Von Kronsbein, Joachim
Der Mensch ist schlecht, das wissen inzwischen sogar Waldorfschüler. Aber ist er auch so abgefeimt, dass er für eine vermeintlich gute Sache mordet?
Der amerikanische Bestsellerautor Michael Crichton, 62, ist fest davon überzeugt. In seinem neuen Thriller, "State of Fear", der am vergangenen Dienstag in den USA erschienen ist, malt er ein grässliches Szenario aus*. Der National Environmental Resource Fund (NERF), eine Umweltschutzorganisation, die sich mit viel Brimborium um den Erhalt des Planeten kümmert, leidet unter dem nachlassenden Interesse der Öffentlichkeit.
Irgendwie haben sich Medien und Menschen an die pessimistischen Prognosen über die düstere Zukunft des Blauen Planeten gewöhnt. Der NERF und sein Chef Nicholas Drake, die 60 Prozent ihres Budgets für die Anwerbung von Sponsoren
und Spendern aufbringen müssen, sehen ihre Bedeutung schwinden.
Da passt es ihnen gut, dass der Milliardär und Menschenfreund George Morton mal
eben zehn Millionen Dollar lockermacht. Mit dem Geld soll ein Prozess des NERF gegen die amerikanische Umweltbehörde geführt werden - im Namen des winzigen pazifischen Inselstaats Vanutu, der befürchtet, auf Grund der globalen Erderwärmung demnächst nicht mehr zu existieren. Denn das arktische Eis, so eine gängige Theorie bei Klimaforschern, schmelze infolge der terrestrischen Erwärmung und lasse so den Meeresspiegel steigen.
Für das Eiland Vanutu, das nur knapp über Meereshöhe liegt und somit von jeder größeren Welle hinweggefegt werden kann, wäre, stimmte die Theorie, das Ende unausweichlich. Mit mächtigem Aufwand trägt der NERF unermüdlich Fakten zusammen, die sein Szenario bestätigen sollen. Leider, so sieht es aus, belegen die Daten partout nicht, dass für Vanutu das Totenglöcklein schon vernehmlich bimmelt.
Da muss man halt ein wenig nachhelfen, denken sich die Umweltschützer und beginnen, spektakuläre Aktionen auf der ganzen Welt zu planen. In der Antarktis wollen sie mit Reihensprengungen einen Gletscher zum Kalben bringen. Der abgesprengte Teil wäre der größte marodierende Eisklumpen aller Zeiten.
In einigen Nationalparks der USA sollen zeitgleich riesige Unwetter provoziert werden, und - Krönung der Perfidie - im Pazifik wollen die NERF-Strategen mit ausgeklügelter Technik eine unterirdische Erdverschiebung auslösen, die eine gewaltige, auf die USA zurollende Flutwelle entstehen lässt. Todesopfer sind bei allen Aktionen unvermeidlich, sogar erwünscht.
Und das Beste: Der NERF veranstaltet zeitgleich eine internationale Umweltkonferenz. Schöner könnte, so die Kalkulation der diabolischen Umweltengel, den angereisten Journalisten die Gefährdung der Erde nicht vor Augen geführt werden als durch diese Kaskade von Katastrophen.
Der Roman "State of Fear", der im Januar im Münchner Karl Blessing Verlag
unter dem Titel "Welt in Angst" auf Deutsch erscheint, will ein Thriller sein und ist doch über weite Strecken bloß ein Pamphlet. Crichton hat ein dringendes Anliegen, und das ist für einen Unterhaltungsschriftsteller immer eine gefährliche Geschäftsgrundlage. Er will beweisen, dass Umweltschützer in erster Linie Ideologen sind und die Fakten nicht akkurat auswerten.
Der deutsche Filmregisseur Roland Emmerich ging bei diesem Thema unbekümmerter zu Werke. In seinem Kinohit "The Day after Tomorrow" schilderte er Anfang des Jahres die Auswirkungen der Erderwärmung, am Ende eine regelrechte Klimakatastrophe, in krass reißerischer Manier: New York, vom Blitzeis kalt erwischt, versinkt beinahe über Nacht in Eis und Schnee, weil der Golfstrom versiegt ist und die nördliche Halbkugel der Erde eine neue Eiszeit erlebt.
Diese Vision wirkte sogar auf Pessimisten wie dumpf-dröhnende Zukunftsmusik. Fürs Kinopublikum war''s immerhin schaurig-schön.
Crichton, dem mit "Jurassic Park" 1990 ein ebenso spannender wie in jeder Hinsicht phantastischer Wissenschaftsthriller gelungen ist, sieht die Sache nun durchaus ernster. Wie er im Nachwort von "State of Fear" schreibt, hat er sich drei Jahre lang mit nichts anderem als mit Umweltschutz beschäftigt, und einen Teil seiner Lesefrüchte breitet er vor seinen Lesern unerbittlich aus: Schautafeln, zusammengefasste Studien, Theorien - die Gipfel eines unüberschaubaren Faktengebirges, mit Fußnoten und Anmerkungen fein säuberlich dokumentiert.
Nach Crichtons ausgewähltem Material ist die These von der bedrohlichen Erderwärmung reine Theorie und der von vielen Wissenschaftlern angenommene Zusammenhang mit der gewaltigen Produktion von Kohlendioxid ebenfalls ein Ammenmärchen.
Crichton, ein ausgebildeter Arzt und Fachmann für naturwissenschaftliche Stoffe, ist von seiner Botschaft derart besessen, dass er darüber seine Thriller-Konstruktion schmählich vernachlässigt.
Er hat keinen rechten Helden, sondern eine gemischte Gutmenschen-Kampftruppe: den Anwalt des spendablen Milliardärs George Morton, dessen Assistentin und zwei Herren von der Regierung, die sich der Gegenseite andienen, um das Schlimmste zu verhindern. Die Humanistengruppe stolpert in immer neue Abenteuer und rettet erstens sich selbst und zweitens die Menschheit. Je mehr Klimafakten Chrichton auftürmt, desto abstruser werden die Gefahren, in die er seine Helden hetzt - vom Absturz in die Gletscherspalte über künstlich erzeugte Mega-Blitze bis zu aggressiven Menschenfressern.
Es scheint so, als verspreche der Autor seinen Lesern ein jeweils noch flotteres Liedchen auf der Thriller-Pfeife, wenn sie ihm doch bloß - bitte, bitte - bei seinem Feldzug für die ideologiefreie Umweltpolitik die Stange halten.
Am Ende seines Wälzers, der mehr als 20 Seiten Fußnoten und Literaturangaben umfasst, wird Crichton sehr direkt: "Niemand weiß, inwieweit der derzeitige Erwärmungstrend ein natürliches Phänomen ist." Die Erwärmungsphase, die er immerhin nicht abstreitet, habe "ungefähr gegen 1850 begonnen", nachdem eine "vierhundert Jahre währende Kältephase endete".
Der Schriftsteller beendet sein Credo mit starken Worten: "Alle haben ein Programm. Nur ich nicht." Da erweist sich Crichton zum ersten Mal in seinem Buch als Ironiker. Zu spät. JOACHIM KRONSBEIN
DER SPIEGEL 51/2004
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