27.11.2000

Operation Puschkin

Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer (I) / Von Erich Wiedemann
Neue Spuren bei der Suche nach dem Bernsteinzimmer: Das legendäre Kunstwerk aus dem Katharinenpalast bei St. Petersburg, während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen verschleppt und bei Kriegsende in Königsberg verschwunden, beschäftigt eine Armada von Schatzsuchern. Hinweise aus Stasi- und KGB-Archiven beflügeln die Jagd nach dem Geschenk des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter den Großen. Ist das Bernsteinzimmer in einem thüringischen Silberbergwerk versteckt? Oder in irgendwelchen ostpreußischen Katakomben? Eine Spur führt auch nach Los Angeles, eine andere nach Deutschneudorf im Erzgebirge. So viel scheint sicher:
Den großen Brand im Königsberger Schloss nach dem Bombardement der Royal Air Force im August 1944 hat das Bernsteinzimmer überstanden. Nicht ausgeschlossen, dass es von alten Nazis versteckt wird. Mehrere Menschen haben den Versuch, das Geheimnis zu lüften, mit dem Leben bezahlt. Immerhin: Ein Tipp aus dem Stasi-Milieu brachte den SPIEGEL auf die Spur eines Mosaiks aus dem Bernsteinzimmer. Es wurde im April Staatspräsident Wladimir Putin von Kulturstaatsminister Michael Naumann zurückgegeben. Doch der Krimi ist noch lange nicht zu Ende: In einer neuen Serie beschreibt der SPIEGEL die wichtigsten Stationen auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer.
Eine verstümmelte nackte Leiche im Wald: die Brust von Messerstichen perforiert, der Bauch tief aufgeschlitzt, die Därme mit Gras und Erde vermatscht. Die Leiche war noch so frisch, dass sie dampfte, als Spaziergänger sie fanden. Daneben lagen die Tatwaffen: zwei Scheren, ein Skalpell, ein großes Brotmesser. 20. August 1987.
Der Augenschein spreche für Selbstmord, meinte die Starnberger Kriminalpolizei. Jedoch: So, wie der Obstbauer Georg Wilhelm Stein aus Stelle bei Hamburg gelebt hatte, war ein Anfangsverdacht auf Mord nicht auszuschließen. Stein hatte viele Feinde gehabt. Er war ein Mann, der zu viel wusste. Er hatte nach verlorenen Schätzen gesucht, die die Kunstkommissare der Nazis während des Zweiten Weltkriegs in der besetzten Sowjetunion zusammengestohlen hatten. Mit seinem Bemühen um Wiedergutmachung war er erfolgreicher, als seinen Gegnern lieb sein konnte. Die Rückgabe des Bernsteinzimmers an die Sowjetunion wäre für ihn der Daseinshöhepunkt gewesen. Und für seine Gegner der Gipfel des nationalen Ausverkaufs.
Das Bernsteinzimmer - ein schönes Phantom, das seit Jahrzehnten durch die Träume von Forschern, Abenteurern und Hobby-Archäologen geistert. Und eine gefährliche Leidenschaft. Viele Menschen haben dafür ihr Leben gelassen.
Wurde es kurz vor Kriegsende in einer unterirdischen Fabrik in Thüringen versteckt? Oder in einem stillgelegten Silberbergwerk im Erzgebirge? Oder in irgendwelchen ostpreußischen Kasematten? Oder ist es mit einem Flüchtlingsschiff in der Ostsee untergegangen? Oder hat es ein russischer Kunstfreund aus Königsberg mitgenommen? Oder vielleicht ein Ami-GI aus Thüringen? Haben es Konspirateure aus dem Umfeld um den europäischen Hochadel verschwinden lassen? Ist es nicht doch vielleicht im Bombenhagel der Royal Air Force verbrannt? Das sind die wichtigsten Thesen in der einstweiligen Reihenfolge ihrer Plausibilität.
Auch die Synthese aus zwei oder mehr Lösungen ist denkbar. Gut möglich, dass eine Hälfte des Bernsteinzimmers in Thüringen versteckt ist und die andere in Ostpreußen. Oder beide an zwei verschiedenen Stellen in Thüringen und/oder Ostpreußen. Das würde jedenfalls viele Ungereimtheiten erklären.
Das Bernsteinzimmer ist das Produkt zweier Kulturen. König Friedrich I. von Preußen hatte es Anfang des 18. Jahrhunderts von dänischen und Danziger Kunsthandwerkern schnitzen und im Berliner Stadtschloss einbauen lassen, in einem Raum, in dem er und ausgewählte Untergebene dem Tabaksgenuss frönten. 1716 verschenkte es König Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter den Großen von Russland, um dessen Gunst für den Krieg gegen die Schweden zu gewinnen.
Die Erben von Zar Peter ließen das Bernsteinzimmer aufs doppelte Format vergrößern und ins Katharinen-Palais in Zarskoje Selo (Zarendorf) bei St. Petersburg einbauen. Es war eine niederschmetternde Pracht: ein zehn mal zehn Meter großes Zimmer, sechs Meter hoch, davon 4,75 Meter mit edlem, goldschimmernden Bernstein getäfelt. Nur Versailles war noch prächtiger.
Nachdem die Deutsche Wehrmacht Zarskoje Selo erobert hatte, wurde das Bernsteinzimmer im Herbst 1941 aus dem Katharinenpalast ausgebaut und nach Königsberg gebracht. Für die Russen war das Kunstraub, für die Deutschen war es "Heimholung".
Seit dem Frühjahr 1945, als die Rote Armee Ostpreußen überrannte, ist das Bernsteinzimmer verschwunden. Georg Stein hatte sich die Lebensaufgabe gestellt, es zu finden und nach Leningrad (heute St. Petersburg) zurückzuschaffen. Wenn er seinem Ziel so nahe war, wie seine Freunde behaupten, und wenn das Geheimnis des Bernsteinzimmers von einer verschworenen Riege alter Kameraden oder deren Erben bewacht wird, dann ist der Verdacht nicht unbegründet, dass er ermordet wurde.
Die Bernsteinzimmer-Forschung ist eine unexakte Wissenschaft mit enorm vielen Unbekannten. Schon wegen der zerrütteten Quellenlage. Die Nazi-Bürokratie, die sonst alles mit großer Pedanterie aufschrieb und sogar über ihre schlimmsten Schandtaten Listen führte, hat zum Bernsteinzimmer nichts von Belang hinterlassen.
