12.09.1966

Isar 12 im All

Millionen Kilometer von der Erde entfernt, durchrast Raumkreuzer "Orion" mit Lichtgeschwindigkeit die Milchstraße. Commander Cliff McLane funkt eine terrestrische Außenbasis an. Die Basis antwortet nicht. McLane läßt zwei seiner Männer in ein Beiboot steigen: "Fertigmachen zur Landung."
Die Späher machen eine schreckliche Entdeckung. Die Besatzung der Basis ist ausgelöscht. Und Commander McLane macht auf der Astroscheibe in seinem Kommandostand eine noch aufregendere Entdeckung: Fremde Wesen - der Erde droht ein Angriff aus dem All.
Was McLane auf seiner Astroscheibe sieht, werden am Sonnabend dieser Woche Millionen Bundesbürger auf ihren häuslichen Mattscheiben erblicken: die Invasion der Frösche.
Mit dieser Schock-Vision eines gespenstischen Angriffs aus dem All beginnt im Ersten Programm die Serie "Raumpatrouille", die mit Folgen wie "Planet außer Kurs", "Kampf um die Sonne" und "Die Raumfalle" das westdeutsche Fernsehvolk an jedem zweiten Wochenende der Herbst- und Vorweihnachtszeit fesseln und erschrecken soll.
Der Start des Raumschiffs "Orion" in die Fernen der Galaxis bedeutet für das Deutsche Fernsehen den Aufbruch in eine neue, noch unerforschte Welt - die Welt der "science fiction".
Die Produktionskosten dieser bislang aufwendigsten deutschen TV-Serie - sieben einstündige Folgen zu einem Gesamtpreis von 3,4 Millionen Mark teilen sich die ARD-Stationen in Köln, Stuttgart, Hamburg und Baden-Baden mit dem französischen Fernsehen. Mit den "phantastischen Abenteuern des Raumschiffes Orion" (so der Untertitel der Serie) suchen sie Anschluß an die anglo-amerikanischen TV-Fabrikanten. die ihre Heimkinos schon seit Jahren mit zukunfts-fiktiven Schockern füttern.
Auch der West-Berliner Schriftsteller Rolf Honold, 47, der 1955 durch sein Flieger-Drama "Geschwader Fledermaus" bekannt wurde, gedachte schon zu Beginn der sechziger Jahre, die deutschen Fernseher ins All zu entführen doch sein Skript gelangte nur bis in die Schubladen der Dramaturgen.
Erst sein zweiter Startversuch-diesmal mit "Orion" - verlief erfolgreich: Die Bavaria riskierte das Abenteuer. Zeit der Handlung ist das Jahr 3000, Ort des Geschehens die Milchstraße. Die Steinzeit der Raumfahrt- in der beispielsweise die US-Astronauten Conrad und Gordon mit einem Flug in 1390 Kilometer Höhe Weltraumrekorde aufzustellen suchten - ist vergessen.
Die TV-Raumfahrer sausen - mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde - in einem Riesenpfannkuchen von 150 Meter Durchmesser und 32 Meter Höhe durch das All. Sie benötigen weder Schutzanzüge noch komplizierte Helme - Sauerstoffpatronen und Magneten schaffen ihnen überall irdische Bedingungen.
Freilich lauern auch auf die Milchstraßenmänner im Jahre 3000 Gefahren - etwa durch Lichtstürme, Kraftfelder oder meuternde Roboter. Doch die größte Gefahr droht von "AC-1000" im Sternbild des Widder, 130 Lichtjahre von der Erde entfernt.
Dort hocken die Frösche - hochqualifizierte Wesen, die es verstehen, eine Supernova auf eine Kollisionsbahn mit der Erde zu lenken oder gar die Gehirne oberster Beamten der terrestrischen Raumbehörde mittels "Telenose -Strahlen" umzuprogrammieren. In der siebenten und letzten Folge, am Vorabend des dritten Advent, droht der Erde die Invasion der Frösche - der universale Krieg scheint unabwendbar.
Mindestens zwanzig Prozent dieser TV-Produktion entstanden in Trickateliers. In die Spielleitung teilten sich zwei durch mäßig erregende terrestrische Abenteuer-Serien vorbelastete Regisseure: Michael Braun ("Funkstreife Isar 12") und Theo Mezger ("Flug in Gefahr").
Der Filmkomponist Peter Thomas schrieb ihnen dazu 18 Piecen in einem neu ersonnenen "Astronautik-Sound", der bereits auf einer Philips-Langspielplatte zu haben ist, mit Titeln wie "Space patrol", "Landing on the moon" - und "Love in space".
Der Song-Titel verrät: Auf eine traditionelle Zutat erdgebundenen Kintopps, das Happy-End, mochte die Bavaria auch nicht bei einem Drama verzichten, das sich zwischen fernen Sternen vollzieht. Schlußbild der Mammut-Show: Raumschiff-Commander McLane (Dietmar Schönherr) und Blondie-Leutnant Tamara (Eva Pflug) kriegen sich endlich - in der siebenten Folge im "siebenten Himmel".

DER SPIEGEL 38/1966
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