20.12.2004

TRENDSDas Leben erzählen

Immer mehr nichtprominente Zeitgenossen breiten ihre Erinnerungen in Erzählcafés aus, in Auftragsbüchern, -filmen und -CDs.
Alte Zeiten, schöne Geschichten: Großmutter, Lehnstuhl, knisterndes Feuer, alle Verwandten drum herum und dann erzählen, wie es früher war.
Neue Zeiten, keine Geschichten. Der Lehnstuhl leer, die Verwandten stumm oder hoffentlich für lange Zeit verreist. Aus dem Computer im Kinderzimmer dringt das regelmäßige Rattern eines Maschinengewehrs und aus dem Fernseher im Wohnzimmer die sonore Stimme des gerade ermittelnden "Tatort"-Kommissars.
Die Medien, so scheint es, haben nicht nur das Geschichtenerzählen übernommen, sondern auch das Erzählen von Geschichte. Wie es früher einmal war, weiß Guido Knopp vom ZDF. Die Oma weiß es zwar auch, doch die ist im Wellness-Urlaub in der Karibik.
Das triste Bild, Hintergrund auch der jüngsten Pisa-Ergebnisse über sprachmarode Schüler, wurde oft genug beschrieben - und ist schon ein wenig überholt. Denn mitten in der allgemeinen Kommunikationsflaute zeigt sich ein überraschend gegenläufiger Trend. Es gibt ein Comeback
des alltäglichen Erzählenwollens, aus dem vielleicht sogar wieder ein Erzählenkönnen werden wird. In Groß- und Kleinstädten finden sich Gesprächsrunden zusammen, in sogenannten Salons und Erzählcafés. Da wird dann die gemeinsame Geschichte rekonstruiert. Beim Erzählcafé in Frankfurt am Main zum Beispiel - organisiert vom Institut für Stadtgeschichte - wird der Bombenkrieg besprochen, die Zerstörung der Altstadt vor 60 Jahren. Da werden Zeitzeugen und Historiker gebeten, und es geht zu wie bei Maischberger oder Kerner in der ARD oder im ZDF.
Aus dieser Alltagskultur, aber auch zeitgleich zu ihr ist ein anderer Trend entstanden: Immer mehr Leute erzählen ihre Lebensgeschichte professionellen Autoren. Die machen daraus, meist für die Kinder und Verwandten der Erzähler, ein Buch. Auflage: ab zehn Stück aufwärts. Inzwischen gibt es auch autobiografische Hörbücher und Filme. Hier lebt der familiäre Dialog wieder auf - vermittelt durch völlig Fremde.
Vor ein paar Jahren galt diese Art von Geschichtenaufzeichnen noch als abgelegene Marktidee. Kathrin Rohnstock - inzwischen eine der meistbeschäftigten "Autobiografinnen" - wurde Ende der neunziger Jahre, als sie ihre Agentur gründete, noch verspottet. Das lag wohl an der vir-
tuellen Seligkeit der New-Economy-Gesellschaft, die auf Zukunft programmiert war - und das Erzählen lebt nun mal vom Erlebten, also von der Vergangenheit.
Heute aber betreibt Rohnstock, 44, sogar in der Schweiz und in Österreich eigene Autobiografiebüros, und ihre Geschäftsidee wird nachgemacht: In München, in Hamburg, im bayerischen Polling und andernorts gibt es heute Autobiografieagenturen.
Kommunikationsflaute und Geständnislust - wie passt das zusammen? Das Erzählen funktioniert dann sehr wohl, wenn es institutionalisiert wird, in gutorganisierten Gesprächskreisen oder im Dialog gegen Bezahlung. Die Autoren übernehmen die Rolle von Moderatoren. So mögen die Medien der Erzählkultur geschadet haben, doch nun wird sie durch typische Medientechniken neu belebt: private Talkshows im Wohnzimmer oder in Salons.
