20.12.2004

AUTORENDie unerträgliche Welt

Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner lässt in seinem neuen Roman „Am Hang“ zwei Herren über ihre Erfahrung mit der Liebe reden - und erweist sich als ein glänzender, unterhaltsamer und lebenskluger Erzähler. Von Marcel Reich-Ranicki
Reich-Ranicki, 84, lebt als Kritiker und Buchautor in Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen von ihm als dritter Teil des "Kanons der deutschen Literatur" seine Dramenauswahl (Insel-Verlag) und die Sammlung eigener Kritiken zur US-Literatur: "Über Amerikaner" (DVA). -------------------------------------------------------------------
Auf dem Umschlag heißt es, wie üblich in Mitteleuropa, "Roman"*. Aber, unter Brüdern: Was ist das, ein Roman? Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht mehr. Der englische Schriftsteller E. M. Forster verkündete, kess und resigniert, der Roman sei ein erzählendes Werk im Umfang von mindestens 200 Seiten. Basta. Der schon beinahe vergessene österreichische Autor Hermann Broch erklärte: Was ein Roman ist, bestimmt der, der ihn schreibt. Abermals basta. Beide Äußerungen gefallen mir, denn sie bestätigen, dass es nach Joyce, Virginia Woolf und Faulkner, nach Döblin und Musil eine zuverlässige Definition des Romans nicht gibt - womit der anhaltende Welterfolg dieser Gattung zusammenhängt.
Den Schweizer Markus Werner, Jahrgang 1944, braucht man dar-
über nicht zu belehren. Er ist ein Schriftsteller von umfassender Bildung (übrigens: ein promovierter Germanist mit Dissertation über Max Frisch). Er vermag exakt zu denken und glänzend zu formulieren. Seine Intelligenz kann sich sehen lassen, was man unseren Romanciers nur selten nachrühmen darf, und er hat viel zu sagen. Mein Liebchen, was willst du mehr? Aber hat er somit schon das Rennen gewonnen?
Werners Romane erzählen von Menschen in der Krise, von nachdenklichen Aussteigern und stillen Rebellen, deren Flucht aus der Welt selbstverständlich als Versuch einer Auflehnung gegen das Unbegreifliche zu verstehen ist. Hier, in dem kleinen Roman "Am Hang", sind es zwei kultivierte und scharfsinnige Herren, beide redegewandt und bisweilen redselig, was freilich auch mit ihren Berufen zu tun hat: Der Jüngere ist ein erfolgreicher Scheidungsanwalt, ein überzeugter und lebenslustiger Junggeselle, ein Frauenverführer und ein Genießer in jeder Hinsicht. Er ist der Ich-Erzähler des Buches. Doch auf ihn kommt es letztlich nicht an, denn er wird vor allem als Stichwortgeber und Berichterstatter benötigt.
Er hat den anderen, den Älteren, immer wieder auszufragen und zum Weiterreden zu ermuntern. Bei diesem handelt es sich um einen Gymnasiallehrer (wie Markus Werner selbst), verschroben und skurril, enttäuscht und verbittert, einen "etwas verdrehten Menschen", einen "schwadronierenden Halbgreis", allerdings erst Anfang oder Mitte fünfzig.
Dem etwas altmodischen Gymnasiallehrer, der, wie er betont, nur tote Sprachen unterrichtet, ist daran gelegen nachzuweisen, "wie schrecklich die Gegenwart sei, wie unerträglich die Welt". Auf die (natürlich linken) Hoffnungen seiner frühen Jahre verweist die Bemerkung, er habe es erleben müssen, wie seine Weggefährten zu "Schmieröllieferanten jenes Rades wurden, dem sie einst in die Speichen greifen wollten".
Der Roman besteht weitgehend aus Gesprächen zwischen diesen beiden Herren, die sich in einem Tessiner Hotel kennen gelernt haben und zwei Tage miteinander verbringen. Sie plaudern und diskutieren über die unterschiedlichsten Themen. Man könne Hermann Hesses Bücher aufschlagen, wo man wolle, "man stoße stets auf
eine Lebensweisheit oder Lebensregel". Der das in Werners "Am Hang" sagt, findet es "zum Verzweifeln". Gleichwohl gilt es auch für dieses Buch - doch ohne dass wir je verzweifelten.
Geredet wird über die Liebe und die Frauen, die Treue und den Verrat, über erotische Kultur und sexuelle Barbarei, über das Naturbedürfnis und die Perversion, über die Schule und das Fernsehen, über die Werbung und die Pornofilme. Werner verteilt seine Gedanken und Einfälle, seine Argumente und sogar Bonmots sehr gerecht auf beide Romanhelden, und er verhindert es, dass der eine oder der andere mit seinen Äußerungen den Gesprächspartner an die Wand drängt. Wer Pointen liebt, der kommt immer wieder auf seine Rechnung, was man nicht unterschätzen sollte.
Das alles liest sich sehr gut, zumal das Temperament des Erzählers Markus Werner von seiner Schwäche für das Diskursive keineswegs beeinträchtigt wird. Er räsoniert und debattiert, was das Zeug hält, und bleibt doch ein stiller Poet, ein wenig provinziell - was nicht schadet, weil es seinen diskreten Reiz hat. Ich habe mich, diese Dialoge lesend, überhaupt nicht gelangweilt. Leise will ich hinzufügen: Ich habe auch kaum Lust gehabt, irgendwann energisch zu widersprechen.