Die Konfusion hat auch damit zu tun, dass die Forschung hauptsächlich von Dilettanten und Missionaren betrieben wird.
Sie verteilen sich auf zwei diskursunfähige Lager, die einander mit Hass und Häme bekämpfen. Wobei beide Lager über einen ungefähr gleich großen Anteil von Narren und Nachdenklichen verfügen. Und Georg Stein war ihr Doyen.
In Lager eins hält sich die Überzeugung, dass der Schatz in Ostpreußen geblieben ist. Dafür gibt es anderthalb bis zwei Dutzend gute Gründe, die man ernst nehmen muss. Lager zwei glaubt daran, dass das Bernsteinzimmer kurz vor Kriegsende nach Westen abtransportiert wurde. Wenn das richtig ist, dann stehen die Kisten in irgendeinem ost- oder mitteldeutschen Hohlraum.
Vermutlich in einem Radius von maximal acht Lkw-Stunden (unter Kriegsbedingungen) um die Goethestadt Weimar.
Die Amerikaner zählten nach Kriegsende 1800 Lagerstätten - Schlösser, Höhlen, Minen, Bunker -, in denen die Nazis kurz vor Kriegsende Geld, Kunst, Wertgegenstände und Dokumente versteckt hatten.
Nur eine Minderheit davon wurde untersucht. Die meisten der vielen hundert stillgelegten Schieferbergwerke im Gebiet Saalfeld etwa, die während des Krieges für Rüstungsproduktionen oder als Lager vorgesehen waren, sind bis heute unberührt.
Das Bernsteinzimmer wurde zum letzten Mal im Juni 1944 gesehen. Der ostpreußische Gauleiter Erich Koch hatte die 107 Paneele und 150 Figuren nach einem Feuer im Königsberger Schloss abbauen und verpacken lassen. Dafür gab es Augenzeugen. Die Zeugen, die danach kamen, haben immer nur die Kisten, aber niemals den Inhalt gesehen.
Georg Stein aus Stelle will am 27. Januar 1945 durch Zufall auf Teile des Bernsteinzimmers gestoßen sein. Bei Pojerstieten westlich von Königsberg hätten er und seine Kameraden vom Pionierkorps Herzog drei verlassene Armeelastwagen entdeckt, die mit insgesamt 80 Kisten beladen waren. Sie hätten einige davon geöffnet und darin Munition und geraubte Kunstgegenstände gefunden, darunter auch Paneele aus Zarskoje Selo.
Weil die Straße unter sowjetischem Artilleriefeuer lag, wurden die Kisten nach Steins Aufzeichnungen in einer Gruft unter den Trümmern der Kirche von Heiligenkreutz versteckt. Robert Stein glaubt, dass sein Vater auch die Ordenskirche im Nachbarort Thierenberg gemeint haben könne. Oder die Kirche von Kumenen.
Die Trümmer der drei Kirchen wurden viele Jahre später durchsucht. Ergebnislos. Flüchtlinge aus Heiligenkreutz berichteten auch, dass es unter ihrer Kirche keine Gruft und kein Gewölbe gegeben habe. Grund genug zu der Frage, ob es den ganzen rätselhaften Vorgang überhaupt gegeben oder ob Georg Stein ihn sich nur eingebildet hat.
Stein war ein begnadeter Spürhund. Er hatte 1970 im Ikonenmuseum von Recklinghausen den legendären Schatz des Klosters Petschur (Russland) aufgestöbert: Kisten voll alter Ikonen, goldener Kruzifi- xe und Bischofskronen, alles dick mit Juwelen besetzt, außerdem goldene und silberne Becher und Gefäße, schwere Sakralgewänder, Grabtücher, Reliquien, Ikonen. Sie waren während des Krieges gestohlen worden und nach einer abenteuerlichen Reise durch halb Europa im Ruhrpott gestrandet.
Wegen der besonderen Umstände und weil der Tote eine Person von öffentlichem Interesse war, ermittelte die Staatsanwaltschaft Starnberg nach Steins Tod pflichtgemäß wegen Mordverdachts. Allerdings wohl eher gegen ihre Überzeugung. Schon die spektakuläre Todesart, so hieß es, spreche gegen die Mordtheorie. Welcher Mörder,
Träder halbwegs bei Verstand ist, zieht denn ohne Not die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich, indem er seinem Opfer den Bauch aufschlitzt und dann noch Knoten in die Därme macht? Nur, die kriminalistische Logik kann man natürlich auch umkehren. Harakiri ist eine besonders unangenehme Todesart, der sich kein Suizident, der bei Verstand und der nicht religiös oder patriotisch stigmatisiert ist, freiwillig unterwirft. Also wird er wohl ermordet worden sein. Konnte es denn nicht sein, dass der Mörder die abschreckende Signalwirkung wollte, dass er im Übrigen Stein mit Absicht so
barbarisch zurichtete, um alle Zweifel am Selbstmord auszuschließen? Ausgeschlossen, erklärte die Staatsanwaltschaft Starnberg, Stein habe sich nach einem schamanischen Ritus selbst entleibt, den er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft kennen gelernt habe. So was fände man sonst nicht in Mitteleuropa. Aber so war es nicht. Georg Steins Sohn Robert hat die Vita seines Vaters gründlich ausgeleuchtet und herausgefunden, dass darin kein sowjetisches Gefangenenlager vorkommt. Nach Mitteilung der Meldebehörde von Barsinghausen bei Hannover war er ein paar Monate lang im Lager Hannover- Bemerode interniert, bevor er in die Freiheit entlassen wurde. Also nichts mit schamanischen Riten. Die Frage, ob es Mord oder Selbstmord war, wird auch deshalb unbeantwortet bleiben, weil die Akte Stein nicht mehr aufzu- finden ist. Georg Stein ist einer von mindestens drei Dutzend Menschen, die nach dem Bernsteinzimmer gesucht hatten oder die etwas über seinen Verbleib hätten sagen können und die unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Stein war schon zweimal blutüberströmt aufgefunden und im letzten Moment gerettet worden. Das letzte Mal nur sieben Wochen vor seinem Tod. Als er zu sich kam, sagte er, sie seien wieder hinter ihm her gewesen. Fremde Männer hätten ihn unter Drogen gesetzt, ihn verhört und ihm dann den Bauch aufgeschlitzt. Sie hätten ihn aus dem Wege räumen wollen, weil er kurz davor gewesen sei, das Bernsteinzimmer zu finden. Nur, warum hat er sein Geheimnis denn nicht preisgegeben, wenn er damit rechnen musste, umgebracht zu werden? Im Februar, einen Tag bevor er auf einer Pressekonferenz seine neueste Spur hätte bekannt machen wollen, lag Stein frühmorgens schwer verletzt in seinem Arbeitszimmer und presste schweigend ein Kissen vor eine klaffende Bauchwunde. Alles war voll Blut. In einer geöffneten Schublade lag ein zerknittertes DIN-A4-Blatt mit einem lateinischen Spruch. Der Spruch lautete in der deutschen Übersetzung: Der Schandfleck jenes deiner Diener, sei er weiß, dann soll Christus sein Blut verspritzen. Oder sei er rot, dann soll Christus ihn auslöschen. Oder sei er schwarz, dann soll Christus ihn sterben lassen. Blut verspritzen, auslöschen, sterben lassen. Was hatte das zu bedeuten? War Stein verrückt? Waren die Killer, die ihm ans Fell wollten, verrückt? Ihr wisst ja nicht, wer er ist , hatte Steins Ehefrau Elisabeth ihren Kindern im Sommer 1983 unter Träder Zweimal wurde Stein blutüberströmt aufgefunden. Warum gab er trotzdem sein Geheimnis nicht preis?