Meist sind es ehemalige Journalisten oder junge Filmemacher, die in die Wohnungen vorrücken, um dort Geständnisse zu entlocken. Und dann fließen sie auf einmal: die Worte und die Tränen.
Der Lebensbericht als Mini-Therapie - so jedenfalls hat das die Chemnitzerin Vera Georgi empfunden. Für ihren 60. Geburtstag Ende November gab sie einen Film, ein Buch und auch eine CD über ihr Leben in Auftrag und kehrte, um Erinnerungen zu wecken, dafür auch in ihren Heimatort Bad Sulza zurück. Finanzieren konnte sie das alles nur, weil sie kurz zuvor eine Lebensversicherung ausgezahlt bekommen hatte.
Vera Georgi hat sich von Rainer Koch befragen lassen, einem ehemaligen Rundfunkjournalisten, der mit Kollegen in Dresden und Berlin eine Agentur für Lebenshörbücher gegründet hat. Koch, 57, besuchte Vera Georgi auch in ihrem Wohnzimmer in Chemnitz, in dem Blumengebinde daran erinnern, dass die Bewohnerin 40 Jahre lang Blumenhändlerin war, erst in der Genossenschaft, nach der Wende dann in ihrem eigenen Laden.
Dass sie ihren Beruf nicht mehr ausübt, liegt an einem Unfall, den sie beinahe nicht überlebt hätte und auf den sie in ihren Berichten immer wieder zurückkommt: Sie war im Erzgebirge unterwegs gewesen, wollte ein Bergwerk besichtigen und fiel dort in einen 15 Meter tiefen Schacht.
Ins Mikrofon hinein erzählt sie, wie sie auf der Intensivstation lag und wie da die Alpträume, die Gespenster von früher, zurückkehrten. Sie träumte, dass sich eine Frau über sie beugt, jung und hübsch, in einem hellen Sommerkleid. Mit einer sanften Stimme habe die auf sie eingeredet: "Wir bringen Sie um, in vier Wochen haben wir es geschafft." Die Frau in den Träumen sei von der Stasi gewesen, und im richtigen Leben sei ihre Familie von der Stasi tatsächlich gequält worden, so erzählt Vera Georgi weiter und bekommt eine raue Stimme und glühende Wangen:
"Das tut jetzt gut, dass das alles mal rauskommt."
Rainer Koch, der Mann mit dem Mikrofon, sagt dazu nicht viel. Er lässt Vera Georgi die Version, die sie nun mal erzählen will, und fragt nur nach, um den Redefluss voranzutreiben.
Und das scheint das Geheimnis der neuen Mitteilsamkeit zu sein: dass es kaum Debatten gibt, auch wenn Kochs Kunden schon mal von ihrer Nazi-Vergangenheit berichten. "Ich halte mich zurück", so definiert Koch seine Rolle und kommt dann, als er wegfährt von Chemnitz, selbst ins Erzählen: Er wolle nicht richten, wisse selbst, dass man sich täuschen kann. Als er 26 Jahre alt war, sei er in die SED eingetreten und empfinde das heute als Fehler, "aber ändern kann ich es doch nicht".
Koch will kein Journalist mehr sein, er war zu DDR-Zeiten Korrespondent in Indien und später für den MDR in Prag, aber er mag die ewige Distanz nicht mehr, will "reinkriechen in Schicksale" und so viele davon sammeln, wie es nur irgendwie geht.
Gleich Tausende Schicksalserzählungen tragen er und andere für die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und die Adam-Mickiewicz-Universität im polnischen Slubice zusammen. Befragt werden Leute aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet: über Erlebnisse im Krieg oder den 17. Juni 1953 in der DDR und wie sich das alles auf den Alltag ausgewirkt hat. Das Ganze wird auf CD gebrannt und der Forschung zur Verfügung gestellt. "Oral History" - "Mündlich überlieferte Geschichte" ist sogar in der Geschichtswissenschaft ein Trend.