Und eine Handlung müssen wir in diesem Roman ganz vermissen? Nicht unbedingt. Sie ergibt sich aus den Frauengeschichten, die sich die beiden Herren gegenseitig erzählen, stets ihre Worte (oder die des Partners) reichlich kommentierend. Das klingt etwa so: "Wenn Sie neun prächtige Rosen bekommen, dann sehen Sie nur
die eine, die etwas lädiert ist ... Wer so wahrnimmt wie Sie, muss zwingend zu einem verheerenden Weltbefund kommen."
Der Philologe nimmt das nicht hin, von den neun Rosen seien, sagt er, in Wirklichkeit acht beschädigt, und höchstens eine sei heil. Worauf ihn der Anwalt belehrt: Am angemessensten nehme jener die Welt wahr, der beides sieht - "am Verfehlten schärft sich der Blick für das Gelungene und am Gelungenen für das Verfehlte". Da denken sich der Philologe (und wir Leser): "nicht schlecht, nicht schlecht, nur etwas zu einfach vielleicht".
Der novellistische Handlungsbogen ist großzügig entworfen und reicht von der ersten bis zu der letzten Seite des Romans, das Gerüst ist sorgfältig, vielleicht allzu sorgfältig konstruiert. Also möglicherweise überkonstruiert. Gehört zu Werners Werkzeug auch ein Reißbrett? Jedenfalls zeigt es sich immer wieder, dass, ob es um konkrete Details geht oder um die Aperçus, Werner ein geistreicher Bastler und ein fleißiger Tüftler ist, ein solider Virtuose. Mit großer Konsequenz strebt er von Anfang an die effektvolle Schlusspointe des Romans an, was freilich seine Bewegungsfreiheit etwas einengt. Manches kann man erst verstehen, wenn man den sanften und dramatischen Epilog kennt. Denn Werner liebt die Geheimniskrämerei. Leider.
Beleidige ich ihn, wenn ich bescheiden frage, ob er seinem beachtlichen Talent Gewalt antäte, wenn er, auf etwas Geheimniskrämerei verzichtend, uns die Lektüre seiner Prosa ein bisschen erleichterte? Den Hokuspokus dieses Erzählers beobachtend, möchte man ihm gelegentlich zurufen: "Jetzt reicht es." Aber dann kommen wunderbare, geradezu entwaffnende Passagen; und statt zu bremsen, denkt man bei sich: "Danke."
Und die beiden unentwegt redenden Herren im Mittelpunkt? Hier der smarte und selbstsichere Rechtsanwalt, der ein zeitgemäßer Zyniker ist, dort der schwerfällige Lehrer toter Sprachen, der sich rasch als ein ziemlich anachronistischer Moralist entpuppt. Beide können uns nicht ganz überzeugen, da allzu deutlich Werners Bemühung erkennbar wird, sie auf Biegen und Brechen als Typen und Gegenfiguren zu stilisieren.
Aber es sind eben nicht seine Personen, die mich veranlassen, dem Autor Werner herzlichen Beifall zu spenden. Es ist das Besondere seines Talents. Es bewährt sich am häufigsten und am stärksten in kleinen und kleinsten Einheiten: in der Etüde, in der Miniatur, in der Impression, in scheinbar nebensächlichen oder gar belanglosen Bemerkungen.
Was hier fortwährend und unaufdringlich zum Vorschein kommt, macht dieses Buch so lesenswert: Es ist, im weitesten Sinne des Wortes, der Geist unserer Zeit, den der Schweizer aufdeckt. Er tut es, ohne sein Publikum aus der Fassung zu bringen oder gar zu kränken - was man nicht als Vorwurf missverstehen sollte. Werner ist ein schonungsvoller Erzähler. Er hat ungleich mehr Humor als Witz, nicht Spott und Hohn liebt er, sondern die Ironie und die Selbstironie. So lacht man hier selten - und lächelt unaufhörlich.
An die knappe Geschichte, unter welchen Umständen der Altphilologe seine künftige Frau zum ersten Mal zu sehen bekam (als sich seine Dackelhündin auf einem Feldweg plötzlich mit ihrem Labrador paarte und die beiden Tierliebhaber beschämt und ratlos zuschauen mussten), werde ich mich wohl dann noch erinnern, wenn die Haupthandlung des Romans längst in Vergessenheit geraten ist.
Und schließlich eine schüchterne und vielleicht überraschende Bemerkung: Werner ist ein Autor mit Takt und Geschmack und guten Manieren. Halt! Was sind denn das wieder für Kategorien? Mit solchen Kategorien kann man weder Dostojewski noch Kafka, weder Faulkner noch Grass beikommen. Und der Satz von Somerset Maugham (in seinem "Rückblick auf mein Leben") "Gute Prosa ist eine Angelegenheit guter Manieren" scheint mir, mit Verlaub, großer Blödsinn. Dennoch bin ich nicht ganz sicher, ob, sagen wir, Flaubert oder Proust, Fontane oder Thomas Mann Takt und Geschmack für so unbrauchbare und absolut verwerfliche Kategorien (neben vielen anderen, versteht sich) halten würden. Dass sie sich aber kaum oder gar nicht definieren lassen, ist auch wahr.
Was ein Roman ist, bestimmt der, der ihn schreibt - zitierten wir eingangs. Markus Werner hat mit seinem Buch "Am Hang" diese These abermals bestätigt und gehört spätestens jetzt zu den besten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Generation.
* Markus Werner: "Am Hang". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 192 Seiten; 17,90 Euro. * Ewan McGregor, Emily Mortimer in dem Spielfilm "Young Adam" (2003).
Von Marcel Reich-Ranicki

DER SPIEGEL 52/2004
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