22.11.2004

PRESSEBittere Tränen

Ein Yellow-Press-Verlag soll rund 500 fehlerhafte Titelgeschichten über den schwedischen Königshof gedruckt haben. Das könnte äußerst teuer werden.
Es war keine gute Woche für den europäischen Adel: Dunkle Schatten liegen über dem Familienglück der schönen Máxima - die Frau des niederländischen Kronprinzen macht sich Sorgen, weil ihre elf Monate alte Tochter so selten lacht. Victoria, Kronprinzessin von Schweden, steckt in Liebesnöten, ebenso Englands Prinz William. Und Königin Elizabeth II. arbeitet an einem Geheimplan, um Prinz Charles aus der Thronfolge zu boxen.
So jedenfalls stand es vergangene Woche in Blättern der Regenbogenpresse.
Vielleicht aber stimmt das alles gar nicht, und in Wahrheit ist die Queen überglücklich, ist der bürgerliche Freund von Victoria inzwischen beim Schwedenvolk irrsinnig beliebt und die schöne Máxima wieder schwanger: Ganz Holland freut sich. Auch das war in bunten Blättern zu lesen, ob's wahr ist, weiß man nicht, die Royals geben ja keine Interviews.
Unbestreitbar mies war die Woche hingegen für die Hersteller der Regenbogenzeitschriften, und hier besonders für einen: Rüdiger Dienst, Verlagsleiter der Klambt-Verlagsgruppe in Baden-Baden, wo die "Frau mit Herz", die "Woche der Frau", die "Welt der Frau", die "Neue Frau" und "7 Tage" erscheinen. Der Verlag soll für etwa 500 irreführende Titelbilder Schmerzensgeld an das schwedische Königshaus zahlen. Wie viel genau, steht noch nicht fest. Dienst fürchtet, die Zahl könne bei vier Millionen Euro liegen.
Der Mann, der das Schmerzensgeld einfordert, ist Matthias Prinz, der Hamburger Medienanwalt, der schon 1996 von der "Bunten" die damalige Spitzensumme von insgesamt 180 000 Mark für die monegassische Prinzessin Caroline erstritt.
Im Herbst 2003 hat ein schwedisches Blatt berichtet, dass deutsche Regenbogenblätter dem König einen Seitensprung angedichtet hatten ("Königin Silvia - die bitteren Tränen einer betrogenen Frau"). Das Königspaar nahm sich Prinz zum Anwalt, seitdem haben die deutschen Blätter Probleme. Ein paar Widerrufe mussten Klambt-Blätter schon auf ihren Titelseiten drucken, dann sinken die Verkaufszahlen jedes Mal um bis zu 20 Prozent - im Einzelfall noch zu verkraften, doch um Einzelfälle geht es längst nicht mehr. Anwalt Prinz hat alle Titelbilder der Klambt-Blätter systematisch auswerten lassen, von 1999 bis heute. Er fand falsche Liebesmeldungen ("William & Madeleine schworen an Dianas Grab ewige Liebe"), hoch exklusive, aber falsche Gesundheitsbulletins ("Prinzessin Victoria - Warum sie niemals ein Baby haben darf") sowie geplatzte Hochzeiten, die in Wahrheit nie geplant waren ("William und Madeleine - Alles aus und vorbei").
Jede Falschmeldung brachte dem Klambt-Verlag einen Einsatz des Anwalts ein. Von November 2003 bis Oktober 2004 zählte Verlagsleiter Dienst 1558 einzelne Ansprüche, bezogen auf rund 500 Titelblätter: Unterlassung des Fotos, Unterlassung des Textes, Richtigstellung - das ist rekordverdächtig. Aber nicht ungewöhnlich, meint Prinz: "Ungewöhnlich ist allein die Vielzahl der unwahren Geschichten."
Bei einem Treffen vergangene Woche bot Dienst an, künftig nur noch solche Berichte zu veröffentlichen, die mit der Pressestelle des schwedischen Hofes abgesprochen seien, doch das reichte dem Anwalt nicht. Um alle bisherigen Missetaten außergerichtlich abzulösen, so gab Prinz zu verstehen, müsse Klambt Schmerzensgeld in erheblicher Höhe zahlen. Schließlich habe der Verlag sich jahrelang an seinen Mandanten bereichert.
Ein Vergleich in Millionenhöhe wäre ein weiterer Rekord - und für den Klambt-Verlag womöglich das Aus. "Das können wir nicht bezahlen", sagt Dienst, "da stehen die Existenz des Verlags und 300 Arbeitsplätze auf dem Spiel."
Im Wettstreit der mehr als zwanzig Yellow-Press-Zeitschriften (Gesamtauflage: gut acht Millionen Exemplare) ist der Klambt-Verlag eher ein kleiner Spieler, hinter Bauer, Burda und dem Westdeutschen Zeitschriften Verlag. Manager Dienst vermutet, dass Prinz deshalb auf seine Zeitschriften losgeht. "Wir können uns nicht so gut wehren." Es gehe nicht nach der Größe des Verlags, sagt hingegen Prinz, "sondern allein nach Häufigkeit und Schwere der Verletzungen. Und da ist der Klambt-Verlag ganz vorn".
Bei den Konkurrenzblättern hat der Eifer des Anwalts zwei Dinge bewirkt: eine gemeinsame, herzliche Abneigung gegen Prinz. Und: mehr Vorsicht bei der Heftgestaltung. Beim "Neuen Blatt" vom Marktführer Bauer werden drei neue Redakteure eingestellt, um die Recherche zu verbessern, Titelbilder werden auf Prozessrisiko überprüft.
Eine Titelzeile wie "Erfüllt sich ihr Traum von der Märchenhochzeit?" gilt als gegendarstellungsträchtig - weil sie Heiratsabsichten unterstellt. "Träumt sie von einer Märchenhochzeit?" ist unverfänglicher. Und deshalb wohl kostenfrei.
Früher, so erklärt Dienst, hätten die Redaktionen häufig nur Fotos zur Verfügung gehabt, aber keinen passenden Text: "Da wurde dann halt interpretiert." Nun aber werde mehr recherchiert.
Das, so sagt der Chefredakteur von "7 Tage", Peter Viktor Kulig, würde sowieso auch von den Leserinnen verlangt. "Die Älteren sind zufrieden mit einer Märchenwelt, sie wollen vor allem gefühlvolle Berichte." Frauen unter 45 hingegen seien besser informiert und deshalb für Märchenshows nicht empfänglich: "Die sehen die Titelbilder am Kiosk und sagen: ,Hey, das stimmt doch gar nicht.'" ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 48/2004
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