nen gesagt. Sie hatten den Eindruck, dass sie kurz davor stand, ihnen das Lebensgeheimnis von Georg Stein zu verraten. Wenige Tage später wurde sie erhängt im Keller ihres Hauses in Stelle gefunden. Bis heute weiß niemand, wer Georg Stein wirklich war. Über 20 Jahre lang hat Georg Stein zäh und hingebungsvoll nach dem Bernsteinzimmer gesucht. Für seine Obsession ging sein ganzes Vermögen drauf und noch ein bisschen mehr. Er war ein enorm fleißiger Rechercheur. Die wütende Besessenheit, mit der Georg Stein gewisse Faktenpanschereien verteidigte, war schuld daran, dass ihn auch seine Freunde nicht mehr so ernst nahmen. Deshalb wurde ausgerechnet seine aussichtsreichste Spur nie so ernsthaft verfolgt, wie sie es verdiente: das alte Kalibergwerk Wittekind bei Volpriehausen nördlich von Göttingen. Volpriehausen im Solling und Pojerstieten im Samland, das passte wie der Sattel zur Kuh. Doch Georg Stein war bekennender Renegat. Er hatte Dutzende von Spuren kaputtrecherchiert und dabei mehrfach das Lager gewechselt. Er hat die These, das Bernsteinzimmer sei in Ostpreußen geblieben, ebenso inbrünstig vertreten wie später die Vermutung, es sei nach Westen ausgelagert worden. Zum Schluss glaubte
er nur noch an Volpriehausen. Schacht Wittekind war während des Krieges Heeresmunitionsanstalt. Auf der ersten Sohle in 540 Meter Tiefe waren 30000 Tonnen Sprengstoff und Munition gelagert. Die zweite, dritte und vierte Sohle mit jeweils 5000 Quadratmeter Fläche waren ungenutzt. Ferner waren da noch 20000 Quadratmeter in der benachbarten Grube Hildasglück, die durch mehrere Stollen mit Wittekind verbunden war. Auf einigen der leeren Flächen hatte die Göttinger Georg-August-Universität ihre Bibliothek gestapelt insgesamt die Ladung von 24 Eisenbahnwaggons. Außerdem war dort das gesamte Preußische Staatsarchiv Königsberg untergebracht und die Bernsteinsammlung der Königsberger Albertus- Universität, die aus rund 100000 Stücken bestand. Stein ermittelte, dass in Volpriehausen in einem Waggon mit der Aufschrift 10 auch zwölf etwa 1,50 Meter lange und 80 Zentimeter hohe große Kisten aus Königsberg eingetroffen waren. War es das Bernsteinzimmer oder ein Teil davon? Oder waren es gar keine Kisten, sondern Koffer? Vielleicht die Koffer aus dem Besitz eines Königsberger Paläontologen namens Andree, die ins Bergwerk gebracht worden waren und die angeblich Gesteinsproben enthielten. Gerhard Utikal, der vormalige Leiter des Einsatzstabes Rosenberg, hat später enthüllt, die Sendung mit dem Bernsteinzimmer sei unter der Tarnbezeichnung Geologische Formationssammlungen in den Westen gelangt. Von
da bis Gesteinsproben ist es morphologisch nur ein Katzensprung. Die Lösung des Rätsels liegt unter ein paar tausend Tonnen Erdreich und Gestein begraben. Am 11. September 1945 übernahm ein Sonderkommando der britischen 76. Depot Control Company die Schachtanlagen Wittekind und Hildasglück. Sie sollten die Stollen erforschen und die noch darin lagernden Sprengmittel bergen. Doch dazu kam es nicht mehr. In der Nacht vom 28. auf den 29. September wurde der Schacht von einer mächtigen Explosion erschüttert. In Volpriehausen bebte minutenlang die Erde, und über dem Schacht stand eine hundert Meter hohe Stichflamme. Es sei klar, dass die Detonation nicht ohne Fremdeinwirkung erfolgt sei, hieß es in dem Untersuchungsbericht der britischen Besatzer. Also Sabotage. 1955 wurde dann der Schacht auch noch mit tausend Kubikmeter Bohrschlamm verfüllt. Als wenn jemand ganz sicher sein wollte, dass er nie wieder geöffnet werden konnte. In der Schachtanlage Wittekind wäre sicher noch viel zu finden. Unter anderem private Vermögenswerte, die da kurz vor Kriegsende eingelagert wurden. Es wird aber wohl keinen Bergungsversuch geben einfach weil es zu teuer ist. Und vielleicht auch, weil es zu gefährlich ist: Ehemalige Zwangsarbeiter haben berichtet, die Zugänge zu einigen Verstecken seien mit Giftgranatenfallen gesichert gewesen. Richtig ist immerhin, dass die Wehrmacht im Schacht Wittekind große Mengen Giftgasprojektile lagerte, von denen freilich nie eines eingesetzt wurde. Wenn Volpriehausen in der DDR gelegen hätte, dann hätte Oberstleutnant Paul Lösung des Rätsels liegt unter paar tausend Tonnen Erdreich und Gestein begraben.
