13.12.2004

PARTEIENYoungster in der Politik

Viele Landesverbände wählen Jungpolitiker zu ihrem Generalsekretär - in der Hoffnung auf Wählerstimmen. Parteienforscher sind da eher skeptisch.
Von ihren Freunden werden die drei "Kretschi", "Parolep" und "Bambi" genannt. Sie treten ähnlich schnieke auf, mit adretten, kurzen Haaren, in gutgeschnittenen Anzügen mit dezentem Beiwerk.
Wort-Ungetüme wie "7. Europäisches Forschungsrahmenprogramm" oder "Subsidiaritätsprinzip" gehen den Jungpolitikern locker über die Lippen. Die Diskussion um Studiengebühren kennen sie aus dem eigenen Uni-Alltag, Probleme des Öffentlichen Nahverkehrs untersuchen sie als Disco-Gänger, die dann auf die Piste wollen, wenn die letzte Bahn nach Hause fährt.
Die drei jungen Männer zwischen 25 und 29 Jahren haben noch etwas gemein: Sie wurden Ende November zum Generalsekretär ihrer Partei in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern gekürt. Auf dem Posten sollen Christian Lindner (NRW-FDP), Raoul Michael Koether (Bayern-FDP) und Michael Kretschmer (Sachsen-CDU) vor allem ihre Partei für junge Wähler attraktiver machen.
Der Jüngste von ihnen ist Christian Lindner, 25, gewählt am Samstag vor zwei Wochen auf dem Landesparteitag der FDP in Krefeld. Den Spitznamen "Bambi" hatte ihm einst Jürgen Möllemann verpasst, als der Student der Politik, Philosophie und Rechtswissenschaft im Jahr 2000 in den Landtag gewählt worden war - damals als jüngster Abgeordneter.
Einen jüngeren Generalsekretär als ihn hat es noch nicht gegeben, und von Wirtschaft versteht er zudem einiges - allerdings vor allem von Pleiten: Was Parteichef Andreas Pinkwart als "Achterbahnfahrt
der New Economy" beschrieb, ist für Lindner peinlich. Seine Internet-Firma Moomax GmbH ging nach 17 Monaten mit dem Neuen Markt unter. Dabei verflüchtigten sich weit über eine Million Euro öffentlicher Fördergelder. Andere Lindner-Firmen, wie die Unternehmensberatung "die Königsmacher GmbH", kamen erst gar nicht gut genug in Gang, um so viel Geld verbrennen zu können.
Dass "Bambi" trotzdem bei der FDP in die Führungsspitze gewählt wurde, hat viel mit den Schwächen des derzeitigen Spitzenkandidaten Ingo Wolf, 49, zu tun. Selbst Parteifreunde spotten über die fehlende Ausstrahlung des drögen Ex-Oberkreisdirektors. Aufgefallen ist er bisher durch sein hohes Einkommen aus diversen öffentlichen Posten und Pöstchen. Mit monatlich rund 19 000 Euro sind seine Bezüge in etwa so hoch wie die des Bundeskanzlers.
Weil die Partei noch einen Schuldenberg von 1,6 Millionen Euro aus Möllemann-Zeiten abtragen muss, macht Lindner seinen Job ehrenamtlich, bekommt nur Fahrt- und Telefonkosten erstattet. Zu denselben Konditionen muss auch "Parolep" ran, Lindners Münchner Parteifreund Raoul Michael Koether, 29, der seinen Spitznamen Parteifreunden verdankt.
Dessen Form der Wirtschaftskompetenz könnte zwar bei deutschen Arbeitnehmern Ressentiments wecken, erklärt der Schiffsbauingenieur doch im Auftrag einer großen deutschen Bank polnischen Werften, wie sie möglichst viele EU-Fördergelder kassieren können. Die bayerische FDP-Chefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 53, setzt trotzdem auf den Jung-General, weil er "das Bild und das Image meiner Partei positiv verändern kann". Die ehemalige Bundesjustizministerin: "So was bricht Verkrustungen in den Parteien auf."
Nahezu zeitgleich hob die Sachsen-CDU Michael Kretschmer, 29, genannt "Kretschi", auf den Schild. Der Vorstand wählte den Informationselektroniker aus Görlitz zum Generalsekretär. Regierungschef Georg Milbradt will den jungen Wilden, der ihn mehrfach offen kritisiert hat, einbinden und damit ruhig stellen.
Kretschmer versteht seine Wahl als "Signal an die Jugend". Mit 15, als Gleichaltrige Mädchen und Discos entdeckten und die CDU für einen uncoolen Rentnerverein hielten, ging er in die Junge Union. Mit 18 wurde er Mitglied im Landesvorstand, mit 27 in den Deutschen Bundestag gewählt. "Wir wollen und müssen jungen Leuten eine Chance geben", sagt sein Vorgänger Hermann Winkler, inzwischen Chef der sächsischen Staatskanzlei.
Darauf setzen immer mehr Landesverbände, vor allem der Union und der Liberalen. In Thüringen wurde im Sommer der 32-jährige Mike Mohring Generalsekretär der CDU. Im Saarland half Christoph Hartmann, 32, die FDP nach zehn Jahren Abstinenz wieder in den Landtag zurückzubringen.
Philipp Rösler, 31, ist Fraktionschef der FDP in Niedersachsen, dort führt der 33jährige David McAllister die CDU-Fraktion; zuvor waren beide Generalsekretär. Parteifreunde geben dem schottischstämmigen Whisky-Fan McAllister gar Chancen auf das Amt des Ministerpräsidenten, sollte Christian Wulff, 45, zu Höherem in Berlin berufen werden.
Dass sich mit den Polit-Youngstern wirklich die Wahlchancen verbessern lassen, bezweifeln Parteienforscher wie der Göttinger Politologe Peter Lösche und Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen allerdings. Bernhard Vogel habe als 66-Jähriger bei seiner letzten Wahl in Thüringen an die 50 Prozent bei den alten wie bei den ganz jungen Wählern erzielt, so Jung.
Und Lösche spottet: "Wenn es nach der Jugend ginge, müsste die FDP mit ihrem jungen Vorsitzenden Guido Westerwelle längst Volkspartei sein."
MICHAEL FRÖHLINGSDORF, BARBARA SCHMID, STEFFEN WINTER
* Bei seiner Wahl am 27. November in Krefeld, hinter ihm: FDP-Landeschef Andreas Pinkwart, Spitzenkandidat Ingo Wolf und der Bundesvorsitzende Guido Westerwelle.
Von Fröhlingsdorf, Michael, Schmid, Barbara, Winter, Steffen

DER SPIEGEL 51/2004
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