27.12.2004

FILMDer Busen des Bösen

Aus einem Krimi von Ruth Rendell hat der Regisseur Claude Chabrol sein jüngstes Schauerstück gemacht: „Die Brautjungfer“ erzählt von Sex, Mord und Hörigkeit.
Die erfreulichen Äußerlichkeiten des Lebens zeigt dieser Film mit Begeisterung fürs Heimelige: einen rot blitzenden Sportwagen vor einem nächtlich erleuchteten Haus zum Beispiel; ein italienisches Restaurant, in dem das Essen bestens, die Kellner unglaublich nett und die Gäste außerordentlich sympathisch zu sein scheinen; und den nackten, gebräunten Leib der rätselhaften Senta, die sich vor Philippe, dem jungen Helden, sehr unvermittelt entkleidet und ihm an die Wäsche geht.
Er nehme sich vor, dem Zuschauer zunächst zu zeigen, was der sich wünsche, und ihm dann immer neue Fallen zu stellen, hat Claude Chabrol sein Prinzip der Publikumsverstörung vor langer Zeit einmal erklärt. Und so sind auch in "Die Brautjungfer", dem jüngsten Werk des 74-jährigen und bewundernswert umtriebigen französischen Kinoregisseurs, die schönen Oberflächen nur Tarnung für eine im Innersten grässlich verrottete Welt.
Aber der Reihe nach: Philippe (Benoit Magimel) ist Mitte zwanzig und sieht auf eine sehr französische, kurzbeinige Art gut aus. Er verkauft in seinem Job bei einer Installationsfirma ohne große Mühe hässliche Badezimmer an ältere Damen und lebt noch bei Mama (Aurore Clément), weil die von ihrem Gatten verlassen wurde und sowohl männlichen Beistand als auch Philippes Geld braucht.
Die hübschere der beiden Schwestern des Helden ist dabei, einen Langweiler zu heiraten; die pummelige kleine Schwester schlägt sich gern die Nächte um die Ohren; er selbst hat sich gerade von seiner Freundin getrennt: Der Regisseur Chabrol lässt sich viel Zeit dabei, die durchschnittlich unglückliche und zugleich durchschnittlich glückliche Kleinbürgerwelt dieser Rumpffamilie zu schildern, bis Philippe bei der Hochzeit seiner Schwester auf ein Mädchen namens Senta trifft: Die Brautjungfer, die dem Film den Namen gibt, ist eine entfernte, offenbar spleenige Cousine des Bräutigams - angeblich legt sie sich jedes halbe Jahr einen neuen Vornamen zu.
Das Mädchen wird von Laura Smet gespielt, der Tochter von Nathalie Baye und Johnny Hallyday. Chabrol sorgt dafür, dass sie ziemlich unscheinbar auftritt, vom Zauber einer fatalen Attraktion kann keine Rede sein: Senta wirkt unelegant und pampig, als sie Philippes Angebot ablehnt, sie durch den Regen von der Hochzeitsfeier nach Hause zu fahren. Wenig später klingelt sie abgehetzt und pitschnass an seiner Tür: Sie ist den ganzen Weg gelaufen.
Der Augenblick der Verzauberung kommt, als das Mädchen sich im Badezimmer abgetrocknet und umgezogen hat und Philippe im Bademantel seiner Mutter gegenübertritt: Die Panik in Philippes Gesicht ist überdeutlich. Gleich darauf ist Senta nackt, was ihn auch nicht gerade beruhigt. "Das Auge des Bösen" heißt ein früher Chabrol-Film. Dieser hier könnte auch "Der Busen des Bösen" heißen.
Denn Senta zieht Philippe auf eine merkwürdig hexenhafte Art in ihren Bann: Sie zerrt ihn ins Bett, wann immer es geht. Sie redet davon, dass die beiden füreinander bestimmt seien. Sie lockt ihn in ihr Kellerreich unter einem Geisterhaus, das angeblich ihr gehört und die meiste Zeit leersteht. Manchmal tanzt aber auch Sentas Stiefmutter im ersten Stock Tango mit einem feurigen Gefährten.
Es ist ein echtes Schauerstück, das auf einem Roman von Ruth Rendell basiert. Chabrol hat es von Großbritannien nach Frankreich verlegt: Das Mädchen Senta verlangt von ihrem sexuell hörigen Liebhaber bald bizarre Beweise seiner Leidenschaft - und der weiß nicht, ob er das mörderische Gerede seiner Freundin ernst nehmen soll oder nicht.
Der Regisseur Chabrol ist nicht gerade für Subtilität berüchtigt. Diesmal trägt er besonders dick auf: Alles in Philippes Familie dreht sich ums Geld, seine kleine Schwester zockt ihn ebenso ab wie die Mama. Philippe selbst ist nicht nur mit den Zeichen ödipaler Zuneigung zu Muttern geschlagen, sondern teilt sein Nachtlager gelegentlich auch mit dem Kopf einer steinernen Fruchtbarkeitsgöttin. Und dass Sentas Name auf Wagners "Fliegenden Holländer" anspielt, sprechen die Figuren sogar aus.
In Wagners Oper heißt der Schlüsselsatz der schönen Senta, die sich hingibt fürs Seelenheil eines ruhelosen, bleichen Seefahrerzombies: "Ich sei's, die dich durch ihre Treu' erlöse." Der Brautjungfer bei Rendell und Chabrol schwebt keine Erlösung durch Selbstopferung vor: Sie will den Bund mit Philippe durch Blut besiegeln und trachtet für dieses Weiheritual ausgerechnet einem treulosen Ex-Lover von Philippes Mutter nach dem Leben.
Die Besessenheit des Mädchens aber, die diesen Film zu einer packenden Horrorerzählung machen könnte, interessiert Chabrol keinen Moment. Mit kaltem, höhnischem Blick konzentriert er sich ganz auf den braven Philippe - und sieht seinem Helden dabei zu, wie dessen so hübsch eingerichtete Welt alle Heimeligkeit verliert.
Das macht den Film mehr und mehr zu einem Beweisführungstheater, dessen Moral sich am Ende gegen den Regisseur selbst richtet: "Die Brautjungfer" belegt, dass sich Chabrol, ohne es recht zu bemerken, in seinem kalten Hohn sehr heimelig eingerichtet hat. WOLFGANG HÖBEL
Von Höbel, Wolfgang

DER SPIEGEL 53/2004
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