Enke gewiss einen Weg gefunden, der Sache auf den Grund zu gehen. Enke war Chef der Sondereinheit Puschkin, die im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) fast anderthalb Jahrzehnte lang den Arbeiter-und-Bauern-Staat nach dem Bernsteinzimmer absuchte. 15 Jahre harte Recherche. Aber Enke erwirtschaftete ein einziges handfestes Indiz für die Annahme, dass das Bernsteinzimmer in der DDR versteckt war: Er bewies, dass die private Kunstsammlung des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch am 9. Februar 1945 auf Lastwagen im Weimarer Landesmuseum eingetroffen war. Und nach Lage der Dinge durfte man annehmen, dass Koch den Befehl gegeben hatte, das Bernsteinzimmer zusammen mit seinen privaten Kunstschätzen von Königsberg auf die Reise zu schicken. Es ist nur nicht belegt, dass der Befehl auch ausgeführt wurde. Leiter der Operation war ein gewisser Albert Popp, ein hochrangiger nationalsozialistischer Funktionär mit niedriger Parteimitgliedsnummer und Standartenführer im Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK). Er war Neffe und persönlicher Berater des Gauleiters von Sachsen, Martin Mutschmann, und Vetter von Admiral Canaris. Außerdem war er Landesbeauftragter für Kulturgut-Verlagerung und Verwalter von Gauleiter Koch-Königsberg , wie es in einer Notiz über die Zwischenlagerung in Weimar hieß. Er hatte bereits am 18. August auf Kochs Order im Weimarer Finanzministerium vorgesprochen und die Verlagerung von Kulturgütern im Umfange eines Lastzuges angekündigt. Albert Popp war ein Mann für besondere Anlässe. Im März zum Beispiel war er für würdig befunden worden, für Hitlers Halbschwester Angela den Umzug von Sachsen nach Traunstein in Österreich zu organisieren. Sein ständiger Begleiter in diesen Wochen war Gustav Wyst, ein ehemaliger Briefträger aus Königsberg. Wyst und Popp lieferten die Sendung nach Aussage von Museumsdirektor Walter Scheidig am 9. Februar im Weimarer Landesmuseum an und holten sie am 9. und 10. April wieder ab. Danach verliert sich die Spur. Die unabhängige Forschergruppe Kaktus (Kunstraub-Aufklärungs-Komitee- Thüringen-und-Sachsen) hat die Anliefe-
rung der Kochschen Sammlung so ausgelegt, dass das Bernsteinzimmer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Thüringen versteckt sei. Durch die überprüfbare Faktenlage ist diese Bewertung jedoch nicht gedeckt. Koch hatte zwar so etwas wie ein Patronat für das Bernsteinzimmer übernommen. Aber es gab auch noch andere Spitzenbonzen, die ihre Biografie gern mit dem Verdienst geschmückt hätten, ein so gediegenes Kleinod arischer Kultur vor den bolschewistischen Horden gerettet zu haben: Reichsleiter Alfred Rosenberg, Reichsmarschall Hermann Göring, Führer-Stellvertreter Martin Bormann. Am 9. Februar waren die Sarkophage von Reichspräsident Paul von Hindenburg, dem Sieger der Schlacht von Tannenberg, und seiner Frau nach einer Reise über Königsberg, Swinemünde und Potsdam in Bernterode südlich des Harz eingetroffen. Von da nach Weimar waren es anderthalb Autostunden. Es spricht einiges dafür, dass die Särge, die Koch-Sammlung und das Bernsteinzimmer zusammen bis Bernterode reisten und dass dort Popp und Wyst ihre Fracht für Weimar übernahmen. Albert Popp war nervös, als er in Weimar eintraf. Er sagte, er habe keine Zeit für Formalitäten. Deshalb ließ er sich nur ganz pauschal die Abgabe einer Sendung Museumsgut aus Königsberg bescheinigen. Es handelte sich dabei um die Koch-Sammlung, wie sich später herausstellte. Weil sie offenbar nur kurz in Weimar bleiben sollte, brachten Direktor Scheidig und das Hausmeisterehepaar Gitschier die Kisten, Koffer und Truhen in einem Saal gleich unten im Parterre des Museums unter. Wyst und Co. fuhren mit den leeren Lastwagen und einem Möbelwagen, der nicht entladen worden war, weiter nach Schloss Reinhardsbrunn bei Gotha, das dem Herzog Karl-Eduard von Sachsen-Coburg- Gotha gehörte. Dort wurde die Fracht Schlosshotel Reinhardsbrunn: Museumsgut im Lkw
aus dem Möbelwagen ausgeladen und ins Schloss gebracht. In der folgenden Nacht ging ein schweres alliiertes Bombengewitter über Weimar nieder. Goethehaus, und Nationaltheater wurden schwer lädiert. Aber im Landesmuseum flogen nur ein paar Fensterscheiben aus den Rahmen. Die Koch-Sammlung blieb unbeschädigt. Der größere Teil davon wurde am 9. April mit einem Lastwagen aus Weimar abtransportiert, der Schweizer Nummernschilder und eine Schweizer Flagge führte. Es war ein historischer Tag, an dem General Otto Lasch die Festung Königsberg an die Russen übergab, an dem Admiral Wilhelm Canaris, ehedem Chef der Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, als Verräter gehenkt wurde und an dem vermutlich die Amerikaner in der Schweiz die Geheimverhandlungen mit Großdeutschland über einen Separatfrieden im Westen abbrachen. Das zweite Drittel der Sammlung wurde am folgenden Tag abgeholt. Denjenigen Teil der Fracht, der in Schloss Reinhardsbrunn zwischengelagert worden war möglicherweise das Bernsteinzimmer , hatte das Kommando Popp schon am 3. und 4. April dort wieder requiriert. Augenzeugen haben der Stasi später berichtet, einige der über 120 Kisten hätten Bernsteinplatten enthalten. Aus der Tatsache, dass Schlossherr Herzog Karl-Eduard von Sachsen-Coburg- Gotha Präsident des Deutschen Roten Kreuzes war, hat Stasi-Oberst Paul Enke später geschlossen, der Laster sei aus Reinhardsbrunn gekommen. Es ist jedoch mindestens ebenso plausibel, dass er zum Tross des Internationalen Roten Kreuzes aus Genf gehörte, das in Thüringen alliierte Kriegsgefangene mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgte und das sich bereit hielt, das KZ Buchenwald von der SS zu übernehmen. Mag sein, dass Popp den Wagen geklaut hat.
