20.12.2004

SPIEGEL-STREITGESPRÄCH„Das Hirn trickst das Ich aus“

Neurobiologe Gerhard Roth und Moraltheologe Eberhard Schockenhoff über neue Zweifel an der Entscheidungsfreiheit des Menschen, umstrittene Erkenntnisse der Hirnforschung und die Folgen für das Strafrecht
SPIEGEL: Herr Roth, verfügen Brautleute über einen freien Willen, wenn sie vor dem Traualtar bekunden: "Ja, ich will"?
Roth: Auch in einem solchen Augenblick ist der Mensch nicht wirklich frei. Womöglich wird er von psychischen Extrembedingungen beherrscht: Er ist wahnsinnig verliebt und handelt praktisch im Affekt. Es kann aber auch sein, dass er sich Fragen gestellt hat: Heirate ich Frau Müller oder doch lieber Frau Meier? Soll ich überhaupt heiraten? Dann kann es schon mal zum langwierigen, quälerischen Hinund-her-Abwägen Hunderter Argumente kommen.
SPIEGEL: Immerhin wäre der Mensch demnach nicht nur seinen Trieben ausgeliefert. Können sich die Brautleute denn mit kühlem Kopf frei füreinander entscheiden?
Roth: Nein, auch das nicht. Die Natur gibt einem nicht die Freiheit mit, sich für Frau Meier und gegen Frau Müller zu entscheiden. Experimente zeigen, dass jeder Entscheidung, und halten wir sie noch so sehr für unseren eigenen Willen, zuvor wichtige Vorentscheidungen vorausgegangen sind - und zwar unbewusst. Wir bekommen davon überhaupt nichts mit. Warum sich Herr Müller für Frau Müller entscheidet, ist für Forscher im Prinzip Schritt für Schritt nachvollziehbar: Da wären zunächst einmal die Gene, die das Temperament eines Menschen weitgehend festlegen; dann prägen frühkindliche Einflüsse spätere Entscheidungsmuster und schließlich die Erfahrungen aller Lebensjahre. In einer Hochzeitszeremonie spiegelt sich kein Wille, der bedingungslos frei wäre.
SPIEGEL: Dann wären Hirnwissenschaftler ja optimale Heiratsvermittler, wenn sie so genau nachweisen können, wer sich aus welchen Gründen für wen entscheidet.
Roth: Nun, dafür ist das Gehirn zu komplex. Ich habe kürzlich erstmals ausrechnen können, wie viele Neuronen im Gehirn tatsächlich arbeiten, und bin auf 14 Milliarden gekommen; diese sind über fast eine Trillion Synapsen miteinander verbunden. Es wäre deshalb völlig vermessen zu behaupten, wir könnten vorhersagen, wie es in einem solchen Netzwerk zu einer Entscheidung wie einer Heirat kommt. Doch im Nachhinein können wir dies mit entsprechendem Aufwand rekonstruieren.
Schockenhoff: Da machen Sie es sich zu einfach! Sie reduzieren einen so komplexen Bewusstwerdungsvorgang wie das Heiratsversprechen
auf einen physikalischen Vorgang, bei denen Nervenzellen elektrische Ladungen abfeuern - und behaupten dann, die Freiheit, dies oder das zu tun, sei eine bloße Illusion. Sie verkennen die Fähigkeit des Menschen, sein Handeln an Gründen zu orientieren und Alternativen abzuwägen. Im Falle der Ehe geht eine lebensgeschichtliche Vorbereitungsphase voraus. Doch Sie sehen den Menschen nur als einen Zufallsgenerator, der verschiedene Bewegungen ausführt.
Roth: Es lässt sich in Experimenten aber immer besser zeigen, in welchem Verhältnis diese physiologischen Prozesse mit bewusstem Erleben zusammenhängen. Dem bewussten Formulieren eines Wunsches, eines Willens, geht immer ein unbewusster Prozess voraus. Im Gehirn lassen sich Erregungszustände nachweisen, die eine Handlung ankündigen - bevor der Mensch sich dessen bewusst ist, dass er überhaupt handeln will. Das sind empirische Befunde, die in Hunderten Laboren bestätigt werden. Daran kommen Sie nicht vorbei.
