Von Höbel, Wolfgang
Wenn im amerikanischen Kino die Götter ihren Einberufungsbefehl schicken, dann sieht das ordentliche, unauffällige, heiter-langweilige Bürgerleben, aus dem die Helden gerissen werden, immer besonders schön aus - und doch ist die Freude über den Aufbruch ins Abenteuer riesengroß.
Vermutlich hat das kaum jemand komischer und grandioser vorgeführt als Clint Eastwood in "Space Cowboys": Jeder einzelne der Astronauten-Opas, die da noch mal unverhofft zum Dienst fürs Vaterland und im Weltall bestellt werden, wird von einer detektivischen Kamera in seinem bittersüßen Rentnerdasein aufgespürt, jeder beim Reparieren des Gartentors, beim Predigen in der Kirche oder bei irgendeinem Hobby ertappt. Und jeder blüht auf durch den Adrenalinschub, den es bedeutet, sich endlich wieder raus in die Gefahr und in einen schwierigen Job stürzen zu dürfen.
"Ocean's Twelve" fängt ganz ähnlich an, doch hier ist es nicht der Präsident, der einen Haufen von Frührentnern zurück zur Arbeit ruft, sondern der Oberschurke Terry Benedict (Andy Garcia). Der besitzt ein Casino in Las Vegas, das einst von dem Gentleman-Ganoven Danny Ocean (George Clooney) und seinen Jungs ausgeraubt wurde, dazu nahm Ocean dem smarten Casinoboss auch noch die Gefährtin (Julia Roberts) ab - und für diese große Abzocknummer will Terry Benedict nun Rache.
Dabei geht er äußerst elegant vor: Jeden einzelnen seiner Gegner sucht der betrogene Gangster persönlich in dessen friedlichem neuen Spießerleben auf; einen der pensionierten Ganoven trifft er bei der Fingernägelmaniküre an, zwei andere an einer Hochzeitstafel unter ausgelassenen jungen Menschen, seine schöne Ex-Geliebte gar als stolze Hausfrau inmitten eines hochglanzpolierten Ostküsten-Landhauses. Benedicts Einsatzbefehl für jeden Einzelnen lautet so: Die Bande habe zwei Wochen Zeit, ihm die einst geraubten 160 Millionen Dollar zuzüglich Zinsen zurückzugeben, andernfalls würden alle mit dem Tod bestraft. Seltsamerweise aber scheinen sich sämtliche Erpressten zu freuen, dass es nun wieder losgeht mit der Gaunerei.
Im Grunde hat es der Hollywood-Produzent Jerry Weintraub fast genauso gemacht wie Terry Benedict: Er hat Julia Roberts, George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon, Andy Garcia, Elliott Gould, Don Cheadle und all die anderen Stars aus dem drei Jahre alten Kinohit "Ocean's Eleven" becirct, bekniet oder vielleicht gleich mit dicken Dollar-Bündeln beworfen - und mit einer Begeisterung, die man dem neuen Film durchaus ansieht, haben sich die Schauspieler wieder mit dem Regisseur Steven Soderbergh zusammengetan.
"Ocean's Twelve" ist also ein großer Spaß: Man sieht, wie Clooney ganz lange ein Pokergesicht probiert, bis mit unglaublicher Verzögerung sein Schelmenlächeln die Leinwand füllt. Man schaut Matt Damon dabei zu, wie er sein Gesicht in tausend Falten zerknautscht, weil er einen ehrgeizigen Trottel darzustellen hat. Und man darf darüber staunen, wie sich die Schauspielerin Julia Roberts, die kürzlich bekanntermaßen Zwillinge zur Welt gebracht hat, ein Kissen unters Kleid schnallt, um richtig schwanger auszusehen ... und um, tja, in ihrer Rolle als Ganovenbraut Tess Ocean ein Double des Hollywood-Stars Julia Roberts zu spielen.
Dieser Einfall gehört dann schon zu den Verrücktheiten eines Drehbuchs, das sich nicht wie bei "Ocean's Eleven" auf das einer Filmvorlage aus dem Jahr 1960 stützt, sondern sehr verzwirbelt von einer großen Rivalität erzählt: Europas bester Gangster, gespielt vom Franzosen Vincent Cassel, tritt in "Ocean's Twelve" gegen Amerikas beste Gangster an, Schauplatz des Spektakels ist meistens Rom, daneben Amsterdam und eine Prachtvilla am Comer See - und damit noch mehr Glanz in die noblen Hütten kommt, tritt als weiblicher Gaststar die wie immer sehr eifrig um verführerische Ausstrahlung bemühte Catherine Zeta-Jones auf: Sie ist Europas beste Polizistin.
Wer wann warum in ein römisches Museum einsteigt, um das wohl wertvollste aller Fabergé-Eier zu klauen, wer wen wie leimt, ertappt, verhaftet, wieder freilässt - das gerät in diesem Film, der sich fortwährend um noch einen aberwitzigeren Dreh bemüht, in absolut schwindelerregender Weise aus dem Blick und dem Interesse des Zuschauers. Dafür sieht man vielen fabelhaften Menschen dabei zu, wie sie sich ganz scheckig und speckig amüsieren vor lauter Vergnügen an sich selbst.
Es ist verboten und miesepetrig, so lautet eine alte Kritikerregel, Fortsetzungsfilme zu geißeln als Verdünnung und Schändung jenes Films, den sie variieren. In diesem Fall muss man sich da stark zusammenreißen - und versuchen, sich zu freuen an der großartigen Musik. Die stammt unter anderem von italienischen Schlagersängern, Beethoven und den Platters. Sie verheißt ein Abenteuer, das nicht nur den bürgerlichen Alltag, sondern auch die Story von "Ocean's Twelve" übertreffen würde: durch Charme, Tempo und, im Zentrum allen Ganoventums, einen Hauch verbrecherischer Leidenschaft. WOLFGANG HÖBEL
DER SPIEGEL 51/2004
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