Der Führer hatte zwar ausdrücklich verboten, Rotkreuzautos für nichtkaritative Zwecke zu missbrauchen. Doch die Order wurde weiträumig unterlaufen. Ein rotes Kreuz auf dem Dach bot einen gewissen Schutz vor Tieffliegerangriffen. Und derlei Regelverletzungen spielten in der letzten Kriegsphase keine große Rolle mehr, weil jeder wusste, dass sie in Kürze hinter Verstößen ganz anderen Kalibers zurücktreten würden. Popp und Wyst hatten nicht mehr viele Ziele zur Auswahl, als sie ihre Fracht aus Weimar und Reinhardsbrunn abholten. Nach Süden und Südwesten war der Weg schon dicht. Die Amerikaner stießen von Coburg in Richtung Hof und Plauen vor, so dass es nur noch wenige Tage dauern konnte, bis die Autobahn Berlin Nürnberg und damit die Verbindung nach Bayern unterbrochen sein würde. Die Straßen in Richtung Böhmen wurden von tschechischen Partisanen verunsichert. Deshalb kamen die nahe gelegenen Bergwerke und Stollen in der nördlichen Tschechoslowakei als Verstecke nicht mehr in Frage. Und daher blieb ihnen nur der Raum südlich
der Achse Eisenach Erfurt Weimar Dresden. In diesem Gebiet war der Verkehr durch Flüchtlingstrecks, Wehrmachtsund SS-Einheiten stark behindert. Das hieß maximal Tempo 30. Weil Autos nur nachts halbwegs sicher vor Jagdbombern waren, konnte das Versteck nicht weiter als etwa 150 Kilometer von Weimar entfernt sein. Bis in Popps Heimat, das Gebiet um Elsterberg, Schlema und Crimmitschau, waren es nur gut hundert Kilometer. Am 11. April, also am Tag nach dem Abtransport der zweiten Fuhre aus Weimar, verließ Albert Popp laut Zeugenaussagen mit einer Lkw-Kolonne seinen Heimatort Elsterberg in Richtung Reichenbach im Vogtland. In der folgenden Nacht wurde Popps Familie aus ihrer Wohnung in Elsterberg abgeholt. Von einem Rotkreuz-Lastwagen. Er brachte sie zunächst nach Rodewisch und von dort nach Johanngeorgenstadt, wo Popp sein Stabsquartier hatte. Es fügte sich alles gut zusammen: Im Raum Elsterberg hatte Popp seine Freunde und seine Verwandten. Hier kannte er jeden Steg und viele Verstecke. Es war die einzige Gegend, die er von Weimar aus noch gefahrlos in einer Nacht erreichen konnte und in der er nicht lange nach Verstecken zu suchen brauchte. Und konnte es Zufall sein, dass die Familie seines Kumpels Gustav Wyst im Spätherbst 1944 von Ostpreußen ausgerechnet nach Aue/Schlema und dann weiter ins nahe Crimmitschau umgesiedelt wurde? Und dass sie ein Jahr später von Crimmitschau wieder nach Schlema und bald darauf nach Elsterberg zog? Die Wysts hatten doch vorher keinerlei Beziehungen zu dieser Gegend gehabt. Am 25. April, also zwei Wochen vor der Kapitulation des Deutschen Reiches, setzte Albert Popp einen von vier bewaffneten Kradschützen begleiteten Kurier nach Berlin in Bewegung. Er sollte in der Reichskanzlei einen mehrfach versiegelten Brief von allergrößter Wichtigkeit entweder an Hitler persönlich oder an dessen Stellvertreter Bormann übergeben. Der Brief kam aber nicht an, weil die Sowjets inzwischen die Autobahn Dresden Berlin überschritten hatten. Die Begleiter wurden bei zwei Feuergefechten mit sowjetischen Soldaten getötet. Der Kurier kehrte um nach der Gerüchte
Johanngeorgenstadt und gab den versiegelten Brief an Albert Popp zurück. Was enthielt der Briefumschlag? Eine Beschreibung des Bernsteinzimmer- Verstecks? Nicht weit vom Gebiet Crimmitschau, Aue, Elsterberg, da, wo Gustav Wyst und Albert Popp in den letzten Wochen vor Kriegsende ihre geheime Kommandosache abgewickelt hatten, etablierte sich nach der Kapitulation die Republik Schwarzenberg, der Stefan Heym in seinem gleichnamigen Roman ein Denkmal gesetzt hat. Schwarzenberg war ein gut 1500 Quadratkilometer großes geschichtliches Kuriosum, das aus der zerbrochenen Zeit geboren wurde. Die Amerikaner waren in Aue stehen geblieben, die Russen bei Annaberg auf dem 13. Längengrad. In dem Niemandsland dazwischen rief Paul Korb, ein ehemaliger Arbeiter in der Schwarzenberger Volksbadewannenfabrik, zwei Tage nach der Kapitulation die Republik Schwarzenberg aus. Sie überlebte immerhin sechs Wochen. Die Republik Schwarzenberg hat dem Mustopf der Gerüchte noch einen bunten Klecks hinzugefügt. Die Nazis, so hieß es, hätten hier durch zielstrebige Verwirrung eine besatzungsfreie Exklave geschaffen, um das Bernsteinzimmer gegen Entdeckung zu sichern. Ein flirrender Unsinn. Denn das wäre nicht ohne die aktive Mitarbeit von Paul Korb gegangen. Und Korb war glühender Antifaschist. In polnischer Haft hat Erich Koch gesagt: Findet meine Sammlung, dann habt ihr auch das Bernsteinzimmer. Nur, die Koch-Sammlung war inzwischen in zwei bis drei Partien aufgeteilt worden. Der Rest, den die zwei Spediteure nicht mehr abholen konnten, weil amerikanische Truppen unter General George S. Patton am 12. April in Weimar einmarschierten, blieb in der Städtischen Sparbank in Weimar. Dabei befanden sich etwa 130 teilweise mit Bernstein verzierte Armleuchter, fast genau so viele wie an den Wänden und auf den venezianischen Spiegeln im Bernsteinzimmer. Der Verdacht drängt sich auf, dass Koch die Leuchter aus dem Bernsteinzimmer- Fundus geklaut hatte. Man kann das heute nicht mehr prüfen, weil die Leuchter samt den dazugehörigen Akten 1948 von der sowjetischen Kunstwissenschaftlerin Xenija Agafonowa abgeholt wurden. Sie verschwanden auf dem