Schockenhoff: Sie fragen aber nicht nach den Gründen, die den Menschen bewegen. Und da machen Sie einen Kategorienfehler. Erinnern wir uns an ein berühmtes Beispiel aus der Philosophie, von dem Plato berichtet: Sein Lehrer Sokrates sitzt im Gefängnis und hätte die Chance zu fliehen. Dennoch entscheidet er sich dafür, hinter Gittern zu bleiben. Man könnte nach den Ursachen fragen und antworten: Er bleibt, weil sich seine Knochen und Sehnen nicht bewegen. In seinem Gehirn war auch keinerlei Erregungszustand
zu beobachten. So ließe sich sein Handeln als physikalisches Geschehen beschreiben. Ein anderer Ansatz wäre, dass Sokrates sich als Philosoph der Wahrheit verpflichtet fühlt. Er möchte seinem Gewissen folgen und die Gesetze des Staates achten. Das ist eine Antwort, die nach Gründen für sein Handeln fragt.
Roth: Das Sokrates-Beispiel gefällt mir gut. Sie sagen, seine Weigerung zu fliehen, entspringe allein seiner freien Entscheidung. Ich aber sage, er wäre geflohen, wenn er andere Gene gehabt und seine Mutter ihn anders erzogen hätte. Mit den Gründen verhält es sich leider nicht so, wie Plato uns lehren wollte. In entsprechenden Versuchen können wir sehen, dass Bewusstsein und Psyche - also Geist - unter bestimmten physikalischen Bedingungen im Gehirn gebildet werden. Das Gehirn konstruiert, so drücken wir Neurobiologen es aus, Ich-Zustände. Der Mensch empfindet dies in diesem Moment als Bewusstseinszustand.
SPIEGEL: Können Sie das an einem Experiment erklären?
Roth: Denken wir an ein medizinisches Standardverfahren bei Patienten mit einem Hirntumor. Da wird das Gehirn freigelegt, und die Mediziner testen vor der Operation mit Hilfe von Elektroden, welche Funktionen das umliegende Hirngewebe wahrnimmt. Die Neurochirurgen reizen das Gehirn mit kleinsten Stromschlägen. Wenn sie dies in der Sehrinde tun, hat der Patient visuelle Halluzinationen. Bei Stromimpulsen in anderen Regionen hat er plötzlich den Wunsch, nach einem Glas zu greifen. Und hinterher schreibt der Patient diesen unfreiwilligen Handlungen eine Bedeutung zu und unterstellt, mit Absicht gehandelt zu haben. Das tut er zwangsläufig, weil die neuronalen Netze im Gehirn unser gesamtes Denken, Fühlen und Wollen beinhalten.
SPIEGEL: Der Mensch redet sich also im Nachhinein Gründe ein, warum er gerade die Hand bewegt hat?
Roth: In diesem Fall ja. Es hängt allerdings davon ab, wo der Experimentator die Nervenzellen reizt. Er kann den Willen des Patienten in bestimmten Regionen vollständig unterlaufen, und dennoch wird der Mensch angeben, er habe gerade nach dem Glas greifen wollen. Doch es gibt auch Orte im Gehirn, da kann der Patient nicht mehr erklären, warum er etwa den Arm bewegt hat. Wenn der Experimentator hingegen im Rückenmark stimuliert, dann würde der Patient interessanterweise leugnen, den Arm überhaupt angehoben zu haben.
Schockenhoff: Ich bezweifle, dass diese Experimente aussagekräftig sind, weil sie sich nur auf eine einfache Körperbewegung beziehen. Um mich zu überzeugen, müssten Sie mir Experimente bieten, bei denen es auch um moralische Entscheidungen geht, in denen der Mensch abwägen muss, sich gar umentscheiden könnte, nachdem er das Für und Wider bestimmter Argumente bedacht hat. Ihre Experimente suggerieren, alles menschliche Handeln verlaufe allein von neurobiologisch einfachen Zuständen zu komplexen Bewusstseinszuständen, und wir müssten diese Zustände nur genau genug kennen, dann könnten wir sie voraussehen.
