27.12.2004

Wissenschaft + TechnikMusiksaugen im Supermercado

Weblisten.com ist ein umstrittener Musikladen im Netz. Warum gelingt es der Plattenindustrie nicht, das beliebte Angebot zu verbieten?
Wer Lieder, Filme oder Programme aus dem Internet herunterlädt, ohne zu zahlen, steht schon fast mit einem Bein im Gefängnis. Tausende Nutzer wurden bereits angeklagt, einige auch schon verurteilt.
Kleine Fische nutzen Tauschbörsen und werden kriminalisiert; große Fische dagegen gründen ein Musikkaufhaus im Internet und gehen straffrei aus - vorausgesetzt, sie haben gute Anwälte und leben im richtigen Land. Diesen Schluss legt die Geschichte von Weblisten.com nahe: Seit sieben Jahren vertreibt die Firma zu Schleuderpreisen Musik übers Internet - ohne Verträge mit der Musikindustrie abgeschlossen zu haben.
Die Firma Weblisten S. A. operiert nicht etwa von irgendeinem Eiland im Pazifik aus, sondern hat Geschäftsräume mitten in Madrid, nur ein paar Minuten vom Justizpalast entfernt. Von hier aus versorgt der digitale Supermercado mit seinen zehn Mitarbeitern Musikfreunde aus aller Welt mit fast allem, was die Charts zu bieten haben: rund eine drittel Million Songs.
Stolz präsentiert das Kleinunternehmen das Geschäftsergebnis: einen Jahresumsatz von rund einer halben Million Euro - fast jeder dritte zahlende Kunde kommt aus Deutschland. Speziell für sie bieten die Spanier sogar eine deutschsprachige Begrüßungsseite, mit Bands wie Rosenstolz, Rammstein oder Silbermond.
Die Nutzer können zwischen unterschiedlichen Preismodellen wählen: von zwei Songs für 1,50 Euro bis hin zum Monatsabo für 39 Euro, welches Musiksaugen nach Herzenslust erlaubt, völlig ohne Kopierschutz. Bei unstrittig legalen Angeboten wie iTunes würden für diesen Preis gerade mal vier Alben über den virtuellen Ladentisch gehen.
Die Plattenfirmen, deren Musik von Weblisten verkauft wird, sehen dem Treiben hilflos zu. "Es ist einfach unglaublich, dass so etwas innerhalb der EU möglich ist", klagt Ekkehard Kuhn, Justitiar beim Lobbyverein Ifpi.
Mehrfach wurde der Netzplattenladen bereits zu Unterlassung und Schadensersatz verurteilt; zudem müsse er eine Art Pranger-Hinweis ins Netz stellen, der besagt, dass man sich des unlauteren Wettbewerbs schuldig gemacht habe. Doch immer wieder ging der Netzladen in Berufung, ein endgültiges Urteil steht noch aus. Sein Argument: Er zahle ganz korrekt für die Nutzungsrechte - allerdings nicht bei den Plattenfirmen selbst, sondern bei Rechteverwertungsgesellschaften, vergleichbar der deutschen Gema. Doch die, so die Kläger, seien gar nicht für den Verkauf von Musik zuständig, sondern eigentlich für Aufführungsrechte etwa in Radiosendungen oder Kneipen.
Weblisten war ein echter Pionier, als die Firma 1997 ihr Portal eröffnete. Damals war ungeklärt, ob Musiksaugen nicht tatsächlich wie Radiohören zu behandeln sei. "Zu einer Sammelklage konnten sich die Plattenfirmen nicht durchringen, weil sie dabei ihren Konkurrenten Einblick in Firmengeheimnisse erlauben müssten", sagt Beatriz Sánchez-Eguíbar, Justitiarin der spanischen Rechtevertretungslobby Afyve.
Bislang reichten die Plattenlabels jeweils einzeln Zivilklage ein - ein langwieriger Prozess, der bisweilen in läppischem Schadensersatz von wenigen hundert Euro resultierte.
Nun verfolgt die Afyve eine neue Strategie: Ein Strafprozess soll Weblisten das Handwerk legen. Das kann dauern. Bis dahin können Internet-Nutzer weiter im spanischen Supermercado einkaufen. HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 53/2004
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