Weg von Weimar zum sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. Das Schlosspersonal von Reinhardsbrunn hat später erzählt, beim Abtransport sei eine der eingelagerten Kisten zerbrochen und es seien Bernsteinstücke in die Toreinfahrt gefallen. Schüler hätten sie Ende der vierziger Jahre gefunden und sie auf einem Teich munter übers Wasser titschen lassen. Stasi-Oberst Paul Enke wollte gleich einen Bagger anrücken lassen, um die Bernsteinstückchen zu bergen. Er ließ es aber sein, als er erfuhr, dass der Teich schon mal ausgebaggert und gründlich gereinigt worden war. Paul Enke glaubte fest daran, dass der Schatz im sächsisch-thüringischen Raum versteckt war. Die deutsch-tschechischen Grenzgebirge, vor allem das Erzgebirge, sind durchlöchert von Tausenden von Stollen, die der Erzbergbau in über 500 Jahren darin zurückgelassen hat. Von den meisten gab es keine Risszeichnungen mehr bei den Bergämtern. Hier konnte man alle Schätze der Welt spurlos verschwinden lassen. Außerdem hatten die Nazis in Thüringen von KZ-Sklavenheeren üppige Bunker- und Tunnelsysteme bauen lassen. Der Führer und seine Kamarilla hatten sich nach dem Desaster im Osten in eine Scheinwirklichkeit begeben, in der Erwartung, sie könnten darin den Staatsinfarkt des Dritten Reiches überleben. Sie bildeten sich ein, die Alliierten würden ihnen aus Angst vor der bolschewistischen Weltgefahr gestatten, in ihrem thüringischen Trutz- und Restgau, wie sie ihn nannten, den Grundstein für ein neues Tausendjähriges Wolkenkuckucksreich zu legen. Schon im Herbst 1944 war im Jonastal bei Ohrdruf mit dem Bau eines unterirdischen Hauptquartiers für die Führung des Dritten Reiches begonnen worden. An der
Peripherie von Raum Olga hatte die SS drei Außenlager für das KZ Buchenwald eingerichtet. Krankenhäuser, Sanatorien und Schlösser in der Umgebung waren in Verwaltungsgebäude umfunktioniert worden. Schloss Reinhardsbrunn sollte das neue Führerhauptquartier werden. Deckname: Wolfsturm . Immerhin ist verbürgt, dass die 6. SS-Gebirgsjägereinheit die Eingänge zu dem Tunnelsystem bis Mitte April todesmutig gegen die Panzer von General Pattons 3. Armee verteidigt hatte, dass ferner in den Tagen davor mehrere Detonationen aus den Stollen zu hören gewesen waren. Unter den rund 4000 Tonnen Geröll liegen vermutlich noch die Leichen von mehreren hundert KZ-Häftlingen, die hier umgebracht wurden, weil sie zu viel wussten. Zeugen wollen auch gesehen haben, wie kurz vor der Sprengung Kisten in den Berg getragen wurden. Dass die Nazis das Bernsteinzimmer ausgerechnet an einer so prominenten Stelle versteckt haben könnten, ist eine verwegene Idee. Außerdem hat die Sowjetarmee das Jonastal bis 1990, kurz vor ihrem Rückzug aus Ostdeutschland, als Schießplatz genutzt. Irgend jemand hätte doch mal was Auffälliges finden müssen. Nur, innen im Berg wurde nie gesucht. Raum Olga ist noch immer ein finsterer Ort. Der alte Bahndamm, der vom Bahnhof Crawinkel kommt, verliert sich irgendwo in den Wiesen. Man kann noch die Konturen der riesigen Zisterne erkennen, die die unterirdischen Anlagen mit Wasser versorgen sollte. Seit die Sowjets abgerückt sind, haben sich in den Stollenmündern große Fledermauskolonien breit gemacht, die flat-
Saternd die Sonne verdunkeln, wenn man sie tagsüber aus ihren Quartieren scheucht. An einigen Stellen kann man 50 Meter tief in den Kalksandsteinberg hineinkriechen. Auf einen Bunkereingang haben Spätgeborene ein paar hingesprayte Schwüre hinterlassen: Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht. Thüringen ja, Jonastal nein, sagt Rentner Hans Stadelmann aus Weimar. Das Bernsteinzimmer ist hier in der Stadt, da können Sie von hier aus hinspucken. Er tritt ans Wohnzimmerfenster, an dem gerade der Interregio nach Erfurt vorüberdonnert, und zeigt in Richtung Hauptbahnhof. Da hinten, da ist es. Er ist sicher, dass das Bernsteinzimmer Weimar Anfang April 1945 nicht verlassen hat, dass es in den Kellern des alten Gauforums, ganz in der Nähe des Landesmuseums, versteckt ist. Das Gauforum war konzipiert als ein Kollektiv von knorrigen Kultbauten, mit denen die Nazis der musisch-heiteren
Goethestadt zu nordischem Timbre hatten verhelfen wollen: Haus der Parteigliederungen, Halle der Volksgemeinschaft (mit 15 000 Plätzen), Haus der Arbeitsfront und Gauleitung. Einen Teil der überirdischen Bauten haben die DDR-Kommunisten nach dem Krieg fertiggestellt. Die verschachtelten Keller- und Bunkeranlagen darunter sind größtenteils erhalten. Sie wurden nie gründlich erforscht. Hans Stadelmann ist mit Taschenlampe und Fackeln hundertmal durch seinen Claim gestiegen, und fast jedes Mal, so sagt er, habe er neue Spuren gefunden. Er hat auch festgestellt, dass der Grundriss des Gebäudes an vielen Stellen nicht mit den alten Karten übereinstimmt. Das Haus der Parteigliederungen hat vier Kelleretagen. Aber nur die Räume im ersten Souterraingeschoss sind noch zugänglich. Im zweiten, dritten und vierten Kellergeschoss sind alle Zimmer