20.12.2004

MASCHINENSägen ohne Sünde

Weihnachtsbäume können bald waldschonend geerntet werden: Im neuen Jahr kommt die erste Kettensäge mit Ökomotor.
Das Gerät klingt stumpf und brummig, nicht schneidend schrill. Doch zügig raspelt sich die Sägekette durch den Baumstamm.
"Sie arbeiten mit der saubersten Benzinmotorsäge der Welt", doziert Ernst Gorenflo, Chefentwickler der Dolmar GmbH in Hamburg-Wandsbek. Er schuf mit dem jüngsten Modell ein Werkzeug von widersprüchlichen Qualitäten: Vorn ritzt es am Baum - aber hinten schont es den Wald.
Denn als erste Kettensäge mit Viertaktmotor stößt die Dolmar PS-500 V bis zu 80 Prozent weniger Schadstoffe aus als die handelsüblichen Zweitakter - und markiert damit das wohl einschneidendste Ereignis im Industriezweig handgeführter Motorgeräte, seit Aktionskünstler Marko König Anfang Februar bei dem Versuch, motorsägend einen BH zu öffnen, einer Dame von fragwürdiger Provenienz unschöne Verletzungen zufügte.
Die Zähne einer Sägekette sind traditionell dem Kauorgan der Holzkäferlarve "Ergates spiculatus" nachempfunden und werden seit Jahrzehnten als hocheffiziente Schneidewerkzeuge geschätzt. 1927 stellte Dolmar die erste Kettensäge mit Benzinmotor vor. Der zentnerschwere Apparat wurde auf Rädern durchs Gehölz gekarrt. Zu seiner Bedienung waren noch zwei starke Männer nötig.
Erst in den späten vierziger Jahren erschienen die ersten Ein-Mann-Sägen ("EMS"). Sie wogen knapp 20 Kilogramm und bescherten den Waldarbeitern einen sprunghaften Anstieg der Gehälter. Denn bezahlt wurde generell im Gruppenakkord, und die Produktivität erhöhte sich durch den Einsatz der handlicheren Werkzeuge immens.
Seither ist Leichtbau das oberste Entwicklungsziel der Sägenhersteller. Schwere Profigeräte wiegen heute nur noch acht bis zehn Kilogramm. In den Farmer- und Hobbyklassen sind sogar nur fünf Kilogramm und weniger die Regel.
Die Konstrukteure sahen deshalb bislang keine Alternative zu den mechanisch simplen Zweitaktmotoren: Sie sind leichter, drehzahlfreudiger und leistungsstärker als die behäbigen Viertakter. Als prinzipbedingter Nachteil bleibt nur das weitaus giftigere Abgas.
So spricht allein der moralische Anspruch, beim Sägen kein Umweltsünder sein zu wollen, für den Kauf der neuen Viertakt-Ökoversion. "Sie wird ein Liebhaberstück werden", hofft Chefentwickler Gorenflo. Forsttechnikprofessor Jörn Erler indes bezweifelt eine solch emotionale Bindung an das Arbeitsgerät: "Die Motorsäge ist ein so gefährliches Instrument, dass es schwerfällt, sie lieb zu gewinnen."
Kein Wunder also, dass das prosaische Schneidewerkzeug bisher eher als Requisit bizarrer Gewaltästhetik für Aufsehen sorgte. Tobe Hoopers Kinofilm "The Texas Chain Saw Massacre" aus dem Jahr 1974, in dem eine ethisch irritierte Schlachterfamilie ahnungslose Ausflügler mit der Motorsäge entleibt, brachte es immerhin in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York.
Regie-Rabauke Christoph Schlingensief teutonisierte den Stoff 1990 als "Das deutsche Kettensägenmassaker", in dem Ostübersiedler ("Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst") gleichermaßen unerfreuliche Erfahrungen mit einem Westprodukt der Marke Stihl machen.
Die Hersteller können solchem Sägewerk wenig abgewinnen. "Wir befassen uns mit diesen Filmen in dem Sinne, dass sie uns stören", sagt Dolmar-Marketingleiter Jörg Niermann und verweist darauf, dass die Kettensäge in der Kriminalität "eher ungebräuchlich" sei.
In gewaltfreier Mission fährt die Dolmar-Belegschaft stets vor Weihnachten in den Sachsenwald bei Hamburg. Jeder Mitarbeiter darf dort friedlich auf Kosten des Hauses einen Weihnachtsbaum erlegen. Glühwein und Punsch werden gereicht. Wer denkt da an Massaker?
Zur bisher kühnsten Zweitnutzung ihrer Arbeitsgeräte sahen sich die Hamburger Sägenfabrikanten durch den norddeutschen Brachialkomiker Rötger Feldmann inspiriert. Der als "Brösel" firmierende Comiczeichner sieht in der Erschaffung wunderlicher Riesenkrafträder einen zentralen Baustein seines künstlerischen Wirkens. Dolmar-Ingenieur Walter Stindt wohnt in seiner Nachbarschaft.
Nach einem Grillfest entstand die Vision der "Dolmette": eines knapp vier Meter langen, rund 170 PS starken Motorrads, für dessen Vortrieb 24 Kettensägenmotoren sorgen, die aus einer der stärksten Zweitaktsägen-Serie der Dolmar-Palette stammen.
Ein Jahr später war das Gefährt startklar und trat im vergangenen September zur Wettfahrt gegen einen 400 PS starken Renn-Audi an.
Leider funktionierten nur 20 der 24 Motoren. Die Dolmette unterlag knapp. Abgaswerte wurden nicht ermittelt.
CHRISTIAN WÜST
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 52/2004
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