Roth: Da widerspreche ich. Denn die unbewussten Vorgänge legen ja nicht bis ins kleinste Detail fest, wie in den bewussten Hirnschichten entschieden wird. Im Gegenteil: Bestimmte Probleme, die unbewusste Hirnregionen nicht sofort lösen können, hebt das Gehirn gewissermaßen vorsätzlich in die Sphäre des Bewusstseins, des Geistes. Schwierige Entscheidungen werden der Großhirnrinde als einem Abwägegremium vorgelegt, einer Art Jury.
SPIEGEL: Sie sagen aber auch, um im Bild zu bleiben, dass es in diesem Debattierclub einen Chef gibt, der auf den Tisch haut und bestimmt, wo es langgeht: das limbische System, das die menschliche Gefühlswelt steuert.
Roth: Richtig. Das limbische System hat bei der Handlungssteuerung das erste und letzte Wort. Zwischendurch kommt der große Auftritt von Verstand und Vernunft. Doch
die sind nur Berater. Ausschlaggebend für Entscheidungen sind die Erfahrungen, die Gefühle, Hoffnungen, Ängste, die einen Menschen im Laufe seines Lebens geprägt haben und sein Verhalten bestimmen.
Schockenhoff: Sehen Sie, bei Ihnen trickst das Gehirn das Ich aus! Sie sehen den Menschen immer nur von ganz unten, vom kleinsten physikalischen Prozess aus. Aber Sie müssen auch von oben beginnen, von seiner Bestimmung und seinem spezifischen Wesen her denken. Es ist die Aufgabe des Menschen, rationale Gründe zu erkennen, abzuwägen und danach sein Handeln auszurichten. Aus religiöser Sicht ist der freie Wille ohnehin Voraussetzung menschlicher Existenz: Gott hat den Menschen nicht als Marionette, sondern als Partner erschaffen. Er will seine freie Gegenliebe, keinen willenlosen Gehorsam. Zu Weihnachten, am Fest der Menschwerdung Gottes, gedenken die Christen der Erlösung aus Unfreiheit und Angst. Die zentralen Glaubensaussagen setzen die menschliche Freiheit also voraus.
Roth: Natürlich kann man das so sehen - doch religiöse Aussagen sind nicht zu beweisen und stehen jenseits der Wissenschaft.
Schockenhoff: Aber wie wollen Sie ohne freien Willen das Phänomen der Liebe erklären? Oder Vergebung? Wenn einer Unrecht, das ihm widerfahren ist, vergibt - wie sollte er das tun, wenn nicht aus freiem Willen? Im Zentrum von Zwischenmenschlichkeit stehen doch nicht irgendwelche limbischen Systeme.
Roth: Sie sind nun einmal die Grundlage unserer Empfindungen. Jeder psychischen Entwicklung des Menschen geht neuronales Geschehen voraus. Das Ich-Bewusstsein, das Wahrnehmen des eigenen Ichs, vollzieht sich beim Kleinkind in dem Maße, in dem sich das Gehirn entwickelt und die vielfältigen Einflüsse seiner Umwelt aufnimmt. Es existiert nicht für sich allein. Und wenn ein Kind Kompetenzen wie Vernunft oder Abwägen nicht lernt, dann mangelt es ihm auch als Erwachsener daran.
Schockenhoff: Sie schauen dem Hirn ja nur von außen bei seiner Aktivität zu und versuchen so, die Entstehung dieser inneren Welt zu beobachten. Das ist ein Widerspruch in sich. Ihre Zunft rast gerade auf einer Einbahnstraße dahin!
Roth: Sie behaupten Dinge, die ich nie gesagt habe. Auch ich erkenne an, dass die psychische Dimension nicht allein von den Neurowissenschaften erklärt werden kann. Aber: Mal angenommen, ich manipulierte an Ihrem Gehirn herum, und Sie würden erleben, dass Sie den Arm heben. Und Sie würden mir gleichzeitig erklären, Sie handelten freiwillig. Dann würden Sie einen Moment von Freiheit erleben - ein unfreiwilliges Gefühl von Freiheit.