und Säle zugemauert. Auf den Mauern vor den Räumen stehen rätselhafte Zahlenkolonnen. Hans Stadelmann hat besonders einen Raum mit doppelt starker Betondecke in sechs bis acht Metern Tiefe, der in keiner Zeichnung auftaucht, in Verdacht. Dies sei das einzige Versteck in Weimar, das für eine so wichtige Sache wie das Bernsteinzimmer in Frage gekommen sei. Am 9. und 10. April habe man es nicht mehr wegbringen können, einfach weil die amerikanischen Panzerspitzen zu diesem Zeitpunkt im Süden schon am Magdalaer Berg und im Norden schon in Buttstädt standen. Ja, hinter den Wänden im Keller des Gauforums muss was versteckt sein. Warum sieht denn keiner nach, um Himmels willen? Hans Stadelmann durchlebt seit zehn Jahren unablässig das schlimme Leid des Wissenden, den es in eine Welt voller Ignoranten verschlagen hat. Im März 1992 hat die thüringische Landesregierung der Quengelei des drahtigen Rentners nachgegeben und zwei Tage lang in den Kellern des Gauforums sondieren lassen. Natürlich ohne Ergebnis. Die Saternd
che ist für uns abgeschlossen , sagte Oberbürgermeister Klaus Büttner. Sie haben nichts gefunden, einfach weil sie nichts finden wollten , sagt Stadelmann. Noch eine Verschwörung? Das nicht, aber so lieblos, wie Oberbürgermeister Büttners Suchkolonnen recherchierten, erweckten sie den Eindruck, dass sie die ganze Theorie killen wollten, um sie dann endgültig zu begraben. Die thüringische CDU-Regierung und die Stadtväter von Weimar mussten damit rechnen, dass ihre Prospektoren unter dem alten Adolf- Hitler-Platz auch unerfreuliche Dinge finden würden, die den Fremdenverkehr beschädigen könnten. Die Skelette von KZHäftlingen, die da unten umgebracht worden waren. Oder die immer noch verschwundenen fünf Tonnen Raubgold. Bis heute wissen ja die wenigsten Bildungsreisenden, dass die Goethestadt Weimar eine frenetische NS-Hochburg und dass das Konzentrationslager Buchenwald seine Geschwisterkommune war. Und das soll nach dem Willen der Stadtväter auch so bleiben. Ja doch, die Atmosphäre in der Schattenwelt tief unter der Barock- und Biedermeier- Kulisse beflügelt wirklich aufs heftigste die Phantasie. Aber das Hauptargument von Stadelmanns Kritikern ist auch nicht ohne weiteres zu entkräften: Unter dem Gauforum wäre das Entdeckungsrisiko bedeutend höher gewesen als in irgendeinem beliebigen Weimarer Kartoffelkeller. KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter*: Schattenwelt
Standartenführer Popp war ja kein Dummer. Man durfte ihm zutrauen, dass er sich ein Versteck suchte, das nicht an prominenter Stelle im Jahrbuch des Nationalsozialistischen Architektenbundes registriert war. Nein, nein, es bleibt dabei, die stärksten Indizien sprechen für das Zielgebiet Aue / Crimmitschau/ Elsterberg. Ganz besonders für das Projekt Schwalbe V in Berga. Es liegt mitten im Stammland von Standartenführer Albert Popp, der Gauleiter Erich Kochs private Kunstsammlung nach Weimar brachte. Schwalbe V war die größte unterirdische Baustelle im ganzen Reichsgebiet. Hier bauten bis zu 1800 KZ-Häftlinge aus Buchenwald, 800 Kriegsgefangene und 500 deutsche Bergleute unter der Aufsicht der Organisation Todt an einer riesigen Raffi- nerie, in der Heizöl zu Flugzeugbenzin verarbeitet werden sollte. Anfang April 1945, kurz vor der Fertigstellung, musste die Baustelle vor den anrückenden Amerikanern geschlossen werden. Die SS-Wachmannschaften setzten sich nach Süddeutschland ab, nur die Bauleitung blieb zurück. Am 14. April 1945 wurden auf dem Sportplatz im benachbarten Niederschlema 83 Häftlinge erschossen. Weil sie Mitwisser waren? In den folgenden Tagen wurden die Querstollen in Schwalbe V gesprengt. Und zwar so gekonnt, dass man sie nicht mehr oder nur unter großem Aufwand wieder öffnen könnte, einfach weil immer wieder Abraum von oben nachrutschen Schattenwelt unter der Biedermeier-Kulisse
würde. Kein Zweifel, dass hier etwas versteckt ist. Stollen 11 wurde untersucht, er war aber leer. Stollen 1 ist immer noch verschlossen. Weder die Amerikaner noch die Russen noch die Deutschen haben je versucht, ihn zu öffnen. Paul Enke hat im Osterlammstollen im benachbarten Niederschlema buddeln lassen, um dem Gerücht auf den Grund zu gehen, das Bernsteinzimmer sei dort unter den Leichen von ermordeten Gefangenen vergraben worden. Warum hat er nicht auch in Berga nachgesehen? Das lag doch viel näher. Die Region zwischen Crimmitschau, Aue und Elsterberg ist das Bermudadreieck der Bernsteinzimmer- Forschung. Im April tauchte ein Bündel Frachtbriefe auf, die den Sepkulationen neue schwere Nahrung gaben. Sie belegen, dass am 9. Januar 1945 in Schwalbe V mehrere Waggons eintrafen, die der Reichsarbeitsdienst am 4. Januar in Königsberg auf die Reise geschickt hatte. Das ist mehr als denkwürdig: Ein Güterzug aus der Bernsteinzimmer- Stadt Königsberg fährt im Bomben- und Granatengetümmel quer durchs halbe Reich ausgerechnet nach Schwalbe V , jottwedeh im Thüringer Wald. Angeblich waren Kipploren und kleine Lokomotiven in den Waggons. Können das nicht auch Decknamen für das Bernsteinzimmer gewesen sein? Dagegen stehen allerdings die Aussagen mehrerer Zeugen, die die