27.12.2004

RECHTSEXTREMISTENDeckname Fraga

Hinter der tschechischen Grenze spielten deutsche Neonazis in SS-Uniformen den Zweiten Weltkrieg nach. Ihr Anführer diente früher dem Verfassungsschutz.
Die Gäste aus Deutschland präsentierten sich stets in ihrer historisch prägnantesten Erscheinungsform: Sie trugen Stahlhelm und hatten eine Vorliebe für Erschießungen. So wie vor den Toren der tschechischen Stadt Hrádek an der Neiße an einem Novembertag des Jahres 2002. Auf einem zur Freilichtbühne umfunktionierten Fabrikgelände, vor gut 200 tschechischen Zuschauern, überprüfte Peter Schulz, 31, zunächst den korrekten Sitz seiner SS-Uniform, bevor er - als deutscher "Hauptsturmführer" - ein Exekutionskommando antreten ließ.
"Dieser Mann", brüllte Schulz ins Publikum und zeigte auf einen gefesselten jungen Soldaten, "hat feige seine Kameraden im Stich gelassen." Der vermeintliche Verräter wurde an die Wand gestellt. "Oberscharführer", schnarrte Schulz triumphierend, "erschießen Sie das Schwein."
Die fingierte Hinrichtung von Hrádek, dokumentiert auf einem 27-minütigem Video, war der makabre Höhepunkt des Auftritts einer deutschen Schauspieltruppe, die seit knapp vier Jahren durch Tschechien und die Slowakei tingelt. Der "Europäische Darstellungsverein für lebendige Geschichte", so der unverfängliche Name des obskuren Ensembles, imitiert vorzugsweise die 3. Kompanie der berüchtigten "Leibstandarte-SS Adolf Hitler" und versteht sich als Teil der sogenannten Reenactment-Bewegung - eines Zusammenschlusses internationaler Militär-Freaks, die Kriegsschlachten nachstellen, als ginge es um Karl-May-Festspiele.
Der deutsche Freizeitsturmtrupp, so Vereinschef Schulz, sei "nur an der geschichtlichen Darstellung interessiert". Mit Politik habe er nicht das Geringste im Sinn. Seinem Anwalt gegenüber beteuerte er, kein Rechtsradikaler zu sein.
Eine ungewöhnliche Aussage angesichts seiner Vergangenheit und schwerer Vorwürfe, die deutsche Ermittler gegen ihn erheben. Denn Schulz sitzt seit wenigen Wochen in Untersuchungshaft, wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Seinem Verein sind die Verfassungsschützer auf der Spur. Hinter der historischen Fassade verbirgt sich nach ihren Erkenntnissen ein braunes Syndikat: Die rund hundert Vereinsmitglieder würden von einem "harten Kern" aus "18 bis 20" Rechtsextremisten dominiert, die unter Anleitung von Schulz "höchst konspirativ" agierten, "hierarchisch strukturiert" seien und sich bemühten, "das deutsche Strafrecht zu umgehen, indem sie ihre Aktivitäten gezielt ins Ausland" verlagerten.
Lange Zeit ist diese Strategie offenbar aufgegangen: Mindestens sechsmal, berichten Eingeweihte, hätten die deutschen Feierabendkrieger die Grenze nach Tschechien und in die Slowakei passieren dürfen, mitsamt Uniformen, Fahnen und Schießgerät. In den Ortschaften Svojanov, Vranov, Slatinka, Pardubice oder Dukla sei es dann zu den drastischen Aufführungen gekommen: Mal mimten die deutschen SS-Krieger die "Hölle von Stalingrad", mal schlugen sie coram publico den "kommunistischen Aufstand in der Mittelslowakei" nieder - immer mit Genehmigung der örtlichen Behörden.
Doch die öffentlichen Gemetzel, so der Verdacht von Verfassungsschützern, dienten manchen wohl nicht nur zur Befriedigung ihres historischen Darstellungsdrangs.
Dass aus dem Kriegsspiel problemlos tödlicher Ernst hätte werden können, zeigte sich in der letzten Novemberwoche: Bei Durchsuchungen stießen Staatsschützer in den Wohnungen von fünf Vereinsmitgliedern auf ein Arsenal teils schussbereiter Waffen; darunter Maschinengewehre des Typs MG-42, MPs, ein Revolver sowie 2,5 Kilogramm Schwarzpulver und reichlich Munition.
Das Know-how soll vor allem Vereinschef Schulz aus Bad Oeynhausen beigesteuert haben. Während auch seine Ehefrau erklärt, der Mummenschanz habe nichts mit Politik zu tun, ist ihr Gatte für die Ermittler gleich im doppelten Sinne ein alter Bekannter. Anfang der neunziger Jahre wurde der Uniformfetischist als Mitglied der NPD aktenkundig, 1992 fungierte er als stellvertretender Kreisvorsitzender der Republikaner. Zusätzlich gehörte Schulz der verbotenen NSDAP/AO des amerikanischen Neonazis Gary Lauck an, in dessen Auftrag er eine bewaffnete "Werwolfzelle" aufbauen sollte.
Doch Schulz betätigte sich nicht nur als Staatsfeind, sondern auch als dessen Helfer. Während Kameraden Angriffe übten, ließ er sich zeitweise vom Steuerzahler aushalten. Für 500 Mark Agentenlohn plus Spesen war er von Juli 1993 an unter dem Decknamen "Fraga" dem Verfassungsschutz zu Diensten und lieferte Material gegen Lauck, bevor ihn das Amt im Mai 1995 abschaltete. Er sei für die "Tätigkeit als V-Mann charakterlich nicht geeignet".
Das hat er unter Beweis gestellt: 1998 orteten ihn die Geheimen im Umfeld der rechtsextremen DVU und verfolgten seine Spur weiter bis nach Tschechien.
Seine Rolle als SS-Führer hat Schulz offenbar sehr ernst genommen. In einem "Befehl No. 54", der Anfang des Jahres an die Spielkameraden herausging, forderte er "Vertrauen in den Führer"; "Agenten des jüdischen Bolschewismus" sollten sofort hingerichtet werden.
Die Ausführung der Order, bei einer Fortsetzung der braunen Seifenoper, muss wohl warten. Schulz wurde am 25. November festgenommen. Seinen Verein zu verbieten fällt den deutschen Behörden allerdings schwer: Bisher trieb er sein Unwesen nur im Ausland. SVEN RÖBEL
Von Sven Röbel

DER SPIEGEL 53/2004
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