30.05.1966

Tran und Tränen

Erst waren die Deutschen für die Jäger, dann für den Gejagten. Erst bliesen sie zur Hatz mit der Harpune, dann spendierten sie dem noch einmal Davongekommenen Applaus vom Ufer und frische Brötchen vom Luftschiff.
Fünf Tage lang versetzte der weiße Wal, der sich aus arktischem Klarwasser in die trübe Brühe des deutschen Schicksalsstromes verirrt hatte, das Volk am Rhein in einen Widerstreit der Gefühle. Die Liebe zum Trantier siegte. Und zuletzt schien das Volk sogar bereit, dem weißen Wal zuzubilligen, was es dem roten Nachbarn nicht gern gewähren möchte: freies Geleit.
Was sich erst als "Ungeheuer" (so Rheinschiffer) und dann nur mehr als "gequältes Tier" (so "Bild"-Leser) erwies, war ein Beluga-Wal (siehe Kasten Seite 59), der in der Frühe des 18. Mai beim Stromkilometer 778,5 in Höhe von Duisburg-Neuenkamp auftauchte. Die Rheinschiffer Bernd Albrecht und Willi Dethlevs entdeckten ihn. Doch ihre Meldung bei der Wasserschutzpolizei brachte sie zunächst in Verdacht. Ein Beamter: "Hauchen Sie mal."
Erst nachdem die Polizei vergeblich nach Alkohol geschnuppert hatte, holte sie Duisburgs Zoodirektor Dr. Wolfgang Gewalt, 38, herbei. Dessen Zweifel schwanden, als er des vier Meter langen und schätzungsweise 35 Zentner schweren Meeressäugetieres ansichtig wurde. Der gebürtige Berliner: "Mann, is det een Wurm."
Das Wal-Fieber brach aus. An Bord des Polizeibootes "Wiking 10" nahm Gewalt die Verfolgung auf. Moby Dick, wie der Riesen-Säuger nach dem Titel-Tier aus Herman Melvilles Roman genannt wurde, lieferte Grund für einen außer-saisonalen "Karnewal am Rhein" ("Westdeutsche Allgemeine"). Reporter enterten Hubschrauber und Luftschiffe, um den Fluß zwischen Duisburg und Emmerich zu beobachten. Vom Ufer aus spähten Walfänger zu Tausenden durchs Fernglas. Amateurknipser stiegen schußbereit bis an den Bauch in die Phenol-Brühe des Rheins.
Mitunter schien die Jagd erfolgreich. Zoologe Gewalt, der anfangs mit geborgten Tennisnetzen des Duisburger Clubs Raffelberg hatte Walfang treiben wollen, rückte dem Wurm nun mit einer langläufigen "James - Bond - Pistole" ("Neue Rhein-Zeitung") zu Leibe, um das Betäubungsmittel Combilen unter den Speck zu injizieren. Er traf zweimal, doch trotz 14 Kubikzentimetern Combilen wurde der weiße Wal immer munterer.
Derweilen hockte Gewalts Affenwärter Franz Schramke mit Pfeil und Bogen schußbereit, um Moby Dick mit einer Boje zu kennzeichnen. Und der aus der Schweiz zu Hilfe geholte Delphin-Spezialist James Tiebor versuchte es nach "indianischer" Fangmethode mit Strikken und Zaunpfählen.
An rheinischen Stammtischen wurden Wetten über den Ausgang der Jagd abgeschlossen. Die Lokalblätter kolportierten erste "Wal-Witze" - etwa "Neue niederrheinische Bauernregel: 'Ist der Wal im Rhein, ist das Wetter fein.'" Der Tran löste Tränen: Als sich der Feinmechaniker Hermann Lenders aus dem Niederrhein-Städtchen Büderich mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Renate, geborene Beske, samt Hochzeitsgesellschaft im Ausflugslokal "Wacht am Rhein" zum Schmaus setzte, machte der Wal im Rhein gerade Kapriolen. Da winkte - so berichtet die "Neue Rhein-Zeitung" - das Mädchen "mit Tränen in den Augen im weißen Brautkleid dem weißen Wal zu. Die Menge klatschte Beifall".
So wuchs Moby Dick dem Volk ans Herz, zumal die Walfänger übermächtig zu werden schienen. Zoochef Gewalt verdichtete die Treiberkette. Außer Bundeswehr-Flußpionieren mit drei Landungs- und zwei Schnellbooten, tuckerten Wasserschutzpolizeiboote und sogar die Rheinfeuerwehr hinter dem listenreichen Koloß drein.
Vergebens: Mal tauchte der Wal unauffindbar in ein Baggerloch, mal entwischte er mit voller Kraft voraus. Wie sein Roman-Vorbild dem Kapitän Ahab, so entkam der weiße Beluga immer wieder seinen Verfolgern, während ein Gastwirt in Götterswickerhamm verhieß: "Bei gelungenem Fang - Weißwalkotelett."
Am vorletzten Sonntag legte Zoodirektor Gewalt eine Jagd-Pause ein, damit der Wal "den Glauben an die Menschheit" wiedergewinne. Moby nutzte die Chance - und verschwand. Wahrscheinlich setzte er sich - wie der letzte deutsche Kaiser - in Richtung Holland ab, wo ihm Exil angeboten wurde: Die Behörden verboten die Waljagd in holländischen Gewässern. Und der Direktor der Delphin-Station in Harderwijk, E. F. den Helder, entrüstete sich: "Die Jagdmethoden in Deutschland sind barbarisch."
Für die "Barbaren" blieb nur das Rätsel, weshalb das Riesentier den Ausflug ins schmutzige Süßwasser überhaupt unternommen hatte. Zoologe Gewalt konnte es sich nur damit erklären, daß Moby einen "Knacks" erlitten habe: "Es ist ja nicht normal, daß ein Wal ins Binnenland schwimmt."
So galt schließlich dieser Moby Dick nur als ein armer Irrer. Sein "Knacks": Einmal am Rhein.

DER SPIEGEL 23/1966
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