Kisten noch lange danach auf dem Königsberger Schlosshof gesehen haben wollen. Wohlgemerkt: die Kisten, nicht den Inhalt. Heinz-Peter Haustein, FDP-Bürgermeister von Deutschneudorf in Sachsen, sieht es total anders. Es ist hier bei uns im Fortuna-Stollen mit 99prozentiger Sicherheit. Deutschneudorf ist die frischeste Spur der Bernsteinzimmer-Forschung. Die Sachsen nennen die Gegend Deutsch-Sibirien wegen der eisigen Stürme, die im Winter über die Hochebene fegen. Wenn im Frühjahr in Dresden schon die Osterglocken blühen, sind hier die Seen noch vereist. Deutschneudorf an der Schweinitz liegt außerhalb des Radius, in dem die Experten das Versteck vermuten. Der Laster, mit dem Albert Popp seine Fracht aus Weimar fortbrachte, hätte es nach bisherigen Kalkulationen bis hierher kaum schaffen kön-
nen. Aber Haustein hat natürlich Recht: Es war Chaos. Und Chaos heißt nicht nur, dass alles schief geht, sondern auch, dass Dinge funktionieren, die normalerweise schief gehen. Dies ist die Geschichte, wie alte Leute im Dorf sie ihrem Bürgermeister erzählt haben: Am 9. April 1945 traf ein Militärkonvoi, bestehend aus mehreren Lastwagen und geländegängigen Personenautos, in Deutschneudorf ein. Die Offiziere trugen schwarze Uniformen, die Mannschaften afrikafarbene Monturen, wie es hieß. Die fremden Soldaten sperrten das Gelände ab und luden vor dem Eingang zum Nikolai- Stollen große Kisten ab. Sie brauchten danach zwei Tage, um die Kisten in den Stollen zu bringen. Haustein sagt, in den entscheidenden Tagen hätten sich auch der sächsische Gauleiter Martin Mutschmann und Abwehrchef Erwin Lahousen in Deutschneudorf aufgehalten. Die wären nicht hier gewesen, wenn hier nicht eine ganz besondere Nummer gespielt worden wäre. Haustein und sein kleines Team sind nicht die Ersten, die an der Schweinitz nach dem Bernsteinzimmer suchen. Der deutschamerikanische Schatzjäger Helmut Gaensel hat hier schon ein Vermögen in die Suche investiert. Nur, er suchte im Nikolai- Stollen, der unter der Grenze hindurch ins tschechische Nachbardorf Hora Svarte Kateriny (Katharinaberg) führt. Der Nikolai-Stollen war jahrzehntelang eine Art Höhlenmuseum. Jeder konnte ihn besichtigen. Der Fortuna-Stollen, mit dem er sich irgendwo da unten trifft, war dagegen ganz in Vergessenheit geraten. Haustein hat ihn vor anderthalb Jahren erst wieder entdeckt. Er glaubt, dass die Soldaten damals den Eindruck erwecken wollten, sie arbeiteten im Nikolai-Stollen, dass
sie aber tatsächlich nebenan im Fortuna- Stollen buddelten. Und die Beweise? Haustein greift in seine Schreibtischschublade und knallt triumphierend ein Foto auf den Tisch. Bitte sehr. Das Bild, das so aussieht, als sei es heimlich aufgenommen worden, ist wirklich eindrucksvoll. Es zeigt eine Gruppe von Militärautos mit ein paar Soldaten dazwischen. Die Beschreibung der Uniformen passt. Wenn Sie s nicht glauben, fahren wir doch mal rüber , sagt Haustein. Es stimmt, das Foto ist unmittelbar neben dem Zechengebäude aufgenommen, in dem bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts Kupfer gefördert wurde. Es ist fast alles noch so wie damals. Nur die Bäume sind natürlich viel größer. Allerdings: Die Klein-Lkw sind in keinem Wehr-
machtshandbuch zu finden. Sie sehen irgendwie amerikanisch aus. Und wie kommen die Laster zu Weißwandreifen? Von keiner der Krieg führenden Parteien des Zweiten Weltkriegs ist bekannt, dass sie im Feld Automobile mit Weißwandreifen eingesetzt hätte. Der Abstieg in die Schachtanlage führt durch eine ergraute ehemalige Lampenfabrik, die auch auf dem historischen Foto zu erkennen ist. Von dort kann man auf Leitern zu den Stollen hinabklettern, der sich bis tief in den Berg hinein verästelt. Von den Wänden sickert eiskaltes Wasser. Unter den Füßen schmatzt Schlamm. Vornean ist die Höhle noch sehr geräumig. Das Bergamt hat die Eingangskaverne professionell und kostenlos abgestützt. Einer der Stollen, die von hier abgehen, ist zugemauert. Da geht s nach Tschechien , sagt Haustein. Der Stollen gegenüber verengt sich von zwei Meter langsam auf Schulterbreite. Die Kisten könnten hier gerade eben durchgepasst haben. Sie hatten schon fast tausend Kubikmeter Gestein weggeschafft, das durch eine Sprengung herabgefallen war. Dann brach beim Graben im Stollen ein Teil der Decke ein. Heinz-Peter Haustein verliert aber den Mut nicht. Er hat am Ortseingang ein Schild aufstellen lassen: Bernsteinzimmer 150 Meter .
Im nächsten Heft: Das Geheimnis im Kohlenkeller Was trieb Katharina die Große im Bernsteinzimmer? Muckefuck auf Renaissance- Kommoden Alles hin, alles hin
* Mit einem Mönch vor dem Kloster Petschur. * Die Generäle Omar N. Bradley, George S. Patton und Dwight D. Eisenhower bei der Inspektion von Gemälden aus Berliner Museen, am 12. April 1945. * Mit Gauleiter Fritz Sauckel und Reichspressekammer- Präsident Max Amann in Weimar vor einem Modell für die Umgestaltung des Museumsplatzes, im März 1936. * Bei der Fertigung von V-2-Raketenteilen in einem Stollen im KZ Mittelbau-Dora (Thüringen).
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 48/2000
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