Das eigene Leben einzuordnen in das große Drumherum, darum geht es auch bei einem Gesprächskreis in Dresden, der sich trifft, um über die Wende zu sprechen.
Auch hier ist Schicksalsammler Koch dabei und beobachtet, wie "Wessis" und "Ossis"
lange Diskussionen darüber führen, ob diese Begriffe nicht besser abgeschafft werden sollten. Schon wieder: die Suche nach Gemeinsamkeit. Und bloß kein Streit.
Die unversöhnlichen Debatten von 68 wirken so weit weg wie die Zeiten von Kaminfeuer und Lehnstuhl. Nicht kämpfen, sondern kuscheln, heißt offenbar die Devise. Oder: erklären, nicht kontern.
Das galt auch für das erste "Erzählfest", das im August in der Berliner Plattenbausiedlung Marzahn veranstaltet wurde. Da berichteten Bewohner, wie sie in die Siedlung gekommen waren, die in den siebziger Jahren als "Großbaustelle des Sozialismus" galt, wie die Häuser hier schneller wuchsen als die Straßen, wie man dann als Neu-Marzahner durch den Schlamm waten musste und trotzdem glücklich war, hier gelandet zu sein, weil die Altbauten in Berlin-Mitte verfielen.
Organisatorin des Erzählfestes war Kathrin Rohnstock, jene selbsternannte "Autobiografin", die als eine der Ersten in Deutschland eine Agentur für Lebensberichte gegründet hatte. Sie sagt, dass die Geschichten vor allem "Verbindung und Verständigung" schaffen sollen. Eine Suche nach dem Guten, nicht unbedingt Wahren, aber irgendwie Schönen.
Dass es Zusammenhänge gibt zwischen der wirtschaftlichen Krise und dem kommunikativen Kuschelkurs, dafür sind die jungen Filmemacher Joachim Mühleisen und Sascha Quednau die besten Beispiele. Sie sind Anfang dreißig und haben am Prenzlauer Berg in Berlin, unterstützt mit öffentlichen Geldern, eine Agentur gegründet: Vitascope, Lebensbeichten, diesmal auf Film.
Die Idee kam ihnen in der Not. Sie hatten Filmwissenschaft studiert und fanden - mitten in der Medienkrise - keinen Job. Sie fingen an, Filme zu drehen: der eine über seine sterbende Großmutter, der andere über seinen Großvater, der dann auch bald starb. Bei den Trauerfeiern wurden die Filme gezeigt, und die Rührung war groß über die Begegnungen zwischen Enkeln und Großeltern und darüber, dass Unwiederbringliches festgehalten worden war. Der Job war gefunden oder vielmehr: erfunden.
Filmemacher Joachim Mühleisen, der sich "Jo" nennt und altersgemäß in Jeans und Kapuzensweater steckt, ist selbst überrascht, mit welcher Vorsicht er die älteren Leute, die er nun porträtiert, behandelt. Mit Anfang zwanzig, als er Zivildienstleistender war, hätten ihn gerade die Kriegsgeschichten aufgebracht - "heute bin ich pragmatischer". Und: "Ausflippen bringt nichts, da machen die Leute zu."
Was die Alten für Krisen gemeistert haben, das imponiert ihm. Und manchmal fühlt er sich ihnen näher als der mittleren, der Elterngeneration. "Bei denen lief alles glatt", für die sei Arbeitslosigkeit ja ein Fremdwort gewesen.
Der Filmemacher wundert sich über knarzige Dialekte und merkt dann, wie schwach sein eigenes Schwäbisch geworden ist. Er staunt über selbstverständliche Religiosität und darüber, wie die Männer, die sich eigentlich schwer tun mit dem Weinen, wenn es einmal losgeht, gar nicht mehr aufhören können damit. SUSANNE BEYER
* Dom-Umgebung in Frankfurt am Main 1945. * Kundgebung in Dresden am 19. Dezember 1989 mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 52/2004
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