kellerraum. Ein umgefallener Stuhl. Ein feuchter Fleck auf dem Betonboden. Ein von der Wand abgerücktes Regal. Dahinter eine Maueröffnung, mit einer Kindermatratze. Die Matratze ist leer. Von fern leises Mädchenwimmern.

Nichts wie raus hier!

Beginnt jetzt die Flucht oder die Jagd? Von oben, kaum hörbar, das Rauschen einer Dusche. Das Schlimmste verhüten. Verbrecher fangen. Das Böse verhindern. Du hastest die Kellertreppe hinauf, vorbei an Küche und Wohnzimmer, hinauf, zur Dusche. Du stößt die Tür auf. Da steht einer, fahles Fleisch hinter mattem Duschvorhang, reibt sich im Schoß, ein Wimmerling. Neben dem Badezimmer, leicht angelehnt, die Tür zum Schlafzimmer. Ein weißes Bett. Ein Schaffell. Rechts davon, mit schwarzem Müllsack überm Kopf, ein Junge.

Nur die Füße mit den schwarzen Strümpfen schauen hinaus.

Die Füße bewegen sich.

Du schaust dir das an, du weißt, es ist Kunst, und du weißt, es ist keine. Es passiert. Dort draußen, nicht nur in Belgien, nicht nur bei Dutroux. Du trampelst die Treppe hinunter ins Freie und schnappst nach Luft.

Und draußen steht die Chelsea-Fee, kühl, unbeteiligt, drückt dir den zweiten Schlüssel in die Hand, den fürs Nachbarhaus. Den nimmst du entgegen in der Hoffnung, dass es der Schlüssel ist zur Gerechtigkeit, zur kulturellen Entwarnung, zur Wiederherstellung von Sitte und Anstand und netter Familie rund um den Küchentisch.

Und dann öffnest du die Tür und blickst in den identischen braunen Tunnel und triffst auf die identische abgehärmte Frau in der Küche und den identischen, masturbierenden Widerling im Bad, nur eines ist anders: Das Kellerverlies ist diesmal verschlossen. Du siehst nur das Licht, das aus den Ritzen dringt. Und diesmal bist du schneller draußen, und du wirfst dem Chelsea-Girl den Schlüssel zu und bist sprachlos.

Was macht man jetzt damit? Nach den Besucherzahlen fragen? Small Talk über den Kunstbetrieb? Über den Erfolg dieser Aktion? Ob es Prospekte gibt? Nein, der Künstler ist nicht zu sprechen. Nie.

Der Weg zurück zur U-Bahn Whitechapel ist verstörend. Du kommst an lauter identischen Türen vorbei und an Spitzengardinen, und dahinter vermutest du Dramen und leere Blicke und tote Winkel. Und von außen sieht alles so harmlos aus.

Gregor Schneiders Installation wütet noch böse weiter, bis hin zum Flohmarkt, wo du die blauen Plastiktüten wiedererkennst und das billige, eingeschweißte Schokowaffelzeug und die Lollis.

"Gregor Schneider wurde berühmt durch die Umgestaltung seines Elternhauses in Mönchengladbach-Rheydt": Grauenhafter kann, nach diesem Erlebnis, keine Künstlervita beginnen, weil sie so absolut harmlos eine Besessenheit rund um düstere Kleinbürgerhöllen beschreibt: "Totes Haus ur" hieß sein Beitrag für die Biennale in Venedig, halb Zuflucht, halb Kerker, Fenster ohne Aussicht, Türen, die in Abgründe führen.

Er gewann dafür einen Goldenen Löwen. Als ihn seine Stadt ehren wollte, und der Oberbürgermeister schon mit dem Redemanuskript raschelte, entfloh er durch die Hintertür. Er gibt keine Interviews. Er bleibt unsichtbar.

Für Artangel, diesen exzentrischen Londoner Kunstclub, der viermal im Jahr ungewöhnliche Kunst an ungewöhnlichen Orten zeigt, hat Schneider nun also erneut erfolgreich zugeschlagen. Während die Brit-Art-Stars Hirst, Lucas und Co. mit ihren Kühen in Aspik und Masturbiermaschinen längst in der ehrwürdigen Tate-Galerie gestrandet sind, zeigt ihnen dieser unheimlich unsichtbare Guerillero aus Mönchengladbach, was eine Harke ist.

Oder eine Provokation, wie es der Betrieb wohl nennt.


DER SPIEGEL 47/2004
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