13.12.2004

MEDIZINPhantom im Po

Ärzte und Patienten führen viele anale Beschwerden irrigerweise auf Hämorrhoiden zurück und behandeln sie falsch - bis es dadurch tatsächlich zu jucken beginnt.
Der Patient lässt die Hosen herunter und klettert auf den Kipptisch. Er kniet sich hin, stützt sich auf die Ellenbogen und streckt den Hintern nach oben. Professor Henning Rohde schiebt die Backen beiseite und hat freie Sicht.
Nun sind die Hämorrhoiden wohl ertappt! - so denken die meisten der Inspizierten. Doch nur selten kann Rohde, 67, die Selbstdiagnose seiner Patienten bestätigen. "Die Hämorrhoiden sind eine weit überschätzte Krankheit", sagt der in Köln praktizierende Professor der Proktologie (von griechisch proktos = After und logos = Lehre). "Hämorrhoiden werden zu häufig vermutet und falsch behandelt, was dann tatsächlich Beschwerden im Popo hervorrufen oder verschlimmern kann."
Seine Behauptung untermauert Rohde mit einer Studie in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift". 344 Menschen wurden mit "unklarer abdomineller und/ oder analer Symptomatik" von anderen Ärzten in seine Praxis überwiesen. Alle Patienten führten ihre Blutungen und Schmerzen, das Jucken und Brennen auf Hämorrhoiden zurück.
Doch in den meisten Fällen waren andere Ursachen am Werk, das ergaben Rohdes Inaugenscheinnahmen: 32 Prozent der Untersuchten hatten Marisken, das sind schlaffe, eigentlich harmlose Hautfalten am After, die allerdings das Reinigen erschweren. Und 87 Prozent litten unter Analekzemen. Diese juckenden und nässenden Stellen hatten sich viele der Patienten vermutlich selbst herangezüchtet - durch Herumdoktern an einem Phantom.
Denn nur in 18 Prozent der Fälle stieß Rohde tatsächlich auf Hämorrhoiden. Den Proktologen Thomas Henne, 48, aus Frankfurt am Main verwundert der Befund nicht. Auch er redet von einem Volksleiden, das sich das Volk selbst einbildet. "Alles, was rund um den Po zwackt, wird unweigerlich mit Hämorrhoiden in Verbindung gebracht."
Die Folge sei eine "Blindmedikation", fürchtet Henne. Einerseits sähen sich viele Ärzte den delikaten Körperteil erst gar nicht an und stellten stattdessen einfach ein Rezept für ein Hämorrhoiden-Mittel aus. Zum anderen traktierten Patienten sich auf eigene Faust mit Salben, Zäpfchen und Feuchttüchern.
Im Zuge der Heilversuche erstatteten allein die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2002 Hämorrhoiden-Mittel in Höhe von 38 Millionen Euro. Und nun deutet sich an: Die meisten dieser Schlachten werden gegen einen Feind geführt, der gar nicht vorhanden ist.
In Wahrheit hat jeder Mensch einen hämorrhoidalen Schwellkörper: Das sogenannte Corpus cavernosum recti ist Teil des Kontinenzorgans: ein ringförmig angeordnetes und stark durchblutetes Gewebe auf dem inneren Schließmuskel (siehe Grafik). Im Unterschied zu den Schwellkörpern in den Genitalien sind jene des Popos dauerhaft erigiert.
Und das ist auch gut so: Denn mit Blut angefüllt, so klärte das "Deutsche Ärzteblatt" bereits vor Jahren auf, "ist der rektale Schwellkörper ein wichtiges Afterabschlusselement". Die hämorrhoidale Erektion wird nur während der Darmentleerung unterbrochen.
Mit zunehmendem Alter, gefördert durch langes Sitzen und harten Stuhlgang, können die segensreichen Gewebekissen allerdings zur Plage werden: Sie vergrößern sich krankhaft und fallen aus ihrer Verankerung. Die bei der Verrichtung auftretenden Scherkräfte können Blutungen hervorrufen und die Läppchen durch den Anus hindurch ins Freie pressen: Hämorrhoiden in Reinkultur.
Die vorgefallenen Gewebebündel haben der griechische Arzt Hippokrates und viele seine Nachfolger mit glühenden Eisen weggebrutzelt. Heutzutage ist rund um die Hämorrhoide eine millionenschwere Industrie entstanden, und munter streiten Ärzte, welche Therapie die richtige sei.
Bei echten wie eingebildeten Hämorrhoiden, berichtet Proktologe Henne, werden "alle Waffen zum Einsatz gebracht, die durch den After applizierbar sind: bipolare Diathermie, Infrarotkoagulation, Laser-Behandlung, Kryotherapie". Am häufigsten geschieht die Verödung mit Chemikalien. Eingespritztes Phenolmandelöl etwa bewirkt eine entzündliche Schwellung, was die Blutzufuhr in die Hämorrhoide drosselt. In der Wirkung ist das zwar umstritten (eine Umstellung der Ernährung wäre oftmals angebrachter), aber für Ärzte gut abrechenbar.
Diese Heilversuche werden ergänzt durch die Unternehmungen all jener, die aus falscher Scham den Weg zum Arzt scheuen. Zu betrauern ist etwa jener Kettenraucher aus Yorkshire, der sein Afterjucken mittels eines ausgedehnten Sitzbades in Spiritus zu lindern gedachte. Andere Gepiesackte rücken sich selbst mit Haifischleberölen, Hefeextrakten und Zinkoxiden zu Leibe. Zäpfchen mit Ingredienzen der Zaubernuss und der Rosskastanie werden in den Anus geschoben: morgens, abends und nach jedem Stuhlgang. Überdies wird die Region tüchtig eingeseift und mit feuchten Lappen angeschmiert.
In vielen Fällen mehren die selbsternannten Analtherapeuten genau jene Beschwerden, die sie bekämpfen wollen. "Ständige Reinigungsmanöver schädigen die Haut zusätzlich", warnte unlängst die medizinische Zeitschrift "MMW". Allergien würden regelrecht herangezüchtet, warnt das Blatt weiter: "Ein kontaktallergisches Ekzem kann durch Hämorrhoidalsalben oder Zäpfchen, Kosmetika wie Intimsprays oder Feuchttücher und Arzneimittel hervorgerufen werden."
Der Kölner Proktologe Rohde empfiehlt seinen Patienten, den Po mit Papier und dann bloß mit etwas Vaseline zu reinigen. "Man muss die Haut so vorsichtig behandeln", sagt er, "wie es eine Frau macht, die sich abschminkt." JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 51/2004
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