Schockenhoff: Der Fehler beginnt doch damit, dass Sie ständig nur vom Gefühl der Freiheit sprechen. Sie müssten einmal fragen, wie die Wirklichkeit der Freiheit entsteht. Nämlich durch Selbsterziehung und die Erziehung von Eltern oder der Schule. Freiheit ist ein sittlicher Auftrag und keine empirische Eigenschaft. Sie steht jenseits naturwissenschaftlicher Methoden.
Roth: Aber woher hat der Mensch diese eigenständige Freiheit? Es ist unbefriedigend, bloß zu behaupten, der Geist agiere außerhalb
der Naturgesetze - zumal sich im Rahmen des Naturgeschehens alle Entscheidungen von Menschen erklären lassen.
Schockenhoff: Ich bleibe dabei, dass es eine Wirklichkeit gibt, die sich mit Ihren Methoden nicht angemessen erfassen lässt. Wenn ich ein Gemälde wissenschaftlich analysiere, die Farbzusammensetzung, seinen Aufbau, dann erklärt mir das noch lange nicht den Genuss, den die Ästhetik des Bildes bereitet.
Roth: Erfahrungen wie Ästhetik, Liebe und Zuneigung haben eben auch ihre Entsprechungen im Gehirn. Das Geistige ist ein natürlicher Zustand unserer Welt - auch wenn es mehr ist als das bloße "materielle" Feuern von Neuronen. Es ist vergleichbar mit dem Licht: Auch Licht ist nicht reduzierbar auf die Gesetze der Festkörperphysik. Und doch gehört es als masseloses Phänomen zur physikalischen Welt.
Schockenhoff: Anders als das Licht handelt der Mensch aber. Sie wollen absichtsvolles Handeln rein physikalisch erklären. Das lässt sich nicht gleichsetzen.
Roth: Auch absichtsvolles Verhalten ist mit den Gesetzen der natürlichen Welt erklärbar. Es gibt Zentren im Gehirn, die aktiv sein müssen, damit man etwas will und sich frei fühlt. Dort laufen Planungs- und Abwägungsprozesse zusammen. Reizt man solche Zentren im Experiment, fühlt sich der Mensch frei. Das Gehirn hat gelernt: Wenn dieses Zentrum aktiv ist, sind dem viele Abwägungsprozesse vorhergegangen.
SPIEGEL: Sie rütteln ganz schön am Kantschen Bild vom aufgeklärten Menschen. Dabei ist die Idee des freien Willens die Grundbedingung für unser Rechtssystem. "Der innere Grund des Schuldvorwurfs", so definiert es der Bundesgerichtshof, "liegt darin, dass der Mensch auf freie, verantwortliche, sittliche Selbstbestimmung angelegt und deshalb befähigt ist, sich für das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden."
Roth: Es ist in der Tat eine der wichtigsten Fragen des Rechts, wann ein Mensch aus freien Stücken handelt und wann nicht. Unsere Rechtsprechung baut auf der Prämisse auf, dass ein Täter unter identischen Bedingungen anders hätte handeln können - wenn er nur gewollt hätte. Wenn aber Zweifel angebracht sind, dass der Mensch in diesem ontologischen Sinn einen freien Willen hat, würde das eigentlich bedeuten: Im Zweifel für den Angeklagten. Also könnte niemand verurteilt werden. So ließe es sich theoretisch betrachten.
Schockenhoff: Wenn ohnehin nur Gene und Lebensumstände über die Taten eines Men-
schen bestimmen, dann ließe sich ja argumentieren, jemand wie Hitler könne nicht zur Verantwortung gezogen werden. Das können Sie nicht im Ernst meinen!
