13.12.2004

ROULETTESieg über den Zufall

Ein Zockertrio erleichterte das Casino des Londoner Hotels Ritz um 1,3 Millionen Pfund - ganz legal. Tatwerkzeug: ein Handy und ein Kleincomputer.
London hat eine neue Gaunerlegende. Hauptrolle: die "schöne Ungarin", wie sie in den Zeitungen genannt wird. Eines Tages im März betrat diese Dame, 32, begleitet von zwei Serben, das Casino des Hotels Ritz am Piccadilly - eine Stätte, wo unter Kronleuchtern bevorzugt Ölprinzen und Playboys zocken.
Zwei Tage dauerte es, dann war das Rollkommando um 1,3 Millionen Pfund reicher, und die Sicherheitsleute riefen die Polizei.
Die drei hatten heimlich das Roulette-Spiel analysiert: Ein Handy mit Lasergerät maß die Drehung des Kreisels und den Lauf der Kugel. Ein Taschencomputer berechnete dann blitzschnell, auf welcher Zahl diese vermutlich zu liegen kommt. So konnte der Komplize am Spieltisch gerade noch rechtzeitig setzen - nach dem dritten Umlauf der Kugel schließt der Croupier meist das Spiel.
Vergangene Woche, nach neun Monaten, gab Scotland Yard das Ende der Untersuchung bekannt. Ergebnis: gar nichts geschehen. Die Zocker durften ausreisen. Sie hätten, so ein Sprecher, das Spielgeschehen ja nicht beeinflusst. Somit liege keine Gesetzwidrigkeit vor.
Seither rätseln Spielsüchtige und Freizeitdetektive weltweit, was wirklich geschehen ist im Ritz. Kann es sein, dass die drei das schier Unmögliche geschafft haben? Lässt sich das Roulette, Inbild des blinden Zufalls, so einfach besiegen?
"Natürlich ist das möglich", versichert der US-Physiker Doyne Farmer. Und wenn es einer weiß, dann wohl er. "Laser haben wir damals ebenfalls erwogen", sagt Farmer. "Schließlich nahmen wir Stoppuhren. Damit ging es auch."
Gut 20 Jahre ist das jetzt her. Farmer gehörte zu einer Bande von Physikstudenten und Computertüftlern, die sich "The Eudaemonics" nannten. In den frühen Achtzigern zogen sie durch die Casinos von Las Vegas. Kleine Rechner steckten in den ausgehöhlten Kreppsohlen ihrer Schuhe. Und Farmer, der heute am Santa Fe Institute forscht, hatte die nötigen Programme ausgeheckt.
Das computergestützte Abzocken ging so: Ein Beobachter stand am Roulette, in der Sohle den Rechner und eine Stoppuhr mit Zehenschalter. Per Funk gelangten die Ergebnisse der Berechnung an den Mann am Spieltisch. Ein Vibrator im Schuh teilte diesem mit, auf welche Zahlen er setzen sollte.
Das Trio im Londoner Ritz ging offenbar ähnlich vor, nur kam statt der Stoppuhr ein umgebautes Handy mit Laser zum Einsatz (siehe Grafik). "Das Prinzip ist immer das gleiche", sagt Farmer. "Man braucht nur ein mathematisches Modell des Spiels: Masse der Kugel, Neigung der Bahn, Trägheit des Kreisels."
Das wirkliche Roulette ist allerdings ziemlich chaotisch: Die Kugel holpert über die Hindernisse, und oft verspringt sie sich auch noch im Kranz der Zahlenfächer. Die genaue Zahl ist also nicht zu errechnen - jedoch, mit etwas Glück, das ungefähre Zielgebiet. Wer meint, es zu kennen, setzt dann auf mehrere Zahlen nebeneinander.
"Das ist durchaus üblich", sagt Otto Wulferding, Chef der Spielbank Hamburg. Besonders leidensfähige Roulette-Narren, genannt Kesselgucker, versuchen es seit je ohne Maschine: Sie stieren stundenlang auf Kugeln und Rad, um deren Verhalten und Laufzeiten zu ergründen.
Zum Einsatz eines Rechners kam es bereits in den Sechzigern. Damals tüftelte der große US-Mathematiker Claude Shannon an einem Minicomputer, mit dem er Spielbanken auszunehmen gedachte. Erste Versuche brachten bereits schönes Kleingeld ein. Shannons Apparat gab die Ergebnisse seiner Kalkulationen als Pieptöne an einen Ohrhörer aus. Das nötige Kabel, haarfein und hautfarben, klebte der Meister sich auf den Hals; leider brach es oft. Schließlich hatte Shannon das Gebastel satt, und er gab die Sache wieder auf.
Die Schuh-Gang von Las Vegas hatte immerhin schon Funk. Nur die Computer waren noch jämmerlich - Farmer musste die gesamte Software samt Roulette-Formeln in einen winzigen Speicher von 4000 Byte zwängen. "Einige hunderttausend Dollar haben wir immerhin rausgeholt", sagt Farmer, "aber es war eine Unmenge Arbeit. Irgendwann ging uns auf, dass wir auf ehrliche Weise ebenso viel verdient hätten."
Die Dreierbande im Ritz hat nun gezeigt, wie flott heute das Roulette-Knacken mit Kleincomputer und Mobiltelefon von der Hand geht. "Wir müssen uns auf eine neue Bedrohung einstellen", sagt der Hamburger Spielbank-Chef Wulferding.
An sich sind solche Betrüger zwar leicht zu erkennen: Sie setzen sehr spät und fast immer auf ganze Sektoren. Die "schöne Ungarin" hat denn auch, wie Budapester Zeitungen berichten, in den Etablissements ihrer Hauptstadt längst Hausverbot. Generell aber gilt: Ein Casino, das spezielle Spielarten gar zu rigide unterbindet, mindert den Reiz für alle.
Die heikelste Frage werfen die Mobiltelefone auf. Wer sie verbieten wollte, müsste die Gäste am Einlass durchsuchen. So etwas könnte die leichtherzige Stimmung verderben, die doch unabdingbar ist, wo tüchtig Geld verloren werden soll. MANFRED DWORSCHAK
Von Dworschak, Manfred

DER SPIEGEL 51/2004
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