13.12.2004

RENTNER

Mit der Kraft der zwei Herzen

Von Neubacher, Alexander

Zwei streitlustige Seniorenverbände wollen zur machtvollen Lobby verschmelzen. Und Horst Seehofer liebäugelt mit einer Karriere bei der Opa-Apo.

Walter Hirrlinger, 78, weiß ganz genau, wie sein Nachfolger sein müsste: wie er selbst. "Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands" heißt die Organisation, der Hirrlinger seit 15 Jahren vorsteht. Und in dieser Zeit hat der Mann mit dem Krückstock ("mein Markenzeichen") den VdK zum mächtigsten Sozialverband der Republik gemacht - und zu einer der einflussreichsten Lobbygruppen im Land.

Mit straffer Hand gebietet er über ein schwungvoll expandierendes Imperium von verbandseigenen Rentnerberatungsstellen, Kurhotels und Schonkostrestaurants. Doch kantige Typen wie er seien heutzutage leider rar gesät.

Wo er auch hinschaut: aalglatte Weichlinge, Karrieristen, Ahnungslose. So jedenfalls grantelte Hirrlinger, wann immer ihn die Seinen in den vergangenen Jahren bedrängten, doch endlich seine Nachfolge zu regeln. Nur ein Mann sei geeignet, in seine Fußstapfen zu treten, entfuhr es ihm vor Monaten in kleinem Kreis: CSU-Mann Horst Seehofer.

Das trifft sich gut, denn der Wunschkandidat hat neuerdings Zeit. Viel Zeit. Kaum hatte Seehofer vor drei Wochen seinen Rückzug aus der Unions-Fraktionsspitze im Bundestag erklärt, ließ Hirrlinger diskret vorfühlen, wie der sich seine Zukunft vorstelle.

Seither denkt Seehofer - bei den Parteichefs Angela Merkel und Edmund Stoiber nachhaltig in Ungnade gefallen - über eine zweite Karriere als Rentnerlobbyist nach. Zwar lehnt er derzeit noch jeden öffentlichen Kommentar zu dem Thema ab. Auch Hirrlinger beteuert, es sei zu früh, über Personalfragen zu spekulieren. Intern aber bereiten sich beide bereits auf die Amtsübergabe vor.

Schon im nächsten Jahr, so der in aller Stille ausgeheckte Plan, könnte Seehofer die Spitze des bayerischen VdK-Landesverbands übernehmen. Nach der Bundestagswahl 2006 stünde er für den Posten des Bundesvorsitzenden zur Verfügung.

Bei der Union dachten sie schon, sie seien ihn los - und nun taucht Seehofer wieder auf. Wenn er tatsächlich den Posten übernehmen würde, wäre er sogar mächtiger als je zuvor.

"Reizvoll" findet der Kandidat das angetragene Amt auch deshalb, weil der greise Hirrlinger vor seinem Abschied einen letzten Coup plant. Um den Regierenden künftig noch wuchtiger in den Weg treten zu können, will er seinen VdK (1,4 Millionen Mitglieder, Durchschnittsalter 61 Jahre) mit dem bislang konkurrierenden Sozialverband SoVD (500 000 Mitglieder, Durchschnittsalter 63 Jahre), dem einstigen Reichsbund, verschmelzen.

Mit der Kraft der zwei Herzen würde sich eine Altenorganisation bilden, die mehr Mitglieder hätte als alle im Bundestag vertretenen Parteien zusammen.

Wozu die geballte Seniorenmacht imstande ist, weiß die Bundesregierung spätestens seit vergangenem Frühjahr. Am Münchner Odeonsplatz versammelten sich Ende März fast 30 000 angegraute VdK-Mitglieder, um gegen "Sozialabbau und Rentenklau" zu Felde zu ziehen. Adolf Bauer, 64, Chef des Sozialverbands SoVD, brachte wenig später trotz diverser Gebrechen in den Reihen seiner Opa-Apo etwa 20 000 Demonstranten vor das Brandenburger Tor in Berlin.

Beide Organisationen expandieren derzeit in einem Tempo, von dem Kirchen, Gewerkschaften und Industrieverbände nur träumen können. Allein die Mitgliederkartei des VdK Bayern schwillt jeden Monat um etwa 4000 Neuzugänge an. Unterm Strich ergab sich für VdK und SoVD zuletzt ein jährliches Mitgliederplus von etwa sieben Prozent, trotz der - biologisch bedingten - hohen Zahl von Abgängen.

Kein Wunder, dass der geplante Zusammenschluss die Regierenden in Berlin mit Sorge erfüllt. Bundessozialministerin Ulla Schmidt (SPD), entnervt von dem Umstand, dass die beiden Rentnerorganisationen gegen fast jedes ihrer Gesetze bei Rente, Pflege und Gesundheit Musterklagen führen lassen, schrieb bereits einen flehentlichen Brief an die beiden grauen Stars mit der Bitte um Vorschläge, wie man es denn besser machen könne.

Auf eine versöhnliche Antwort wartet die Ministerin bis heute. Bauer und Hirrlinger ("20 Millionen Rentner sind 20 Millionen Wähler") ließen lediglich ausrichten, dass sie die sozialpolitischen Pläne der Merkel-CDU für "noch schlimmer" hielten als die der derzeitigen Regierung.

Für CSU-Mann Seehofer hingegen haben Hirrlinger und Bauer nur Lob parat. Der habe "die notwendige Erfahrung, den Hintergrund, das Format", findet Bauer, kurzum: "ein glänzender Kandidat". Hirrlinger ließ recherchieren, dass ihn und Seehofer schon seit langem eine Bundesbruderschaft verbindet. Seine Überprüfung der bayerischen VdK-Vereinskartei ergab: Seehofer ist bereits Mitglied - seit genau 25 Jahren. ALEXANDER NEUBACHER


DER SPIEGEL 51/2004
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