Roth: Hitler hat nach den Maximen seiner kranken Psyche gehandelt. Sie hat ihm sein Tun diktiert. Das ändert natürlich nichts daran, dass Täter verurteilt werden müssen. Es gibt eine Definition von Freiheit, die zum Strafrecht und zu den Gesetzmäßigkeiten der Neurowissenschaften passt: Es ist eine Art praktische Freiheit - und die bleibt unberührt von der Frage, ob der freie Wille eine Illusion ist. Auf dieser Freiheit fußt unser Gesellschaftssystem. Sie erlaubt dem Menschen, im Sinne der Aufklärung vernünftig und verantwortungsvoll zu handeln. Dazu braucht er offenbar die Vorstellung, er habe einen freien Willen. Er muss sich frei fühlen und das Gefühl haben, er verwirkliche sich selbst, könne Vernunft walten lassen und Alternativen und Argumente abwägen. Dazu darf er weder psychisch noch physisch unter Zwang stehen.
Schockenhoff: Das klingt nach einer zynischen Gebrauchsanleitung.
Roth: Keinesfalls. Praktische Freiheit ist gefühlte Freiheit. Sie entwickelt sich über gesellschaftliche Konzepte - und damit über Bildung und Erziehung. Deshalb haben andere Gesellschaften auch ein anderes Verständnis von Freiheit und Recht. Um nicht in Diktatur und Unterdrückung zu enden, muss eine Gesellschaft ihre Kinder im Sinn dieser praktischen Freiheit erziehen. Nur so lernen Menschen, was wir gemeinhin freien Willen nennen: die Fähigkeit, ohne Zwang abzuwägen und zu entscheiden. Wichtig ist aber auch, dass andere ihm das Gefühl von Freiheit vermitteln.
Schockenhoff: Das verstehe ich nicht. Die anderen können mir ja niemals nachweisen, dass ich mich frei fühle. Die erliegen ja selbst nur der Illusion des freien Willens. Dann teilen wir gemeinsam eine große Illusion. Was bringt uns das?
Roth: Die äußere Perspektive der Freiheit ist psychologisch wichtig. Sie unterstellt dem Gegenüber Handlungsalternativen. Der Mensch fühlt sich erst frei, wenn andere ihm die Freiheit zuschreiben.
Schockenhoff: Das ist Wortklauberei. Sie retten den freien Willen nicht, wenn Sie aus ihm nur ein soziales Konstrukt machen.
Roth: Aber er ist ein Konstrukt. Weil es sich im Prinzip lückenlos nachvollziehen lässt, wenn sich ein Mensch von 5000 Möglichkeiten für Alternative 276 entscheidet. Wäre das nicht so, gäbe es so etwas Schnödes wie Marktforschung nicht. Scharen von Psychologen ordnen bestimmte Produkte in bestimmter Weise so an, dass die Leute wie besinnungslos einkaufen. Und dann meint Herr Müller, er habe freiwillig die Schuhe erworben, die in einem bestimmten Regal auf Augenhöhe standen. Dabei brauchte er bloß eine Zahnbürste. Der ganze kapitalistische Markt baut darauf auf, dass der Mensch unbewusst zu bestimmten Handlungen zu verführen ist und sich dabei noch frei fühlt.
Schockenhoff: Und dann kommen Sie, Herr Roth, und erklären dem Herrn Müller, dass Sie seine Unfreiheit durchschaut haben. Aber genau durch diese Erkenntnis helfen Sie ihm, sich von solchen unbewussten Entscheidungen unabhängig zu machen. Der Mensch ist also doch prinzipiell fähig zu einem emanzipierten freien Willen.
Roth: Nein, nein, umgekehrt. Ihr Einwand ist ein wundervoller Beleg für meine These. Wenn ich Herrn Müller erkläre, warum er plötzlich Schuhe gekauft hat, wirke ich ja auf sein Gehirn ein und löse Gedanken aus, die ihn vielleicht tatsächlich immuner machen gegen Kaufrausch. Ich erhöhe damit die Alternativen seines Verhaltens und damit seine praktische Freiheit. Das heißt aber nicht, dass sein Wille per se frei ist. Das nächste Mal wird er wieder in die Falle tappen und sich manipulieren lassen. Und letztlich ist mein Eingreifen ja auch eine Art von Manipulation.
SPIEGEL: Herr Roth, Herr Schockenhoff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Katja Thimm und Gerald Traufetter.
Von Katja Thimm und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 52/2004
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